mini|Michael Ignatieff (2011) rahmenlos|hochkant|klasse=skin-invert-image
Michael Grant Ignatieff [] (* 12. Mai 1947 in Toronto, Ontario) ist ein kanadischer Historiker, Autor, Journalist und Politiker. Von 2008 bis 2011 war er der Vorsitzende der Liberalen Partei Kanadas und somit Oppositionsführer.
Ignatieff schrieb nach einigen Jahren Forschungstätigkeit Romane und politische Reportagen. Daneben arbeitete er als Publizist und als politischer Kommentator für die British Broadcasting Corporation. Vor seinem Einstieg in die Politik war er darüber hinaus Professor an der University of Cambridge, der University of Oxford, der Harvard University und der University of Toronto. Von 2016 bis 2021 war er Rektor der Central European University.
Im Januar 2006 wurde Ignatieff im Wahlkreis Etobicoke—Lakeshore im Südwesten Torontos ins kanadische Unterhaus gewählt. Im Dezember desselben Jahres bewarb er sich um das Amt des Parteivorsitzenden, unterlag aber im vierten Wahlgang Stéphane Dion. Die Unterhauswahl im Oktober 2008 endete unter Dions Führung mit einer Niederlage der Liberalen, woraufhin dieser zurücktrat und Ignatieff übergangsweise zum Vorsitzenden ernannt wurde. Der Parteitag im Mai 2009 bestätigte diese Ernennung. Bei der Unterhauswahl im Mai 2011 unterlag er in seinem Wahlkreis, woraufhin er seinen Rücktritt als Parteivorsitzender ankündigte.
Biografie Familiärer Hintergrund Michael Ignatieff ist der ältere Sohn des in Russland geborenen kanadischen Diplomaten George Ignatieff und dessen Ehefrau Jessie Grant. Die Vorfahren seiner Mutter sind schottisch-englischer Herkunft und lassen sich bis ins späte 18. Jahrhundert in Nova Scotia zurückverfolgen. Seine beiden Urgroßväter mütterlicherseits sind George Monro Grant, Dekan der Queen’s University, und der Autor George Robert Parkin, sein Onkel ist der Philosoph George Grant.
Väterlicherseits entstammt Ignatieff dem russischen Adel. Sein Großvater Pawel Ignatjew war Bildungsminister unter Zar Nikolaus II., dessen Ruf als liberaler Reformer ihn vor der Verfolgung der Bolschewiken verschonte. Sein Urgroßvater war Nikolai Ignatjew, Innenminister unter Zar Alexander II., der maßgeblich zur Unabhängigkeit Bulgariens beitrug. Über die Ehefrau des letzteren stammt Ignatieff von Feldmarschall Michail Kutusow ab.
In seinen Büchern The Russian Album und True Patriot Love nimmt Ignatieff ausführlich Stellung zu seinen zahlreichen bekannten Vorfahren, wobei er jedoch Ethnozentrismus und russischen Nationalismus entschieden ablehnt. Ignatieff ist russisch-orthodox; er spricht fließend Englisch und Französisch (mit einem französischen statt einem Québecer Akzent). Ignatieff ist seit 1999 mit der gebürtigen Ungarin Zsuzsanna Zsohar verheiratet. Aus seiner ersten, von 1977 bis 1998 dauernden Ehe mit der Engländerin Susan Barrowclough hat er einen Sohn und eine Tochter.
Jugend und Studium Da Vater George Ignatieff als Diplomat an verschiedenen Orten im Ausland arbeitete, zog die Familie häufig um. Als er elf Jahre alt war, wurde Michael Ignatieff zurück nach Toronto geschickt, wo er das Upper Canada College als Internatsschüler besuchte. Er war dort Präsident des Schülerrates, Kapitän der Fußballmannschaft und Chefredakteur des Jahrbuches. Bei der Unterhauswahl 1965 half er beim Wahlkampf des liberalen Kandidaten im Wahlbezirk York South. 1968 war er in der Jugendorganisation der Liberalen Partei tätig und unterstützte als Parteitagsdelegierter die Wahl von Pierre Trudeau zum neuen Vorsitzenden.
Nach dem Schulabschluss studierte Ignatieff Geschichte am Trinity College der University of Toronto. Im vierten Jahr teilte er sich ein Zimmer mit Bob Rae, dem späteren Premierminister der Provinz Ontario. Ignatieff setzte sein Studium an der University of Oxford fort, wo er maßgeblich vom Historiker und Philosophen Isaiah Berlin beeinflusst wurde, über den er später eine Biografie schrieb. Während seiner Zeit in Toronto arbeitete Ignatieff 1964/65 Teilzeit für die Zeitung The Globe and Mail. 1976 erhielt er an der Harvard University den Doktortitel für Geschichte (Ph.D.).
Wissenschaftliche und journalistische Tätigkeit Von 1976 bis 1978 war Ignatieff Assistenzprofessor an der University of British Columbia. Daraufhin zog er nach Großbritannien, wo er bis 1984 am King’s College in Cambridge forschte. Anschließend war er in London verstärkt als Autor und Journalist tätig, während dieser Zeit reiste er viel. Er dozierte an verschiedenen Universitäten in Europa und Nordamerika und lehrte an der University of Oxford, der University of London, der London School of Economics, der University of California sowie in Frankreich.
Als Ignatieff in Großbritannien lebte, wurde er einer breiteren Öffentlichkeit als Fernseh- und Radiomoderator bekannt. Unter anderem moderierte er Voices auf Channel 4 sowie die Diskussionssendung Thinking About und die Kultursendung The Late Show auf BBC Two. 1993 wurde die von ihm produzierte mehrteilige Dokumentation Blood and Belonging: Journeys into the New Nationalism ausgestrahlt. Von 1990 bis 1993 war er auch Kolumnist für die Zeitung The Observer.
Von 2000 bis 2005 leitete Ignatieff als Direktor das Carr Center for Human Rights Policy an der John F. Kennedy School of Government der Harvard University. Nach seiner Zeit als Parlamentsabgeordneter wurde er 2012 Professor für internationale Beziehungen an der Munk School of Global Affairs der University of Toronto. Von 2012 bis 2015 hatte er außerdem den Centennial Chair am Carnegie Council for Ethics in International Affairs in New York inne. Zugleich kehrte er 2013 auf seine Professur an der Harvard Kennedy School zurück und wurde dort 2014 Edward R. Murrow Professor of the Practice of the Press, Politics and Public Policy. Von 2016 bis 2021 war er Präsident und Rektor der Central European University in Budapest und (seit 2019) Wien.
Karriere als Politiker 2004 reisten zwei Vertreter der Liberalen Partei nach Cambridge (Massachusetts). Sie überzeugten Ignatieff (der inzwischen weitherum bekannt war), nach Kanada zurückzukehren, bei der nächsten Unterhauswahl zu kandidieren und eventuell den Parteivorsitz zu übernehmen, falls Paul Martin zurücktreten sollte. Noch monatelangen Gerüchten und wiederholten Dementis bestätigte Ignatieff im November 2005, dass er bei der Unterhauswahl 2006 antreten werde und deshalb im Wahlbezirk Etobicoke—Lakeshore in Toronto die Nomination als Kandidat der Liberalen anstrebe.
Einige Mitglieder ukrainischer Herkunft der Wahlbezirksorganisation wandten sich gegen die Nomination, da Ignatieff im Buch Blood and Belonging, in dem er unter anderem die Vorurteile von Russen gegenüber Ukrainern anspricht, angeblich anti-ukrainisch geäußert habe. Andere Kritiker bemängelten, dass Ignatieff über 30 Jahre lang im Ausland gelebt und sich selbst oft als Amerikaner bezeichnet habe. Es gab zwei andere Kandidaten, doch wurde diese wegen Formfehler ausgeschlossen. Am 23. Januar 2006 erzielte Ignatieff in seinem Wahlbezirk mit 43,6 % der Stimmen das beste Ergebnis und zog als Abgeordneter ins Unterhaus ein.
Die Liberale Partei verlor ihren Status als stärkste Kraft und ging in die Opposition. Paul Martin gab seinen bevorstehenden Rücktritt als Parteivorsitzender bekannt. Am 7. April 2006 gab Ignatieff seine Kandidatur um dessen Nachfolge bekannt und wurde dabei von zahlreichen Abgeordneten und ehemaligen Ministern unterstützt. Zu Beginn des vom 29. November bis 1. Dezember 2006 stattfindenden Parteikongresses in Montreal galt Ignatieff als Favorit und lag dementsprechend im ersten und zweiten Wahlgang vorne. Im dritten Wahlgang fiel er jedoch hinter Stéphane Dion zurück. Schließlich wurde Dion im vierten Wahlgang eher überraschend zum Vorsitzenden gewählt, nachdem der zuletzt ausgeschiedene Kandidat Bob Rae sich auf dessen Seite geschlagen hatte. Dion ernannte Ignatieff am 18. Dezember zu seinem Stellvertreter.
Die Liberalen verloren bei der vorgezogenen Neuwahl am 14. Oktober 2008 weitere Stimmen und Wähleranteile und erzielten das schlechteste Ergebnis in ihrer Geschichte. Einen Monat später erklärte Ignatieff, er stehe erneut als Kandidat für den Parteivorsitz zur Verfügung. Als die Liberale Partei mit den anderen Oppositionsparteien eine Übereinkunft schlossen, eine Koalition zu bilden und die konservative Minderheitsregierung zu stürzen, gab Ignatieff nur sehr zögerlich seine Zustimmung. Premierminister Stephen Harper vermied seinen Sturz durch ein Misstrauensvotum, indem er Generalgouverneurin Michaëlle Jean um die Aussetzung der Parlamentsarbeit bis Ende Januar 2009 bat. Daraufhin erklärte Dion, der bei einem Regierungswechsel neuer Premierminister geworden wäre, er bleibe nur noch so lange im Amt, bis ein neuer Vorsitzender gewählt worden sei.
Zwei anderen Kandidaten zogen sich zurück, so dass nur noch Ignatieff übrig blieb. Er wurde am 10. Dezember von der Parlamentsfraktion formell zum neuen Vorsitzenden der Liberalen Partei bestimmt und übernahm damit auch die Rolle des Oppositionsführers. Am 2. Mai 2009 fand in Vancouver ein außerordentlicher Parteitag der Liberalen statt. 97 % der Delegierten bestätigten Ignatieffs Wahl zum Vorsitzenden.
Am 25. März 2011 brachte Ignatieff ein Misstrauensvotum gegen die konservative Minderheitsregierung von Stephen Harper ein, das mit 156 zu 145 Stimmen erfolgreich war. Allerdings verzeichneten die Liberalen das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte und wurden nur noch drittstärkste Kraft. Bei der Wahl am 2. Mai 2011 unterlag Ignatieff in seinem Wahlkreis dem Konservativen Bernard Trottier. Am darauf folgenden Tag gab er bekannt, er werde als Vorsitzender zurücktreten. Dies geschah schließlich am 25. Mai, als Bob Rae zum interimistischen Vorsitzenden gewählt wurde.
Literarisches Werk Der British Council bezeichnet Ignatieff als „außergewöhnlich vielseitigen Autor“, sowohl was den Stil als auch die gewählten Themen betrifft. Seine Romane Asya, Scar Tissue und Charlie Johnson in the Flames handeln vom Leben und den Reisen eines russischen Mädchens, das Leiden einer Mutter an einer Nervenkrankheit und die Erinnerungen, die einen Journalisten in Kosovo verfolgen. In allen drei Werken sind Elemente von Ignatieffs eigener Biographie enthalten; beispielsweise arbeitete er als Journalist in Kosovo und in Kurdistan. In seinen historischen Memoiren The Russian Album erforscht er die Geschichte seiner Vorfahren in Russland, deren Mühen und schließlich deren Emigration als Ergebnis der Oktoberrevolution.
A Just Measure of Pain, Ignatieffs erstes veröffentlichtes Werk als Historiker, ist eine Geschichte des Strafvollzugs während der industriellen Revolution. Seine Biographie von Isaiah Berlin verdeutlicht den Einfluss, den dieser Philosoph auf ihn hatte. Philosophische Werke sind unter anderem The Needs of Strangers und The Rights Revolution, die stark von Isaiah Berlin beeinflusst sind. Diese wiederum beeinflussen Ignatieffs politische Sachbücher über nationale Selbstbestimmung und die Imperative demokratischer Selbstverwaltung. Blood and Belonging erforscht die Gemeinsamkeiten des Nationalismus in Jugoslawien und Nordirland. Dieses Buch ist das erste einer Trilogie über moderne Konflikte: Warrior’s Honour handelt von ethnisch motivierten Konflikten, unter anderem in Afghanistan und Ruanda, während Virtual War die Probleme der modernen Friedenssicherung beschreibt, mit besonderem Augenmerk auf die Präsenz der NATO in Kosovo.