Tianxia“Unter dem Himmel” Hanzi: 天下 HochchinesischPutonghua • MandarinHanyu Pinyin: tiānxià Weitere UmschriftenIPA: [tʰiɛn ɕia] Zhuyin: ㄊㄧㄢ ㄒㄧㄚˋ Wade-Giles: t’ien hsia POJ: thian-hā Wu: tie ya Jyutping: tin1haa6 Hakka: ien24 ha55 JapanischKanji: 天下 Kana: てんか, てんげ,てんが oder あめのした Romaji: Tenka, Tenge,Tenga oder Ame-no-shita Koreanisch Hanja: 天下 Hangeul: 천하 RevidierteRomanisierung: Cheonha Vietnamesisch Vietnamesisch: thiên hạ

Tianxia () ist eine Wortfolge aus zwei Schriftzeichen der chinesischen Hochsprache. Der Begriff ist vieldeutig und wird über die wörtliche Übersetzung hinausgehend meistens ausgelegt als „Alles, was unter dem Himmel ist“, ohne geographisch-räumliche Einschränkungen. Historisch wurde so auch der Herrschaftsanspruch des Kaisers bezeichnet (Universalmonarchie).

mini|Für das gemeinsame Wohl aller unter dem Himmel. Tiānxià wèi gōng. – Kalligrafie von Sun Yat-sen

Wortbedeutung Je nach Kontext kann die Wortfolge folgende Bedeutungen umfassen:

ZusammenhangHistorische Weltsichtgeographisch-naturwissenschaftlichgesamte, bewohnte Um-Welt, Ökumenereligiös-metaphysischBezug Diesseits auf Jenseits mit Gottheit im Himmelgeopolitisch, wirtschaftlichbeherrschtes Weltreich, Chinesisches Kaiserreich, sonst Raumname, Wirtschaftsraumkosmologischquadratische Welt „auf Erden“ vs. runder, gestirnter Himmelideengeschichtlichkonfuzianische Ökumene, geistig zu einende, zivilisierte, friedliche KulturweltAktuelle Lesartgesellschaftlich, alltagssprachlichSinosphäre in Ostasien, universelle Wertegemeinschaft, „alle Welt“metaphorischSachgesamtheiten, wie das „Reich der Mineralien“ (siehe Text)

Der Begriff steht für ein umfassendes, altes Konzept, das als Vorstellung von der Welt in unterschiedlichen Zusammenhängen jeweils eine andere Bedeutung hat. Die Wörter und Wortgruppen für Tianxia werden also mit Bedacht und Achtsamkeit vor dem Hintergrund der geschichtlichen Gegebenheiten eines anderen Kulturkreises gewählt. Das europäische Verständnis hat sich seit langer Zeit mit den Wortfindungen Celestial Empire (en.) und Céleste Empire (fr.) beholfen.vgl. Eintrag in den gedruckten Ausgaben der New Encyclopædia Britannica, Micropædia unter Celestial Empire. „Himmlisches Reich“ und „Himmelreich“ als Verdeutschung würde jedoch sehr an religiöse, heilige, sakrale Inhalte erinnern, weshalb diese Übersetzung im Deutschen unüblich ist. Zudem besteht Verwechslungsgefahr mit dem Himmlischen Reich des Großen Friedens von 1851.

Konnotation der Schriftzeichen Das Wort selbst setzt sich aus zwei chinesischen Schriftzeichen zusammen: 天 (tiān, „Himmel“) und 下 (xià, „unten“). Beide Wörter bringen jeweils eigene Konnotationen mit sich: Der Himmel steht im Chinesischen wie im Deutschen sowohl für die physikalisch beobachtbare irdische Atmosphäre (vgl. ), wie auch für das Göttliche und das Jenseitige (vgl. ). In letzterer Bedeutung ist der Himmelsbegriff im Chinesischen besonders im dualen Gegensatzpaar Himmel und Erde () von Bedeutung, das etwa im Daoismus ein vielschichtiges philosophisches Konzept darstellt; aber auch in der politischen Bedeutung vom Mandat des Himmels, welches einen „Sohn des Himmels“ als göttlichen Herrscher legitimiert. Das 下 (‚unten‘), wird als einzelnes Zeichen sowohl als Positionsbeschreibung (im zusammengesetzten Wort also „unterhalb des Himmels“) verwendet, wie auch als Richtungsbeschreibung (also „vom Himmel nach unten“) gebraucht. Somit liegt das Hauptinteresse der Redewendung Tianxia nicht auf dem Himmel selbst, sondern auf dem, was sich darunter abspielt.

Je nach Kontext kann sich Tianxia somit wortwörtlich in trivialer Beobachtung auf alles beziehen, was in allen Himmelsrichtungen zwischen Erdoberfläche und Himmel ist – es ist eine reine Feststellung. Zum Anspruch wird das Tianxia hingegen im politischen Kontext, wo sich „alle Welt“ unter der Herrschaft des vom Himmel legitimierten Weltherrschers befindet.

Tian mini|天 (tiān) in der Orakelschrift mini|天 (tiān) in der Siegelschrift Das Schriftzeichen 天 („Himmel“) gilt als Verbildlichung alter chinesischer Vorstellungen von der natürlichen Ordnung. Es setzt sich zusammen aus den Zeichen 大 (dà „groß“) und 一 (yī „eins“), wobei bereits 大 ebenfalls zusammengesetzt ist aus 一 und 人 (rén „Mensch, Person“). Der oberste horizontale Strich des 天 wird von den anderen Strichen nicht durchbrochen, in der Kalligraphie oft auch nur berührt oder bleibt ganz unverbunden. Dies steht nach gängiger Lesart dafür, dass der oberste Strich das bedeutungstragende Element dieses Zeichens ist. In der wesentlich älteren Orakelschrift, der Bronzeinschrift und teilweise noch in der Siegelschrift kann in 天 hingegen eine anthropomorphe Figur erkannt werden, die von Archäologen auch als Gottheit interpretiert wird.

Umgeben von politischen, militärischen und klimatischen Unzulänglichkeiten erschien die mächtige, in sich ruhende kosmische Ordnung mit ihren eigenen, regelhaften Abläufen als ein vorbildhafter Ordnungsrahmen für die Menschenwelt. Der Lauf der runden Sonne und des Mondes, wie auch das Kreisen der Sterne um den zentralen Polarstern ist die mit bloßem Auge erkennbare Vorlage für das Kalenderwesen. Dieses verbesserte die Ackerbaukultur und damit auch die Nahrungsversorgung der Bevölkerung.Zum Mingtang-Tempel, dem sowohl quadratischen, als auch runden Kalenderhaus, das mit dem aktiven Einfluss der Herrschaft des Kaisers auf die zeitliche Dimension verweist, siehe bei Marcel Granet: Die chinesische Zivilisation, S. 238. Der idealen, runden, väterlichen Himmelswelt stand nach der Trennung von Himmel und Erde (s. u. Mythen) die mütterliche, Irdische mit ihren rechteckigen Feldern, Wohnhöfen, Städten und Palästen gegenüber.Li Gi, Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche. Übs. u. hrsg. von Richard Wilhelm, Neuausgabe, Diederichs, Düsseldorf, Köln 1981, ISBN 3-424-00691-2, I. 6. Kap. Das Buch Dsong Dsï, I. Teil, K. Der Himmel ist rund / Tiën Yüan 1. Rund und quadratisch, S. 159, Schan Gü Li befragte den Dsong Dsï und sprach: „Es heißt, der Himmel sei rund und die Erde quadratisch; ist das wirklich so?“ Längere Fußnote mit Erläuterung, S. 159ff. und IV. 21. Kap. Bau Fu / Die kaiserlichen Lehrer, 13. Der heilige Wagen [ähnlich der Schildkröte ein Lehrmittel zur Erklärung des Kosmos' mit Himmel und Erdenwelt]. In Zeiten der Dürre wurde der Himmel um Regen gebeten. Der Himmel wurde demnach als vermenschlichte, göttliche Person angesehen. Da das Volk und der Himmel alles wahrnehmenVgl. Vox populi vox dei, Zusammenhang mit der Bibel, Prophet Isaias Kap. 66, 6., beauftragt, verleiht nur der Himmel das Amt des Kaisers (die EinsetzungHierzu Mengzi Buch 5, Abschnitt A, Nr. 5, in Mong Dsï: Die Lehrgespräche des Meisters Meng K'o. Übs. von Richard Wilhelm, 2. Aufl. der Neuausgabe, Diederichs, München 1994, ISBN 3-424-00742-0, S. 141f., wobei Wilhelm „Himmel“ sinnentsprechend mit „Gott“ wiedergibt und insbesondere das Kapitel Shangtong, Oben angleichen, in den Synoptischen Erörterungen des Mo Ti: Von der Liebe des Himmels zu den Menschen. Übs. u. hrsg. von Helwig Schmidt-Glintzer, Diederichs, München 1992, ISBN 3-424-01029-4, S. 82ff., S. 85ff. und S. 95ff. und die Oden Nr. 8 时邁 passim aus dem ersten Buch des vierten Teils des Buchs der Lieder, Shiji.) nur an die Tugendhaften.

Entsprechend wurde der chinesische Kaiser auch als „Sohn des Himmels“ oder „Himmelssohn“ umschrieben. Anders als die Kaiser in römischer TraditionDer Kaiser war nach christlicher Auffassung auch im Mittelalter und besonders in der Neuzeit ein weltlicher, profaner Herrscher von Gottes Gnaden. Die höchste priesterliche Funktion blieb weiterhin dem Papst vorbehalten. Diese Autorität erkennt die heutige chinesische Regierung bezogen auf die Katholiken in China nicht an. vereinte der chinesische Himmelssohn sowohl die Funktionen als weltlicher wie geistlicher Führer in sich. Nur er alleine durfte herrschen und dem Himmel als einer Gottheit opfern, während die nachrangigen KönigeAlso die von Anbeginn vom Kaiser eingesetzten Könige und die von ihm aus ferneren Ländern als tributleistende Vasallen in den Königsstand erhobenen Herzöge und Großfürsten – ganz im Gegensatz zu den früheren Königen der Zhou-Dynastie, die als Nachfolger der alten Shang-Kaiser selber Himmelssöhne, eigentlich im Range eines Kaisers waren. Auf die Nähe zwischen Di 帝 = Kaiser und = höchster Gott weist für die Shang-Zeit als einer von vielen hin, Wolfram Eberhard: Chinas Geschichte. Mehrere Aufl., hier Francke Verlag, Bern 1948, S. 33. Zur Rolle des Fürsten insbesondere bei Marcel Granet: Die chinesische Zivilisation | Familie • Gesellschaft • Herrschaft | Von den Anfängen bis zur Kaiserzeit. Übs. u. eingel. von Claudius C. Müller, 2. Aufl. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1988, ISBN 3-518-28118-6 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 518), Drittes Buch, Kap. 2, Der Fürst, S. 111–124, der beim Königlichen Himmelssohn der Zhou-Zeit im Vierten Buch, Kap. 1, S. 235ff. insbesondere seine Funktion als, je nach Lage, nomineller oder auch faktischer Heerführer betont. in den Ländern ihren Erdaltären opferten.z. B. Alfred Forke: Geschichte der alten chinesischen Philosophie. Bd. 1, Kommissionsverlag L. Friedrichsen, Hamburg 1927, S. 55. Nur er allein im ganzen Weltreich Tianxia konnte für Verfehlungen des Volkes dem Himmel gegenüber Wiedergutmachung mit einem SühneopferSiehe z. B. Marcel Granet: Die chinesische Zivilisation, S. 244. erbitten. Letztlich hing daher auch eine gute Nahrungsversorgung von diesen Qualitäten des Kaisers ab.

So ergab es sich, dass der oberste Herrscher als vom „Vater Himmel“ eingesetzter Sohn eine Vermittlerrolle zum Volk innehatte. Das chinesische Zeichen wang 王 für König erklärt diese Verbindung als Prinzipdarstellung.Für viele Peter Weber-Schäfer: Oikumene und Imperium, Studien zur Ziviltheologie des chinesischen Kaiserreiches. In Schriftenreihe zur Politik und Geschichte. Paul List Verlag, München 1968. Allgemein S. 22. Ausführlich zum Schriftzeichen wang insbesondere S. 287. In der vertikalen Mitte war laut klassischem Verständnis der Kaiser Himmelssohn und zugleich Träger des herrschaftlichen Himmelsmandates. Anders als beim Gottesgnadentum konnte er es durch subjektives Unvermögen oder ungünstige objektive Rahmenbedingungen verwirken. Seine moralische Qualität wurde ja mit möglichen oder Menschen angelasteten Auswirkungen im Himmelsgeschehen in Verbindung gebracht.Wolfram Eberhard, Chinas Geschichte, S. 46: „Es kann nicht mehrere Himmelssöhne geben, da es nicht mehrere Himmel gibt. Die kaiserlichen Opfer sorgen dafür, daß im Lande alles in Ordnung ist, daß das notwendige Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde erhalten bleibt. Denn nach der Himmelsreligion besteht ja eine strenge Parallelität zwischen Himmel und Erde, und jedes versäumte oder nicht vorschriftsmäßig ausgeführte Opfer löst eine Reaktion am Himmel aus. Die Lehnsherren brauchten also aus diesen religiösen Gründen einen Zentralherrscher. Sie brauchten ihn aber auch aus praktischen Gründen...“ Vgl. Marcel Granet: Die chinesische Zivilisation, S. 254f. zum Herrschaftskollegium Himmel und Kaiser, das zum Wohlbefinden der Menschen gut abgestimmt sein muss.

Xia Das Zeichen 下 (xià) steht hier im Kontext mit dem Himmel für die Untere Welt, das UnterlandJames Legge fasste das Einzelzeichen 下 xià an mehreren Textstellen seiner Shijing-Übersetzung als this lower world auf.. Allgemein heißt es sonst als Positionswort einfach unten und als Richtungswort her- oder hinunter.