Die nganasanische Sprache ist eine der samojedischen Sprachen. Diese bilden gemeinsam mit den finno-ugrischen Sprachen die uralische Sprachfamilie.

Sprache Nganasanisch wird vom Volk der Nganasanen in der Mitte und im Südwesten der Taimyrhalbinsel in Russland gesprochen. Es gehört wie Nenzisch und Enzisch zur Gruppe der nordsamojedischen Sprachen.

Nach einer (umstrittenen) Zählung von 1989 sprachen 1.063 Menschen Nganasanisch als Muttersprache. Die Zahl der Nganasanen tendiert laut der letzten Bevölkerungszählung von 2002 zu weniger als 900. Davon nennen 83 % der Befragten Nganasanisch als ihre Muttersprache. Es steht zu befürchten, dass die Sprache in nicht ferner Zukunft aussterben wird.

Es existiert für das Nganasanische keine Schriftsprache. Nganasanisch gehört zu den wenigen lokalen Sprachen der Sowjetunion, die in den 1930er Jahren kein Alphabet erhielten. Anfang der 1990er Jahre gab es Versuche einer Transkription mit kyrillischen Buchstaben, die jedoch in der Praxis nicht verwendet wird. Das phonetische System umfasst acht Vokale, zwei sog. Diphthongoide (mit der Wertigkeit von Diphthongen: /ia/ und /ua/), wahrscheinlich keine Diphthonge (sondern Vokalsequenzen) und ca. zwanzig Konsonanten. Zentrale Elemente sind die Palatalisierung und der Stufenwechsel. Die Sprache weist sehr viele Ähnlichkeiten mit dem Selkupischen und Jukagirischen auf.

Dialekte Nganasanisch wird in zwei Dialekte unterteilt: Awamisch (russisch авамский говор) Wadeisch (russisch вадеевский говор)

Phonologie Das Vokalsystem der nganasanischen Sprache besteht aus acht Monophthongen (a, e, ǝ, i, ͐į, o, ü, u). Außerdem gibt es zwei Diphthongoiden (Bivokale) ia, ua (stehen Vokalen näher als Diphthonge) sowie zahlreiche Vokalsequenzen.

Die Vokale und Diphthongoiden variieren in Hinsicht ihrer Aussprache massiv.

z. B. ǝ bei nichtersten Silben zwischen [e], [o] und [a]: heŋkǝ [h´ŋke ~ h´eŋko ~ h´eŋka], „schwarz“

Auditiv erscheinen betonte Vokale gewöhnlich länger als nichtbetonte, in geschlossenen Silben länger als in offenen. Langvokale sowie Diphthonge werden als Vokalsequenzen betrachtet. Somit sind sie im Nganasanischen nur aufgrund der Natur ihrer Vokale zu unterscheiden. Langvokale beruhen im Nganasanischen auf gleichen (homogenen), Diphthonge auf unterschiedlichen (heterogenen) Vokalen.

Konsonanten sind labiale, dentale, palatale, velare oder glottale Explosive (stimmhaft/stimmlos), Affrikate (stimmlos), Frikative (Sibilanten-stimmlos/Spiranten-stimmhaft), Nasale, Laterale oder Vibranten.

Morphologie Derivationelle Morphologie Die Vokalharmonie des Nganasanischen verteilt sich morphologisch auf zwei Stammklassen: die U-Klasse und die I-Klasse. Jeder Stamm besitzt drei Varianten, die zur Beschreibung der Kombination mit Ableitungen und Suffixen genutzt werden können.

S1 = Nominativ Singular bzw. Infinitivstamm

S1‘ = Variante von S1 bei geschlossener Silbe

S2 = Genitiv/Akkusativ Singular bzw. Konnegativ bzw. Imperfekt 2. Person Singular der subjektiven Konjugation im Indikativ

S2‘= Variante von S2

S3 = Genitiv Plural bzw. perfektiver Aorist

Nomen Das Nganasanische ist eine agglutinierende Sprache, sodass Eigenschaften durch Suffixe markiert werden.

Am Nomen des Nganasanischen werden Kasus, Numerus und Besitz markiert. Jedes Nomen kann auch adjektivisch verwendet werden.

Nomen im Nganasanischen besitzen drei Numeri: Singular (Sg), Dual (Du) und Plural (Pl). Sie besitzen drei grammatische Kasus: Nominativ (Nom), Genitiv (Gen) und Akkusativ (Akk), sowie drei Lokalkasus: Dativ-Lativ (Dat-Lat), Lokativ-Instrumental (Lok-Ins) und Ablativ (Abl). Des Weiteren gibt es sekundäre Lokalkasus wie Prolativ (Prol), Komitativ und Allativ. Diese waren ursprünglich selbstständig, sind jetzt im Genitiv aber fest an die Nomen gebunden. Die zweisilbigen Lokalkasus der Nomina sind zusammengesetzte Suffixe. Sie werden aus einem Koaffix und einer Postposition gebildet.

Im Singular sind Nominativ und Genitiv unbezeichnet. Die Anwendung des Akkusativs ist im Singular fakultativ.

Der Dativ-Lativ und der Allativ werden häufig gleichwertig verwendet. Allerdings drückt der Dativ eher eine Zeitspanne aus, während der Allativ eine zeitliche Begrenzung ausdrückt.

Der Lokativ-Instrumental bezeichnet einen (Handlungs-)Ort, Werkzeuge bzw. Instrumente, Transportmittel, eine kürzere Gleichzeitigkeit, ein Zusammensein oder eine Begleitung.

Der Prolativ drückt die Bewegung „an etwas vorbei, entlang“ aus sowie die Bewegung „durch etwas hindurch“ oder einen temporalen Handlungsverlauf.

Die grammatischen Kasus besitzen Numerus- und Kasuskongruenz, während die Lokalkasus nur Numeruskongruenz zeigen. Im Dual steht das gesamte Nomensyntagma mit Ausnahme des Nominativs Singular im Genitiv. (Katzschmann 2008) +SgPlDuNominativØ -" -KƏJGenitivØ ~ (-Ŋ) -" -KIAkkusativØ ~ (-M) -J -KIDativ -NTƏ -NTI-" -Lokativ -NTƏ-NU -NTI-NU -Ablativ -KƏ-TƏ -KI-TƏ, ~KI-TI-" -Prolativ -MƏ-NU -"-MƏ-NU - Ein Deklinationsbeispiel für die Deklination der U-Klasse ist das Wort kuhu („Fell“). SGPLDUNOMkuhukubu‘‘kuhugəjGENkubukuba‘‘kuhugiAKKkubu(m)kubujkuhugiDATkubutəkubuti‘‘kuhugi naLOCkubutənukubutinü‘‘kuhugi nanuABLkuhugətəkuhugitə / kuhugəti‘‘ / kuhugiti‘‘kuhugi natəPROLkuhumənukuba‘‘mənukuhugi namənu Ein Deklinationsbeispiel für die Deklination der I-Klasse ist das Wort tohi („Stamm“). SGPLNOMtohitobi‘‘GENtobitobi‘‘AKKtobi(m)tobijDATtobitətobiti‘‘LOCtobitənitobitiniABLtohigətətohigitəPROLtohimənitobi‘‘məni

Wagner-Nagy nennt ein paar besondere Eigenschaften der Substantive im Nganasanischen, die in anderen Sprachen nicht vorkommen. Die Vergangenheit im Nganasanischen kann nicht nur an Verben, sondern auch an Nomina markiert werden. Die sogenannten präterialen Nomina werden durch das Suffix –D‘əə ausgedrückt, z. B. basa à basad’e („das gewesene Eisen“). Allerdings wird dieses Suffix nur selten benutzt.

Um ein Nomen als Attribut oder Prädikat zu benutzen, wird das Karitivsuffix –KAJ, -KAL’I benutzt. Es wird oft mit dem Partizip Imperfekt des Verbs iśa verwendet (ičüe). Es bindet sich an den Nominativstamm des Substantives, z. B.  nig’aj ičüe („ledig“).

Damit Nomina, die abstrakte Inhalte bezeichnen, wiedergegeben werden können, benötigt das Nganasanische das Suffix –TU‘‘. Es bindet sich an die Stämme der abstrakten Substantive und ist ein formatives Suffix. Das bedeutet, dass die Stämme, an die es sich bindet, nicht alleine stehen können. Ein Beispiel dafür ist d’üraδi („Tiefe“).

Um den zukünftigen Besitz auszudrücken, gibt es im Nganasanischen das Suffix -Tə + Px. Das Possessivsuffix markiert die Person, für die der zukünftige Besitz bestimmt ist, z. B. taaδəmə („Rentier für mich“). (Wagner-Nagy 2002)

Possessivsuffixe Um die Possessivität zu bezeichnen, besitzt das Nganasanische Suffixe, die denen der drei Personen in den drei Numeri (Sg, Pl, Du) entsprechen. Die Verwendung von Personalpronomen ist fakultativ und dient nur der Verstärkung. Die Possessivsuffixe stehen nach den Numerus- und Kasuszeichen, also wortfinal. Nur der Allativ, der auf eine Postposition zurück geht, bildet eine Ausnahme. (Katzschmann 2008)

Morphoneme der Possessivsuffixe

Px1 = Possessivsuffixe beim NomSg

Px2 = Possessivsuffixe beim GenSg, allen Lokalkasus und Adverbien

Px3 = Possessivsuffixe beim AkkSg

Px4 = Possessivsuffixe beim GenPl

Px4‘ = Possessivsuffixe beim AkkDu/Pl Possessivsuffixe (Px)NomSg

Px1AkkSg

Px3Nom/Akk

Du/Pl

Px4‘Gen

Du/Pl

Px4Übrige/Adverbien

Px21SgϺӘMӘJ-NӘ‘‘-NӘNӘ2SgRӘM-TӘJ-TӘ‘‘-TӘNTӘ3SgTUM-TUJ-TU‘‘-TUNTU1DuMINMINJ-NIN‘‘-NINNIN2DuRINM-TINJ-TIN‘‘-TINNTIN3DuTINM-TINJ-TIN‘‘-TINNTIN1PlMU‘‘MU‘‘J-NU‘‘‘‘-NU‘‘NU‘‘2PlRU‘‘M-TU‘‘J-TU‘‘‘‘-TU‘‘NTU‘‘3PlTUŋJ-TUŋJ-TUŋ‘‘-TUŋNTUŋ

Possessivsuffixe der Kasus im Singular PxNomAkkGen u.a1Sgməmənə2Sgrə, lə, l‘əmtə(n)tə3Sgtu, δu, ti, δi

tü, δü,, ti, di

t’ü, t‘imtu, mti

mtü, mti(n)tu, (n)ti

(n)tü, (n)ti

t’ü, t‘i1Dumimini2Duri, l‘imti(n)ti, ndi, t’i3Duti, δimti(n)ti, ndi, t’i1Plmu‘‘, mi‘‘

mü‘‘, mi‘‘mu‘‘, mi‘‘

mü‘‘, mi‘‘nu‘‘, ni‘‘

nü‘‘, ni‘‘2Plru‘‘, lu‘‘, ri‘‘, li‘‘

rü‘‘, l’ü, ri‘‘, l’i‘‘mtu‘‘, mti‘‘

mtü‘‘, mti‘‘(n)tu‘‘, ndu‘‘, (n)ti‘‘, ndi‘‘

(n)tü‘‘, ndü‘‘, (n)ti‘‘, ndi‘‘

t’ü‘‘, t’i‘‘3Pltuŋ, δuŋ, tiŋ, δiŋ

tüŋ, δüŋ, tiŋ, δiŋ,

t’üŋ, t‘iŋmtuŋ, mtiŋ

mtüŋ, mtiŋ(n)tuŋ, nduŋ, (n)tiŋ, ndiŋ

(n)tüŋ, ndüŋ, (n)tiŋ, ndiŋ

t’üŋ, t’iŋ

Possessivsuffixe der Kasus im Dual PxNom=Akk (Px4‘)

S1+ kailgai+ j+ PxGen(Px4)

S1+ kai/gai +‘‘ +Pxandere Cx1SgkəjnəgəjnəkəinəgəinəGen + Postposition

LAT na

LOC nanu

ABL natə

PROL namənu2Sgkəjt‘əgəjt‘əkəitəgəitə3Sgkəjt’ü, kəjt‘igəjt’ü, gəjt‘ikəitü, kəitigəitü, gəiti1Dukəjnigəjnikəinigəini2Dukəjt‘igəjt’ikəitigəiti3Dukəjt‘igəjt’ikəitigəiti1Plkəjnü‘‘, kəjni‘‘gəjnü‘‘, gəjni‘‘kəinü‘‘, kəini‘‘gəinü‘‘, gəini‘‘2Plkəjt’ü, kəjt‘‘igəjt’ü‘‘, gəjt’i‘‘kəitü‘‘, kəiti‘‘gəitü‘‘, gəiti‘‘3Plkəjt’üŋ, kəjt‘iŋgəjt’üŋ, gəjt‘iŋkəitüŋ, kəitiŋgəitüŋ, gəitiŋ

Possessivsuffixe der Kasus im Plural PxNom=Akk (Px4‘)

S3+ j+ PxGen(Px4)

S3+ ‘‘ +Pxandere Cx (Px2)

S21Sgnənənə2Sgt‘ə, t‘ətə(n)tə3Sgt’ü, t‘itu, ti

tü, ti(n)tu, (n)ti

(n)tü, (n)ti1Duninini2Dut‘iti(n)ti, ndi3Dut‘iti(n)ti, ndi1Plnü‘‘, ni‘‘nu‘‘, ni‘‘

nü‘‘, ni‘‘nu‘‘, ni‘‘

nü‘‘, ni‘‘2Plt’ü‘‘, t’i‘‘tu‘‘, ni‘‘

nü‘‘, ni‘‘(n)tu‘‘, ndu‘‘, (n)ti‘‘, ndi‘‘

(n)tü‘‘, ndü‘‘, (n)ti‘‘, ndi‘‘3Plt’üŋ, t‘iŋtuŋ, tiŋ

tüŋ, tiŋ(n)tuŋ, nduŋ, (n)tiŋ, ndiŋ

(n)tüŋ, ndüŋ, (n)tiŋ, ndiŋ

Pronomen Die Pronomen des Nganasanischen können ihre ursprünglichen Pronominalklassen wechseln und sogar als Adverbien gebraucht werden. Die Reflexiv- und Indefinitpronomen haben eine Sonderstellung, da ihnen eigene Stämme zugrunde liegen.

Personalpronomen Die Personalpronomen werden im Nganasanischen auch als fakultative, verstärkende Possessivpronomen benutzt.

Die Personalpronomformen der grammatischen Kasus werden nicht flektiert und sind somit identisch. Die Personalpronomen der Lokalkasus werden mit der Postposition na gebildet.

Außer den Personalpronomen gibt es im Nganasanischen noch Demonstrativpronomen und Interrogativpronomen sowie Reflexiv- und Indefinitpronomen. (Katzschmann 2008) +Personalpronomen des NganasanischenNom, Gen, AkkLativLokativElativProlativ Personalpronomen und Klitika Reflexivpronomen1Sgmənənanənanunənagətənənamənunəmɨlʲianəŋonənə2Sg2tənənantənanuntənagətətənamənuntətɨlʲiatəŋonəntə3Sgsɨtɨnantunanuntunagətətunamənuntusɨlʲiatɨŋonəntu1Duminaninanuninagətəninamənunimɨlʲianiŋonəni2Dutinandinanuntinagətəndinamənunditɨlʲiatiŋonənti3Dusɨtinandinanuntinagətəndinamənundisɨlʲiatiŋonənti1Plmɨŋnanuʔnanunuʔnagətənuʔnamənunuʔmɨlʲianɨʔŋonənuʔ2Pltɨŋnanduʔnanuntuʔnagətənduʔnamənunduʔtɨlʲiatiʔŋonəntuʔ3Plsɨtɨŋnanduŋnanuntuŋnagətənduŋnamənunduŋsɨlʲiatɨŋŋonəntuŋ

Diminutivsuffixe Es gibt geteilte Meinungen darüber, wie viele Diminutivsuffixe es in der Sprache gibt. Tereschenko nimmt an, dass es nur das Suffix –ku-gibt, das verschiedene Varianten aufweisen kann. Helimski hingegen nennt drei Diminutivsuffixe: –A-‘‘KU0, –KÜ0 und –AŋKU. Wagner-Nagy zufolge gibt es 4 verschiedene Suffixe.

Das Suffix –KU0

Dieses Suffix kommt selten vor und hat die Allomorphe: -ku, -kü, -gu, -gü. Ein Beispiel dafür ist  ərəkərə à ərəkərəku (ein bisschen schön). Wie in dem Beispiel erkennbar, bindet das Suffix an den Nominativstamm.

Das Suffix –A-‘‘KU0

Das Suffix –A-‘‘KU0 ist ein häufig vorkommendes Suffix. Es bindet sich an den Genitivstamm und verdrängt laut Helimski den letzten Vokal des Stammes. Somit ist zu erklären, weshalb fast ausschließlich der Vokal a vor dem Stimmbandverschlusslaut steht. Ein Beispiel für dieses Suffix ist d‘ikarə à d’ikaraku (kleiner Berg).

Das Suffix – AŋKU

Dieses Suffix bindet sich wie auch das –A-‘‘KU0-Suffix an den Genitivstamm. Der Vokal u in diesem Suffix hat die Allomorphe u, ü, i und i. Allerdings muss der Endvokal dieses Suffixes nicht zwingend ein u sein. Ein Beispiel dafür ist bariśi à baruśaŋku („Teufelchen“).

Das Suffix –MACKU0