mini|Blick auf Dessau 1860 Die Geschichte der Stadt Dessau umfasst die Entwicklungen auf dem heutigen Gebiet der Stadt Dessau von der ersten steinzeitlichen Besiedlung, der mittelalterlichen Gründung um 1200 bis zur Gegenwart. Dessau und Roßlau wurden 2007 zur Stadt Dessau-Roßlau vereinigt.
Von den Anfängen zur Residenz (bis Ende des 15. Jahrhunderts) Steinzeitliche Funde weisen auf frühe Besiedlungen der Region hin. Eine durchgehende Siedlungsgeschichte kann jedoch erst ab dem Hochmittelalter geschrieben werden, wobei einzelne Stadtteile bzw. Vororte Dessaus, die um das Jahr 1000 entstanden, älter als die eigentliche Stadt sind.
Dessau selbst entstand als Handelsplatz westlich der Mulde an einer Kreuzung einer ost-westlich verlaufenden Handelsstraße, an der eine Brücke über die Mulde und eine Mühle seit 1180 urkundlich erwähnt sind, mit nord-südlich verlaufenden Handelsstraßen auf der letzten hochwassersicheren Erhebung vor der Elbquerung. Die erste bekannte urkundliche Erwähnung ist aus dem Jahr 1213 als Dissowe. Die Herleitung des Namens ist umstritten und kann sowohl slawisch (von tis = Eibenbaum) als auch germanisch als rauschende Aue gedeutet werden. Umgeben war Dessau von mehreren slawischen bzw. sorbischen Dörfern. Durch seine Lage an einer Elbequerung entwickelte sich Dessau zu einem regionalen Zentrum und war seit dem Jahr 1471 feste Residenz einer Linie der Fürsten von Anhalt, beginnend mit Fürst Ernst, und damit Hauptstadt des Fürsten- und späteren Herzogtums Anhalt-Dessau beziehungsweise Anhalt. Aufgrund der geringen räumlichen Ausdehnung von Anhalt-Dessau und der dominierenden Stellung der Fürsten lässt sich die Geschichte der Stadt in den nächsten Jahrhunderten kaum von der Geschichte von Anhalt-Dessau trennen.
Die Residenzstadt (Ende des 15. Jahrhunderts bis zum Dreißigjährigen Krieg) mini|Das Stadtschloss um 1900 1488 konnte der Rat dem Fürsten die Gerichtsbarkeit für das damalige Stadtgebiet abkaufen. Weitere Rechte gegenüber den Fürsten konnte die Stadt allerdings nicht erreichen. Rege Bautätigkeit des Fürsten Ernst und seines Nachfolgers Johann (Neubau der Marienkirche ab 1506, Neubau des Schlosses ab 1530), das Stapelrecht für auf der Elbe transportierte Waren, der Ausbau des Elbübergangs mit einer Fähre, seit 1580 eine Brücke sowie Bautätigkeit und Hofhaltung der Fürsten führten zu einem wirtschaftlichen Aufschwung, sodass die Stadt schon im 16. Jahrhundert über ihre damaligen Befestigungen hinaus Richtung Osten und Süden erweitert wurde.
Der Reformation stand das Fürstenhaus zunächst ablehnend gegenüber. Ein Fürstentag 1526 in Dessau führte zum Dessauer Bund katholischer Fürsten. Aber schon 1534 wurde in der Marienkirche erstmals das Abendmahl im protestantischen Ritus gereicht, endgültig konvertierte die Stadtgemeinde 1540 zum Protestantentum.
Der Dreißigjährige Krieg stoppte die wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung. Dessau wurde wiederholt Durchmarschgebiet aller Krieg führenden Parteien, da die Roßlauer Elbbrücke im Norden von Dessau im Gegensatz zu den Brücken in Wittenberg und Magdeburg als einzige Brücke an der Mittelelbe nicht mit einer Festung geschützt war. 1626 kam es an der Elbbrücke zum Aufeinandertreffen kaiserlicher Truppen unter Wallenstein und protestantischer Truppen unter Mansfeld, das mit einem Sieg der Kaiserlichen endete. Kaiserliche hielten die Brücke bis zur Einnahme Magdeburgs 1631 besetzt und ließen sie danach zerstören. Fortdauernde Einquartierungen, Requirierungen und Verpflegung der Truppen, Kontributionen, Verpflichtungen zu Schanzarbeiten ließen Stadt und Land verarmen, auch Demarchen des Fürsten beim Kaiser konnten daran nichts ändern. Hinzu kamen das Versiegen der Handelsströme und eine Pestepidemie Ende der 1620er Jahre.
Die Zeit des Absolutismus Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts konnte sich Dessau von diesem Geschehen erholen. Fürst Johann Georg II. hat durch seine Heirat mit Henriette Catharina von Nassau-Oranien eine direkte Verbindung in die damals reichen Niederlande geschaffen, durch die auch wirtschaftliche Impulse nach Dessau ausstrahlten. Eine aktive Werbung von Siedlern ließ die Bevölkerungszahl wieder ansteigen. Erstmals nach über 100 Jahren wurde die Stadt wieder erweitert, diesmal nach Norden (Neustadt), und eine neue Kirche, St. Johannis (Baubeginn 1690), angelegt. Bereits 1682 war die zerstörte Elbbrücke durch eine Gierfähre ersetzt worden. Daneben entstanden erste Manufakturen.
Die ersten Juden kamen zur Wirtschaftsförderung in die Stadt und siedelten in der Sandvorstadt nach dem Edikt zur Ansiedlung 1672, später auch im gesamten kleinen Fürstentum. 1674 lebten hier neun Schutzjuden „samt Weibern, Kindern und Gesinde“. Die jüdischen Kaufleute fanden günstige Voraussetzungen, der Messeplatz Leipzig war nicht weit und die merkantilistische Wirtschaftspolitik begünstigte sie.
1685 wurde Moses Benjamin Wulff (gest. 1729) als „Hofjude“ des anhaltinischen Fürsten nach Dessau berufen. Zu seinen Aufgaben zählten die Reorganisation des Münzwesens, Erhebung der Steuern, Ausrüstung der Armee und Verwaltung des fürstlichen Vermögens. Eine jüdische Gemeinde wird erstmals im Jahre 1678 schriftlich erwähnt. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war etwa ein Sechstel der Bevölkerung des Fürstentums Anhalt-Dessau jüdischen Glaubens. mini|Akzisemauer im Stadtpark Der Sohn Johann Georgs II., Fürst Leopold I., häufig der Alte Dessauer genannt, regierte ab 1698 und setzte die Bautätigkeit seines Vaters fort. Die Johanniskirche wurde 1702 vollendet und geweiht, 1706 wurde mit der Anlage der Wasserstadt Dessau zum ersten Mal über die Mulde nach Osten ausgeweitet. Die alte Stadtmauer, über die die Stadt längst hinausgewachsen war, wurde niedergelegt und durch eine weit außerhalb um die Stadt führende neue Stadtmauer ersetzt. Diese diente aber nicht mehr Verteidigungszwecken, sondern der Sicherung der Einnahmen der 1704 von Leopold eingeführten Akzise, die an fünf Stadttoren kassiert wurde, sie gilt als Vorbild der später in Berlin errichteten Akzisemauer. mini|Kavalierstraße um 1900, mit dem Erbprinzl. Palais
Nach dem Vorbild von der Berliner Straße Unter den Linden ließ Leopold westlich der Stadt eine Prachtstraße, die Kavalierstraße anlegen und mit Stadtpalais für einige seiner Söhne bebauen, um die Entwicklung der Straße voranzutreiben. Weitere Palais für Kinder der Fürsten wurden in der Stadt gebaut (Palais Dietrich, Fertigstellung 1752, Palais Waldersee, Fertigstellung 1795), sowie 1752 bis 1757 durch eine Tochter Leopolds, Anna-Wilhelmine, das Schloss Mosigkau in einem heutigen Stadtteil. Leopold ließ den Nordflügel des Stadtschlosses abbrechen und öffnete dieses damit U-förmig zur Stadt hin.
Um den Handel zu intensivieren, wurden der noch heute genutzte Leopoldshafen an der Elbe und ein Kornspeicher an der Elbe am Standort der heutigen Ausflugsgaststätte Kornhaus angelegt, die auf Leopold zurückgehen. Die Elbbrücke wurde zunächst als Pontonbrücke und 1739 wieder als feste Brücke wiederhergestellt.
Nach dem Tode des Alten Dessauers 1747 folgte sein Sohn Leopold Maximilian, der 1748 das Leopolddankstift errichtete, dessen später hinzugefügter Turm nach dem Vorbild des Hospitals Santo Spirito in Rom eines der Wahrzeichen Dessaus ist (heute: Museum für Naturkunde).
Die Zeit der Aufklärung Da Fürst Leopold III. noch minderjährig war, verwaltete zunächst sein Vormund und Onkel Dietrich das Fürstentum. Dietrich begann mit ersten Schulreformen. 1758 trat Franz, später auch Vater Franz genannt, die Regentschaft an, nachdem er – mitten im Siebenjährigen Krieg – aus der preußischen Armee ausgetreten war und Anhalt-Dessau für neutral erklärt hatte. Die auferlegten Kontributionen und Durchmärsche fremder Truppen strapazierten die Reserven des Fürstentums (und auch des Fürstenhauses) aufs Äußerste.
Nach Kriegsende brach Franz zu ausgedehnten Kavaliersreisen auf, deren Eindrücke er in Form eines tiefgreifenden Reformwerks umsetzte. Neben äußerlicher Umgestaltung mit Gestaltung zahlreicher Parkanlagen, wie dem Lustgarten, des Luisiums 1774, des Georgiums durch den jüngeren Bruder Johann Georg 1780 und des Kühnauer Parks, waren Infrastrukturmaßnahmen wie die Ertüchtigung der Deiche nach einem schweren Hochwasser 1771, die Befestigung von Straßen sowie die Einführung einer Straßenbeleuchtung (ab 1779) die wichtigsten Ergebnisse dieser Aktivitäten.
Eine Bildungsreform ermöglichte allen Kindern eine schulische Bildung, auch wenn sich Franz zu einer allgemeinen Schulpflicht noch nicht durchringen konnte. Das Philanthropinum von Johann Bernhard Basedow, 1774 eröffnet, wurde ein vielbeachtetes Experiment neuer Lehrformen. Später wurde die Hauptschule an der Kavalierstraße Rückgrat der schulischen Bildung in Dessau. Aus Dessau stammte der 1729 geborene Moses Mendelssohn, Sohn eines Lehrers und Thoraschreibers. Sein Lehrer war der gelehrte Landesrabbiner David Hirschel Fraenkel.
Franz förderte Gründungen in der Medienbranche. Seit 1763 erschien ein Amts- und Nachrichtenblatt. Die Allgemeine Buchhandlung der Gelehrten entstand 1781, um wissenschaftliche Autoren von den Verlegern unabhängig zu machen. Die Chalkographische Gesellschaft machte Kupferstiche für weite Kreise erschwinglich. Erstmals erschien 1806 die deutschsprachige jüdische Zeitschrift „Sulamith. Zeitschrift zur Beförderung der Kultur und Humanität unter der jüdischen Nation“ in Dessau; Herausgeber war David Fränkel (1779–1865), langjähriger Direktor der jüdischen Schule.
Seit 1794 bestand ein festes Schauspielensemble in Dessau, das ab 1797 im von Erdmannsdorff errichteten Hoftheater mit über 1.000 Plätzen ein festes Haus an der Kavalierstraße erhielt und die Theatertradition in Dessau begründete, die heute durch das Anhaltische Theater fortgeführt wird.
Baumaßnahmen, die im Wesentlichen durch Erdmannsdorff ausgeführt wurden, umfassten sowohl die Verlängerung der Kavalierstraße nach Süden, Umbauten am Stadtschloss, Neubauten der Hauptwache und Orangerie, die Landhäuser Luisium, Georgium und zahlreiche Gebäude in der Stadt. Vor den Toren der Stadt entstand der erste kommunale Friedhof in Deutschland, der Historische Friedhof.
Auch wenn nicht allen Reformprojekten Franz nachhaltiger Erfolg beschieden war, entstand ein reger Bildungstourismus nach Dessau, viele Geistesgrößen der Zeit wollten den „Musterstaat Anhalt“ (so Karl Marx noch 70 Jahre später) mit eigenen Augen sehen, dessen Ruf weit nach Europa ausstrahlte.
Auch während der napoleonischen Kriege bewahrte Franz Neutralität. Napoleon wählte auf seinem Vormarsch nach Berlin 1806 nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt den Weg über Dessau und machte dort Station. Franz konnte Kontributionen vom Land abwenden, musste aber häufige Einquartierungen französischer Truppen dulden. Aus dieser Zeit stammen Straßennamen und Hausnummern in Dessau, um die Einquartierungen logistisch zu bewältigen. 1809 zog der Freischärler Ferdinand von Schill durch Dessau und ließ dort seinen Aufruf An die Deutschen drucken.
Hochbetagt starb Franz im Jahr 1817, sein Werk wirkt auch heute noch als UNESCO-Weltkulturerbe Dessau-Wörlitzer Gartenreich nach.
Von der Residenz- zur Industriestadt mini|Dessau. Partie an der Mulde (1862) mini|Der Kleine Markt zu Dessau (1859) 1832 erließ der Herzog Leopold Friedrich eine neue Städteordnung für Anhalt-Dessau, die auch Dessau ein begrenztes Selbstverwaltungsrecht zusprach. Das begüterte Bürgertum durfte daraufhin Stadtverordnete wählen.