mini|hochkant=1.2|Anhänger der Neturei Karta halten Schilder mit den Aufschriften „Zionismus und Judentum sind extreme Gegensätze“ und „Stoppt das Aushungern der Palästinenser“ sowie eine palästinensische Flagge während einer Demonstration gegen den Zionismus auf dem Trafalgar Square in London, 2006.
Neturei Karta (aramäisch נטורי קרתא, ) ist eine 1938 entstandene ultraorthodoxe jüdische Abspaltung der Agudat Jisra’el. Neturei Karta lehnt den Zionismus und den Staat Israel vehement ab aus dem Glauben, dass Juden erst bei einer Ankunft des Messias einen neuen jüdischen Staat gründen dürften. Die Teilnahme von führenden Mitgliedern der Neturei Karta an der Holocaustleugnungskonferenz in Teheran 2006 wurde kontrovers diskutiert.
Etymologie Ursprünglich wurde die Organisation als Chevrat HaChayim („Gesellschaft des Lebens“) bezeichnet; dieser Name wurde jedoch schnell zugunsten des Namens Neturei Karta verdrängt.
Der Name Neturei Karta bedeutet wörtlich „Wächter der Stadt“ auf Aramäisch und stammt aus einer Erzählung auf Seite 76c des Traktats Chagiga im Jerusalemer Talmud. Dort wird berichtet, dass Rabbi Judah haNasi zwei Rabbiner auf eine Inspektionsreise schickte:
Neturei Karta sieht sich in dieser Rolle, indem sie verteidigen, was sie als „die Position der Tora und authentisches unverfälschtes Judentum“ betrachten.
Geschichte Die Organisation entstand 1938 als Abspaltung der Organisation Agudat Jisra’el, als diese immer weniger antizionistisch wurde. Nach Ansicht der Gruppe wird nach der Wiederkunft des jüdischen Messias ein neues Israel als „ein Königreich“ ohne menschliches Zutun und ohne Waffengewalt entstehen, „dessen Grundlage der göttliche Dienst sein wird“.
Neturei Karta befürwortete die sogenannte Internationalisierung Jerusalems, worunter, im Sinne eines Corpus separatum, der UN-Teilungsplan für Palästina 1947 eine UN-Sonderverwaltungszone für Jerusalem verstand. Ihr damaliger Leiter Amram Bloy richtete sich im Juli 1949 in einem Appell an die UNO und forderte, dass Juden, die dies wünschten, UN-Pässe für Jerusalem erhalten sollten. Er argumentierte, die Tora verbiete, das Exil in der jüdischen Diaspora – Galut (hebräisch גלות) – zu beenden und einen Staat zu gründen, daher lehnte die Organisation im Mai 1948 auch die Gründung Israels ab.
Weltweit hat die Gruppe mehrere Synagogen (u. a. Tora Ve'Yira – Jerusalem, Tora U'Tefila – London, Tora U'Tefila – New York, Beis Yehudi – Monsey, NY). Die Gemeinden der Neturei Karta folgen den Bräuchen (hebräisch Minhagim) des Gaon von Wilna, weil die Ursprünge dieser Gemeinden im litauischen und nicht im chassidischen Teil des ultraorthodoxen Judentums liegen.
Seit 2006 treten jedes Jahr mehrere Neturei-Karta-Mitglieder auf der Al-Quds-Tags-Demonstration auf und laufen in der ersten Reihe.Mareike Enghusen: Anti-Israel-Proteste in Berlin: Die Unversöhnlichen. In: Stern Online, 25. Juli 2014.Thomas Kieschnick: Al-Quds-Demo – Und wieder durften die Juden-Hasser durch Berlin ziehen. In: B.Z., 23. Juni 2017.
mini|Vertreter der Neturei Karta bei einer Al-Quds-Tag-Demonstration in Berlin, 2014
2007 brannte die Neturei-Karta-Synagoge in Monsey, New York, nieder und wurde völlig zerstört.Associated Press: . In: Haaretz, 5. April 2007.
Kritik Die betont antizionistische Position von Neturei Karta führt innerhalb der jüdischen Gemeinde zu starker Polarisierung.
Beziehungen in der arabischen Welt In der arabischen und islamischen Welt findet Neturei Karta viele Fürsprecher. Durch die gemeinsame antizionistische Position ergab sich eine Zusammenarbeit zwischen Neturei Karta und der PLO. Neturei Karta sah im Kampf gegen den jüdischen Staat auch in der Hamas sowie der Hisbollah-Miliz Mitstreiter.Helga Embacher, Bernadette Edtmaier, Alexandra Preitschopf: Antisemitismus in Europa. Fallbeispiele eines globalen Phänomens im 21. Jahrhundert. Böhlau, Wien 2019, S. 146.
Im Januar 2023 trafen sich drei Mitglieder der Neturei Karta mit prominenten Funktionären des Islamischen Dschihads in Palästina (PIJ) und Familien militanter Palästinenser während eines Besuchs des Flüchtlingslager Dschenin. Die Mitglieder der Neturei Karta besuchten auch das Haus von Bassam al-Saadi, der als Anführer der PIJ in Israel inhaftiert war.
Holocaustleugnungskonferenz im Iran 2006 Im Dezember 2006 nahmen führende Mitglieder der Neturei Karta, darunter Yisroel Dovid Weiss, an der Holocaustleugnungskonferenz in Teheran 2006 teil, einer umstrittenen Konferenz, die im Iran stattfand und eine Reihe von bekannten Holocaustleugnern anzog.Baruch Rabinowitz: Neturei-Karta-Bewegung: Vorsicht, Feinde!. In: Jüdische Allgemeine, 21. Dezember 2006.
In seiner Rede erklärte Weiss, dass das Vorkommen des Holocausts unbestreitbar ist, und sprach über den Mord an seinen eigenen Großeltern in Auschwitz, behauptete jedoch, dass Zionisten „mit den Nazis kollaboriert“ und „Bemühungen, Juden zu retten, vereitelt“ hätten, und drückte Solidarität mit der iranischen Position des Antizionismus aus. Jonah Metzger, der damalige Oberrabbiner der Aschkenasim in Israel, forderte sofort, dass diejenigen, die nach Teheran gingen, in ḥerem, eine Form der Exkommunikation, gesetzt werden sollten. Anschließend forderte das Gericht des Satmarer Chassidismus die Juden auf, „sich von ihnen fernzuhalten und ihre Handlungen zu verurteilen“.
Infolge der Kritik an ihrer Teilnahme erklärte die Organisation:
Weblinks
Website der Organisation President Ahmadinejad Meets Neturei Karta Rabbis, Teheran, 24. September 2007 (YouTube-Film)
Einzelnachweise
Kategorie:Antizionismus Kategorie:Ultraorthodoxes Judentum