mini|Einschulung am Tag des Wissens in einer russischen Schule mini|In Russland bestehen Kadettenanstalten für Jungen und Mädchen ab der 5. Klasse
Das Bildungssystem in Russland umfasst die Schulen und Hochschulen des Landes. Es gliedert sich in vier Abschnitte, die allgemeine Schulausbildung, die Berufsausbildung, die Hochschulausbildung sowie die Postgraduierte Ausbildung.
Schule miniatur|400px|Bildungssystem in Russland Die Allgemeine Schulausbildung untergliedert sich in die Stufen Grund-, Sekundar- und Oberstufe (in Russland „Mittelstufe“ zwischen der Pflichtschule und der Hochschule genannt). Die Schulen tragen alle eine Nummer und einen Namen nach einer Persönlichkeit, die aber in den Zeugnissen nicht erscheint. Es gibt Privatschulen, meist in Moskau oder St. Petersburg, die sich aber nur wenige (um 1 %) leisten können. Daneben bestehen Internationale Schulen mit eigenem Lehrplan wie die Deutsche Schule Moskau.
Das Schuljahr beginnt am 1. September, dem Tag des Wissens, mit dem „ersten Klingeln“ und endet Ende Mai, meist am 25. Mai. Die Lehrer erhalten an diesen Tagen jeweils Blumen von den Kindern. Die üblichen Fremdsprachen (teils schon ab der 2. Klasse) sind Englisch, Französisch oder Deutsch. Fächer wie Religionsunterricht (teilweise in der 4. Klasse) und Sozialkunde/Politische Bildung (statt der abgeschafften Staatsbürgerkunde) gibt es noch wenig. Die Kinder erhalten sehr viele Hausaufgaben. In der Benotung ist 5 die beste Note und die 1 die schlechteste, die aber nie vergeben wird. Einen schlechten Schüler kennzeichnen viele „Zweier“.
Der Schuleintritt erfolgt im Alter von 6½ bis 7 Jahren. Das vorgezogene Schuleintrittsalter von sechs Jahren wird durchschnittlich etwa 35 % der Kinder nach einem psychologischen Gutachten empfohlen. Die Primarstufe der Grund- oder Anfangsschule (начальная школа) absolvieren die mit sieben Jahren eingeschulten Kinder binnen vier Jahren. Bis 2007 war es üblich, dass alle die 4. Klasse übersprungen haben. Obwohl es in Russland eine allgemeine Schulpflicht gibt, wurden nach Angaben des Ministeriums für Bildung und Wissenschaft der Russischen Föderation im Schuljahr 2016/2017 etwa 8500 Schüler zuhause unterrichtet.
Danach folgt eine obligatorische fünfjährige Sekundarstufe. Sie führt zum Erwerb der „grundlegenden allgemeinen Bildung“ (свидетельство об окончании средней школы) – in der Regel am Ende der neunten Klasse und nach dem Erreichen des Pflichtschulalters von 16 Jahren. Ab 10 Jahren können Kinder mit Bestnoten in Kadetten-Schulen eintreten, wo sie zusätzlich eine militärische Ausbildung erhalten.
Der Abschluss berechtigt zum Besuch der oberen Sekundarstufe (zweijährige „vollständige Mittelschule“, среднее (полное) общее образование), deren Abschluss durch das „Zeugnis über die vollständige mittlere Bildung“ (das traditionell so genannte „Reifezeugnis“) nach 11 Schuljahren (früher real 10) bereits eine Aufnahme eines Hochschulstudiums ermöglicht. Vom Ansehen ist es mit dem Abitur in Deutschland vergleichbar, doch wird es wegen zu wenigen Schuljahren hier nicht ohne weitere Qualifikationen (z. B. zwei Jahre Studium in Russland) anerkannt. Wenn Schulen sich Gymnasium nennen, vollziehen sie trotzdem das gleiche Programm mit Ausnahme einiger Fächer.
Nach der neunjährigen Pflichtschulbildung kann statt der allgemeinbildenden Schulstufe auch eine Berufsausbildung an der mittleren Fachschule (Berufsschule) beziehungsweise dem Technikum gemacht werden. Diese Einrichtungen stehen im vertikal durchlässigen gesamten beruflichen Bildungswesen weiterhin für den Erwerb der vollständigen mittleren Bildung zur Verfügung (dualer Ausbildungsgang). Denn zusätzlich zu den berufsspezifischen Fächern werden auch die allgemeinbildenden Fächer unterrichtet, inhaltlich allerdings enger an der beruflichen Ausrichtung orientiert.
Hochschule Grundsätzlich gibt es drei Arten von Hochschulen in Russland: Universitäten, Akademien und Institute (unbestimmter Begriff für viele Einrichtungen von Fachhochschulen bis zu anspruchsvollen Forschungsinstitute). Universitäten und Akademien „führen die Ausbildung, Umschulung und Höherqualifizierung von Personen mit einer Qualifikation auf höchster Ebene durch, betreiben nicht nur angewandte Forschung, sondern auch Grundlagenforschung, verfügen über eine Aspirantur und (oder) eine Doktorantur und sind führende wissenschaftliche und methodische Zentren auf ihren jeweiligen Fachgebieten.“.Smolin 1999, S. 51f. Der Unterschied zwischen Universität und Akademie besteht darin, dass die Universität einen viel breiteren Ausbildungsbereich hat als eine Akademie, die sich auf ein bestimmtes Gebiet konzentriert. Die Tätigkeitsbereich eines Instituts ist auch beschränkt, aber es muss nicht „ein führendes Zentrum auf seinem Fachgebiet sein, Personen mit einer Qualifikation auf höchster Ebene auszubilden, über eine Aspirantur und eine Doktorantur zu verfügen und auf jeden Fall Grundlagenforschung durchzuführen“.
Für die Aufnahme reicht das Abschlusszeugnis der Schule nicht aus, es gibt eine Aufnahmeprüfung.
Anfang der 1990er Jahre erfolgte eine statusbezogene Ausdifferenzierung im nichtuniversitären Sektor, die zur strukturellen Veränderungen führte. Vielen „Instituten“ gelang es, den Status einer Universität oder einer Akademie (als neuem Hochschultyp, z. B. Plechanow-Akademie für Wirtschaft Moskau) zu erlangen. In dieser Weise konnten diese Hochschulen ihre Wettbewerbsfähigkeit auf dem neu geschaffenen Bildungsmarkt verbessern und ihre internationalen Kontakte stärken. Weiterhin erhielten sie die Möglichkeit, postgraduale Studiengänge anzubieten.
Wegen der Schwierigkeiten der staatlichen Bildungsfinanzierung waren die Bildungsinstitutionen gezwungen, zusätzliche Einnahmen zu erzielen: vor allem durch die Vermietung der Räumlichkeiten an private Firmen, Verkauf der in den Werkstätten hergestellten Produkte und durch die Einführung von Studiengebühren. Immer mehr verbreitete sich die Praxis, neben den staatlich finanzierten Studienplätzen weitere Studienplätze anzubieten, deren Gebühren jedoch die Studenten selbst tragen mussten. Um 2000 wurden bis zu 40 % der Studienplätze an Selbstzahler vergeben. Dies verschärfte den Wettbewerb zwischen den Universitäten.Vgl. Kuebart (2002), S. 101–106. In dieser Hinsicht waren die russischen Hochschulen immer mehr bestrebt, sich als Marke auf dem Bildungsmarkt zu positionieren, um dadurch die Anzahl der Studierenden und die Höhe der eingenommenen Studiengebühren zu steigern.
Bildungsgeschichte bis 1990 Das Zarenreich bis 1917 hatte ein gering entwickeltes Bildungssystem, auch wenn Peter der Große und Katharina die Große einige Reformen angestoßen hatten. Das Volkskommissariat für Bildung der RSFSR bestand seit Beginn der bolschewistischen Regierung 1917. Am 26. Juni 1918 (13. Juni) wurde mit Lenins Unterschrift vom Rat der Volkskommissare „Das Dekret über die Organisation der Volksbildung in der Russischen Republik“ erlassen. Die Bildung in der Sowjetunion bis 1991 war von ständigen Reformen unter ideologischen Vorzeichen geprägt.
Russische Entwicklung seit den 1990er Jahren Das russische Bildungssystem folgte anfangs dem in der Sowjetunion. Erst langsam bildeten sich durch die Kritik am alten System eigene Züge aus.
Staatliches Bildungsmonopol versus Privatschulen In der Übergangszeit von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft verstärkten sich aufgrund von Fehlschlägen der früheren Bildungsreformen kritische Äußerungen zur Rigidität des staatlichen Bildungsmonopols und öffentliche Forderungen nach pädagogischen Alternativen. 2002 gab es aus zwei Gründen eine Vielzahl von unterschiedlichen nichtstaatlichen Bildungsangeboten:Vgl. Kuebart (2002), S. 46f. Die als Massenschule konzipierte allgemeinbildende Sekundarschule der sowjetischen Ära erfüllte die gestiegenen Qualitätsanforderungen der 1990er Jahre nicht. In den wohlhabenden Gesellschaftsschichten verbreitete sich privater Nachhilfeunterricht als Vorbereitung auf die Hochschule. Oft aus dem Vergleich mit anderen Schulsystemen bildete sich eine pädagogische Reformbewegung, die versuchte, das Schulwesen von unten zu reformieren, mit dem Ziel, das Schulleben und den Unterricht innovativer zu gestalten. Als Ergebnis entstand ein nachfrageorientierter Bildungsmarkt mit Privatschulen, die die individuellen Bedürfnisse der Schüler und Studenten berücksichtigten und Wahlmöglichkeiten im Bildungsbereich anboten. Ein wesentlicher Schritt in der Förderung der Privatisierung des Bildungswesens war der Erlass von Boris Jelzin im Jahre 1991, der den nichtstaatlichen Bildungseinrichtungen erstmals ausdrücklich staatliche Unterstützung zusicherte. Dies markierte das formelle Ende des staatlichen Bildungsmonopols nach sowjetischem Muster. Der Plan, das gesamte Bildungswesen zu privatisieren, wurde jedoch von der Gesellschaft abgelehnt, weil einerseits eine Bereicherungskampagne, andererseits der Verlust der gewohnten kostenlosen Bildung befürchtet wurde. Deswegen beschloss die Duma 1995 ein dreijähriges Moratorium für jegliche Privatisierung staatlicher Bildungseinrichtungen.
Dezentralisierung und Individualisierung Bei der Beseitigung bürokratischer Machtstrukturen der sowjetischen Ära spielte die Dezentralisierung eine wichtige Rolle. Im Bildungswesen wurde die Regionalisierung durch drei Entwicklungen gefördertVgl. Kuebart (2002), S. 93.: I. Verlagerung der politisch-administrativen Kompetenzen nach unten. II. Transformation der Wirtschaftsstruktur von Planwirtschaft zu Marktwirtschaft und damit Verringerung der Bedeutung der Fachkräfteausbildung und verstärkte Ausrichtung am Bedarf der regionalen Arbeitsmärkte. III. Krise der staatlichen Finanzierung des Bildungswesens, die die Inanspruchnahme von anderen Finanzierungskonstruktionen notwendig machte. Die Regionalisierung brachte Rationalisierungseffekte mit sich; durch eine horizontale Integration wurden kleinere Hochschulen unterschiedlicher Profile und Spezialisierungen zu einer Volluniversität zusammengefasst, an größeren Hochschulstandorten Universitäten mit Schwerpunktprofil gebildet und bislang selbständige Hochschulen in bestehende Universitäten eingegliedert, um dadurch das Angebot jener Universitäten zu vervollständigen. Es erfolgte auch eine vertikale Integration, wobei Hochschulen Bildungseinrichtungen anderer Ebenen organisatorisch an sich zu binden versuchten, um dadurch ihre eigene Position zu sichern. Um den Wunsch der Studenten nachzukommen, in der Nähe des Wohnortes studieren zu können, wurden auch Filialen von den Universitäten gegründet.
Die wichtigsten Zielsetzungen der Bildungsreform der 1990er Jahre waren die Demokratisierung, Entideologisierung, Entstaatlichung, Diversifizierung, Dezentralisierung, Autonomie, Humanisierung und Individualisierung der Bildung. Die Demokratisierung der Bildung sollte durch die Abschaffung des Einheitscharakters der sozialistischen Bildung und durch die Ausrichtung der Bildung an den individuellen Ansprüchen der Studenten erreicht werden. Die Pluralisierung des Bildungsangebots hatte das Ziel, den privaten Bildungssektor zu fördern. Außerdem erhielten die Bildungseinrichtungen durch die Autonomiespielräume die Möglichkeit, eigene inhaltliche Schwerpunkte zu setzen und spezielle Profile zu entwickeln. Die Durchführung der Dezentralisierung führte jedoch zu einer Verlagerung der finanziellen Verantwortung auf Kommunen- und Bildungseinrichtungsebene.
In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre gab es „neuere und unterschiedliche“ Schulbücher, auch für Geschichte. Lehrer hatten eine Auswahl, sie waren nicht mehr an rigide Programme gebunden.
Bildungspolitik unter Putin Präsident Wladimir Putin übernahm 1999 seine erste und 2012 nach einer Unterbrechung seine dritte Amtszeit. Diese steht für die forcierte Rückkehr zu staatlicher Lenkung, Indoktrination, Repression und Militarisierung.