Lettre International ist eine deutschsprachige Kulturzeitschrift, die seit Mai 1988 vierteljährlich in Berlin erscheint. Sie wurde von Frank Berberich als deutsche Ausgabe der 1984 in Paris von Antonin J. Liehm gegründeten, französischen Publikation Lettre Internationale initiiert und verbindet bildliche und textliche Beiträge aus unterschiedlichen Themenbereichen. Ein großer Teil der Texte sind erstmals ins Deutsche übersetzte Beiträge internationaler Autoren. Die Zeitschrift arbeitet mit verschiedenen Künstlern zusammen.

Geschichte, Umfang, Verlag Die erste Ausgabe der deutschen Lettre International wurde am 26. Mai 1988 in West-Berlin auf dem internationalen Schriftstellerkongress Ein Traum von Europa vorgestellt. Seither erscheint die Zeitschrift vierteljährlich im Format 27 × 37 cm mit 100 bis 140 Seiten pro Heft und einem jeweiligen Umfang von 800.000 bis 900.000 Zeichen (Stand 2026, Heft 153). Bis Sommer 2026 haben mehr als 1500 Autorinnen und Autoren aus über 100 Ländern rund 4.500 Texte publiziert, die aus mehr als 50 Sprachen übertragen wurden. 75 Prozent aller Texte sind Übersetzungen. 400 Künstlerinnen und Künstler sowie Fotografinnen und Fotografen haben bildnerische Arbeiten veröffentlicht.Traum und Wirklichkeit. Zur Situation einer Zeitschrift. Etwas zu Geschichte und Gegenwart von Lettre International. In: Lettre 153 (2026), S. 64 Die verkaufte Auflage lag 2024/25 bei 15.500 Exemplaren.Mediadaten Lettre International, online, abgerufen am 22. Juni 2026

Als Chefredakteure waren bis zum Herbst 2003 (Heft 62) Frank Berberich und Antonín Jaroslav Liehm tätig. Seither ist Berberich alleiniger Chefredakteur und auch Geschäftsführer der Verlags GmbH. Für die ersten zwölf Ausgaben lagen Werbung und Beratung in den Händen der Düsseldorfer Werbe- und Projektagentur von Michael Schirner.Impressum, in: Lettre international: Europas Kulturzeitung. (Nr. 1 ff.), Berlin 1988–2015.

Die Zeitschrift gehört vollständig der Lettre International Verlagsgesellschaft mbH und erscheint im Eigenverlag.Sara Hoegen u. a.: Friedrichstraße/Ostsee für Lettre International, Berlin 2006, S. 41–51. Lettre International wurde von Frank Berberich mit einer Anschubfinanzierung der durch ihn mitbegründeten taz ins Leben gerufen.Publizistischer Wahnsinn. In: taz, 2. Juni 2008 Sie finanziert sich aus Verkaufserlösen und Anzeigeneinnahmen und wird weder dauerhaft noch regelmäßig von privaten Stiftungen oder öffentlichen Geldern unterstützt. Einzelförderungen erhielt das Blatt durch den Deutschen Literaturfonds 1991 und 2014 sowie einen Übersetzungszuschuss 1995 für ein Themenheft zur Belagerung von Sarajevo.Traum und Wirklichkeit. Zur Situation einer Zeitschrift. Etwas zu Geschichte und Gegenwart von Lettre International. In: Lettre 153 (2026), S. 65

Inhalt und Profil mini|250px|Das „Lettre-Mobil“ bei einer Promotion-Kampagne 2009

Jede Ausgabe des Lettre International ist konzipiert als Zusammenstellung von bildlichen und textlichen Beiträgen mit einer Kombination verschiedener Textsorten, Kunstformen und Themen. Inhaltlich gehören Weltpolitik und Geschichte, Philosophie und Religion, darstellende und bildende Kunst, Wissenschaft und Forschung, Psychoanalyse und Ethnologie, Ökologie oder Ökonomie, Architektur, Astronomie, Sport, Natur, Medien, Erotik, Netzkultur oder Lifestyle dazu.

Lettre International hat viele Autoren in den deutschen Sprachraum eingeführt. Dazu gehören Liao Yiwu (2007), Slavoj Žižek (1991), Eliot Weinberger (1995), Halford J. Mackinder (2018), Abdelwahab Meddeb (1989), Urvashi Butalia (1997), Suketu Mehta (1997), Wiliam Langewiesche (2001), Nicholas Shakespeare (1988), Mark Danner (2005), Zhoug Qing (2006), Michail Ryklin (1991) und Gohar Homayounpour (2013). Zu den regelmäßig publizierenden Autoren von Lettre gehören Bora Ćosić, Régis Debray, Volker Demuth, Svetlana Alexijewitsch, Marcel Hénaff, Pankaj Mishra, Enrique Vila-Matas, Yang Lian, Georges Nivat, Frank Raddatz, Jacques Rupnik, Priya Basil, Wallace Shawn, Jean-Luc Nancy, Tom Engelhardt, Georg Stefan Troller, Karl Schlögel, Raoul Schrott, Elif Batuman, Philippe Videlier, Roberto Scarpinato, Olga Slawnikowa, Patricia Görg, Alfred McCoy, Nedim Gürsel, Péter Nádas, Boris Groys.Online-Archiv Lettre International

Zusammenarbeit mit Künstlern Titelbilder und weitere Seiten im Innenteil werden von Künstlern gestaltet. Zahlreiche internationale Künstler haben die Zeitschrift visuell geprägt, darunter Jörg Immendorff, der die erste Ausgabe gestaltete, Miquel Barcelò (2004), Ai Weiwei (2009), Georg Baselitz (1989 und 2008), Sigmar Polke (1989), Rebecca Horn (1990), Rosemarie Trockel (1994), Tobias Rehberger (2012 und 2018), Ilya Kabakov (1990), Marina Abramović (1993), A. R. Penck (1988), Jorinde Voigt (2015), Gerhard Richter (1996), Max Grüter (2003 und 2009) und Valérie Favre (2016).

Fotografien nehmen im Heft viel Raum ein und sind Berstandteil von künstlerischen oder essayistischen Reportagen. Beitragende Photographen waren unter anderem Sebastião Salgado, Graciela Iturbide, JR, Hans Hansen, Paolo Pellegrin, Olafur Eliasson oder Robert Longo.

Die Zeitschrift veröffentlicht literarische Reisereportagen von Amitav Ghosh, Nicolas Shakespeare, Isabel Hilton, Liao Yiwu oder William Langewiesche.

Mit dem Verkauf von Kunsteditionen versuchte der Verlag, die redaktionelle Arbeit finanziell zu unterstützen. So entstanden in den Jahren 1992, 2011, 2012 und 2013 je eine Kunsteditionsausgabe.

Lettre Ulysses Award In Zusammenarbeit mit der Aventis Foundation und dem Goethe-Institut begründete Lettre International 2003 einen jährlich vergebenen Weltpreis für die besten literarischen Reportagen, den Lettre Ulysses Award. Der mit insgesamt 100.000 Euro dotierte Preis wurde bis 2006 viermal verliehen und ist seitdem suspendiert. Jurymitglieder aus elf Sprachkreisen (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Türkisch, Portugiesisch, Arabisch, Russisch, Hindi, Chinesisch, Japanisch) wählten die besten Leistungen der Reportageliteratur. 2003 wurde der Preis Anna Politkowskaja für ihr Buch Tchétchénie: Le déshonneur russe über den Krieg in Tschetschenien verliehen. 2004 gewann das chinesische Autorenpaar Wu Chuntao und Chen Guidi den mit 50.000 Euro dotierten ersten Preis für das Buch A Survey on Chinese Peasants (zur Lage der chinesischen Bauern). 2005 wurde die britische Autorin Alexandra Fuller für ihr Buch Scribbling the Cat. Travels with an African Soldier mit dem ersten Preis ausgezeichnet. 2006 erhielt die britische Schriftstellerin Linda Grant den ersten Preis für ihr Buch The People on the Street. A Writer’s View of Israel.

Kontroverse um Sarrazin-Interview Das in LI 86 platzierte Interview mit Thilo Sarrazin erzeugte große mediale Aufmerksamkeit und Debatten über den vermeintlichen Rassismus mancher Äußerungen des damaligen Bundesbank-Vorstandes. Patrick Bahners, damals Feuilleton-Chef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, monierte: „Berlin soll sich, wie Sarrazin seinem Interviewer Frank Berberich allen Ernstes erklärte, durch Abdrängung der Nichtintegrierten sanieren. ‚Die Schulen müssen von unten nach oben anders gestaltet werden. Dazu gehört, den Nichtleistungsträgern zu vermitteln, dass sie ebenso gerne woanders nichts leisten sollten.‘“Patrick Bahners: Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam - Eine Streitschrift. C.H.Beck, München 2011, S. 24. ISBN 978-3-406-61645-7 Der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani behauptete 2012, die Kulturzeitschrift habe „mit ihrem vollständig widerspruchsfreien Interview“ einem Wirtschaftsexperten ein Forum gegeben, dessen Äußerungen sich als „wahre Fundgrube für die politische Arbeit der national-identitären Rechten“ entpuppten. Dadurch habe Lettre International „für die Popularisierung des völkischen Nationalismus, dem Uwe Mundlos anhing, mehr bewirkt als der Nationalsozialistische Untergrund“.Navid Kermani, Vergesst Deutschland! Eine patriotische Rede zur Eröffnung der Hamburger Lessingtage 2012. Ullstein, Berlin 2012.

In einem Interview für das Magazin der Medienmacher kritisierte der Herausgeber, Frank Berberich, die Reaktion der Medien als „Dilettantismus, politisch-korrekte Phrasen, Irreführung, große Parolen.“ Der dabei aufgekommene Skandal sei durch Medieninteressen entstanden und „die Sensationalisierung und Skandalisierung wurde vor allem von Medien inszeniert, die damit Geld verdienen wollten“, so Berberich. Das Interview sei einer von mehr als 40 Beiträgen zum Schwerpunktthema „Berlin“ gewesen und weder durch explizite Hinweise im Editorial oder gegenüber der Presse noch durch seine Platzierung – das Interview findet sich auf Seite 197 des 258 Seiten umfassenden Heftes – besonders hervorgehoben worden. Die Funktion eines sensationalistischen Aufmachers sei ihm erst durch Skandalisierung von außen zugewiesen worden.

Lettre International geriet darüber hinaus mit dem Springer Verlag und seinen in Berlin erscheinenden Tageszeitungen, in einen urheberrechtlichen Konflikt. Die Bild und andere Springer-Zeitungen hatten das Interview nicht nur mehrfach für Schlagzeilen benutzt, sondern den Text ohne Genehmigung zum großen Teil abgedruckt, sowie abgeschrieben und online vollumfänglich zur Verfügung gestellt. Lettre International erwirkte eine einstweilige Verfügung und bereitete eine Schadensersatzklage vor. Am 8. März 2011 einigten sich der Springer-Verlag und Lettre International auf ein Schadensgeld in Höhe von 60.000 Euro.

Auszeichnungen 1997 erhielt der Lettre-Gründer Antonin J. Liehm stellvertretend für das gesamte Netzwerk den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung der Leipziger Buchmesse. 2012: erhielt Stavros Papadopoulos für sein in Lettre International 95 erschienenes Fotoportfolio „Griechenland“ den LeadAward in Bronze in der Kategorie „Reportagefotografie des Jahres“.LeadAward-Preisträger 2012 2014: Integrationspreis der Stiftung Apfelbaum 2018 wurde Lettre International mit dem Konrad-Wolf-Preis der Berliner Akademie der Künste ausgezeichnet.

Literatur

Roman Léandre Schmidt: Lettre internationale: Geschichte einer europäischen Zeitschrift. Paderborn: Fink, 2017, ISBN 978-3-7705-6051-6

Weblinks Website der deutschen Ausgabe Website des Lettre Ulysses Awards Alexander Cammann: Weltbürgertum aus Kreuzberg, Die Zeit, 22. April 2013 Arno Widmann: Werkstatt der Geistesgegenwart, in: Berliner Zeitung, 27. März 2013 (auch in der Frankfurter Rundschau, Artikel aus Anlass der einhundertsten Ausgabe) Michael Freund: Die Vorzüge des längeren Atems, in: Der Standard, 6. April 2013

Einzelnachweise

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