mini|August Meyszner (1938)
August Meyszner (* 3. August 1886 in Graz als August Edler von Meyszner; † 24. Januar 1947 in Belgrad) war ein österreichischer Polizeibeamter, Politiker, SA- und SS-Führer. Während der Zwischenkriegszeit war er ein Führer des Steirischen Heimatschutzes, in der Zeit des Nationalsozialismus Mitglied des Reichstages und wurde während des Zweiten Weltkrieges zum SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei befördert. Er war mitverantwortlich für Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung in Serbien und wurde nach Kriegsende in Jugoslawien hingerichtet.
Leben Kindheit, Jugend und Erster Weltkrieg August Meyszner war der Sohn des Berufssoldaten Rudolf Edler von Meyszner, der in der österreichisch-ungarischen Armee den Rang eines Oberstleutnants erreichte und 1884 geadelt worden war. Sein Onkel war der Feldmarschallleutnant Ferdinand von Meyszner.S. 252 f. Sein Bruder Rudolf Ferdinand (1866–1947) heiratete 1929 die Jüdin Alice Strauss, eine Stieftochter des „Walzerkönigs“ Johann Strauss.S. 253. Moll bezeichnet Alice fälschlich als Ehefrau von Johann Strauss. Tatsächlich war Strauss mit ihrer Mutter Adele (1856–1930) verheiratet.
Meyszner besuchte in seiner Heimatstadt die Volks- und Unterrealschule und trat 1903 in die Landwehrkadettenanstalt in Wien ein, um die Offizierslaufbahn einzuschlagen.Joachim Lilla, Martin Döring, Andreas Schulz: Statisten in Uniform: Die Mitglieder des Reichstags 1933–1945. Ein biographisches Handbuch. Unter Einbeziehung der völkischen und nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten ab Mai 1924. Droste, Düsseldorf 2004, ISBN 3-7700-5254-4, Sp. 706. Er wurde 1906 zum Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 3 ausgemustert und dort am 1. Mai 1908 zum Leutnant befördert und zum Bataillon Leoben versetzt. Bis zum 30. April 1913 diente er dort als Kompanieoffizier und Führer der Signal- und Telefon-Abteilung. Er leitete auch die Ski-Ausbildung im Bataillon. Auf eigene Bitte leistete er dann Probedienst im Landesgendarmeriekommando Nr. 7 (Triest), bestand 1914 die Gendarmeriefachprüfung und wurde zum 1. Mai 1914 in den Gendarmeriedienst übernommen.
Nachdem er bis August 1914 das Gendarmerieabteilungskommando Nr. 5 (Görz) kommandiert hatte und am 23. Juni 1914 zum Gendarmerie-Oberleutnant befördert worden war, nahm Meyszner in verschiedenen Verwendungen am Ersten Weltkrieg teil. So führte er 1915 eine Gendarmeriekompanie und die Hochgebirgs- und Sturmkompanie Nr. 12 an der Italienfront. Im August 1916 zum Gendarmerie-Rittmeister befördert, war er 1916/17 Abschnittskommandant und 1917 Alpiner Referent der 15. Gebirgsbrigade.Joachim Lilla, Martin Döring, Andreas Schulz: Statisten in Uniform: Die Mitglieder des Reichstags 1933–1945. Ein biographisches Handbuch. Unter Einbeziehung der völkischen und nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten ab Mai 1924. Droste, Düsseldorf 2004, ISBN 3-7700-5254-4, Sp. 707. Meyszner nahm an den Isonzoschlachten teil.Hans Schafranek: Biographien steirischer NS-Akteure. In: Ders. u. Herbert Blatnik (Hrsg.): Vom NS-Verbot zum »Anschluss«. Steirische Nationalsozialisten 1933–1938. Czernin Verlag, Wien 2015, S. 496. Am 13. August 1917 wurde er zum Landesgendarmeriekommando Nr. 7 zurückberufen, und am 2. November 1918 rückte er zum Landesgendarmeriekommando Steiermark ein, wo er als Gendarmerieabteilungsinspekteur verbeamtet wurde. Er hatte kurz nach Beginn des Krieges geheiratet; aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor.S. 253.
In der Republik Österreich während der Zwischenkriegszeit Mit der Abschaffung des österreichischen Adels nach dem Untergang der Habsburgermonarchie verlor Meyszner seinen Adelstitel.S. 252 f. Zunächst kommandierte er 1919 die Grenzgendarmerie an der Grenze zum Jugoslawien. Dabei war er an Kampfhandlungen beteiligt, etwa im Verband mit dem Untersteirischen Bauernkommando an der Rückeroberung des jugoslawisch besetzten Radkersburg in der Südoststeiermark.S. 254. Von Dezember 1919 bis Ende 1928 amtierte er als Führer der Gendarmerieabteilung Judenburg. Während der Landnahme des Burgenlandes 1921 wurde er als Kommandant einer Gendarmerieabteilung durch einen Schuss in den Oberschenkel verwundet. Die Gendarmerie schlug unter seinem Kommando 1922 Arbeiterunruhen im Raum Judenburg nieder und ging 1927 gegen einen Generalstreik im Gefolge des Wiener Justizpalastbrandes vor.S. 254.
Früh engagierte sich Meyszner politisch bei der deutschnationalen Rechten. Er fungierte 1919 als Dietwart im Deutschvölkischen Turnverein in Judenburg und gehörte im selben Jahr mit Walter Pfrimer und Hanns Albin Rauter zu den Begründern des Steirischen Heimatschutzes. Im September 1925 trat er in die österreichische NSDAP ein (Mitgliedsnummer 10.617). Aus unbekannten Gründen und zu einem unbekannten Zeitpunkt erlosch diese Mitgliedschaft aber wieder. Im Mai 1927 indes reiste Meyszner mit Pfrimer und Rauter zu einer Unterredung mit Hitler ins bayerische Freilassing. Nach eigenen Angaben wegen seiner „politischen Tätigkeit“ wurde er zum 1. Januar 1929 als Kommandant der Gendarmerieabteilung nach Graz versetzt. Er blieb aber politisch aktiv, nahm am Aufmarsch rechter Wehrverbände teil und nutzte seine Position, um den Steirischen Heimatschutz und andere Wehrverbände mit Waffen auszurüsten.S. 255.
Ende 1930 wurde Meyszner als einer von sechs Abgeordneten des Heimatblocks in den Steirischen Landtag gewählt und trat nach dem Proporzsystem als Landesrat in die steiermärkische Landesregierung ein.S. 256. Er beteiligte sich am Pfrimer-Putsch vom 13. September 1931, hielt sich aber im Hintergrund und behauptete später im Landtag, nichts von den Putschplänen gewusst zu haben. Da Pfrimer und andere Funktionäre des Heimatschutzes geflohen waren, übernahm Meyszner im September 1931 provisorisch die Leitung des Steirischen Heimatschutzes. Gemeinsam mit Rauter suchte er bald die Zusammenarbeit mit der NSDAP.S. 257 f. Meyszner war dabei flexibler und offener gegenüber den Forderungen der Nationalsozialisten als Pfrimer, der großen Wert auf die Autonomie des Heimatschutzes gelegt hatte. Meyszner distanzierte sich von den legitimistischen, auf eine Restauration der Habsburgermonarchie zielenden Bestrebungen und den Ideen einer Donauföderation, die in der Heimwehr insgesamt virulent waren, und dem Konzept eines Anschlusses an das Deutsche Reich zuwiderliefen. Später hielt er sich zugute, alle Legitimisten aus der Führung des Heimatschutzes gedrängt zu haben.Martin Moll: »Letztlich war der steirische Heimatschutz sehr anständig und ordentlich«. Das Aufgehen des Steirischen Heimatschutzes in der NSDAP: von der Konfrontation zur Kooperation. In: Hans Schafranek u. Herbert Blatnik (Hrsg.): Vom NS-Verbot zum »Anschluss«. Steirische Nationalsozialisten 1933–1938. Czernin Verlag, Wien 2015, S. 21 f., 24. Mit dem Landesgeschäftsführer der österreichischen NSDAP, Theo Habicht, wurde eine Kampfgemeinschaft von Heimatschutz und Nationalsozialisten vereinbart und Ende 1933 schließlich im „Venediger Abkommen“ beschlossen, dass der Heimatschutz in die NSDAP überführt werden sollte.S. 257 f. Zu diesem Zeitpunkt hatte Meyszner sein Landtagsmandat verloren, da der Steirische Heimatschutz in das Verbot der NSDAP einbezogen wurde, das am 15. Juni vom seit März 1933 autoritär regierenden Bundeskanzler Engelbert Dollfuß erlassen worden war. Auch die Zugehörigkeit von Bundesbediensteten zur NSDAP war verboten worden. Ende September 1933 wurde Meyszner als Major der Gendarmerie zwangsweise pensioniert.S. 258 f.
Im Mai 1933 wurde Meyszner Mitglied der SA und gemäß dem Venediger Abkommen im November im Rang eines SA-Obersturmbannführers stellvertretender Führer der verbotenen SA-Brigade Mittelsteiermark. Meyszner gab später an, zahlreiche Versammlungen abgehalten zu haben und an „Führerbesprechungen“ in Ungarn und Jugoslawien teilgenommen zu haben.S. 259. Am 2. Februar 1934 wurde er verhaftet und nach drei Monaten im Polizeigewahrsam ab Mai für weitere dreieinhalb Monate im Anhaltelager Wöllersdorf interniert. Wieder in Freiheit übernahm er im Juni die Führung der SA-Brigade Mittelsteiermark und wurde noch am Tag des nationalsozialistischen Putsches am 25. Juli 1934 verhaftet.S. 259.
Dem Historiker Martin Moll zufolge scheint Meyszner beim Putsch nicht an prominenter Stelle in Erscheinung getreten zu sein. Zwar sei ihm später bescheinigt worden, den Putsch aktiv mit vorbereitet zu haben, aber in den nach dem „Anschluss“ Österreichs verfassten nationalsozialistischen Darstellungen würden weder der Steirische Heimatschutz noch Meyszner gesondert erwähnt.S. 259 f. Für den Historiker Hans Schafranek orientierte sich Meyszner nicht an den Befehlen seiner in München residierenden Vorgesetzten in der SA, Hermann Reschny und Friedrich Fenz, sondern agierte wie Konstantin Kammerhofer und Rauter im geheimen Auftrag der SS und der NSDAP-Landesleitung unter Habicht. Entgegen der Weisung der emigrierten SA-Führung vom 23. Juli, nur auf das Losungswort „Sommerfest mit Preisschiessen“ den bewaffneten Aufstand zu beginnen, gab Meyszner in Übereinstimmung mit den Putschisten der Wiener SS den Befehl auf die Losung „Elementar-Ereignis eingetreten“.Hans Schafranek: Biographien steirischer NS-Akteure. In: Ders. u. Herbert Blatnik (Hrsg.): Vom NS-Verbot zum »Anschluss«. Steirische Nationalsozialisten 1933–1938. Czernin Verlag, Wien 2015, S. 497.
Nachdem er aus dem Polizeigewahrsam entkommen war, floh der nunmehr steckbrieflich gesuchte Meyszner noch im Juli 1934 nach Jugoslawien. Die Republik Österreich bürgerte ihn aus und erkannte seine Pensionsansprüche ab.S. 260. In Jugoslawien war er in der NSDAP-Flüchtlingszentrale tätig und reiste per Schiff im November/Dezember 1934 nach Deutschland.
Im Deutschen Reich In Deutschland war Meyszner zunächst als Lagerführer des Lagers Rummelsburg (Pommern) und anschließend im NSDAP-Flüchtlingswerk in Berlin tätig. Auf eigenen Wunsch trat er gemeinsam mit Kammerhofer und Rauter mit Wirkung vom 20. Februar 1935 von der SA zur SS über (SS-Nummer 263.406).Hans Schafranek: Biographien steirischer NS-Akteure. In: Ders. u. Herbert Blatnik (Hrsg.): Vom NS-Verbot zum »Anschluss«. Steirische Nationalsozialisten 1933–1938. Czernin Verlag, Wien 2015, S. 497 f. Er erhielt den Rang eines SS-Oberführers und war als SS-Führer „zur besonderen Verwendung“ des Reichsführers SS eingesetzt. Nachdem er am 1. September im alten Dienstgrad eines Majors in die Schutzpolizei hatte eintreten können, wurde er auf eigenen Wunsch am 10. Oktober 1935 aus der SS entlassen. Mit Wirkung zum 20. April 1934 zum Oberstleutnant befördert, übernahm er das Kommando über den Schutzpolizei-Abschnitt Mitte und wurde Stellvertreter des Kommandeurs des Schutzpolizei-Gruppenkommandos Ost in Berlin. Zugleich übte er das Amt eines ehrenamtlichen Richters am Volksgerichtshof aus. Am 11. Oktober 1937 erfolgte die Wiederaufnahme in die SS.
Beim „Anschluss“ Österreichs am 12. März 1938 rückte Meyszner mit der Marschgruppe I der Ordnungspolizei in Österreich ein. Einen Monat lang fungierte er als kommissarischer Inspekteur der Ordnungspolizei für Österreich in Wien. In der Reichstagswahl 1938 wurde er außerdem als Abgeordneter für Österreich in den Reichstag gewählt.S. 262. Mit Wirkung zum 1. März zum Oberst der Schutzpolizei befördert, nahm Meyszner von Mitte April 1938 bis Juni 1939 die Aufgabe des Inspekteurs der Ordnungspolizei beim Staatssekretär für das Sicherheitswesen der Landesregierung Österreich, Ernst Kaltenbrunner, wahr. Mit Kaltenbrunner überwarf er sich aber schon Mitte April 1938, so dass er Anfang Oktober 1938 als Abschnittskommandeur der Schutzpolizei ins annektierte Sudetenland geschickt wurde, bevor man ihn im Juni 1939 als Inspekteur der Ordnungspolizei zum Oberpräsidium der Provinz Hessen-Nassau nach Kassel versetzte.S. 262 f. Hier war er auch als Höherer Polizeiführer und politischer Referent des Oberpräsidenten tätig. Am 23. März 1940 wurde er zum SS-Brigadeführer befördert.