Der Mensch erscheint im Holozän ist eine Erzählung des Schweizer Schriftstellers Max Frisch, die erstmals im Jahr 1979 erschien. Für ihren isoliert lebenden Protagonisten wird ein tagelanges Unwetter in einem abgeschnittenen Schweizer Bergdorf zur Parabel des eigenen Verfalls und Sterbens. Gegen den fortschreitenden Gedächtnisverlust kämpft er durch das Sammeln von lexikalischen Informationen auf unzähligen Zetteln an, die er in seinem Haus aufhängt, ehe er nach einem abgebrochenen Fluchtversuch ins Tal erkennt, dass die Welt sein Gedächtnis nicht braucht.
Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, in denen Der Mensch erscheint im Holozän als Meisterwerk gefeiert wurde, erfuhr die Erzählung bei ihrem Erscheinen im deutschen Sprachraum eine geringe Resonanz. Viele Kritiker werteten sie als autobiografisch, eine Zuschreibung, gegen die der Autor sich verwahrte. Inzwischen wird die Bedeutung von Der Mensch erscheint im Holozän im Spätwerk Max Frischs, für das die Erzählung mit ihrer Thematik von Alter und Tod, der formalen Reduktion und sprachlichen Knappheit als beispielhaft gilt, allgemein anerkannt. miniatur|Das Valle Maggia, in das eine Wanderung Herrn Geiser führt miniatur|Die Maggia bei Lodano
Handlung Ein tagelanges Unwetter im Frühherbst schneidet ein Tessiner Bergdorf von der Umwelt ab. Durch heftige Regenfälle sind bereits Hänge abgerutscht. Herr Geiser, ein 73-jähriger Rentner aus Basel, der seit dem Tod seiner Frau isoliert seinen Lebensabend im Tessin verlebt, befürchtet, durch den unaufhörlichen Regen könne der ganze Berg ins Rutschen kommen und das Dorf verschütten. Da die Gartenarbeit, mit der er sich sonst seine Zeit vertreibt, nicht mehr möglich ist, baut er zurückgezogen in seinem Haus Pagoden aus Knäckebrot und entwickelt eine Kategorisierung des Donners mit Begriffen wie „Polter-Donner“, „Knall-Donner“ oder „Pauken-Donner“.
Aus der bescheidenen Bibliothek, die ihm in seinem Haus zur Verfügung steht, aber immerhin einen zwölfbändigen Brockhaus umfasst, beginnt Herr Geiser, Wissen zusammenzutragen. Alles, was ihm bemerkenswert scheint, schreibt er ab und heftet es mit Reißzwecken an die Wände, damit er jederzeit auf einmal Gewusstes zurückgreifen kann. Doch obwohl Herr Geiser einerseits Stunden damit verbringt, der verstreichenden Zeit auf dem Zifferblatt seiner Uhr zu folgen, fürchtet er andererseits, zu wenig Zeit für seine Arbeit zu haben. So schneidet er die Artikel bald schon einfach aus den Büchern aus. Das zuerst wahllos gesammelte Wissen, etwa wie man einen Goldenen Schnitt konstruiert, fokussiert sich bald auf die Tessiner Umgebung, Naturkatastrophen bis zur biblischen Sintflut sowie die Erdgeschichte, Dinosaurier und die Entstehung des Menschen.
miniatur|Ein Feuersalamander wird Herrn Geiser zum Spiegelbild
Auch über Gedächtnisschwäche liest Herr Geiser, ein Symptom, das ihn selbst immer stärker betrifft. Während es zu Beginn noch Kleinigkeiten sind, die er vergisst, wie den Kauf von Streichhölzern oder seine Suppe zu essen, kann er sich später nicht einmal mehr an den Namen seines Enkelkindes erinnern. Auch in seinem Verhalten zeigt Herr Geiser Anzeichen einer beginnenden Demenz. Um besser die Spinnweben über der Treppe erreichen zu können, montiert er den sichernden Handlauf der Treppe ab, und immer wieder trägt er in seiner Wohnung einen Hut, ohne zu wissen, wann und wieso er ihn aufgesetzt hat. Die einzigen Begleiter des Herrn Geiser sind eine Katze, deren schmeichelnde Nähe er nicht erträgt, und die er am Ende im Kamin brät, ohne sie jedoch essen zu können, und ein Feuersalamander, der sich in seiner Wohnung einnistet. Obwohl Herr Geiser das Gefühl hat, sich äußerlich selbst immer mehr zum Lurch zu entwickeln, bestätigt er sich, das Wissen um sein Aussehen unterscheide ihn noch von einem Lurch.
Schließlich unternimmt Herr Geiser mit gepacktem Rucksack einen wohlgeplanten Ausbruchsversuch aus dem abgeschnittenen Tal, erreicht über den Pass das nächste Tal, wo die Busverbindung nach Basel bereits nahe ist. Doch dann fragt er sich, was er in Basel eigentlich soll. In der inzwischen hereingebrochenen Dämmerung macht er sich auf den Rückweg, der ihn an den Rand seiner Leistungsfähigkeit führt, ehe er vollkommen entkräftet und mit dem Vorsatz, niemandem etwas über seinen Ausflug zu verraten, zu Hause ankommt. Die Wanderung ruft Erinnerungen an eine Bergtour hervor, bei der sein Bruder und er das Matterhorn erklommen und in Lebensgefahr gerieten. Doch die Geschichte hat er anderen bereits so oft erzählt, dass sie niemand mehr hören will.
Als das Unwetter nachlässt und besorgte Nachbarn nach ihm schauen, öffnet Herr Geiser niemandem und wirft mit Tassen nach den Besuchern, weil er sich der Zettel an den Wänden schämt. Nach einer Ohnmacht, die er auf einen Sturz zurückführt, ist er auch körperlich in Mitleidenschaft gezogen. Erst sein Augenlid, später auch sein Mundwinkel bleiben gelähmt. Ein ausgeschnittener Zettel kommentiert seinen Zustand: Schlaganfall. Als man das Tal wieder erreichen kann, reist die besorgte Tochter Herrn Geisers an und schließt sein Haus auf. Herr Geiser wundert sich, warum sie Tränen in den Augen hat und mit ihm redet wie mit einem Kind. Doch er begreift, dass die Zettel jetzt keinen Sinn mehr besitzen. Die Natur legt keinen Wert auf sein Wissen, sie braucht sein Gedächtnis nicht. Nach dem Unwetter geht das Leben im Tal weiter wie gewohnt. Nur Herr Geiser wird nicht mehr erwähnt.
Form
Die Erzählung steht unter dem Programm der „Reduktion“, die den erzählerischen Rahmen, die Anzahl der Personen, die Handlung und Motive ebenso kennzeichnet wie die eigentliche Erzählweise, in der die Reduktion nicht bloß beschrieben, sondern stilistisch umgesetzt wird. Die Prosa ist „extrem verdichtet“, wirkt sprachlich „in ihren Wiederholungen, ihrer nüchternen Sachlichkeit, Einsilbigkeit und unbestechlichen Objektivität gleichsam erstarrt.“Haneborger: Max Frisch – Das Prosa-Spätwerk, S. 64 Die Erzählung wird von keinem auktorialen Erzähler vermittelt, sie wird weder kommentiert noch reflektiert. Der personale Erzähler nimmt die Perspektive des Protagonisten ein, weiß nur, was Herr Geiser weiß, erzählt in einer erlebten Rede im Präsens, die an einen inneren Monolog erinnert. Absicht des Erzählverfahrens ist der Eindruck von Unmittelbarkeit, der direkten Präsentation von Handlungen und Gedanken. Während die übrige Erzählung stark fragmentiert ist, immer wieder von einzeiligen Absätzen durchbrochen, bietet die eingefügte in sich geschlossene Matterhorn-Geschichte mit langen Passagen im Imperfekt und Plusquamperfekt einen starken „Stilbruch“.Vgl. zum Abschnitt: Petersen: Max Frisch, S. 170–175 Auch der Abschluss der Erzählung wechselt den Stil: im statischen Naturtableau des Tales löst sich der personale Bezug auf, verliert die Erzählung ihre Perspektive: Geiser, dem zuvor alles entfallen ist, ist nun „der Geschichte entfallen“.Kaiser: Endspiel im Tessin, S. 49
Die auffälligste Besonderheit der Erzählung ist ihre Collagetechnik, mit der Frisch die Montagetechnik aus seinen Tagebüchern oder der Erzählung Montauk weiter „radikalisiert“ hat.Klaus Müller-Salget: Max Frisch. Reclam, Stuttgart 1996, ISBN 3-15-015210-0, S. 35 In den eigentlichen Erzähltext werden die handschriftlichen Notizen des Herrn Geiser als fiktive Faksimiles sowie die ausgeschnittenen Abbildungen und Buchtexte im jeweiligen Drucksatz, mal Fraktur, mal Antiqua, montiert: die Zettel des Herrn Geiser werden gewissermaßen „eingeklebt“. Der Leser erfährt durch die Fremdtexte direkt, was Herr Geiser liest. Erneut ist das Ziel die Vermittlung von Unmittelbarkeit und Direktheit.Vgl. Petersen: Max Frisch, S. 170–171 Lediglich durch die Anordnung der Texte findet ein Kommentar statt, dessen sich der Autor im Text selbst enthält. So kommentiert am Ende ein Lexikonausschnitt zum Stichwort „Schlaganfall“ den Zustand des Herrn Geiser, über den er sich selbst nicht im Klaren ist.
Interpretation
Titel
Die Aussage Der Mensch erscheint im Holozän ist aus naturwissenschaftlicher Sicht falsch. In die Erzählung ist ein Lexikoneintrag montiert, in dem erklärt wird: „Im →Pleistozän erscheint nach bisheriger Auffassung der Mensch (Altsteinzeit); die erdgeschichtl. Gegenwart spielt sich im →Holozän ab.“Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän (1981), S. 28 Auf der Wanderung nach Basel repetiert Herr Geiser sein Wissen jedoch mit den Worten: „der Mensch erscheint im Holozän.“Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän (1981), S. 103 Diese Verschiebung des Inhalts lässt sich auf mehrere Arten erklären: Herr Geiser verwechselt die Lexikonfakten. Der Titel verweist somit auf den Verlust seines Gedächtnisses. Dies ist laut Jürgen H. Petersen die wahrscheinlichste Erklärung, da sie in Übereinstimmung mit den Motiven des Alterns und des Verfalls stehe, die die Erzählung bestimmen.Petersen: Max Frisch, S. 169–170 Herr Geiser nimmt eine bewusste Korrektur vor: Aus seiner Perspektive entsteht das menschliche Leben erst in und mit seiner Gegenwart. Der Titel verweist auf die Utopie eines künftigen Menschen, dessen Erscheinen noch aussteht. Der jetzige Mensch hat ein „humane[s] Menschen-Leben und Sterben“ bislang nicht verwirklicht.Lioba Waleczek: Max Frisch. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001, ISBN 3-423-31045-6, S. 149 In der Gegenwart können zwar „Romane mit mäßiger Zuversicht“ geschrieben werden, doch die Hoffnung ruht auf einer künftigen, besseren Welt. „[D]er neue Mensch“ als eigentliche Hauptfigur der Erzählung tritt in ihr überhaupt nicht auf.Schmitz: Max Frisch: Das Spätwerk (1962–1982), S. 148 Zudem trägt der Titel seine eigene Umkehr in sich: „Das Holozän erscheint im Menschen“. In gleichem Maße, in dem der Mensch die Geschichte benennt, sie sozusagen in ihm erscheint, erscheint er auch durch Benennung seiner selbst in der Geschichte.Kaiser: Endspiel im Tessin, S. 47
Herrn Geisers Katastrophe
Herrn Geisers Übertreibung des Unwetters zu einer fast apokalyptischen Katastrophe und seine Angst vor Gedächtnisverlust sind Ausdruck seiner Angst vor dem Tod. In seinem Haus trägt er einen Hut, ohne zu wissen warum, denn etwas in ihm ahnt, dass er sich im Aufbruch befindet. Auf die Ahnung des Todes reagiert er mit „Weltdeutung“, er beschäftigt sich mit der Geschichte seiner Art, vollzieht selbst den „Menschheitskulturschritt zur Schrift“, der sich in seinem zusammengetragenen Wissen manifestiert, mit dem er sein Haus tapeziert. In diesem Schritt wird sein Bewusstsein zum Bewusstsein aller Menschen, seine Wohnstube zum Wissensspeicher der gesamten Menschheit. Doch seine Versuche, die Welt durch das Wissen zu ordnen, führen ins Chaos. Durch Herrn Geisers nachlassendes Gedächtnis und seine Verwechslung der Fakten schrumpft das Weltwissen zum zufälligen Wissen eines alten Mannes, mit dem es verloren geht, der Weltuntergang wird zur Parabel seiner eigenen Endzeit.Vgl. zum Abschnitt: Kaiser: Endspiel im Tessin, S. 47–48 Auf sein Gefühl des Aufbruchs in den Tod reagiert Geiser mit einem letzten Ausbruchsversuch ins Leben, die Flucht ins städtische Basel. Doch die Frage „Was soll Herr Geiser in Basel?“Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän (1981), S. 105 bleibt unbeantwortet. Etwas wird „in seinem Kopf beschlossen“.Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän (1981), S. 104 Herr Geiser kehrt um. Es ist eine „Umkehr in den Tod“. Herr Geiser findet „seinen Tod […], indem er mit seinem ganzen Rest an Lebenskraft auf ihn zugeht.“Vgl. zum Abschnitt: Kaiser: Endspiel im Tessin, S. 51–52