mini|Die reiche Stadt Kilwa um 1520, Illustration aus Civitates orbis terrarum vol. I von Georg Braun und Franz Hogenberg (Ausgabe Beschreibung vnd Contrafactur der vornembster Stät der Welt, Köln 1582)

Unter den Stadtstaaten der Swahili versteht man eine Reihe von kosmopolitischen Städten an der ostafrikanischen Küste, die durch intensiven Handel mit Gold und Elfenbein vom Sambesiplateau zu beträchtlichem Reichtum gelangten und im Zeitraum von neunten bis zum frühen 16. Jahrhundert ihren Aufstieg und ihre Blütezeit erlebten. Obwohl jede dieser Städte eine eigenständige politische Einheit darstellte, teilten sie die gemeinsame Sprache Swahili, den Islam als prägendes Kulturelement sowie ähnliche soziale und kulturelle Strukturen, die sich zum Beispiel in der Architektur der Städte widerspiegelte. Dabei verbanden sie Elemente afrikanischer, arabischer und anderer Gesellschaften und bildeten eine eigene Kultur.

Viele dieser Städte, wie etwa Mogadischu, Sofala und Kilwa Kisiwani, entwickelten sich zu bedeutenden Handelsorten, die einerseits mit Innerafrika, andererseits mit Arabien und den Küsten Asiens Handel trieben und teilweise sogar eigene Münzen prägten.

Geographie der Küste mini|Die Städte an der Küste Ostafrikas

Die Küste Ostafrikas, von Somalia im Norden bis Kilwa im Süden, ist ca. 1500 Kilometer lang. Sie bildete das Kerngebiet der Swahilistädte. Im nördlichen Teil lagen sie meist nicht auf dem Festland, sondern auf küstennahen Inseln, da das Festland hier sehr trocken ist und kaum geeignete Buchten für einen Hafen bot. Südlich des Lamu-Archipels ist das Klima feuchter und damit freundlicher, so dass ab hier auch die eigentliche Küste genutzt wurde. Direkt gegenüber dem Archipel liegt die Mündung des Tana, davor befinden sich die Inseln Lamu, Pate und Manda. Auf jeder dieser Inseln lagen bedeutende Städte, wenn auch nicht gleichzeitig. Hier und weiter südlich gibt es zahlreiche Küstengewässer und viele kleine Buchten, die für einen Hafen geeignet sind. Daneben scheint bei der Wahl für den Standort einer Stadt auch die Fruchtbarkeit der Böden eine Rolle gespielt zu haben, womit anscheinend eine gewisse Selbstversorgung sichergestellt werden konnte.George, Abungo, Mutoro, in: The Archaeology of Africa. 701 Es konnte somit eine Reihe wichtiger Orte auf dem Festland entstehen, andererseits findet man auch hier auf vorgelagerten Inseln einige Städte. Südlich der bedeutenden Stadt Kilwa sind zwar auch noch Händler und Orte bezeugt, doch gibt es hier kaum noch Wasserstellen am Meer und im Inland findet sich nur noch Wüste – diese Regionen waren deshalb ungeeignet für die Gründung von Häfen. Die südlichste Häfen waren Sofala, wahrscheinlich eher ein Umschlagsort denn eine Stadt, im heutigen Mosambik und Chibuene. Die Orte liegen mehr als 1000 km südlich von Kilwa. Die dort gefundene Keramik ähnelt jedoch der von Kilwa. Weitere Städte findet man auf den ca. 250 km vor der Küste von Mosambik liegenden Komoren und sogar auf Madagaskar, das zu dieser Zeit aber sonst keine bedeutende Rolle spielte.Garlake: Afrika und seine Königreiche.S. 81–83

Von dörflichen Siedlungen in der Küstenregion abgesehen, mit denen diese Städte in Kontakt standen und die sie wohl auch teilweise beherrschten, drang ihre Kultur nicht weiter nach Innerafrika vor und blieb auf eine schmale Zone am Meer beschränkt.

Quellen Diese Stadtstaaten waren den Arabern von Anfang an bekannt und seit dem 11. Jahrhundert ein Teil der islamischen Welt. Sie wurden des Öfteren in verschiedenen Reiseberichten erwähnt. Einen ersten Bericht lieferte Al-Mas'udi, der die Gegend 916 besuchte. Eine weitere ausführliche Beschreibung der Gegend lieferte der Weltreisende Ibn Battuta, der im Jahre 1331 an der Ostküste Afrikas bis in den Süden nach Kilwa kam. Spätere wichtige Quellen sind die Berichte der Portugiesen, die hier im frühen 16. Jahrhundert ankamen, einige Städte plünderten und dann den Handel übernahmen.

Die Geschichte einzelner Orte kann nur selten aus schriftlichen Quellen erschlossen werden, obwohl einige Chroniken erhalten sind (Kilwachronik, Patechronik). Die mit dem Namen der herrschenden Sultane versehenen Münzen bilden eine weitere historische Quelle.

Die Archäologie liefert einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Region. Die ersten Ausgrabungen begann 1948 James Kirkman, der innerhalb von zehn Jahren Gedi erforschte.Garlake: Afrika und seine Königreiche. S. 88–89. In den folgenden Jahren wurden weitere Orte untersucht, deren Gebäude und Moscheen oftmals bis in die Gegenwart noch in voller Höhe erhalten sind. Vor allem Neville Chittick grub in den 1960er Jahren an Orten wie Kilwa und Manda. Viele dieser Ruinenstädte sind heute beliebte Touristenziele.

Geschichte Bis zum 10. Jahrhundert mini|300px|Periplus-Karte aus dem Theatrum orbis terrarum, mit den Handelsrouten an der nordostafrikanischen, arabischen und indischen Küste, von Abraham Ortelius, 1597 Die Ostküste Afrikas wurde schon von den Römern im Periplus Maris Erythraei im ersten nachchristlichen Jahrhundert beschrieben. Es fehlten lange Zeit aber archäologische Belege für diese Zeit. In antiken Quellen wird diese Region als Azania bezeichnet und mehrmals ein Handelsplatz namens Rhapta genannt.

Erst die Forschung in den letzten Jahren konnte auch Belege vor Ort erbringen. Es gab demnach an der Küste schon ab Christi Geburt feste Siedlungen. Diese sind durch die Kwale-Keramik und Eisenschlacken gekennzeichnet. Bei Kivinja konnten zahlreiche Importe aus dem Nahen Osten und dem Mittelmeerraum gefunden werden und belegen archäologisch den schriftlich überlieferten Handel. Aus späterer Zeit konnten Funde von iranischer Keramik auch im Inland 50 km hinter der Küste von Bagamoyo belegen, dass in diesem Zeitraum der Handel am Indischen Ozean bereits mit einem regionalen Handelsnetz verbunden war.

Im achten Jahrhundert war der arabische Raum von Bürgerkriegen geplagt. Viele Menschen flüchteten aus ihrer Heimat und ein Teil von ihnen ging nach Ostafrika, wo sie auf die Zandsch trafen, die an der Küste kleine Marktflecken kontrollierten. Obwohl die Zandsch anscheinend heftigen Widerstand leisteten, vermischten sich auf die Dauer die Neuankömmlinge mit der Urbevölkerung. Der bisher früheste nachgewiesene Ort liegt auf der Insel Manda im Lamu-Archipel. Hier fand man bei Ausgrabungen islamisch-persische Keramik und chinesisches Porzellan. Es wurden auch Reste einer Mauer gefunden, die zeigen, dass dieser Ort, der in das 9. Jahrhundert datiert, befestigt war. Viele Orte an der Ostküste, obwohl diese meist viel kleiner sind (im Schnitt nicht mehr als 5 Hektar) erbrachten vergleichbare Ausgrabungsergebnisse. Der Islam scheint als Religion noch keine Bedeutung gehabt zu haben, bisher konnte nur in Shanga eine Moschee nachgewiesen werden und es gibt einige wenige Gräber, die wegen ihrer Orientierung als islamisch eingeordnet werden. Aus Kilwa gibt es eine arabische Inschrift, die beweist, dass jemand an diesem Ort dieser Schrift und Sprache mächtig war. Die Keramik aus dem Nahen Osten zeigt, dass damals schon ein internationaler Handel bestand. Diese Keramik macht im Fundgut meist 1–5 % des gesamten keramischen Materials aus.Wright: Trade and politics, S. 659–665.

Ein weiterer Grund für den Aufschwung des Handels in dieser Region hatte vielleicht auch mit der Verlegung der islamischen Hauptstadt nach Bagdad zu tun. Der Persische Golf und damit der Indische Ozean erlangten damit eine stärkere Bedeutung in der islamischen Welt.

11.–16. Jahrhundert Im 11. oder 12. Jahrhundert kamen eventuell neue Siedler aus Arabien hinzu. Es beginnt die eigentliche Blütezeit der Region. Die Städte wuchsen erheblich an, andere, wie Lamu, Baraawe oder Mogadischu wurden jetzt erst gegründet. Es wird im Schnitt von einer vierfachen Vergrößerung der vorhandenen Siedlungen ausgegangen, die nun zum Großen Teil städtischen Charakter erhielten. In dieser Periode wurde auch an allen Orten der Islam als Religion übernommen. Als Folge davon wurden zahlreichen Moscheen errichtet.

mini|Gedi, ein 1399 datiertes Grabmal

Ausgrabungen förderten vielerorts chinesisches Porzellan und andere Importwaren zutage. Der Prozentsatz dieser Importe im Fundgut ist aber insgesamt kaum höher als vorher. Da die Orte nun größer waren, ist von einem Zuwachs des Handelsvolumens auszugehen. Kilwa im Süden scheint in dieser Zeit eine besondere Vormachtstellung errungen zu haben. Es ist auch einer der wenigen Orte, von dem eine Chronik (Kilwachronik) erhalten ist und dessen Geschichte deshalb in groben Zügen nachvollziehbar ist. Die Namen von etwa zwölf Sultanen sind durch Münzen bekannt.

In der Zeit vom 12. zum 15. Jahrhundert wurden auch die meisten Steinbauten errichtet.Wright: Trade and politics, S. 665–670. Aus den wenigen schriftlichen Quellen geht hervor, dass einige Städte wie Kilwa versuchten, eine Vormachtstellung gegenüber den anderen aufzubauen, was aber anscheinend nie wirklich gelang. Nicht einmal bei der Ankunft der Portugiesen vermochten sie sich gegen diesen Feind zu vereinigen. Schon kurz vor der Ankunft der Portugiesen gibt es Krisenzeichen. Vor allem die Eisen- und Textilproduktion gingen langsam zurück.

Al-Hasan ibn Sulaiman Abu'l-Mawahib (um 1330), der sicherlich der bedeutendste Herrscher von Kilwa war, bezeichnete sich immerhin auf seinen Münzen als siegreicher König, was ein gewisses Hegemoniebestreben andeutet. Es gibt schließlich auch Belege, dass die Sultane Feldzüge nach Innerafrika führten, doch scheint es nie zu ständigen Eroberungen gekommen zu sein. Es wird meist von einem Dschihad gegen Heiden gesprochen. Im Großen und Ganzen scheinen die Beziehungen zu Innerafrika aber eher gut gewesen zu sein. Die Bewohner des Landesinneren leisteten z. B. bei dem Angriff der Portugiesen auf Kilwa militärische Hilfe und sandten vor allem Bogenschützen zur Hilfe.

Die Ankunft der Portugiesen Schon vor dem Ankommen der ersten Europäer gab es Anzeichen für Krisen. Kilwa erlebte schon im 15. Jahrhundert einen Niedergang. Die dortige Münzproduktion hörte sogar schon im Jahr 1375 auf. Dies hatte vielleicht mit innerafrikanischen Machtverschiebungen zu tun. Das Munhumutapa-Reich zerfiel in dieser Zeit, so dass der Goldnachschub nicht mehr voll gewährleistet war. Auch Sofala, das vorher von Kilwa abhängig war, scheint sich eigenständig gemacht zu haben.

Als die Portugiesen um 1500 in dieser Region eintrafen, versuchten sie ohne Verzögerung, die Kontrolle über die reichen Städte zu gewinnen. Noch 1498 schloss Vasco da Gama einen Pakt mit Malindi. In den folgenden Jahren fuhren die Portugiesen mit schwer bewaffneten Schiffen in die Häfen ein und verlangten von den dortigen Herrschern, sich zu Untertanen der Portugiesen zu erklären. Wurde diese Forderung nicht erfüllt, plünderten sie die Stadt. Der Feldzug wurde als heiliger christlicher Krieg gerechtfertigt. Da selbst die großen Städte es nicht gewohnt waren, sich verteidigen zu müssen und auch waffentechnisch unterlegen waren, hatten die Portugiesen ein leichtes Spiel. Im Jahr 1503 griff Ruy Lourenço Ravasco Sansibar an und zwang die Stadt zur Tributzahlung. 1505 wurde Sofala eingenommen, und es wurde dort eine portugiesische Festung erbaut. Francisco de Almeida plünderte in den folgenden Jahren Kilwa, Mombasa und Baraawe. Die Portugiesen brachten nun den Handel unter ihre Kontrolle, wobei ihr Hauptinteresse der Gewürzhandel mit Indien war.

Obwohl die meisten Städte nicht verlassen wurden und es auch weitere Bauten von Moscheen und anderen Gebäuden gab, verlor die Region doch an Bedeutung. Die Blütezeit der ostafrikanischen Städte fand zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein Ende.

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