mini|Charles Sanders Peirce (1891) Die Pragmatische Maxime ist ein Grundsatz, den Charles S. Peirce formuliert hat, um eine wesentliche Perspektive seiner Philosophie zu beschreiben. Mit der Bezeichnung Maxime lehnte er sich bewusst an Immanuel Kant an, um den normativen Charakter seiner Bestimmung zu verdeutlichen. Die Funktion dieser Maxime ist es, Klarheit über die Bedeutung eines Begriffs zu erlangen.
Der Maxime liegt die Vorstellung zugrunde, dass das Denken und damit auch wissenschaftliche Theorien die Aufgabe haben, Überzeugungen und damit Handlungsgewohnheiten herzustellen. Diese Vorstellung hatte Peirce in dem Aufsatz How To Make Our Ideas Clear (1878) entwickelt. „Gedanken in Aktion haben das einzig mögliche Motiv, Gedanken wieder zur Ruhe zu bringen; und was sich nicht auf eine Überzeugung bezieht, ist nicht Teil des Gedankens selbst.“Thought in action has for its only possible motive the attainment of thought at rest; and whatever does not refer to believe is not part of the thought itself. (1878, CP 5.396)
Sieben Formulierungen zur pragmatischen Maxime Peirce hat seine Maxime in einer Vielzahl von Varianten über einen Zeitraum von dreißig Jahren immer wieder neu formuliert. Dabei hat er die erste Variante auch am Ende dieses Zeitraums uneingeschränkt aufrechterhalten. Jede neue Variante gibt einen zusätzlichen Aufschluss über die Bedeutung, die Peirce seiner Maxime gab.
Das erste Zitat erscheint in einem Text, der die Form eines Lexikoneintrags hat, der als Definition des Pragmatismus geeignet ist. Die darin enthaltene Form der Maxime ist identisch mit der klassischen ersten Fassung im genannten Aufsatz: Pragmatismus. Die Meinung, dass Metaphysik weitgehend durch die Anwendung der folgenden Maxime zur Klarstellung von Auffassungen geklärt wird: „Überlege, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Bedeutung haben können, wir dem Gegenstand unseres Begriffes zuschreiben. Dann ist unser Begriff dieser Wirkungen der ganze Umfang unseres Begriffs des Gegenstandes.“Pragmatism. The opinion that metaphysics is to be largely cleared up by the application of the following maxim for attaining clearness of apprehension: "Consider what effects, that might conceivably have practical bearings, we conceive the object of our conception to have. Then, our conception of these effects is the whole of our conception of the object. (CP 5.2, 1902)
Die zweite Formulierung ist insofern von Bedeutung, als sie einerseits zeigt, dass die Maxime auch als individuelle Empfehlung aufgefasst werden kann. Andererseits geht aus ihr hervor, dass Peirce auch nach der Umbenennung seines Pragmatismus in Pragmatizismus die Maxime nicht verändert hat:
Pragmatizismus war ursprünglich in Form der folgenden Maxime beschrieben: Überlege, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Bedeutung haben können, Du dem Gegenstand Deines Begriffes zuschreibst. Dann ist Dein Begriff dieser Wirkungen der ganze Umfang Deines Begriffs des Gegenstandes.Pragmaticism was originally enounced in the form of a maxim, as follows: Consider what effects that might conceivably have practical bearings you conceive the objects of your conception to have. Then, your conception of those effects is the whole of your conception of the object. (CP 5.438, 1905)
In der dritten Version erfolgt eine Abwandlung der Umschreibung der praktischen Wirkungen und zusätzlich die Einbeziehung des pragmatischen Wahrheitsbegriffs von Peirce:
Solche und alle Begründungen beruhen auf der Vorstellung, dass, wenn man sich um bestimmte Arten von Willensakten bemüht, man entsprechend bestimmten erzwungenen Wahrnehmungen unterliegen wird. Diese Art von Erwägung, vor allem dass bestimmte Weisen des Verhaltens bestimmte Arten unvermeidlicher Erfahrungen nach sich ziehen, nennt man praktische Erwägungen. Daher ist die Maxime gerechtfertigt, dass Überzeugungen den Pragmatismus konstituieren, konkret: Um sich der Bedeutung eines intellektuellen Begriffs zu vergewissern, muss man in Betracht ziehen, welche praktischen Konsequenzen sich denkbarerweise aus der Notwendigkeit der Wahrheit dieses Begriffs ergeben können; und die Summe dieser Konsequenzen legt die ganze Bedeutung des Begriffs fest.Such reasonings and all reasonings turn upon the idea that if one exerts certain kinds of volition, one will undergo in return certain compulsory perceptions. Now this sort of consideration, namely, that certain lines of conduct will entail certain kinds of inevitable experiences is what is called a "practical consideration". Hence is justified the maxim, belief in which constitutes pragmatism; namely: In order to ascertain the meaning of an intellectual conception one should consider what practical consequences might conceivably result by necessity from the truth of that conception; and the sum of these consequences will constitute the entire meaning of the conception. (CP 5.9, 1905)
Die vierte Formulierung zeigt eine deutliche Ablehnung gegenüber allen spekulativen Anforderungen an seine Philosophie. In den Vorlesungen über Pragmatismus von 1903 ergänzt Peirce unmittelbar nach der hier zitierten Passage die Originalformulierung aus dem Jahr 1878 (s. o. erstes Zitat):
Einer der Fehler, den sie Ihrerseits, wie ich glaube, bei mir finden, ist der, dass ich den Pragmatismus bloß zu einer Maxime der Logik, statt zu einem erhabenen Prinzip der spekulativen Philosophie mache. Um ein besseres philosophisches Ansehen zu erlangen, habe ich mich bemüht, den Pragmatismus, wie ich ihn verstehe, in die Form eines philosophischen Theorems zu bringen. Mir ist nichts Besseres als das Folgende gelungen: Pragmatismus ist das Prinzip, dass jedes theoretische Urteil, das in einem Indikativsatz ausdrückbar ist, eine unklare Form des Denkens ist, deren einzige Bedeutung, wenn sie eine besitzt, in der Tendenz liegt, eine korrespondierende praktischen Maxime zu verstärken, die als ein Konditionalsatz, dessen Nachsatz im Imperativ steht, ausdrückbar ist.On their side, one of the faults that I think they might find with me is that I make pragmatism to be a mere maxim of logic instead of a sublime principle of speculative philosophy. In order to be admitted to better philosophical standing I have endeavored to put pragmatism as I understand it into the same form of a philosophical theorem. I have not succeeded any better than this: Pragmatism is the principle that every theoretical judgment expressible in a sentence in the indicative mood is a confused form of thought whose only meaning, if it has any, lies in its tendency to enforce a corresponding practical maxim expressible as a conditional sentence having its apodosis in the imperative mood. (CP 5.18, 1903, Übersetzung nach Walther: Vorlesungen über Pragmatismus).
Im fünften Zitat wendet Peirce sich gegen Fehlinterpretationen und versucht seine Maxime klarzustellen:
Die Lehre des Pragmatismus scheint zu besagen, dass das Ziel des Menschen Handeln ist – ein stoisches Axiom, dass sich dem Verfasser jetzt, im Alter von sechzig Jahren nicht mehr so überzeugend empfiehlt wie im Alter von dreißig Jahren. Im Gegenteil: gesteht man zu, dass das Handeln ein Ziel braucht und dass dieses Ziel eines von allgemeiner Art sein muss, dann richtet uns der Geist der Maxime selbst, der verlangt, dass wir das Endergebnis unserer Begriffe ins Auge fassen, um sie richtig aufzufassen, auf etwas anderes als praktische Tatsachen, nämlich auf allgemeine Ideen als die wahren Interpreten unseres Denkens.The doctrine appears to assume that the end of man is action — a stoical axiom which, to the present writer at the age of sixty, does not recommend itself so forcibly as it did at thirty. If it be admitted, on the contrary, that action wants an end, and that that end must be something of a general description, then the spirit of the maxim itself, which is that we must look to the upshot of our concepts in order rightly to apprehend them, would direct us towards something different from practical facts, namely, to general ideas, as the true interpreters of our thought. (CP 5.3, 1902, Übersetzung nach Apel, Schriften II, 278).
In der sechsten Quelle betont Peirce den methodischen Aspekt seiner Maxime:
Das Studium der Philosophie besteht daher in Reflexion, und Pragmatismus ist die Methode der Reflexion, die durch einen unablässigen Blick auf ihre Zwecke und die Zwecke der untersuchten Vorstellungen gerichtet ist, unabhängig davon ob diese in Handlungen oder Gedanken enden. … Es wird sich daher ergeben, dass Pragmatismus keine „Weltanschauung“ [im Orig. dt.], sondern eine Methode der Reflexion mit dem Ziel der Klärung der Gedanken ist.The study of philosophy consists, therefore, in reflexion, and pragmatism is that method of reflexion which is guided by constantly holding in view its purpose and the purpose of the ideas it analyzes, whether these ends be of the nature and uses of action or of thought. … It will be seen that pragmatism is not a Weltanschauung but is a method of reflexion having for its purpose to render ideas clear. (CP 5.13 note 1, 1902).
Die siebte ausgewählte Textstelle ist wiederum eine Klarstellung, die darauf schließen lässt, dass Peirce sich im Laufe der Zeit missverstanden sah, wohl durch verschiedene andere Darstellungen einer pragmatischen Philosophie, die mit seiner Auffassung nicht verträglich war. Peirce bezog sich auf die verschiedenen Formen des englischen Wortes concept, dessen deutsche Übersetzung mit „Begriff“ oftmals zu eng ist.
Diese fünffache Anwendung von abgeleiteten Begriffen aus dem lateinischen Wort „concipere“ muss damals einen Zweck gehabt haben. Tatsächlich waren es zwei: Zum einen sollte gezeigt werden, dass ich über Bedeutung in keinen anderen Sinn gesprochen habe als in einem intellektuellen Sinn. Zum anderen sollten alle Möglichkeiten vermieden werden, dass man mich dahin versteht, dass ich Begriffe durch Wahrnehmung, Abbilder, Schemata oder sonst etwas anderes als Begriff zu erklären versuche. Ich habe daher nicht sagen wollen, dass Handlungen, die reiner singulär sind als alles andere, den Sinn oder die voll angemessene Interpretation eines jeden Symbols konstituieren könnten. Ich habe Handlung mit dem Finale einer Symphonie von Gedanken verglichen, wobei Überzeugung darin wie eine Halbkadenz ist. Niemand ist der Auffassung, dass die wenigen Takte am Ende eines Musikstückes der Sinn des Stückes sind. Möglicherweise nennt man sie das Ergebnis. This employment five times over of derivates of concipere must then have had a purpose. In point of fact it had two. One was to show that I was speaking of meaning in no other sense than that of intellectual purport. The other was to avoid all danger of being understood as attempting to explain a concept by percepts, images, schemata, or by anything but concepts. I did not, therefore, mean to say that acts, which are more strictly singular than anything, could constitute the purport, or adequate proper interpretation, of any symbol. I compared action to the finale of the symphony of thought, belief being a demicadence. Nobody conceives that the few bars at the end of a musical movement are the purpose of the movement. They may be called its upshot. (CP 5.402 note 3, 1906).
Zur Entstehung der Maxime