Die Toteninsel ist der Name von fünf Gemälden des Schweizer Künstlers Arnold Böcklin mit dem annähernd gleichen Bildmotiv einer zypressenbestandenen Insel. Sie entstanden zwischen 1880 und 1886.The Metropolitan Museum of Art. S. 62. Das Bildmotiv ist das wohl bekannteste des Malers und hatte zugleich eine vielfältige und andauernde Wirkungsgeschichte. Des Weiteren wird Die Toteninsel als eines der wichtigsten Werke des Symbolismus betrachtet. Von den ursprünglich fünf Versionen sind vier noch erhalten und in Museen in Basel, New York City, Berlin und Leipzig zu sehen.

Der Titel «Die Toteninsel» stammt nicht von Böcklin, sondern von seinem Kunsthändler Fritz Gurlitt, obwohl Böcklin in einem Brief selbst auch schon den Namen Toteninsel benutzte.Nach Fertigstellung der ersten Version des Bildes schickte Böcklin seinem Auftraggeber Alexander einen Brief mit den Worten «Endlich ist die Toteninsel soweit fertig, daß ich glaube, sie werde einigermaßen den Eindruck machen…».

Bildmotiv Die Gemälde zeigen eine steil aus dem Meer emporragende Felseninsel, die mittig mit Trauerzypressen bewachsen ist. In den Felsen sind Nischen als Grabkammern eingelassen. Auf die Insel steuert ein Nachen zu, in dem sich eine schneeweiss verhüllte stehende Gestalt, ein ebenfalls schneeweisser Sarg und ein Ruderer befinden. Die beiden Figuren wirken weiblich, was aber unbestimmt bleibt.

Die Felseninsel füllt den überwiegenden Teil des Bildes aus. In der ersten und zweiten Bildversion umgibt ein Nacht- oder später Abendhimmel die Szenerie, die aus unbestimmter Quelle etwas ausgeleuchtet ist, in den folgenden drei Versionen ist es ein Taghimmel mit drohender Wolkenkulisse. Die schmale Wasserfläche im Vordergrund ist glatt und spiegelt die Felsformationen. Die Zypressen überragen in der ersten und zweiten Version die Felsformationen deutlich, in den weiteren dagegen wenig. Einzelne bearbeitete Felsformationen bzw. Mauerteile treten aus den Braun- und Grautönen der Insel hell hervor. In der ersten, dritten und vierten Version ist das Ufer steinern eingefasst, in der fünften zeigt sich eine Art kleine Hafeneinfahrt.

Im Laufe der Zeit gab es mannigfache Spekulationen über ein reales Vorbild der dargestellten Insel. Häufig anzutreffen ist der Vergleich mit der Insel Pondikonisi vor der Küste Korfus; er ist nicht bestätigt und Böcklin war nie dort. Denkbar wäre für Olaf Metzel der erhöht liegende, felsenartige englische Friedhof in Florenz, in dessen Nähe Böcklin ein Atelier hatte. Gleichermassen unbestätigt ist die Patenschaft der Insel Sveti Đorđe vor der Küste Montenegros. Jan Assmann benannte die Pappelinsel im Park von Ermenonville als Vorbild.Jan Assmann: Hieroglyphische Gärten. Ägypten in der romantischen Gartenkunst. In: Günter Oesterle (Hrsg.): Erinnern und Vergessen in der europäischen Romantik. Königshausen & Neumann, Würzburg 2001, ISBN 3-8260-2229-7, S. 32 (Google Books) Zumindest die Rousseau-Inseln dürften Böcklin bekannt gewesen sein.Andrea Linnebach: Arnold Böcklin und die Antike. Mythos, Geschichte, Gegenwart. Hirmer, München 1991, S. 116 Gegenüber seinem Schüler und Freund Friedrich Albert Schmidt soll Böcklin geäussert haben, das Castello Aragonese des Alfons von Aragonien auf Ischia habe ihn zum Toteninsel-Motiv inspiriert. Eine interessante, aber sehr spekulative Version stammt von Florian Illies. Er postuliert die Brissago-Inseln im Lago Maggiore als Vorbild, da Böcklin die Casa Monte Tabor in Porto Ronco besessen habe. Diese Zuschreibung wird jedoch stark angezweifelt.

Geschichte Böcklin vollendete die erste Version im Mai 1880 auf Bestellung des Mäzens Günther Alexander, behielt diese Version allerdings. Noch während der Arbeit daran, die er im Palazzo dei Pittori in Florenz ausführte, gab im April 1880 Marie Berna, Witwe von Georg Berna und spätere Gattin von Waldemar von Oriola, den Auftrag eines «Bildes zum Träumen». Böcklin fertigte ihr eine zweite Version der Toteninsel, anfangs noch ohne Sarg und die weisse Gestalt, die er aber bald in dieser und in der ersten Version ergänzte. Er nannte diese Version auch «Die Gräberinsel».An Marie Berna schrieb Böcklin am 29. Juni 1880: «Am letzten Mittwoch ist das Bild ,Die Gräberinsel‘ an sie abgegangen. Sie werden sich hineinträumen können in die Welt der Schatten, bis sie den leisen lauen Hauch zu fühlen glauben, den das Meer kräuselt. Bis sie Scheu haben werden die feierliche Stille durch ein lautes Wort zu stören.»Den Titel „Die Gräberinsel“ verwendet Böcklin selbst anscheinend bis zum Ende seines Lebens. Anlässlich eines Glückwunschtelegramms vom Grafen Oriola zu seinem 70. Geburtstag bezieht er sich auf „die glücklichen Besitzer der Gräberinsel“.

Die dritte Version entstand 1883 für Böcklins Galeristen Fritz Gurlitt. 1936 wurde diese Version auf dem Kunstmarkt angeboten und von Adolf Hitler erworben, der das Werk bewunderte.Birgit Schwarz: Geniewahn. Hitler und die Kunst. Böhlau, Wien / Köln / Weimar 2009, ISBN 978-3-205-78307-7, besonders S. 152 ff. Er hängte es zunächst auf dem Berghof auf, ab 1940 in der Berliner Neuen Reichskanzlei.

1884 entstand eine vierte Version des erfolgreichen Sujets. Sie wurde später von dem Kunstsammler Heinrich Thyssen erworben und in seiner Berliner Bankfiliale aufgehängt. Dort verbrannte sie durch einen Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg. Es existiert von ihr nur noch eine Schwarzweiss-Fotografie.

Die fünfte Version wurde 1886 vom Museum der bildenden Künste in Leipzig bestellt, wo sie noch heute hängt.

Einordnung Das Bild ist stark autobiographisch geprägt; das Thema Tod spielte sowohl in Böcklins Leben als auch in seinen Werken immer eine bedeutende Rolle. Er verlor acht seiner vierzehn Kinder. 1880 starb sein Vater. Ab der dritten Version versah Böcklin eine der Grabkammern in den Felsen mit seinen Initialen.jeweils am rechten Felspfeiler, außenliegend oben In seinen weiteren Bildern beschäftigt er sich z. B. im Porträt der sterbenden Kleopatra und in Selbstporträt mit fiedelndem Tod mit diesem Thema.

Die morbide Atmosphäre der Toteninsel begründete schnell eine grosse Popularität im Fin de siècle, die bis heute angehalten hat. Einige sehen in «Die Toteninsel» einen Abgesang auf die europäische Kultur an der Schwelle zum technisierten 20. Jahrhundert. Die Bilder hatten grossen Einfluss auf spätere Maler; es gibt bis heute unzählige «Neuinterpretationen».

Das Gemälde wird neben «Das Gestade der Vergessenheit» von Eugen Bracht als eines der wichtigsten Werke des Symbolismus betrachtet. Kaiser Wilhelm II. besass eine Version von beiden Werken.

Die Toteninsel übte starken Einfluss auf andere Künste wie den Film und Virtual-Reality-Installationen, beispielsweise in der Ouvertüre von Lars von Triers Film Melancholia oder in Benjamin Nuels Toteninsel als Virtual Reality.

Die Lebensinsel mini|links|Arnold Böcklin: Die Lebensinsel (1888), Kunstmuseum Basel 1888 fertigte Böcklin ein Bild mit dem Titel Die Lebensinsel. Es stellt ebenfalls eine kleine Insel dar, allerdings mit ausgelassen badenden Göttern und einigen Schwänen im Vordergrund, auf der Insel eine Gruppe einander im Reigen zugewandter Menschen und verschiedenartiger Baumbewuchs vor sommerlichem Wolkenhimmel. Es hängt im Kunstmuseum Basel, wo sich auch die erste Version der Toteninsel befindet.

Die Insel der Toten mini|links|Carlo Böcklin: Die Insel der Toten (1901), Sankt Petersburger Eremitage In der Sankt Petersburger Eremitage befindet sich unter dem Titel Die Insel der Toten eine weitere Version dieses Motivs, die im Jahre 1901 von Carlo Böcklin geschaffen wurde, einem Sohn Arnold Böcklins. Es trägt die Inschrift «A. Böcklin invenit – Carlo Böcklin pinxit/1901» [lat. erfunden A. Böcklin – gemalt Carlo Böcklin/1901].

Daten der fünf Versionen Erste Version: Mai 1880 – Öl auf Leinwand, 111 × 155 cm; seit 1920 als Depositum der Gottfried Keller-Stiftung im Kunstmuseum Basel.Die Toteninsel (Erste Fassung), nach 1880, von Arnold Böcklin (1827–1901). In: Schweizerische Eidgenossenschaft, Eidgenössisches Departement des Innern EDI, Bundesamt für Kultur BAK, Museen und Sammlungen des Bundes, Sammlung Gottfried Keller Stiftung, Inventarnummer GKS588, Depositum der Gottfried Keller-Stiftung im Kunstmuseum Basel. Abgerufen am 5. März 2025. Zweite Version: Juni 1880 – Öl auf Holz, 74 × 122 cm; seit 1926 im Metropolitan Museum of Art New York City. Dritte Version: 1883 – Öl auf Holz, 80 × 150 cm; seit 1980 in der Alten Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin. Vierte Version: 1884 – Öl auf Kupfer, 81 × 151 cm; in Berlin während des Zweiten Weltkrieges zerstört. Fünfte Version: 1886 – Öl auf Holz, 80 × 150 cm; seit 1886 im Museum der bildenden Künste Leipzig.

Rezeption Klassische Musik Arnold Böcklins «Toteninsel» diente als Anregung für knapp dreissig Kompositionen, so viele wie kaum ein anderes Gemälde.Gerald Felber: Vertonte „Toteninsel“: Über dem Lärm der Zeit. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. November 2020. Heinrich Schulz-Beuthen: Die Toteninsel, Sinfonische Dichtung (1890) Andreas Hallén: Die Toteninsel (Rachmaninow)|Die Toteninsel, Sinfonische Dichtung für großes Orchester op. 45 (ca. 1898) Karl Weigl: Toteninsel, Fantasie für Klavier (1903) Sergei Rachmaninow: Die Toteninsel, Tondichtung für grosses Orchester op. 29 (1909); die mit Abstand bekannteste Vertonung. Felix Woyrsch: Die Toteninsel; Nr. 1 aus Drei Böcklin-Fantasien für grosses Orchester op. 53 (1910) Fritz Lubrich: Die Toteninsel, Nr. 3 (1912) aus Drei romantische Tonstücke für die Orgel (nach Arnold Böcklin’schen Bildern) op. 37 Max Reger: Die Toteninsel, Nr. 3 (1913) aus Vier Tondichtungen nach A. Böcklin op. 128; sein Schüler Fritz Lubrich jun. komponierte im selben Jahr «Drei romantische Tonstücke nach Böcklinschen Bildern» für Orgel op. 37 (Nr. 3: Toteninsel).

Literatur Heinrich Mann: Die Göttinnen. Die Insel wird hier beschrieben, allerdings wird der Name des Bildes nicht erwähnt und es handelt sich auch nicht um eine Bildbeschreibung. Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker. Im Zimmer eines Verschwundenen hängt das besagte Bild. Es dient hier wie in unzähligen anderen Adaptionen als Vorbote von Unheil. Kai Meyer: Die Alchimistin. Der Familienstammsitz der Protagonistin ist dem Gemälde nachempfunden. Im Roman behauptet eine Figur, sie habe Böcklin den Auftrag gegeben, das Schloss Institoris zu malen und es «Die Toteninsel» zu nennen. Thomas Lehr: Nabokovs Katze. Hier wird die Toteninsel in einem Krankenzimmer aufgehängt. Demian Lienhard: Mr. Goebbels Jazz Band. Dem Protagonisten William Joyce erscheint die Toteninsel im Traum während der Nacht vor seiner Schiffsreise von Großbritannien nach Belgien und weiter nach Nazideutschland. Am exakt gleichen Tag sieht der andere Protagonist, Fritz Mahler, Böcklins Bild im Museum. Bei beiden Figuren steht das Gemälde als Chiffre für ihr ihren Eintritt ins Reich der Toten, welches in dieser und den folgenen Passagen mit Nazideutschland gleichgesetzt wird. August Strindberg: Die Geistersonate. Am Ende des Stückes erscheint die Toteninsel im Hintergrund, begleitet von sanfter, ruhiger und leicht melancholischer Musik. Lena Falkenhagen: Die Boroninsel. Die auf dem Titelbild abgebildete namensgebende Insel ist sehr offensichtlich an die fünfte Version des Gemäldes angelehnt, wie auch der Romantitel in der Fantasywelt, in der die Erzählung spielt, ein Synonym des Bildtitels ist. Richard Voß: Die Todteninsel. Durch das Bild inspirierte Zeitschriften-Novelle, spielt in der Zeit der Christenverfolgung im alten Rom. Christian Kracht: Imperium. Das Gemälde hängt hinter dem Schreibtisch der Gouverneursresidenz, wird mehrmals erwähnt und gilt sicher als Analogie zur Insel Engelhardts, dem Protagonisten des Romans und einsamen Helden auf seiner «paradiesischen» Insel. Gerhard Meier: Toteninsel. Roman, Zytglogge Verlag 1979. Die erste Version des Gemäldes im Kunstmuseum Basel findet Eingang in die Erzählwelt des Autors.