mini|Unternehmenszentrale in Schindellegi (2011) Die Kühne + Nagel International AGEigenschreibweise: Kühne+Nagel ist ein börsennotiertes, international tätiges Logistik- und Gütertransportunternehmen mit Sitz in Schindellegi, Schweiz. Das Geschäft gliedert sich in die Bereiche Seefracht, Luftfracht, Landverkehr und Kontraktlogistik. Das Unternehmen ist in rund 100 Ländern vertreten (Stand: Mitte 2026) und gehörte bis zum Tod von Klaus-Michael Kühne zu den 500 grössten Familienunternehmen der Welt.

mini|Handelsregistereintrag der Firmengründung Geschichte Gründung und erste Jahrzehnte Am 1. Juli 1890 gründeten Julius Wilhelm August Kühne (1855–1932) und Friedrich Gottlieb Nagel (1864–1907) in Bremen ein Speditions- und Kommissionsgeschäft,Kühne&Nagel: 100 Jahre bewegte Erfahrung. Eine Jubiläumsschrift (enthalten in Kühne&Nagel: Wir setzen alles in Bewegung … Transport Management weltweit). Hamburg 1990, S. 3. das nach dem Tod von Nagel in den alleinigen Besitz von Kühne überging.Kühne&Nagel: 100 Jahre bewegte Erfahrung. Eine Jubiläumsschrift (enthalten in Kühne&Nagel: Wir setzen alles in Bewegung … Transport Management weltweit). Hamburg 1990, S. 7. Zunächst befanden sich die Geschäftsräume in der Langenstraße 49, dann in der Kaiserstraße 40. In Hamburg entstand 1902Kuehne & Nagel International AG. In: International Directory of Company Histories, Band 53. St. James Press, Detroit, Mich. u. a. 2003, ISBN 1-55862-694-8. eine Niederlassung, die vom jüdischen Kaufmann Adolf Maass, von 1908 an Gesellschafter von Kühne & Nagel, aufgebaut wurde.Kühne+Nagel mauert – Verwertung ohne „Relevanz“. In: taz.de, 6. Februar 2015. Sein Anteil an der Hamburger Filiale stieg später auf 45 Prozent.Olaf Wunder: Kühne+Nagel: Papas schmutzige Geschäfte. In: Hamburger Morgenpost, 4. September 2021. 1909 erwarb Kühne als Firmensitz die „von Kapff'sche Burg“ an der Großen Weserbrücke. Bis zum Ersten Weltkrieg errichtete das Unternehmen Niederlassungen und Büros in Bremerhaven, Lübeck, Leipzig und Berlin. In den Kriegsjahren kam das Geschäft fast zum Erliegen. In den Nachkriegsjahren folgte der schrittweise Wiederaufbau.Kühne&Nagel: 100 Jahre bewegte Erfahrung. Eine Jubiläumsschrift (enthalten in Kühne&Nagel: Wir setzen alles in Bewegung … Transport Management weltweit). Hamburg 1990, S. 8–11.

Zeit des Nationalsozialismus Im April 1933, kurz nach dem Tode August Kühnes, wurde Adolf Maass – mit 45 Prozent der grösste Anteilseigner von Kühne + Nagel – von den Söhnen Alfred Kühne (1895–1981)Kühne, Alfred Deutsche Biografie (1982) und Werner Kühne (* 1898, erwähnt 1951)Kühne, Werner Deutsche Biografie (1982) aus dem Unternehmen gedrängt.NS-Erbe einer Transportfirma, Lasten der Vergangenheit, in: tageszeitung vom 31. März 2015, abgerufen am 3. April 2015 Er wurde 1942 zunächst nach Theresienstadt und 1944 ins KZ Auschwitz deportiert und dort ermordet., auch abrufbar bei msn:

Am 1. Mai 1933 traten die beiden verbliebenen Hauptanteilseigner Alfred Kühne und sein Bruder Werner Kühne mit den Mitgliedsnummern 3.001.238 und 2.829.501 in die NSDAP ein und waren beide ebenfalls Mitglied der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Ihr Unternehmen erhielt 1937 als „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ ein Gaudiplom.Staatsarchiv Hamburg, Signatur 371-8 II_SXXI A15 a 133

Kühne + Nagel kam eine Schlüsselrolle bei der „M-Aktion“ («M» für Möbel) des NS-Regimes zu. Insgesamt hatte die verantwortliche NS-Dienststelle bis August 1944 in den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Luxemburg die Möbel und Einrichtungsgegenstände aus rund 65.000 „unbewachten jüdischen Wohnungen“ von geflohenen oder deportierten Juden abtransportieren lassen. 500 Frachtkähne und 674 Züge waren dafür nötig. Bei der Umsetzung half Kühne + Nagel. Das Unternehmen war direkt und mit Hilfe von Subunternehmen in allen besetzten westlichen Ländern aktiv. Die Transporte aus den Niederlanden sind am ausführlichsten recherchiert. K + N charterte beispielsweise einen eigenen Dampfer, um jüdisches Raubgut in das Deutsche Reich zu transportieren. Das erste Frachtschiff aus Amsterdam traf im Dezember 1942 in Bremen ein. Die Stückliste weist 220 Armsessel, 105 Betten, 363 Tische, 598 Stühle, 126 Schränke, 35 Sofas, 307 Kisten mit Glasgeschirr, 110 Spiegel, 158 Lampen, 32 Uhren, ein Grammophon und zwei Kinderwagen aus. Dabei handelte es sich um das Eigentum niederländischer Juden, die im Sommer 1941 in Konzentrationslager deportiert worden waren.Kühne + Nagels Rolle bei der Ausplünderung der Juden in: Die Welt

Für den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg führte Kühne + Nagel laut dem Historiker Wolfgang Dreßen „allein aus Paris […] zwischen 1941 und 1944 29 Kunsttransporte“ durch.Plünderung jüdischen Eigentums – Billigende Inkaufnahme. In: taz.de, 29. November 2010 In Südfrankreich suchte auch ein Mitarbeiter von Kühne + Nagel aktiv nach Möbeln. Laut Dreßen gab es eine äusserst enge Zusammenarbeit mit Behördenmitarbeitern und der deutschen Besatzung. Es existierte eine eigene DIN-Norm, nach der geraubtes Gut verteilt wurde.

„Die Firma ist somit mitverantwortlich für den Tod von Leuten, sie haben damit Geld verdient“, ordnet Dreßen die Verantwortung von Kühne + Nagel ein. Auch der Historiker Frank Bajohr vom Münchner Zentrum für Holocauststudien im Institut für Zeitgeschichte (IfZ) sieht in den Geschäften von Kühne + Nagel „eine relative Nähe zum Massenmord“. Bei der Verschickung des geraubten Mobiliars der deportierten Juden habe die verantwortliche NS-Dienststelle Westen eng mit der Spedition Kühne + Nagel zusammengearbeitet, sagt der Historiker Johannes Beermann,Eigeninitiative als Ordnungsprinzip. Bremer Spediteure und Gerichtsvollzieher während der Shoah, Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS) yadvashem.org, abgerufen am 25. Februar 2016 der zu den M-Transporten forschte.Johannes Beermann in: Jaromir Balcar (Hg.): Raub von Amts wegen, Edition Temmen 2014, S. 208 ff. Kühne + Nagel übernahm schliesslich selbst die Organisation der Transporte aus den besetzten Westgebieten ins Reich.

Wolfgang Dreßen weist darauf hin, dass Kühne + Nagel nicht alleine gewesen sei, auch andere grosse Logistikunternehmen seien ähnlich verstrickt gewesen. Allerdings war Kühne + Nagel führend in dem entstandenen verbrecherischen Wirtschaftszweig; „dabei gelang es dem Fuhrunternehmen, sich so erfolgreich gegen potenzielle Mitbewerber durchzusetzen, dass Kühne + Nagel im Verlauf der 'M-Aktion' quasi das Monopol auf diese lukrativen Staatsaufträge erhielt“, beurteilt Beermann die Rolle des heute drittgrössten Logistikunternehmens der Welt.Die Welt Kühne + Nagels Rolle bei der Ausplünderung der Juden Das jüdische Eigentum wurde oft als Hollandmöbel bezeichnet. Kühne + Nagel weigert sich bis heute (Stand Februar 2026) seine NS-Vergangenheit aufzuarbeiten.Le Thy: Wie Familienunternehmen ihre NS-Vergangenheit aufarbeiten. In: deutschlandfunkkultur.de, 12. Februar 2026, abgerufen am 13. Februar 2026, 3:20–3:40min.

Entnazifizierung und Organisation Gehlen Die Brüder Alfred und Werner Kühne wurden nach Kriegsende durch amerikanische Stellen einer umfangreichen Untersuchung zu ihrer Rolle in der nationalsozialistischen Herrschaftszeit unterzogen. In den Entnazifizierungsakten findet sich die Intervention der CIA, die „top secret“ klassifiziert war. Das Schreiben ist die Anordnung, dass Alfred Kühne zu entnazifizieren sei. Nach Informationen des Geheimdienst-Wissenschaftlers Erich Schmidt-Eenboom gehörte Kühne + Nagel zu den wichtigsten Tarnunternehmen der neu aufgebauten Organisation Gehlen. Er beurteilt die Bedeutung von Kühne + Nagel wie folgt: „Die CIA hat 1955 eine Aufstellung sämtlicher Tarnfirmen des Gehlen-Apparates gemacht, und da rangiert Kühne + Nagel sehr weit oben. Zum einen die Bremer Zentrale, zum zweiten die Münchner Niederlassung, und zum dritten war das Bonner Büro von Kühne + Nagel der Sitz von Gehlens Verbindungsmann zur Bundesregierung.“

Ab 1945 Nach den Luftangriffen auf Bremen und Hamburg und in der Nachkriegszeit kontrollierten die Gebrüder Kühne die Kühne-+-Nagel-Geschäfte vom Anwesen Lichtensee in Hoisdorf aus, das Werner Kühne 1938 der jüdischen Hamburger Industriellenfamilie Hugo Hartig (1871–1928) – die in die USA flüchten mussteVom Landhaus „Waldfrieden“ zum Pflegeheim „Lichtensee“ – für 100.000 Reichsmark (RM) abkaufte.Stormarn: Die Kirche stellt sich der Nazi-Zeit, Hamburger Abendblatt vom 16. März 2004, abgerufen am 25. Februar 2016Lichtensee: Thomas Hoske sortiert Fotos und Aufzeichnungen über die Villa. Ein Hausmeister schreibt Geschichte. 11. Januar 2008, abgerufen am 25. Februar 2016 Von Herbst 1945 bis Ende 1953 war der spätere Co-Gründer von Rohde und Liesenfeld, Dieter Liesenfeld (1921–2010), Teilhaber von Kühne + Nagel.50 Jahre K. & N. in Hamburg, Hamburger Abendblatt vom 1. Februar 1952Rohde Liesenfeld, Wer gehört zu wem, abgerufen am 6. April 2015Trauer um Dieter Liesenfeld, CDU-Reformer aus Blankenese, Hamburger Abendblatt vom 27. Dezember 2010, abgerufen am 6. April 2015

Die 1944 zerstörte Bremer Firmenzentrale, die sich ab 1910 in der sogenannten „Kappfschen Burg“ befand, wurde verlegt. Alfred Kühne erteilte dem Architekten Cäsar Pinnau den Auftrag, auf einem grösseren Gelände einen sechsgeschossigen Neubau zu errichten, der im März 1962Handelsblatt vom 9. März 1962/HWWA als August-Kühne-Haus eingeweiht und zwischen 1971 und 1972 um drei Etagen aufgestockt wurde.Architekturführer Bremen: August Kühne-Haus, abgerufen am 5. April 2015vgl. unbetitelte Fotomontage und Beschreibung der Bauarbeiten im Weser-Kurier vom 23. August 1971, S. 9. Dieses Gebäude wurde inzwischen durch einen Neubau ersetzt. Insbesondere wurden Baubeschränkungen durch ein zusätzlich aufgesetztes unverkleidetes Technikgeschoss ohne Baugenehmigung unterlaufen. 1950 wurde eine Zweigniederlassung in Buenos Aires/Argentinien eröffnet.VWD (Ffm), Nr. 238 vom 12. Oktober 1950 Der Anteilseigner Werner Kühne verliess im Dezember 1951 das Unternehmen, gründete in Bremen die Africana Transport GmbH und übernahm auf eigene Rechnung die bestehende Kühne + Nagel-Vertretung in Johannesburg/Südafrika.Firmendienst VWD (FfM) Nr. 247, HWWA A_10_K489 vom 21. Dezember 1951 Im April 1959 wurde mit der Kühne + Nagel AG (Kapital 500.000 Fr.) in der Schweiz eine Filiale in Zürich/Basel errichtet.Pressemitteilung von K & N, datiert 24. März 1959 (Sperrfrist 1. April 1959), HWWA A 10 K 489

Von den 1960er Jahren bis zur Jahrtausendwende 1963 wurde der Gründerenkel Klaus-Michael Kühne (1937–2026), der fünf Jahre zuvor in die Firma eingetreten war,Oliver Stock: Dynastie ohne Erbe. In: Handelsblatt, 5. Dezember 2006. mit 26 Jahren persönlich haftender Gesellschafter (Komplementär) und Teilhaber. 1965 wurde die Kühne & Nagel Speditions-AG in Bremen gegründet, die als haftende Gesellschafterin der Kühne & Nagel KG fungierte. Im Jahr 1966 trat Klaus-Michael Kühne als Vorstandsvorsitzender in die Geschäftsführung ein. 1966 befanden sich von den zehn Millionen Mark Aktienkapital 80 Prozent im Besitz der Familie und 20 Prozent in den Händen von Mitarbeitern, deren Aktienbesitz jedoch an die Mitarbeit in der Firma gebunden war. Klaus-Michael Kühne trieb den Ausbau des weltweiten Netzwerks weiter voran.Im Zeichen von Anker und Rad. In: Logistik Heute, H. 7–8/2015.