Die Kastanienallee in den Berliner Ortsteilen Prenzlauer Berg und Mitte ist eine Shopping- und Szenemeile.Schönhauser Allee und Kastanienallee. Presse- und Informationsamt des Landes Berlin. 1826 vom Unternehmer Wilhelm Griebenow angelegt, war sie der Beginn der systematischen Bebauung von Prenzlauer Berg. Entlang der Straße stehen überwiegend Häuser aus der Gründerzeit, an ihrem nördlichen Ende befindet sich Berlins ältester Biergarten, der Prater.
Straßenverlauf Zwei Kilometer nördlich des Alexanderplatzes beginnt die Kastanienallee als Verlängerung der Pappelallee an der Kreuzung mit der Schönhauser Allee. Sie läuft stadteinwärts in gerader Linie Richtung Süd-Südwest auf den Rosenthaler Platz zu. Knapp einen Kilometer lang, geht sie an der Kreuzung mit der Fehrbelliner Straße in den Weinbergsweg über. Die kreuzende Schwedter Straße markiert eine Ortsteilgrenze, der längere nördliche Teil der Kastanienallee gehört zu Prenzlauer Berg, der kleinere, südliche Teil zum Ortsteil Mitte. Die Hausnummerierung verläuft in Hufeisenform, beginnend an der Schönhauser Allee.
Verkehr Straßenbahn 1886 wurden in der Kastanienallee Schienen verlegt. Die erste Linie war die Nummer 51 der Großen Berliner Pferde-Eisenbahn mit direkter Verbindung zum Potsdamer Platz.Straßenbahn Fahrplan 1886. berliner-linienchronik.de Ab Oktober 1900 elektrifiziert, gab es bis 1975 am nördlichen Ende der Kastanienallee eine Wendeschleife zur Schönhauser Allee, zuletzt benutzt von der Linie 22. 2024 verkehrten in der Kastanienallee die Straßenbahnlinien M1 und 12 mit Verbindung zum Bahnhof Friedrichstraße.
Fahrbahn und Gehwege mini|Haltestelle Zionskirchplatz, 2022
Auf dem Prenzlauer Berger Teil der Kastanienallee ließ die Bezirksverwaltung 2014 Fahrbahn und Gehwege erneuern. Angelegt wurden zwei neue Fahrradstreifen und Haltestellenkaps für die Straßenbahn.Verkehrsfreigabe Kastanienallee am 24.1.2014. In: Pankower Allgemeine Zeitung; Pankower-allgemeine-zeitung.de Die Fahrbahn wurde verbreitert und anstelle der Parkstreifen neue Parkbuchten in den Gehwegen angelegt. Eine Bürgerinitiative gegen den Umbau war an mangelnder Unterstützung aus der Bevölkerung gescheitert.Was macht eigentlich… Stoppt K21? In: Prenzlauer Berg Nachrichten, 24. Januar 2014; prenzlauerberg-nachrichten.de 2016 wurde zwischen Schönhauser Allee und Oderberger Straße Tempo 30 eingeführt.
Die Kastanienallee ist – abgesehen von wenigen Ahorn- und Lindenbäumen – ausschließlich mit Kastanien (Aesculus hippocastanum) bepflanzt. Im Ortsteil Mitte ist der Baumbestand älter (meist 1980–1985) und teils nur auf einer Straßenseite vorhanden, nördlich der Schwedter Straße wurden fast alle Kastanien zwischen 1994 und 2004 neu angepflanzt.Geoportal: Karte Baumbestand Berlin. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen; fbinter
Geschichte Frühes 19. Jahrhundert: Auf dem Acker tractus Die Kastanienallee verläuft parallel zu den Grenzen des ehemaligen Acker tractus. 1780 wurde dieser langgestreckte Acker des Vorwerks Niederschönhausen separiert, seine Fläche zog sich in einem langen Streifen von der heutigen Fehrbelliner Straße nordostwärts bis hinter die Wisbyer Straße.Mencelius: Plan der Berliner Hufen von 1822. Königl. Lith. Institut Berlin, 1823. stadtmuseum.de 1823 erwarb der Kolonisator und Immobilienspekulant Wilhelm Griebenow das Vorwerk. Parallel zur Ostgrenze des alten Acker tractus verlaufend legte Griebenow 1826 zwei Erschließungsstraßen an und benannte sie nach den angepflanzten Bäumen Pappelallee und Kastanienallee.Wilhelm Griebenow: Wilhelm Griebenow’s Erlebnisse. Von ihm selbst geschrieben. Selbstverlag des Verfassers, Berlin, 1864. S. 170; zlb.de Die beiden Straßen gelten heute als der Beginn der systematischen Bebauung in Prenzlauer Berg.Planungsgruppe Werkstadt: Städtebauliches Gutachten für das Gebiet „Teutoburger Platz“. Hrsg.: Bezirksamt Pankow, Berlin 2006, S. 9; berlin.de (PDF; 12,3 MB).Prenzlauer Stadtlexikon und Geschichte in Daten. Uckermärkischer Geschichtsverein zu Prenzlau, Prenzlau 2005, S. 68; uckermaerkischer-geschichtsverein.de (PDF; 4,1 MB)
Die von Griebenow angelegte Kastanienallee reichte 1826 von der Landstraße Chaussee nach Pankow stadteinwärts bis zum Feldweg Verlorener Weg (heute: Schönhauser Allee bis Schwedter Straße).Dannhauer: Plan von der Gegend bei Berlin. Berlin 1827. Quadrant D7: Die Mühlen. (Blatt Nr. 5). stadtmuseum.de Als eines der ersten Gebäude in der Gegend errichtete Griebenows Vorwerk um 1825 eine Ziegelei nahe dem südlichen Straßenende.Landesarchiv Berlin: Bauakte Schwedter Straße o. Nr. 1825–1842 (Ziegelei des Vorwerks Niederschönhausen vor dem Schönhauser Tor) A Rep. 010-02 Nr. 5582.Standort der Ziegelei kartiert u. a. bei: Theobald Grieben, Carl Birck: Plan Von Berlin. Verlag von Th. Grieben, Berlin 1851. zlb.de (siehe auch Ziegelei Map: zglmap.de) 1829 wurde das Gebiet nach Berlin eingemeindet.
Nach der nur sehr langsam einsetzenden Bebauung durch Kolonisten wurde die Kastanienallee 30 Jahre später, Mitte der 1850er Jahre, bis etwa Höhe Fehrbelliner Straße stadteinwärts verlängert.C.Birk: Situationsplan der Haupt- und Residenzstadt Berlin. Berlin 1856. (Sineck-Plan) stadtmuseum.de Am dortigen Südende wurde ab 1862 der Weinbergsweg ausgebaut und an die Kastanienallee angeschlossen. Mit dieser Durchlegung entstand der Straßenzug Kastanienallee/Weinbergsweg, die Häuser der Kastanienallee wurden 1866 in die heutige Form umnummeriert.Zusammenstellung der Kostenbeträge der in den 3 letztvergangenen Jahren beschlossenen Straßendurchlegungen. In: Communal-Blatt der Haupt- und Residenz-Stadt Berlin, 1864, S. 142; zlb.de
Mit dem immer schneller fortschreitenden Stadtwachstum wurde 1861 der bestehende Verlauf der Kastanienallee in die Bebauungspläne von James Hobrecht übernommen und ihre lichte Weite auf sieben Ruthen (26,4 m) festgelegt.Leopold Kraatz: Bebauungsplan der Umgebungen Berlins. Abtheilung XI. Revidirt im Jahre 1888. Berlin 1888; zlb.de Ein im Plan vorgesehener Stadtplatz zwischen Kastanienallee und heutiger Choriner Straße wurde nach Widersprüchen Griebenows und weiterer Anlieger nicht realisiert.Alexander Haeder: Stadtentwicklung und Industrialisierung. Drei Fallstudien zur Stadtbau- und Architekturgeschichte Berlins zwischen 1830–1918. Greifswald 2003, S. 99; Dissertation, uni-greifswald.de (PDF; 35 MB)
Noch 1860 war die Kastanienallee ein Kiesweg,Stadtverordneten-Versammlung vom 19. August 1860. In: Communal-Blatt der Haupt- und Residenz-Stadt Berlin, S. 74; zlb.de der sich in solch schlechtem Zustand befand, dass über Jahre hinweg Klagen bei der Stadtverwaltung eingingen.Aus dem Magistrat. In: Communal-Blatt der Haupt- und Residenz-Stadt Berlin, 1861, S. 297–298; zlb.de Die Bezirks-Vorsteher attestierten 1862 „schreiende Uebelstände“Dritte Bezirks-Vorsteher-Konferenz pro 1862. In: Communal-Blatt der Haupt- und Residenz-Stadt Berlin, 1862. S. 378. zlb.de wegen fehlender Entwässerung, bei Regenwetter war die Straße „für Fuhrwerk nur schwer, für Fußgänger aber gar nicht zu passieren.“Erste Bezirks-Vorsteher-Konferenz pro 1863. In: Communal-Blatt der Haupt- und Residenz-Stadt Berlin, 1863. S. 119. zlb.de Erst 1863 genehmigte der Berliner Magistrat Gelder für die Pflasterung der Straße.Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin pro 1862 bis 1863. Berlin 1863, S. 13; zlb.de Der Schriftsteller Julius Rodenberg bemerkte in den 1880er Jahren einen bereits alten Baumbestand:
1837: Bierausschank auf der grünen Wiese
mini|Prater-Garten, 2013
Als einer der frühen Anlieger erwarb 1832 der Maler, Viktualienhändler und invalide Unteroffizier C. F. Porath ein Grundstück an der Pankower Chaussee, spätere Adresse: Pankower Chaussee / Kastanienallee 6. Er soll dort bereits ab 1837 einen Bierausschank betrieben haben,Geschichte, Die Anfänge. Berliner Prater Garten GmbH; prater-biergarten.de registriert als Schankwirth war Porath ab 1843. Knapp zehn Jahre später übernahm Johann Kalbo das Anwesen und baute es zu einer großen Vergnügungsstätte aus, dem heutigen Berliner Prater.
Gegenüber dem Prater gelegen übernahm 1851 der Cafetier Carl Puhlmann ein Gartenlokal auf dem Grundstück zwischen Kastanienallee und der Schönhauser Allee 148. Puhlmann sowie Kalbo errichteten in den folgenden Jahren je eine große Freiluftbühne mit drei- und fünftausend Plätzen.Neuer Theater Almanach. Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger, Berlin 1892, S. 193–194; . Das Puhlmann-Theater wurde in den folgenden Jahrzehnten mehrfach um- und ausgebaut und blieb fast durchgehend in Familienbesitz bis zum Abriss 1963. Nachdem das Land Berlin als Eigentümer das Gelände 2011 an einen privaten Investor verkaufte, wurde es 2016 mit einem großen Wohn- und Bürokomplex bebaut.
Wenige Schritte südlich von Puhlmann befand sich von Mitte der 1840er bis in die 1890er Jahre die Baumschule Lorberg. Ihre Rosen- und Obstbaumplantagen erstreckten sich zu beiden Seiten der Kastanienallee entlang der späteren Oderberger Straße.
Bebauung ab den 1850er Jahren
Zu den ältesten erhaltenen Gebäuden zählen der von Johann Kalbo 1856 erbaute straßenseitige Bau des PratersBerliner Prater. Landesdenkmalamt Berlin; sowie das Schlennert’sche Haus des Poliers J. L. Schlennert in der heutigen Kastanienallee 77, erbaut um 1850.Schlennert war seit 1849 als Eigentümer mehrerer Häuser in der Kastanienallee registriert, das Haus in der heutigen Kastanienallee 77 datiert laut Landesdenkmalamt von 1852/1853. Mietshaus Kastanienallee 77. Landesdenkmalamt Berlin;
Seit 1858 steht auf einem Hofgrundstück zur Schwedter Straße das Kurtz’sche Haus. 1865 als Mietshaus zur Kastanienallee ausgebaut, war es nach dem Zweiten Weltkrieg Standort der Sowjetischen Kommandantur und wird seit 1992 als Hotel genutzt.Hotelhistorie. Hotel Pension Kastanienhof Hauptmann; kastanienhof.berlin.de
Im heutigen Straßenbild der Kastanienallee stammt ein Großteil der Mietshäuser aus den späten 1870ern und 1880er Jahren, gekennzeichnet durch Souterrains, hohe Toreinfahrten, Fassaden geringer Plastizität sowie einem Drempel oder Attikageschoss.Bauakten Kastanienallee. Landesarchiv Berlin; darunter: A Rep. 010-02 Nr. 7143 bis 7170, Nr. 11612 bis 11625 und Nr. 12064 bis 12077. Nach Norden hin wurden zunehmend Häuser zwischen 1880 und 1910 errichtet, sie haben stärker plastische Fassaden mit Erkern, Balkonen sowie Erdgeschosse mit Ladenschaufenstern. Insgesamt 38 Gebäude standen 2024 unter Denkmalschutz.Denkmaldatenbank, Kastanienallee. Landesdenkmalamt Berlin; berlin.de
Ab 1858: Schulhof in der Kastanienallee 81–83 mini|hochkant=0.5|Schulhof, 1869
1857 genehmigte der Magistrat „die Errichtung einer neuen Communal-Schule vor dem Schönhauser Thore vorläufig mit 4 Klassen in einem hierzu in der Kastanien-Allee [Nr. 6] gemietheten Locale.“Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin pro 1857–58. Berlin 1859, S. 17; zlb.de Im darauffolgenden JahrVerwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin pro 1858–59. Berlin 1860, S. 13; zlb.de wurde sie als erste Schule nördlich des Schönhauser Tores eröffnet und bekam 1864 in der späteren Kastanienallee 82 einen eigenen Schulbau,Von 1864 bis 1866 Hausnummer 32. einen dreigeschossigen Ziegel-Rohbau mit 14 Klassenzimmern nebst Lehrerwohnung.Bericht der Bau-Deputation betreffend die im Jahre 1863 stattgehabten Communal-Bau-Angelegenheiten. Berlin, 24. Januar 1864, S. 9; zlb.de
Stadtbaurat Adolf Gerstenberg beschrieb das Gebäude als „solide, zweckmäßig und gut“ mit „Gesimsen aus gebranntem Thon, Schieferdach, massiven Treppen, Wasserheizung mit Niederdruck und selbstredend mit Ventilationsanlage.“
mini|Vor der Kastanienallee 82, 1987