mini|200px|Richter-Mundharmonikas
Eine Sonderstimmung ist eine vom Standard der Richterstimmung abweichende Anordnung der Töne einer Mundharmonika. Dabei werden je nach Sonderstimmung verschiedene Ziele verfolgt. Eigentlich müsste es Sonder-Tonanordnungen heißen, da es sich nicht um die Aufteilung von Frequenzen auf Töne handelt (siehe Stimmung und Tonart). Allerdings hat sich die Bezeichnung Sonderstimmung im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt.
Beispiele sind: die Melody Maker von Lee Oskar. das Wilde Rock Tuning von Seydel.
Grund für Sonderstimmungen Bei den diatonischen Mundharmonikas hat sich die sogenannte Richterstimmung als Standard etabliert. Die Tonanordnung der Richterstimmung beruht auf einer Dur-Tonleiter, die in der unteren Oktave Tonauslassungen und Tondopplungen aufweist:
Richter-System ()Overblow Eb EbF#Bb BbBlas-Bending EbF#HBlasen C E G C E G C E G CKanal 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10Ziehen D G H D F A H D F AZieh-BendingC#F#BbC# Ab F A Ab Overdraw C# AbC#
Orientiert man sich an der Tonleiter, so wird diese folgendermaßen in der Mundharmonika verteilt. Die Töne der Tonleiter wurden zur besseren Darstellung nummeriert.
Richter-System (Tonnummer in Tonleiter) Blasen 1 3 5 1 3 5 1 3 5 1Kanal 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10Ziehen 2 5 7 2 4 6 7 2 4 6
Durch dieses System ergeben sich Vor- und Nachteile: Von Vorteil sind die leichtere Spielbarkeit von Begleitakkorden auf blasen (C-Dur mit Umkehrungen) und der dazugehörigen Dominante auf ziehen (G-Dur mit Umkehrungen, der G-Dominantseptakkord und danach d-Moll). Der Nachteil ist, dass ein diatonisches System nicht ohne weiteres in anderen Tonarten und Skalen spielbar ist. Auch sind für die Spieltechniken des Bending und Overblow gewisse Grenzen gesetzt. Für die Entwicklung eines neuen Systems oder einer Sonderstimmung ist es von Bedeutung, diese Nachteile auszugleichen. Dabei gibt es verschiedene Herangehensweisen. Sie reichen vom Verändern einzelner Töne bis zum Umbau des gesamten Systems. Die Gründe dafür können folgende sein: mini|200px|Harp aufgeschraubt
1. Der Spieler möchte andere diatonische Skalen spielen, da er in anderen Stilrichtungen musiziert. Möglicherweise soll das Instrument in ethnischer Musik Verwendung finden. Dazu kann man innerhalb bestimmter Grenzen das Richter-System auf die gewünschte Skala umstimmen (z. B. Zigeuner-Moll und Zigeuner-Dur, Spanische Skala, melodisches und harmonisches Moll, Kirchentonarten wie Dorisch, Arabische Skalen, Chinesische Pentatonik, ¼-Ton-Skala usw.).
2. Der Spieler wünscht eine Verbesserung der spieltechnischen Möglichkeiten hinsichtlich vereinfachten – diatonischen Spiels
– chromatischen Spiels
– tonart-übergreifenden Spiels
durch umfassendere Bendingmöglichkeiten.
3. Der Spieler möchte die Mundharmonika an persönliche Vorlieben oder Einschränkungen anpassen (z. B. eine Harp mit Bluesskala, um ihm Bending und Overblows zu ersparen), oder er braucht einfach eine Mundharmonika für Spezialeffekte.
Beispiele Harmonisch Moll Ein Beispiel für den skalenbedingten Umbau des Richtersystems ist eine Mundharmonika in harmonisch Moll. Hier ist es nur nötig, einige Töne im Richtersystem umzustimmen. Auffällig ist, dass durch Bendings alle zwölf Töne auf den ersten drei Kanälen getroffen werden können.
Harmonisch Moll, Richter-System () Overblow DbE AbDbE Ab BbBlas-Bending B D F#BBlasen C D#G C D#G C D#G CKanal 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10Ziehen D G H D F G#H D F G#Zieh-BendingDbGbBbDbE G F A E Ab Overdraw C EbF#A
Country Ein gutes Beispiel für eine an die Spieltechnik angepasste Richterstimmung ist die Country-Stimmung. Hier wurde lediglich im Kanal 5 ziehen der Ton um einen Halbton erhöht. Dadurch hat man auch in diesem Kanal gute Bendingmöglichkeiten. Es entsteht ein Major7-Akkord, der sich besonders für Country- und Bluegrass-Musik eignet. So wird in der ersten Position statt des ionischen der lydische Modus gespielt, während ionich in zweiter Position gespielt wird.
Country-Stimmung () Overblow DbF AbDbF BbBlas-Bending EbF#HBlasen C E G C E G C E G CKanal 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10Ziehen D G H D F#A H D F AZieh-BendingC#F#BbC#F Ab F A Ab Overdraw C#F AbC#
Diminished Die Diminished-Stimmung ist ein Beispiel für den kompletten Umbau des Richtersystems. Hier wird die achttonige Ganzton-Halbton-Skala fortlaufend auf die Kanäle der Mundharmonika verteilt, wodurch allein durch Halbton-Ziehbends alle zwölf Töne spielbar sind. Die Anordnung führt zu einer Aneinanderreihung verminderter Akkorde.
Diminished-Stimmung Blasen F#A C EbF#A C EbF#AKanal 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10Ziehen AbH D F AbH D F AbBZieh-BendingG BbDbE G BbDbE G Bb
Wilde Rock Tuning Die Wilde Rock-Stimmung wurde von Seydel erstellt, um das Spielen von Hardrock- und Bluesrock-Soli zu erleichtern. Die erste Oktave ist hier fünf Kanäle lang und es gibt auf keinem Kanal der gesamten Stimmung ein Blas-Bending.
Wilde Rock Blasen C E G C E E G C E AKanal 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10Ziehen D G B D F G B D G CZieh-BendingDbGbBbDb GbBbDbF#B F A F A F Bb Ab Ab
Beschaffung einer Sonderstimmung mini|200px|Stimmen einer Mundharmonika am Stimmtisch
Seit einigen Jahren können Sonderstimmungen bei zwei Herstellern direkt bestellt werden (siehe unten: Liste von Customizern und Herstellern von Sonderstimmungen).
Zuvor musste der Spieler für jede Sonderstimmung selbst Hand anlegen oder einen Customizer beauftragen. Beim Eigenbau einer Sonderstimmung gibt es folgende Möglichkeiten:
1. Das Umstimmen der betreffenden Töne einer Richter-Mundharmonika. Dies funktioniert nur, wenn die Tonaufteilung dem Richtersystem ähnlich und der Zielton maximal einen Ganztonschritt vom Ausgangston entfernt ist. Insbesondere bei hohen Tönen führt das Umstimmen jedoch oft auch schon früher zu einer Schwächung oder zum Bruch der Zunge. Dann bleibt nur: 2. Das Auswechseln von Stimmzungen. Dies ist meist dort nötig, wo das ganze System stark vom Richtersystem abweicht.
Sonderstimmungen der diatonischen Mundharmonika Modifikationen der Richter-Stimmung Natürlich Moll Natürlich Moll, Richter-System Blasen C EbG C Eb GCEbGCKanal 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10Ziehen DGBbDFABbDF A
Die Stimmung natürlich Moll baut auf der natürlichen Moll-Skala auf und nutzt dabei die Tonaufteilung des Richtersystems. Allerdings wird sie nicht straight gespielt, d. h. ab ersten Kanal blasen, sondern cross, also in 2. Position ab Kanal 2 ziehen. Spielt man die Mundharmonika in der 1. Position (ab 1. Kanal blasen) entsteht eine dorische Skala. Der Erfinder dieser Stimmung ist Lee Oskar. Diese Stimmung wird u. a. für lateinamerikanische Musik, Reggae, Ska, Blues, Country und Roots Rock verwendet.
Harmonisch Moll Harmonisch Moll, Richter-System Blasen CD#GCD#GCD#GCKanal 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10Ziehen DGHDFG#HDFG#
Die Stimmung harmonisch Moll beginnt nicht wie die Natürlich-Moll-Stimmung im 2. Kanal ziehen, sondern wie gehabt ab dem 1. Kanal blasen. Sie baut auf der harmonischen Moll-Skala auf und nutzt die Tonaufteilung des Richtersystems. Sie klingt ein wenig nach Tango oder anderen Südamerikanischen Klängen oder eben nach osteuropäischer Folklore ("Katjuscha").
Dorisch Dorisch, Richter-System Blasen CEGCEGCEGCKanal 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10Ziehen DGBbDFABbDFA
Diese Stimmung orientiert sich an der Kirchentonart dorisch. Wie bei der Natürlich-Moll-Stimmung beginnt die Mundharmonika allerdings in der 2. Position, im 2. Kanal ziehen. Wenn man in der 1. Position, also 1. Kanal blasen spielt, entsteht eine mixolydische Skala. Diese Stimmung eignet sich besonders für Blues oder Rock (All Along the Watchtower).
Paddy Richter Paddy Richter Blasen CEACEGCEGCKanal 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10Ziehen DGHDFAHDFA
Im Kanal 3 blasen ist diese Stimmung um einen Ganzton höher gestimmt, was besonders für Irish Folk nützlich ist. Daher stammt auch der Name, denn Iren werden oft liebevoll Paddies genannt, und Richter steht für die Verwandtschaft mit der Standard-Stimmung. Dieser an sich bekannten Stimmung hat sich der Customizer Brendan Power auf seiner CD New Irish Harmonica, sowohl für diatonische als auch für chromatische Mundharmonika, besonders gewidmet. Brandan hat für diese Stimmung eine Schule geschrieben: Play Irish Music on the Blues Harp.
Melody Maker Melody Maker Blasen CEACEGCEGCKanal 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10Ziehen DGBDF#ABDFA
Diese Stimmung ist eine Kombination aus der Country-Stimmung und der Paddy-Richter-Stimmung. Sie wurde von Lee Oskar entwickelt. Es wurde gegenüber der Richterstimmung der Ton in Kanal 3 blasen um einen Ganzton und die Töne in Kanal 5 und Kanal 9 ziehen um einen Halbton erhöht. Der Grundton der Stimmung befindet sich in Kanal 2 ziehen. Man kann diese Stimmung im Irish Folk (in erster Position), aber auch im Reggae, Country and Western, Bluegrass und sogar in einigen Jazzstilen verwenden. Ähnlich wie in der Country-Stimmung werden Dur-Melodien gewöhnlich als Crossharp gespielt, während in der Straight Harp generell im dorischen Modus gespielt wird.
Spiralstimmung (auch: Zirkularstimmung) Spiral Standard A-Moll Blasen GBDFACEGBDKanal 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10Ziehen ACEGBDFACE
Die fortlaufende Anordnung einer Tonleiter mit ungerader Tonanzahl auf die übliche Blas- und Ziehfolge der Mundharmonika- kanäle führt dazu, dass die Töne von Oktave zu Oktave die Blasrichtung wechseln und die Abfolge visualisiert als Spirale vorstellbar wird.
Auf der abgebildeten Spiral Standard A-Moll kann man ohne Bendings und Overblows über zweieinhalb Oktaven in A-Moll (sowie in C-Dur und allen Paralleltonarten) spielen.
Aus der durch die Bauweise der Mundharmonika bedingten Zweiteilung der Tonleiter in Blasen und Ziehen ergibt sich der sehr musikalische Vorzug, dass alle Akkorde der Tonleiter spielbar werden (im Beispiel: C, C6, C7+, Dm, Dm7, Em, Em7, F, F6, F7+, G, G6, G7, Am, Am7, Hdim).
Moderne Sonderstimmungen für chromatisches Bendingspiel Augmented Die sechstonige Augmented-Skala wird hier fortlaufend auf die Kanäle verteilt, wodurch allein durch Halb- und Ganzton-Ziehbends alle zwölf Töne spielbar sind. Die Anordnung führt zu einer Aneinanderreihung übermäßiger Akkorde, die typisch orientalisch oder spanisch klingen.
Bekannt wurde die Augmented-Stimmung durch Eric Chaffer aus Frankreich.
AugmentedBlasen CEAbCEAbCEAbCKanal 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10Ziehen EbGBEbGBEbGBEb
Optimized Blues Tuning Ausgehend von der cross gespielten Richterstimmung im Blues Harp-Stil optimiert diese Anordnung die diatonische Harp für den Gebrauch der erweiterten (dorischen) Bluestonleiter mit
+ überwiegend Ziehtönen (1 2 b3 4 b5 5 6 b7 b7 8) – Auf der cross gespielten Richterstimmung sind die Sexte und der Grundton in der oberen Oktave nur als Blaston spielbar.
+ gleichmäßig verteilten Ziehbends (1 2 b3 4 b5 5 6 b7 8) – Die cross gespielte Richterstimmung erlaubt nur die 2, b3 und b5 und diese nur in der unteren Oktave als Ziehbends; in der oberen Oktave muss die b3 als Overblow, die b5 als Overdraw gespielt werden.
+ oktaveinheitliche Tonanordnung – Die Richterstimmung erfordert in jeder Oktave andere Spielmuster.
+ chromatisches Spiel durch Ziehbends realisierbar (1 b2 2 b3 3 4 b5 5 b6 6 b7 7 8) – Die Richterstimmung erfordert für chromatisches Spiel neben draw bends, blow bends, overblows und overdraws.
+ Akkorde (teilweise durch Beschränkung auf Prime und Terz und ggf. Optionstöne): I (Ij7); IV- (IV-11); V (V13); bVII- (bVII-7); bII (bII13); III- Im Beispiel der „Optimized A“: A (Aj7); D- (D-11); E (E13); G- (G-7); Bb (Bb13); C#- – Der cross gespielten Richterstimmung fehlt insbesondere die Dominante.
Optimized Blues Tuning in ABlasen G3 Bb3D4 F4 G4 Bb4D5 F5 G5 Bb5Kanal 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10Ganzton-Bend B3 F#4 B4 F#5 B5Halbton-Bend G#3C4 D#4G4 G#4C5 D#5G5 G#5C6Ziehen A3 C#4E4 G#4A4 C#5E5 G#5A5 C#6
Whole Tone Whole Tone Blasen AbCEAbCEAbCEAbKanal 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10Ziehen BbDF#BbDF#BbDF#Bb