mini|Das Opfer des Konon, Stifter der Malereien dieses Tempels

Als parthische Kunst wird die Kunst im Partherreich und in den von den Parthern kulturell beeinflussten angrenzenden Gebieten bezeichnet. Das Partherreich bestand von etwa 250 v. Chr. bis 220 n. Chr. im Gebiet des heutigen Iran und Irak. Kunst in parthischer Tradition wurde auch nach dieser Zeit und außerhalb dieses Gebietes produziert.

Die Kunst im Partherreich orientierte sich zunächst am hellenistischen Kunstschaffen. Ab der Zeitenwende vollzog sich eine Abkehr von dieser Tradition. Eine starke Frontalität der Figuren in Malerei und Plastik waren von da an die Hauptstilmerkmale. Selbst in erzählenden Darstellungen schauen die Handelnden nicht auf das Objekt ihrer Handlung, sondern wenden sich dem Betrachter zu. Dies sind Merkmale, die die Kunst des europäischen Mittelalters und von Byzanz vorwegnehmen.

Parthische Orte und Schichten werden bei Ausgrabungen sehr oft übergangen. Die Forschungslage und der Kenntnisstand zur parthischen Kunst sind daher noch sehr lückenhaft.

Allgemeines Das was heute als parthische Kunst bezeichnet wird, war schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bekannt. Aus Palmyra gelangten seit dieser Zeit zahlreiche Skulpturen nach Europa. Sie stellen meist Männer in reich dekorierten Gewändern und Frauen mit zahlreichem Schmuck dar. Die Ruinen der Stadt wurden oftmals romantisch mit der aus literarischen Quellen bekannten Königin Zenobia in Verbindung gebracht. Für die hier gefundene Kunst wurde jedoch kein eigener Begriff geschaffen, sondern man hielt sie für eine lokale Variante römischer Kunst.Schlumberger: Der hellenisierte Orient. S. 72. Die Ausgrabungen in Dura Europos seit dem Anfang und insbesondere seit den 1920er-Jahren erbrachten zahlreiche neue Funde. Der klassische Archäologe und Leiter der Grabungen, Michael Rostovtzeff, erkannte, dass das Kunstschaffen der ersten nachchristlichen Jahrhunderte in Palmyra, Dura Europos, aber auch im Iran bis hin zum buddhistischen Indien denselben Prinzipien folgte. Er nannte dieses Kunstschaffen parthische Kunst.Rostovtzeff: Dura and the Problem of Parthian Art Die weite Verbreitung dieser Kunst, auch außerhalb der Grenzen des parthischen Reiches, warf jedoch die Frage auf, ob diese Kunst wirklich noch als parthisch zu bezeichnen ist, was in der Forschung meist bejaht wird, da sie wahrscheinlich auf das Kunstschaffen der parthischen Hauptstadt Ktesiphon zurückzuführen ist.Schlumberger: Der hellenisierte Orient. S. 73–75 (die Werke im Partherreich in hellenistischer Tradition ordnet er jedoch der griechischen Kunst zu) Trotzdem ist die Benennung des Kunstschaffens des Partherreiches und der davon beeinflussten Gebiete in der Forschung uneinheitlich und vorsichtig. Autoren vermeiden oft die Bezeichnung parthische Kunst und ziehen es stattdessen vor, das Kunstschaffen nach dem kulturellen oder politischen Raum zu benennen. Daniel Schlumberger, der den Begriff parthische Kunst eindeutig bejahte, nannte eines seiner wichtigsten Werke zum Thema Der Hellenisierte Orient (im Original: L’Orient Hellénisé; in Deutschland in der Reihe Kunst der Welt erschienen). Das Buch behandelt jedoch nicht nur parthische Kunst, sondern auch griechische Kunst im Orient im Allgemeinen. Hans Erik Mathiesen betitelte sein Werk zur parthischen Plastik: Plastik im Partherreich (im Original: Sculpture in the Parthian Empire) und schloss in seiner Untersuchungen Städte wie Palmyra aus. Ebenso nannte Trudy S. Kawami ihr Werk zur Plastik in Iran „Monumentale Kunst der parthischen Periode in Iran“ (im englisch Original Monumental Art of the Parthian Period in Iran), wogegen Malcom Colledge sein Buch zur parthischen Kunst eindeutig als parthische Kunst (im Original: Parthian Art) betitelte.

Das Partherreich erstreckte sich über ein großes Gebiet, das vor allem mit dem Territorium des heutigen Iran und Irak deckungsgleich war und viele verschiedene Völkerschaften beheimatete. Es bestand über 400 Jahre. Von diesen Voraussetzungen ausgehend ist es klar, dass man mit starken regionalen Unterschieden in der Kunst dieses Reiches zu rechnen hat und dass es eine erhebliche Entwicklung über die Jahrhunderte hinweg gab. Obwohl es zahlreiche Beispiele parthischer Kunst gibt, sei vorausgeschickt, dass aus einigen Perioden viele bedeutende Werke, auch solche des königlichen Hofes, erhalten sind, während diese für andere Jahrhunderte fehlen. miniatur|Münze des Gondophares, ca. 50 n. Chr. aus Indien in parthischen Stil Parthische Kunst ist auch in Syrien, in zahlreichen Städten, wie Palmyra,M.A.R. Colledge: The Art of Palmyra. London 1975. Edessa und Dura Europos bezeugt. Nicht alle von ihnen gehörten zum Machtbereich der Parther. Im Norden scheint diese Kunst in Armenien geblüht zu haben, obwohl wenig erhalten ist. Im Süden gehörte Bahrain eindeutig zum parthischen Kunstbereich, während im Osten der Übergang zur Gandharakunst fließend ist und daher schwer eine klare Trennlinie gezogen werden kann. In der älteren Forschung, die die griechische Kunst der griechischen Klassik als Ideal ansah, wurde die parthische Kunst oftmals als dekadente oder barbarische Kunst abgetan. Die neuere Forschung sieht dies jedoch differenzierter. Die parthische Kunst hat viel Neues und Originelles geschaffen und war vor allem für die byzantinische Kunst und die Kunst des Mittelalters richtungsweisend.

Die starke Frontalität der parthischen Kunst ist im Flachbild für Vorderasien neu und scheint von dem Erlebnis griechischer Kunst, das der Orient seit dem dritten vorchristlichen Jahrhundert durchmachte, geprägt zu sein. Die parthische Kunst kann deshalb als eine orientalische Schöpfung nach dem Erlebnis der hellenistischen Kunst bezeichnet werden.

Stilepochen mini|Münze von Vonones I., in Ekbatana geprägt Die Kunst im Partherreich kann grob in zwei Stilepochen unterteilt werden: Eine griechische Stilphase und eine eigentlich parthische. Diese Stilphasen folgten nicht unbedingt chronologisch aufeinander, sondern es kann mit starken chronologischen Überschneidungen gerechnet werden. Eine griechisch geprägte Stadt wie Seleukeia am Tigris produzierte noch länger Kunst in griechischer Tradition als die Königsstädte im Osten des Reiches wie Ekbatana. Ein Beispiel sind die Münzen von Vonones I. (6–12 n. Chr.). Die Exemplare, die in der Stadt Seleukeia am Tigris geprägt wurden, zeigen einen rein griechischen Stil. Die Münzen desselben Herrschers aus Ekbatana zeigen einen Stil, der sich schon stark von griechischen Vorbildern entfernte.

Hellenistische Phase Zu Beginn der parthischen Geschichte war ihre Kunst noch sehr stark der griechischen Kunst verpflichtet. Vor allem in der ältesten parthischen Hauptstadt Nisa konnten Zeugnisse aus der parthischen Frühzeit entdeckt werden. Die meisten Funde dort datieren in die drei ersten vorchristlichen Jahrhunderte. Es fanden sich rein griechische Marmorplastiken und eine Reihe von Elfenbein-Rhyta in hellenistischem Stil, die figürlich verziert waren.

Die Marmorstatuen sind im Schnitt 50 bis 60 cm hoch. Eine von ihnen steht dem Typ der haarwringenden Aphrodite nahe. Der untere Teil der Figur ist in einem dunklen Stein gearbeitet, so dass der marmorne Körper besser zur Geltung kommt.Aphrodite aus Nisa, Excavations of Staraia Nisa, auf The Circle of Ancient Iranian Studies (CAIS) Eine andere Frauenfigur trägt einen Chiton und einen darüberliegenden Peplos, auf der rechten Schulter liegt ein Schal.Stawiskij: Die Völker Mittelasiens. S. 58, Fig. 15. Bei beiden Statuen handelt es sich wahrscheinlich um Importe. Sie belegen aber den hellenistisch gefärbten Geschmack der hier herrschenden Könige.

Die Ornamentbänder der Rhyta zeigen Szenen aus der griechischen Mythologie. Der Stil der Figuren ist rein hellenistisch, auch wenn die Figuren zum Teil etwas grob wirken und die dargestellten Themen aus dem griechischen Raum anscheinend nicht immer verstanden wurden. Nisa und die Provinz Parthien, wo das Parthische Reich seinen Ursprung hatte, sind dem griechischen Baktrien benachbart und es ist deshalb die Vermutung geäußert worden, dass vor allem die baktrischen Griechen die frühen Parther künstlerisch beeinflusstenColledge: The Parthians. S. 148. oder dass die Rhyta sogar in Baktrien hergestellt wurden und als Raubgut nach Nisa kamen.Stawiskij: Die Völker Mittelasiens. S. 59–60; Boardman: The Diffusion of Classical Art, S. 90.

In der Architektur ist von Anfang an eine gewisse Mischung griechischer mit iranischen Elementen zu beobachten. Der Bauschmuck in Nisa ist meist rein griechisch. Es fanden sich ionische und korinthische Kapitelle mit Akanthusblättern. In Nisa entdeckte Stufenzinnen haben dagegen ihren Ursprung im iranischen Raum. Das quadratische Haus in Nisa ist 38 × 38 Meter groß und besteht aus einem großen Hof, der an allen vier Seiten von Säulen geschmückt ist. Dahinter finden sich an allen vier Seiten längliche Räume, an deren Wände sich Bänke befinden.Plan der Ausgrabungen; das quadratische Haus ganz im Norden Der Bau diente vielleicht als königliches Schatzhaus und war aus ungebrannten Ziegeln errichtet. Er folgte damit einheimischen Traditionen. Im Plan erinnert der Bau an griechische Palästren.Stawiskij: Die Völker Mittelasiens. S. 52–55; Schlumberger: Der hellenisierte Orient. S. 38. Insgesamt erscheint Nisa als ein kolonialer, hellenistischer Königshof, der sich kaum von anderen gleichzeitigen hellenistischen Residenzen unterscheidet. Immerhin finden sich vor allem in der Architektur lokale Anklänge. Dies ist aber auch gut in Ai Khanoum zu beobachten, wo eine königliche Residenz des Griechisch-Baktrischen Königreiches ausgegraben wurde. Daniel Schlumberger möchte deshalb das Kunstschaffen dieser Phase parthischer Geschichte noch nicht als parthisch bezeichnen.Schlumberger: Der hellenisierte Orient. S. 38–39.

mini|Münze von Mithridates I. Ohne Inschriften und genaue Ausgrabungen sind frühe parthische von seleukidischen Bauten oftmals kaum zu unterscheiden. In Khurab im Iran steht noch heute ein großes Herrenhaus mit ionischen und dorischen Säulen. Die Proportionen einzelner Bauteile (die Säulen wirken zu lang und dünn) deuten aber an, dass dieses Haus keine rein griechischen Baumeister hatte. Seine genaue Datierung ist deshalb umstritten.Ernst Herzfeld: Iran in the Ancient East, Oxford 1941, Abb. 380, 383; Khore Manor House

Dieser hellenistische Stil der parthischen Frühzeit ist auch auf den Münzen der parthischen Herrscher zu verfolgen. Die frühesten Exemplare wirken noch etwas unbeholfen, sind aber im Stil griechisch, wenn auch die Herrscher parthische Attribute tragen, was den Münzen ein ungriechisches Aussehen verschafft. Unter Mithridates I., der große Teile des hellenistischen Seleukidenreiches eroberte, sind die Münzen im Stil kaum von denen hellenistischer Königshöfe zu unterscheiden. Beachtenswert ist außerdem, dass die Parther ausschließlich Silber- und Kupfermünzen, aber keine Goldmünzen prägen ließen. Die wenigen bekannten Goldmünzen sind anscheinend Prestigeobjekte und von lokalen Fürsten im parthischen Einflussbereich geprägt worden.So in einem Grab von Tilla Tepe: Véronique Schiltz: Grab VI. In: Pierre Cambon, Jean-François Jarrige (Hrsg.): Gerettete Schätze. Afghanistan. Die Sammlung des Nationalmuseums in Kabul. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland/Production Foundation De Nieuwe Kerk und Hermitage, Bonn/Amsterdam 2010, ISBN 978-90-78653-20-2, S. 216–227, hier S. 227, Nummer 146, (Nachahmung in Gold einer Münze von Gotarzes I.).

Parthischer Stil