miniatur|Gedenkstein für die sechs Opfer des Kornsandverbrechens
Als Kornsandverbrechen wird die Ermordung von fünf politisch missliebigen männlichen Zivilisten und einer als vermeintliche Jüdin verfolgten Frau aus Nierstein und Oppenheim am 21. März 1945 während des Zweiten Weltkriegs durch Wehrmachts- und NSDAP-Personal auf dem Kornsand bezeichnet, der auf der Nierstein und Oppenheim gegenüberliegenden rechten Rheinseite liegt. Die Tat ereignete sich nach dem fluchtartigen Rückzug deutscher Truppen mit der Rheinfähre auf den Kornsand von dem nur kurzzeitig eingerichteten und gehaltenen linksrheinischen Brückenkopf Oppenheim auf die andere Rheinseite vor den von Westen anrückenden Amerikanern. Die amerikanischen Panzer waren zur Tatzeit schon auf den Weinbergen über Oppenheim sichtbar. Die Tat führte der Wehrmachtsleutnant Hans Kaiser auf Geheiß ebenfalls evakuierter Niersteiner NSDAP-Funktionäre durch.Hans Berkessel, Hans-Georg Meyer (Hrsg.): Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz. Verlag Hermann Schmidt, 2000, ISBN 3-87439-453-0, S. 151–155.
Vorgeschichte Im März 1945 eroberten die Alliierten von Westen kommend die linksrheinischen Gebiete in der Pfalz, Rheinhessen und Teile des Rheinlandes. Am 18. März hatte die 3. US-Armee unter General George S. Patton Bad Kreuznach ohne Widerstand eingenommen. Am gleichen Tag stürzte die von den Amerikanern am 7. März eroberte Ludendorff-Brücke in Remagen ein. Zu gleicher Zeit sprengten die Deutschen alle Brücken, die über den Rhein führten: die Mainzer Südbrücke, die Rheinbrücke Gernsheim 18 km südlich von Nierstein am 19. März und die Ernst-Ludwig-Brücke in Worms am 20. März. Eine Rheinüberquerung mit Schwimmbrücken wurde für die Alliierten unumgänglich, wenn die Invasion Deutschlands weiter gehen sollte. Die Wehrmacht hielt den Rhein für eine schwer überwindbare natürliche Grenze. Die Vorbereitungen der US-Armee zur Überquerung wurden gegenüber den Deutschen geheim gehalten. Für die Rheinüberquerung wurde die Stelle der Fähre Landskrone zwischen Nierstein und Kornsand ausgewählt. Diese Fähre, zwischen Oppenheim und Nierstein gelegen, war eine Seilzugfähre und zu der Zeit noch intakt. Die 3. Armee unter General Patton rückte daher auf das Gebiet um Nierstein und Oppenheim vor, wo die deutschen Truppen kurzzeitig einen Brückenkopf eingerichtet hatten.
In der Nacht zum 21. März räumte die Wehrmacht den Brückenkopf Nierstein-Oppenheim über die Fähre nach Kornsand. Der Kampfkommandant, Stäbe und das Führungspersonal der NSDAP flüchteten auf die andere Rheinseite. Es war beabsichtigt, die Fähre bei der Ankunft der US-Armee in die Luft zu sprengen. Schon am 18. März waren unter Mitwirkung des Niersteiner NSDAP-Ortsgruppenleiters Georg Ludwig Bittel sechs Niersteiner verhaftet worden, die als Gegner des NS-Staates galten, die Familie einer Person war außerdem jüdischen Glaubens. Diese NS-Gegner hatten teilweise in der Anfangszeit des Nationalsozialismus schon einige Zeit im Konzentrationslager Osthofen verbracht. Aber sie lebten dann doch bis zum Kriegsende relativ unangefochten in Nierstein.Winfried Seibert: Das Kornsandverbrechen und die Justiz – Ein „Junker“ der Ordensburg Vogelsang vor Gericht. 17. August 2008, zuletzt geändert am 10. Januar 2017, abgerufen am 7. Oktober 2017.
Es handelte sich um Georg Eberhardt, Ludwig Elbling, Nikolaus Lerch, Jakob Schuch und das Ehepaar Johann und Cerry Eller. Die Verhafteten wurden mit der Fähre über den Rhein nach Kornsand zur NSDAP-Kreisleitung nach Groß-Gerau gebracht. Den größten Teil der Strecke mussten sie mit ihrem Begleitkommando zu Fuß zurücklegen. In Groß-Gerau wurde sie ins Polizeigefängnis gesteckt.
Die Polizei schickte sie am 20. März zur Gestapo nach Darmstadt – eine Strecke, die sie ebenfalls zu Fuß gehen mussten. Da man bei der Darmstädter Gestapo mit Aktenvernichtung und Kofferpacken angesichts des Näherkommens der amerikanischen Truppen beschäftigt war, die nach Räumung durch die Wehrmacht am 21. März in Oppenheim erwartet wurden, und wusste, dass der Transport der Festgenommenem eine Privataktion des Ortsgruppenleiters war, wurden die Festgenommenen am Morgen des 21. März ohne Entlassungspapiere nach Hause freigelassen.Wolfgang Kemp: NS-Verbrechen der letzten Tage – die Morde auf dem Kornsand. In: Hans-Georg Meyer, Hans Berkessel (Hrsg.): Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz. Hermann Schmidt, Mainz 2001, ISBN 3-87439-453-0. S. 150 ff.
Die Morde Mit der Straßenbahn und zu Fuß erreichten die sechs Personen am 21. März 1945 gegen 11:00 Uhr die Fähre am Kornsand und wollten zurück nach Nierstein fahren. Das war aber Zivilpersonen zu diesem Zeitpunkt wegen der militärischen Lage schon verboten. Als die Gruppe dort auf der Fähre wartete, nachdem sie vorher versucht hatte, mit einem kleinen Kahn auf eigene Faust nach Nierstein zu gelangen, nahm der dort befindliche Niersteiner Leutnant und NSDAP-Funktionär Heinrich Funk sie dort wahr. Der ebenfalls über den Rhein geflüchtete NSDAP-Ortsgruppenleiter Bittel hatte vorher die Gruppe auf der Landstraße von Darmstadt nach Kornsand gesehen, als er dort mit einem PKW entlang fuhr, und Funk von der baldigen Ankunft dieser Personen unterrichtet. Funk nahm die Gruppe fest, da die Personen nicht nachweisen konnte, dass sie zu Recht auf freiem Fuße waren, und weil er verhindern wollte, dass sie in die Freiheit entkommen konnten, die mit dem Einmarsch der Amerikaner in Nierstein herrschen würde. Bei der Festnahme wurde Ludwig Elbling übersehen, der sich an der Fähre so zu schaffen machte, als ob er zum Fährpersonal gehörte. Die Fähre fuhr danach noch einmal nach Nierstein und Ludwig Elbling konnte so auf die andere Rheinseite flüchten, wo die Amerikaner gerade ankamen. Etwa um 15 Uhr wurde die Fähre gesprengt. Funk übergab die Festgenommenen an den früheren Leiter des NSDAP-Schulungslagers Oppenheim, Alfred Schniering, der mit einer der letzten Fährfahrten auf dem Kornsand eingetroffen war. Funk gab gegenüber Schniering, den er als eine Art Vorgesetzter ansah, an, dass es sich bei den Festgenommenen um die „größten Verbrecher von Nierstein“ handele. Schniering beanspruchte – obwohl Zivilist – die Rolle eines militärischen Führers auf dem Kornsand, als der Militärkommandant abwesend war. Schniering behauptete dabei, der Beauftragte des Gauleiters und Reichsverteidigungskommissars des Wehrkreises XII, Jakob Sprenger, zu sein. Er maßte sich dann an, die Festgenommenen ohne ein „gerichtliches oder standrechtliches Verfahren“ zu bestrafen. Er vernahm die fünf Festgenommenen bzw. ließ sie vernehmen. Dabei wurden sie brutal misshandelt. Anschließend „verurteilte“ Schniering sie zum Tode. Kurz danach traf Schniering an der Fährstelle den beim Volkssturm eingesetzten Oppenheimer Bürger und Uhrmachermeister Rudolf Gruber an, der noch einmal nach Oppenheim wollte. Gruber hatte seinen Volkssturm-Rucksack in Oppenheim vergessen und wollte ihn nach Kornsand holen. Schniering unterstellte ihm Fahnenflucht und verurteilte ihn ebenfalls zum Tode.Wolfgang Kemp: Dokumentation Oppenheimer und Niersteiner Juden 1933–1945. Korrigierte, ergänzte und wesentlich erweiterte Neuauflage, Verlag der Rheinhessischen Druckwerkstätte, Alzey 2009, ISBN 978-3-87854-221-6, S. 319.
Schniering ließ die zum Tode Bestimmten auf einen Acker in die Nähe der Flakstellung am Kornsand bringen und zwang sie, sich ihre Gräber selbst zu schaufeln. Dann versuchte er, eine Person zu finden, die das Urteil vollstrecken würde. Alle anwesenden Volkssturmmänner und Soldaten weigerten sich, die Hinrichtung zu vollziehen. Nur Hans Kaiser, ein junger Leutnant, der bei der Flak in Kornsand eingesetzt war, war bereit, die sechs Personen zu töten. Angeblich hatte Kaiser mit den Worten zugestimmt: „Wenn die anderen zu feige sind, dann mache ich das“. Die Gruppe wurde auf einen Acker geführt. Kaiser tötete jede Person mit einem Genickschuss seiner Pistole. Anschließend wurden die Opfer in die Gräber gelegt.
Die Täter Beteiligt an der Tat waren: Leutnant Hans Kaiser, geb. 19. Oktober 1926 in Mayen als Sohn eines Reichsbahnwagenmeisters. Von 1932 bis 1940 besuchte er die Volksschule Mayen und dann die staatliche „Aufbauschule für Knaben“ in Münstermaifeld. Kaiser war Jungenschaftsführer in der Hitlerjugend. Vor Abschluss seiner Schulausbildung wurde er im Herbst 1943 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, der damals auch eine militärische Grundausbildung beinhaltete. Dabei wurde er auch zur Bekämpfung von Partisanen im Grenzgebiet von Kärnten eingesetzt. Ende Januar wurde er von der Wehrmacht übernommen und nach viermonatiger Grundausbildung an dem Mittelabschnitt der Ostfront eingesetzt. Im Sommer 1944 nahm er an einem Unteroffizierslehrgang teil und erlebte mit, wie der Teilnahme am Attentat vom 20. Juli 1944 verdächtige Offiziere des Lehrgangs in der Nähe von Thorn ohne Gerichtsverfahren mittels Genickschuss ermordet wurden. Im September 1944 wurde Kaiser schwer verwundet. Nach Genesung und Absolvierung eines Lehrgangs auf einer Kriegsschule war er am 1. März 1945 zum Leutnant befördert worden und wurde als Offizier z. b. V. („zur besonderen Verwendung“) zum Kampfkommandanten des Brückenkopfes Oppenheim-Nierstein abgeordnet. Nach dem Krieg wurde Kaiser wegen des Kornsandmordes zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, aber nach sechs Jahren freigelassen. Danach besuchte er wieder die Aufbauschule in Münstermaifeld und legte dort das Abitur ab. Seine Lehrerin attestierte ihm gute Führung. Er heiratete dann eine Niersteinerin, bekam fünf Kinder mit ihr und lebte in guten Verhältnissen in einer westdeutschen Großstadt. Alles schien vergessen, bis 1985 die Illustrierte Stern über das Kornsandverbrechen und auch die Täter berichtete.Wolfgang Kemp: NS-Morde der letzten Tage – das Verbrechen auf dem Kornsand bei Nierstein am 21. März 1945. (Erstveröffentlichung Kemp 2001) in Wolfgang Kemp: Dokumentation Oppenheimer und Niersteiner Juden 1933–1945. Korrigierte, ergänzte und wesentlich erweiterte Neuauflage, Verlag der Rheinhessischen Druckwerkstätte, Alzey 2009, ISBN 978-3-87854-221-6.
Leutnant Alfred Schniering. Der 1911 in Essen geborene, wegen einer Kriegsverletzung 1944 als wehrunfähig aus der Wehrmacht entlassene Schniering war schon 1929 der NSDAP beigetreten. Er war in den Anfangszeiten bei der Gaupropagandaleitung in Köln angestellt und als Propagandaredner tätig. Danach wurde er als subalterner Beamter bei der Heeresverwaltung tätig. 1939 meldete er sich zum Wehrdienst. 1942 wurde er zum Leutnant befördert. Kurze Zeit später wurde er schwer verwundet und aus der Wehrmacht entlassen. 1944 wurde Schniering Leiter eines Reichsschulungslagers der NSDAP für Luftschutz in Wiesbaden, in dem Amtsleiter der Partei in Luftschutzdingen unterrichtet wurden. Ab Mitte 1944 wurde das Lager unter Schnierings Leitung nach Oppenheim verlegt. Ab Januar 1945 war Schniering als Sachbearbeiter für Stellungsbau beim Stab des Reichsverteidigungskommissars West in Frankfurt a. M. beschäftigt.
Georg Ludwig Bittel (* 1902). Winzer und Weinkommissionär. Bittel trat 1931 der NSDAP bei und war von Mai 1933 bis März 1945 Ortsgruppenleiter der NSDAP in Nierstein. Bittel war in Nierstein weitgehend unbeliebt. Er galt als cholerisch und gewaltbereit sowie unberechenbar. Seine Macht zeigte sich in einem Brief vom August 1934, in dem er dem Bürgermeister von Nierstein untersagte, dem jüdischen Ehepaar Flora und Willy Wolf die Ausreise aus Deutschland zu erlauben, als das Vertreiben von Juden immerhin offizielles Ziel der deutschen Politik war. Aus dem „hasserfüllten und diskrimierenden“ Schreiben wurde die Willkürherrschaft von Bittel in Nierstein deutlich. Nach der Verstärkung der antisemitischen Politik gegen die Juden nahmen sich Flora und Willy Wolf 1942 – kurz vor ihrer Deportation – in Mainz das Leben. Bittel war nicht tauglich für den Wehrdienst.