mini|hochkant=1.4|Wambolt’sches Schloss, Blickrichtung vom Park aus Osten in nordwestlicher Richtung mini|Die originalen Schmiedearbeiten am Fenster des Schlosses mini|Wappen der Wambolt im Innenhof des Schlosses mini|Ansicht aus Süden: Westfront des Wambolt’schen Schlosses und eines Teiles der Südansicht des Curti-Schlosses auf einer Aufnahme von vor 1912 mini|Das Jägerhaus, einziges erhalten gebliebenes Neben- und Wohngebäude im Schlossareal, steht unter Denkmalschutz. Das Wambolt’sche Schloss ist ein stilprägender Renaissancebau der Stadt Groß-Umstadt im Landkreis Darmstadt-Dieburg in Hessen. Sein heutiges Aussehen entstand durch die zwei großen Flügelbauten zu Beginn und Ende des 17. Jahrhunderts, die mit dem Mittelteil eine U-förmige Dreiflügelanlage darstellen und als eine typische Stadtresidenz angesehen werden können. Ab etwa 1850 erhielt das Schloss seine heutige Form.
Lage Das Schloss befand sich einst am westlichen Ende der mittelalterlichen Stadt nahe zur ehemaligen Stadtmauer. Es liegt nördlich des nur wenige Meter entfernten Pfälzer Schlosses und südlich des ehemaligen Curti-Schlosses, das sich direkt auf der anderen Seite der Curtigasse befand, und von dem heute nur noch eine Wappentafel am Max-Planck-Gymnasium zeugt. Rodensteiner Schloss und ehemaliger Heddersdorf’scher Adelshof befinden sich nur 50 Meter nordöstlich des Wambolt’schen Schlosses. Das Schloss liegt heute im Innenstadtbereich von Groß-Umstadt mittig des Gevierts Realschulstraße, Curtigasse, Obere Marktstrasse und Pfälzer Gasse. Der repräsentative U-förmige Schlossbau ist nach Osten Richtung Innenstadt hin geöffnet.
Geschichte Das heutige Schlossareal wird erstmals 1036 als Besitz der adligen Familie von Hetterstorf (Heddersdorf, Hedersdorff) erwähnt, die ebenfalls eine lange Tradition in Umstadt hat, mehrfach mit den Wambolts verbunden waren und 1830 im Mannesstamm ausstarben. 1430 heiratet ein Hans Wambolt die Johanna von Hettersdorf und kommt in den Besitz der Fläche, das damals nur einige kleinere Gebäude aufwies.
Die Freiherren Wambolt von Umstadt standen in Diensten des Kurfürsten von der Pfalz. Die Freiherrn konnten nach und nach weitere Bürgerhäuser um das Areal erwerben und die Fläche erweitern. Sie sind auch schon im Frühmittelalter in Umstadt nachweisbar, hatten aber zuerst ihre Stammburg im Alten Wamboltschen Hof, dem heutigen Hettersdorf’schen Adelshof. Dieser kam erst nach 1570 infolge Erbstreitigkeiten an einen Vertreter der weitverzweigten von Hettersdorf. Ob dies eine Art verspätetes Tauschgeschäft war, ist nicht mehr nachweisbar.
Zwischen 1600 und 1602 wurde der Nordflügel für Philipp III. Wambolt von Umstadt (* 21. Mai 1545; † 29. Dezember 1620, ⚭ mit Anna Margarete Knebel von KatzenelnbogenGeneagraphie PWvUSein voller Name war: Philipp Wambolt von und zu Umstadt, auf Carlbach, kurfürstlich pfälzischer Groß-Hofmeister, Statthalter zu Amberg, Geheimer Rat, verheiratet mit der Anna Margaretha Knebel von Katzenellenbogen, einer Tochter des kurfürstlich pfälzischen Hofgerichtsrats Dieterich Knebel von Katzenellenbogen. Deren Tochter Anna Maria Wambolt von Umstadt (* 16. März 1598 in Heidelberg; † 14. September 1637) war verheiratet mit Karl von Bose, Obrist (* 10. August 1596; † 12. Januar 1657) auch genannt der „reiche Bose“) im Renaissancestil erbaut. Dabei wurde der wohl prunkvollste Teil des Schlosses hakenförmig an den Treppenturm eines alten überbauten Burgsitzes angebaut. Der Baubeginn des Schlosses fällt damit in die Zeit eines der bedeutendsten Vertreter der Wambold von Umstadt, Anselm Casimir Wambolt von Umstadt, des späteren Kurfürsten und Erzbischofs von Mainz. Dieser war der Neffe von Philipp III.
Etwa 1671 wurde dann der Südflügel vom Obristen Friedrich von Wambolt errichtet. Der Treppenturm wurde nun in den Mittelteil integriert und die Kellergewölbe des alten Burgsitzes durch den Südflügel überbaut.
Zusammen mit den vorhandenen Gebäuden ergab sich eine große geschlossene Hofanlage. Von dieser umfriedeten Hofanlage mit Wirtschafts- und Nebengebäuden sind nur noch wenige Reste erhalten: das sogenannte Jägerhaus östlich der Curtigasse ist ein dreigeschossiger Fachwerkbau von 1609Renaissance-Schlösser in Hessen – DFG-Projekt Seite des Germanischen Nationalmuseums, in anderen Publikationen der Stadt Groß-Umstadt und des Museums- und Geschichtsvereins wird die Zeit um 1580 angegeben. Es ist aber Teil der erworbenen Gebäude zwischen 1567 und 1575. Aufgrund Fachwerk und Bauweise kann seine Entstehung ins erste Viertel des 16. Jahrhunderts datiert werden., der nördlich vorgelagerte Garten und der heute mit altem Baumbestand bestandene große Innenhof. Andere Nebengebäude, die Kutschenremise und das Kelterhaus sowie ein großer Vorhof existieren nicht mehr oder sind stark überbaut.
Bis etwa um 1700 bewohnten die Wambolts das Schloss als Reichsfreiherren, kurpfälzische Großhofmeister und Oberamtmänner. Später war es nur noch Verwaltungssitz für die umfangreichen Ländereien in Stadt und Umgebung. Erst im 20. Jahrhundert wurde es vom Freiherrn Bardo Wambolt von Umstadt und seiner Großmutter Baronin Maria Freiin von Falkenstein nochmals als Wohnsitz auserkoren.
Das Schloss beeindruckt vor allem durch die kunstvollen Schmuckformen: Fenster mit profilierten Sandsteingewänden, getriebene schmiedeeiserne Korbgitter und vor allem die Sandstein-Ornamente der Giebel, die dem Gebäude einen herrschaftlichen Charakter verleihen. Im Innern sind geometrisch aufgeteilte Stuckdecken sehenswert.
Baudenkmal und kunsthistorische Bedeutung Das Wambolt’sche Schloss ist ein eher untypischer, innerstädtischer adeliger Verwaltungshof aus der Zeit der Spätrenaissance. Zusammen mit dem gleichartigen, nur 100 Meter entfernten Groß-Umstädter Rathaus bildet es eine einmalige städtebauliche und stilistische Korrespondenz. Auffällig an dem Schloss ist der Widerspruch zwischen der auf weite Ansicht konzipierten repräsentativen Dreiflügelanlage mit ihren hohen Schaugiebeln und der typischen Umgebung in Form einer in sich geschlossenen Hofanlage mit einer ursprünglich recht primitiven Hofmauer. Die ebenfalls prächtige Westfront war durch die etwa 20 m entfernt verlaufende hohe Stadtmauer ebenfalls kaum einsehbar. An der Südseite stand die mächtige massive Zehntscheuer des Pfälzer Schlosses. Dieser Widerspruch ist heute noch in der Anlage des Schlosses innerhalb des Stadtraums spürbar.
Die wertvollsten Bauglieder und Bestandteile des Wambolt’schen Schlosses sind: die für ihre Zeit einzigartige und großzügige Dreiflügelanlage innerhalb einer kleinstädtischen Fachwerkbebauung die vier prächtigen, aus örtlichem roten Odenwald-Sandstein gearbeiteten, sehr plastischen Schaugiebel mit ihren Volutenhörnern, Pilaster, Obelisken und Lisenen. Die in Situ erhalten gebliebenen, drei schmiedeeisernen Korbgitter an den Fenstern des Nordflügels, mit ihren aufwändigen Spiralen, Blüten, Blättern und anderen Zierformen Die fünf erhalten gebliebenen, streng geometrischen und plastischen Stuckdecken mit den typischen Beschlagwerkverzierungen und einer Wappentafel (diese wurden vermutlich von Eberhard Fischer aus Babenhausen geschaffen) Die kuriose Sandsteinsäule im Erdgeschoss des Westflügels mit dem Motiv eines „säulenfressenden“ Drachenkopfes.
Von allen ehemals sieben Adelshöfen in Groß-Umstadt ist das Wambolt’sche Schloss das kunstgeschichtlich wertvollste und am besten in seiner Substanz erhaltene.
Es gehört regional und stilistisch gesehen zur sogenannten Lichtenberger Schule. Diese bekam ihren Namen vom Schloss Lichtenberg im nordwestlichen Odenwald, dem ersten großen Schlossbau der Renaissance in der damaligen Landgrafschaft Hessen-Darmstadt. Zeitlich, gestalterisch und herrschaftlich befand sich das Wambolt’sche Schloss im Einflussbereich der prächtigen Schlossresidenzen von Darmstadt, Heidelberg und Aschaffenburg. Da die Epoche vor dem Dreißigjährigen Krieg eine wirtschaftliche Blütezeit nicht nur in den deutschen Landen war, entwickelte sich von 1550 bis 1600 eine rege Bautätigkeit. Es gibt kaum eine Burg, ein Schloss oder Rathaus, das nicht in dieser Zeit einen Umbau, Anbau oder Neubau mit Renaissancegiebeln, Erkern, Portalen erfuhr. Jene schmuckreiche „welsche Manier“, wie man den Stil zu jener Zeit nannte, verbreitete sich durch zahlreiche Vorlagenbücher z. B. eines Wedelin Ditterlin oder eines Vredeman de Vries in ganz Nordeuropa aus. Zudem wanderten die oft aus Oberitalien oder Flandern stammenden Baumeister und Steinmetze von Baustelle zu Baustelle oder wurden von ihren Bauherren weiterempfohlen. Dadurch überschneiden sich die Bauten und Stile überall und ergeben eine unendliche Fülle an formalen Einzelheiten, die zusammengenommen ein meisterliches, stolzes, aber oft auch verschrobenes Konzert ergeben, das wir heute die Baukunst der Renaissance nennen.
Die größte Ähnlichkeit haben die Umstädter Giebel mit denen der Schließerei und der Mühle am Schloss Fürstenau in Michelstadt-Steinbach. Verwandt sind auch das Jagdschloss Kranichstein, das Darmstädter Rathaus, sowie die Schlösser in Kelsterbach und Höchst, um nur einige Beispiele zu nennen. Gegenüber dem Lichtenberger Vorbild sind die Umstädter Giebel wesentlich aufwändiger und „manieristischer“ gestaltet. Auch findet man in der deutschen Renaissancebaukunst nur selten Fassaden, die so gut proportioniert sind wie die Umstädter. Oft sind die deutschen Renaissancegiebel nur als kleine Zwerchgiebel ausgebildet oder wirken wie aufgesetzt, oder enden in einem unruhigen, überladenen Stilgemisch, wie es häufig in der Weser-Renaissance auftaucht. In Groß-Umstadt dagegen sind es wohlausgewogene, räumlich gefasste, klar durchgeführte Entwürfe, die einen eindeutigen Kulminationspunkt besitzen und dadurch einen starken vertikalen Höhendrang entwickeln. Das sieht man schon an dem ungewöhnlichen Verhältnis zwischen Unterbau und Giebelaufbau. Der Giebel nimmt über die Hälfte der Gebäudehöhe ein.
Insgesamt gehört das Wambolt’sche Schloss zu den wichtigsten Baudenkmälern des Kreises Darmstadt-Dieburg und ist ein wertvolles Zeugnis der Renaissancearchitektur in Südhessen.
Wappentafel mini|hochkant|Die Wappentafel am Ostportal des Südflügels