Der Volkspark am Weinbergsweg in Berlin-Mitte ist ein als Gartendenkmal geschützter Stadtpark vor dem Rosenthaler Tor. 1956 angelegt auf einem im Zweiten Weltkrieg zerstörten Geschäfts- und Vergnügungsviertel, erstreckt sich der Park in Hanglage auf einem südwestlichen Ausläufer des Barnim. Der meist Weinbergspark genannte, vier Hektar große Park ist der kleinste Volkspark Berlins. Östlich angrenzend lag ein bis ins 18. Jahrhundert bewirtschafteter Weinberg.
Lage und Topografie mini|hochkant=0.7|links|An der Veteranenstraße, 2024
Der Park liegt 1,5 Kilometer nördlich des Berliner Schlosses zwischen dem Rosenthaler Platz und der Zionskirche (Ortsteil Berlin-Mitte im Bezirk Mitte). Mit unregelmäßigem Grundriss erstreckt sich der Park über die Fläche eines im Zweiten Weltkrieg großflächig zerstörten, trapezförmigen Häuserblocks. Er wird umgeben von der Veteranenstraße und Fehrbelliner Straße im Norden, dem Weinbergsweg im Südosten und der Brunnenstraße im Westen. Die umliegende Bausubstanz stammt zu großen Teilen aus der Gründerzeit. Zu den Anliegern gehören das 1904 errichtete, ehemalige Warenhaus Jandorf, einem Vorläufer des KaDeWe,Landesdenkmalamt Berlin: (Kaufhaus Jandorf, seit 1926 Warenhaus Tietz) das 1976 erbaute Altenheim Haus am Weinbergsweg sowie das 1991 eröffnete Kulturzentrum ACUD. Das Parkgelände befindet sich im historischen Stadtteil der Rosenthaler Vorstadt.
Geologisch liegt der Park auf einem südwestlichen Ausläufer der eiszeitlichen Hochfläche des Barnim an der Hangkante zum Berliner Urstromtal, das vor etwa 20.000 Jahren entstanden ist. Der Höhenunterschied zwischen der höchsten Stelle am oberen Spielplatz (51 Meter NHN) und der tiefsten an der Brunnenstraße (36 Meter NHN) beträgt rund 15 Meter.Digitales Geländemodell. Amtliches Topographisch-Kartographisches Informationssystem ATKIS.
Name Die erste öffentliche Grünfläche auf einem nördlichen Teilstück des heutigen Parks an der Fehrbelliner Straße trug ab 1936 den Namen Wollankpark.Hauptamt für Vermessung: Wollankpark. Berlin 1948. Landesarchiv Berlin: F Rep. 270 Nr. 4173.Grieben-Stadtplan Berlin. 10. Auflage. Grieben-Verlag, Berlin 1939. In der Nachkriegszeit hieß der projektierte Park zunächst Volkspark Veteranenberg (1953),VEB Bauprojektierung Gross-Berlin: Volkspark Veteranenberg. Landesarchiv Berlin F Rep. 270 Nr. 2847. dann Kulturpark am Weinbergsweg (1954).Helmut Kruse: Kulturpark am Weinbergsweg. Entwurfszeichnung von 1954. In: Gabriele Schulz: Der Volkspark am Weinbergsweg in Berlin-Mitte. In: Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Berlin im Wandel. 20 Jahre Denkmalpflege nach dem Mauserfall. Imhof, Petersberg 2010, S. 176. Während der Bauarbeiten sprach Architekt Helmut Kruse vom Volkspark am Weinbergsweg.Helmut Kruse: Der Volkspark am Weinbergsweg. In: Garten + Landschaft, 1955, Heft 65, S. 9.
mini|links|Spielplatz am früheren Wollankpark, 2024 Die Bezeichnung des Parks blieb auch nach der Einweihung im allgemeinen Sprachgebrauch uneinheitlich – bis in die heutige Zeit.Zeitungsportal DDR-Presse. Zeitungsinformationssystem (ZEFYS) der Staatsbibliothek zu Berlin. (In diesem Textkorpus von 1945–1994 ist die Bezeichnung Volkspark am Weinbergsweg mehr als doppelt so häufig dokumentiert, wie die Bezeichnung Volkspark am Weinberg.) Bereits 1955 berichteten verschiedene DDR-Presseorgane von einem neueröffneten Volkspark am Weinberg,Einst nur ein Traum aus dem Reich der Märchen. Volkspark am Weinberg feierlich eingeweiht. In: Berliner Zeitung, 3. September 1955, Nr. 206, S. 6. andere gleichzeitig von der Namensgebung Volkspark am Weinbergsweg.Volkspark am Weinbergsweg freigegeben. In: Neue Zeit, 4. September 1955, Nr. 207, S. 8. In zahlreichen Ost-Berliner Stadtplänen war er als Volkspark am Weinberg verzeichnet.VEB Landkartenverlag Berlin: Stadtplan von Berlin, Hauptstadt der DDR. Berlin/Potsdam 1968. 750 Jahre Berlin – Plan der Innenstadt. VEB Tourist Verlag, Berlin / Leipzig 1986. Berlin mit Umgebungskarte. 3. Auflage. Falk-Verlag, Berlin 1990.
2024 hieß der Park als Denkmal sowie im amtlichen Sprachgebrauch Volkspark am Weinbergsweg.Amtliches Liegenschaftskatasterinformationssystem (ALKIS Berlin): bei Geoportal Berlin: stadt-berlin.de, Denkmalliste Berlin Dezember 2023. (PDF, 4,9 MB) Landesdenkmalamt Berlin, berlin.de Geoportal Berlin. Amtliches Topographisch-Kartographisches Informationssystem (ATKIS). Umgangssprachlich war der Name Weinbergspark verbreitet.
Geschichte des Weinbergs Östlich des heutigen Parks war der Hang spätestens ab dem 16. Jahrhundert als Weinberg und ab Mitte des 18. Jahrhunderts auch gastronomisch bewirtschaftet. Ab 1801 in Besitz der Familie Wollank, waren zwischen 1840 und 1943 am Weinbergsweg mehrere große Theater und Lichtspielhäuser ansässig, darunter das Vorstädtische Theater, das National-Theater, sowie später das Walhalla-Theater mit Carow’s Lachbühne. Die westliche Hälfte des heutigen Parks an der Brunnen- und Veteranenstraße wurde ab Mitte des 19. Jahrhunderts mit gründerzeitlichen Wohn- und Geschäftshäusern bebaut, im Norden, inmitten eines großen Gartens an der Fehrbelliner Straße, befand sich ab 1875 die Villa Wollank. Nach der Zerstörung fast aller Gebäude im Zweiten Weltkrieg wurde der Park 1954–1956 neu angelegt.
16. bis 18. Jahrhundert: Wein und Maulbeerbäume
Auf einem Gebiet zwischen dem heutigen Weinbergsweg und der Choriner Straße befand sich ab der Reformationszeit ein Weinberg:
Nach einem Bankrott Engels war der Weinberg über 30 Jahre hinweg als Engelsche Verlassenheit bekannt, bevor er 1666 in den Besitz des Adelsgeschlechts von Sparr kam, 1668 verkaufte der preußische Generalfeldmarschall Otto Christoph von Sparr den damals von Contributionalen befreiten Weinberg an den Freiherrn Christoph Caspar von Blumenthal. Auf dem Anwesen befand sich zu dieser Zeit bereits ein Belvedere, gelegen östlich des heutigen Weinbergsweg 6/7,Vorlagen zu dem Stadtverordneten-Protokoll vom 23. Juni 1870. In: Communal-Blatt der Haupt- und Residenz-Stadt Berlin, 1870, S. 364; zlb.de weiter oben am Hang ließ Blumenthal zusätzlich einen dreigeschossigen Aussichtsturm errichten. Ab 1720 war ein größerer Gebäudekomplex am Ort des heutigen Weinbergsweg kartiert.Abraham Guibert Dusableau: Berlin. Kolorierte Handzeichnung, 1723. stadtmuseum.de 1737 wurde die Berliner Akzisemauer errichtet und der Weinberg befand sich nurmehr wenige Schritte außerhalb der Stadt nordöstlich des Rosenthaler Thores.
Vermutlich bis 1740 wurde auf dem Hang Wein angebaut, 1751 war das Land bereits mit Maulbeerbäumen besetzt, zum Ende des 18. Jahrhunderts waren es mehr als 1200 Exemplare. Ebenfalls 1751 wurde das Grundstück vergrößert, der damalige Besitzer Joh. Fr. Weikgenannt erhielt das Land im Tausch für das von ihm an den König abgetretene, sogenannte Vogtland westlich der Brunnenstraße. Weikgenannts Besitz erstreckte sich nun zu beiden Seiten des heutigen Weinbergswegs und umfasste auch Flächen des heutigen Parks.
1763 erwarb der Goldschmied und Königliche Lieferant Carl Friedrich Mollard den ehemaligen Weinberg und richtete dort unter großen Bäumen ein vielbesuchtes Kaffeehaus ein:Tableau de Berlin. Imprimé Chez George Decker, Berlin 1801, S. 28.Brandenburgisches Landeshauptarchiv: Anzeige gegen den Goldschmied Mollard wegen unbefugten Jagens in seinem vor der Rosenthaler Landwehr gelegenen Weinberg; 1780-1781. (Akte: 2 Kurmärkische Kammer F 4171)
Die Gaststätte wurde ab 1795 von Johann Friedrich Wilhelm Münnich betrieben, der Standort war in Höhe der heutigen Zehdenicker Straße. Um 1783 wurde „auf der höchsten Stelle“ des Weinbergs nahe der heutigen Fehrbelliner Straße ein spätbarocker Pavillon mit achteckigem Grundriss errichtet, der 1883 abgebrochen wurde.Hans E. Pappenheim: Das Belvedere auf dem Pichelsberg. Ein Beitrag zur Geschichte der Berliner Gartenpavillons im 18. Jahrhundert. In: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte. 7. Band, Berlin 1956. S. 25.
Ab 1801: Wollanks Weinberg mini|Wollank’scher Weinberg, 1835 1801 erwarb die Familie Wollank das Land, auf dem sie bis zum Zweiten Weltkrieg ansässig war. Der Plan der Berliner Hufen von 1822 bezeichnete es als Teil der Weinberg-Stücke.Mencelius: Plan der Berliner Hufen von 1822. Königl. Lith. Institut Berlin, 1823. stadtmuseum.de. Gottlieb Friedrich Wollank (1771–1851), der Anfang des 19. Jahrhunderts mehr als 200 Morgen (50 Hektar) Land im Norden Berlins besaß, bezog den am heutigen Weinbergsweg Ecke Zehdenicker Straße gelegenen Gutskomplex, später bekannt als Wollanks Meierei westlich des Gasthauses Wollanks Weinberg.Emil Dominik: Quer durch und ringsum Berlin. Paetel, Berlin 1883. S. 121. 1825 löste er die Maulbeerplantage auf und die Wollanks verkauften in den folgenden Jahrzehnten den Großteil des rings um das Gutshaus gelegenen Landes.
1833 wurde im Gutshaus, dem damaligen Weinbergsweg 12, Adolf Friedrich Wollank geboren, der später Amtsvorsteher in Pankow wurde.Berliner Bezirkslexikon der Edition Luisenstadt: Adolf Friedrich Wollank. Bei berlingeschichte.de Dort wurde 1882 die Wollankstraße nach ihm benannt.
1838–1870: Gräberts Vorstädtisches Theater auf dem Weinberg Friedrich Ludwig, genannt: Louis Gräbert (ca. 1811–1854) erwarb 1838 die Gaststätte Wollanks Weinberg und wandelte das Anwesen in ein großes Volksgarten-Etablissement um, es befand sich am damaligen Weinbergsweg 9–10 und erstreckte sich oberhalb der heutigen Zehdenicker bis zur Choriner Straße.Zeichnung zur Errichtung einer neuen offenen Halle im Garten des Vorstädtischen Theaters für Frau [Julia] Gräbert, Weinbergsweg No. 10. Landesarchiv Berlin: F Rep. 270 Nr. 3612.
mini|Gräbert und Thalia Theater, 1846
Zusätzlich zur Bühne errichtete Gräbert im Garten ein Sommertheater. 1842 und 1843 spielte dort die private Thalia-Theatergesellschaft. Nach ihrem Weggang gründete er mit Unterstützung des späteren Verlegers Ernst Litfaß die Liebhabertheater-Gesellschaft Laetitia am selben Standort. Im Mai 1848 eröffnete Gräbert das Vorstädtische Theater zunächst als Privatbühne, bekam im Zuge der Märzrevolution im Herbst eine Konzession und eröffnete erneut an Ostern 1849 als öffentlicher Theaterbetrieb.Hermann Kügler: Gräberts Berliner Volkstheater. In: Martin Henning u. a. (Hrsg.): Jahrbuch für Brandenburgische Landesgeschichte. 3. Band. Berlin 1952, S. 23 ff. Das Vorstädtische Theater war damit eines der ersten und bald eines der beliebtesten Volkstheater Berlins, Oberregisseur war zeitweilig Eduard Engelhardt, musikalischer Leiter Thuiskon Emil Hauptner.
Nach einer Tuberkuloseerkrankung baute Louis Gräbert im Theatergarten aus Austernmuscheln die vermutlich erste Mariengrotte Berlins.Roland Sommer: Grottenarchitekturen im Gebiet Berlin/Brandenburg. Dissertation, Berlin 2018, S. 171. 1854 starb er im Alter von 43 Jahren und seine Witwe Julie Gräbert übernahm die Direktion und betrieb das populäre Theater mit großem Erfolg bis zu ihrem Tod 1870.Hugo Wauer: Humoristische Rückblicke auf Berlins "gute alte" Zeit von 1834 bis 1864. Berlin 1907. Kapitel: Von’s Vorsteetsche Theater, S. 125–150; zlb.de In den darauffolgenden Jahren wechselten die Betreiber des Vorstädtischen Theaters häufig, von etwa 1878–81 hieß das Haus Germania Theater, bevor es im Frühjahr 1886 für den Ausbau der Zehdenicker Straße abgerissen wurde.Beilage zum Berliner Volksblatt, Lokales. In: Berliner Volksblatt, 26. März 1886, 3. Jahrgang, Nr. 72, S. 7; fes.de
Der Weinbergsweg war als Zufahrt zu Wollanks Weinberg lange eine Sackgasse, gegenüber dem Eingang des Vorstädtischen Theaters befand sich ein Kastanienhain.Adolph Reich: Bei Mutter Gräbert! In: Adolph Reich: Berlin wie es lacht – und lachte. Verlag Siegfried Cronbach, Berlin 1888, S. 31; zlb.de Mitte der 1860er Jahre wurde der Weinbergsweg quer durch das Wollank’sche Anwesen nach Norden verlängert und mit der bestehenden Kastanienallee verbunden.