mini|hochkant=1.5|Eisenwalzwerk (Ölgemälde von Adolph Menzel 1872–1875) Als Hochindustrialisierung in Deutschland wird die Phase der industriellen Entwicklung bezeichnet, während der sich Deutschland zwischen 1871 (Gründung des deutschen Kaiserreichs) und 1914 von einem noch stark agrarisch geprägten Land in einen modernen Industriestaat verwandelte. In dieser sich teilweise mit der Gründerzeit überschneidenden Phase veränderten sich nicht nur die ökonomischen Strukturen, sondern der Prozess hatte auch direkte Auswirkungen auf die deutsche Gesellschaft. Die innerdeutschen Wanderungsbewegungen, eine verstärkte Urbanisierung und die Bildung sozialer und vorwiegend marktbedingter Klassen sind auf die Hochindustrialisierung zurückzuführen. Indirekt hatte die Entwicklung Auswirkungen auch auf die politische Kultur (Entstehung der politischen Volksparteien und Interessenverbände) und das kulturelle Leben (etwa Jugendbewegung als Protest gegen die Modernisierung).
Zeitliche Abgrenzung Während der Beginn der Industriellen Revolution oder die Phase des „take off“ (Walt Rostow) in der wirtschaftsgeschichtlichen Forschung umstritten ist, herrscht weitgehend Einigkeit über die zeitliche Abgrenzung der Hochindustrialisierung. Diese folgt der Frühindustrialisierung (etwa vom Beginn bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts) und der Phase des industriellen Durchbruchs (industrielle Revolution etwa vom Beginn der 1850er bis Anfang der 1870er Jahre) und ist daher mit dem Anfang des Kaiserreichs in etwa gleichzusetzen.Pierenkemper: Gewerbe und Industrie, S. 58–61.
Die Zeit der deutschen Hochindustrialisierung begann demnach um 1871 und war 1914, als mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs die Umstellung auf eine Kriegsökonomie erfolgte, praktisch abgeschlossen.
Teilweise wird die Phase der Hochindustrialisierung auch als Zweite industrielle Revolution bezeichnet. Andere setzen diesen Begriff mit der Automatisierung des Produktionsprozesses (Fließbandfertigung) gleich.Dieter Ziegler: Die industrielle Revolution. Darmstadt 2005, S. 101.
Wirtschaft Insgesamt erlebte die Wirtschaft des Kaiserreichs in dieser Zeit ihr „erstes Wirtschaftswunder“ (Hans-Ulrich Wehler). Vor allem gegenüber dem Industriepionier Großbritannien baute die deutsche Industrie ihre Position erkennbar aus. Der Deutsche Bund kam zu Anfang der 1860er Jahre auf einen Anteil von nur 4,9 Prozent an der Weltindustrieproduktion und lag damit hinter Großbritannien (annähernd 20 %) weit zurück. Zwischen 1880 und 1900 lag das Kaiserreich im Vergleich der Industrieländer bereits an dritter Stelle. Im Jahr 1913 hatte Deutschland mit 14,8 Prozent Großbritannien (13,6 %) überholt und lag hinter den USA (32 %) auf dem zweiten Platz. Beim Handel lag Deutschland 1913 etwas hinter Großbritannien und vor den USA. Ähnlich positiv entwickelte sich auch das Bruttosozialprodukt während des Kaiserreichs.Wehler: Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, S. 610–612.
Konjunkturverlauf mini|Konjunkturverlauf 1869–1914 am Beispiel der Löhne im Sauerländer Bergbau (in Mark pro Tag)
Die Jahrzehnte zwischen der Reichsgründung und dem Ersten Weltkrieg waren insgesamt von einer dynamischen Entwicklung geprägt; gleichwohl kam es in dieser Zeit zu erheblichen konjunkturellen Schwankungen. Die wirtschaftlichen Krisen dieser Zeit konnten die Entwicklung zum Industriestaat zwar nicht mehr rückgängig machen, hatten aber doch erhebliche wirtschaftliche, soziale und politische Folgen. Auf den Gründerboom von 1867 bis 1873 folgte eine teilweise als Weltwirtschaftskrise oder Gründerkrise bezeichnete Phase, die bis 1879 anhielt. In dieser Zeit wies die Wirtschaft in Deutschland und in anderen Staaten eine Halbierung des Wachstums auf. Teilweise kam es auch zu Produktionsrückgängen. Ein Indiz für die Krise war, dass der Eisenverbrauch in Deutschland um die Hälfte zurückging und die Bergarbeiterlöhne um die Hälfte sanken. Nach einer kurzen Erholung von 1879 bis 1882 folgte eine weitere, etwas schwächere Depressionsphase, die bis 1886 andauerte.
Fast alle gesellschaftlichen Teilbereiche und Gruppen wurden von dieser Krise in Mitleidenschaft gezogen und so verstärkte sich die Skepsis gegenüber der industriellen Entwicklung deutlich.
In den folgenden vier Jahren bis 1890 setzte erneut eine Periode stärkeren Wachstums ein. Dies gilt insbesondere für das Jahr 1889. Anschließend folgte bis 1895 noch einmal eine Phase des schwächeren Wachstums, ehe sich eine Zeit der Hochkonjunktur durchsetzte. Diese wurde mehrfach, etwa 1900 bis 1902 sowie 1907–1908, von kurzen Depressionsphasen unterbrochen, diese hatten allerdings nicht die Dauer und Folgen wie die Krisen vor den 1890er Jahren. In den Aufschwungjahren zwischen 1895 und 1913 stiegen die Nettoinvestitionen jährlich um durchschnittlich 15 Prozent. Am Ende des Kaiserreichs deutete sich seit 1914 erneut eine Depressionsphase an, ehe mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges ökonomische Sonderbedingungen einsetzten.Wehler: Kaiserreich, S. 41–45, 51. Ausführlich: Wehler: Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, S. 547–699. Knut Borchardt: Wirtschaftliches Wachstum und Wechsellagen 1800–1914. In: Zorn: Deutsche Wirtschafts und Sozialgeschichte, Bd. 2, S. 198–275.
Neben der Industrie war insbesondere die Landwirtschaft von den Krisen betroffen. War Deutschland bis zur Gründung des Kaiserreichs ein Getreideausfuhrland, musste seit 1876 fast ständig Getreide importiert werden. Mit der verstärkten Einbindung des Agrarsektors in den Weltmarkt, insbesondere durch die Konkurrenz der USA und Russlands, sanken gleichzeitig die möglichen Gewinne deutlich.Max Rolfes: Landwirtschaft 1850–1914. In: Zorn: Deutsche Wirtschafts und Sozialgeschichte, Bd. 2, S. 495 ff.
Wirtschaftssektoren Erwerbstätige und Angehörige in % der Gesamtbevölkerung Wirtschaftssektor 1882 1895 1907 Landwirtschaft 41,6 35,0 28,4 Industrie/Handwerk 34,8 38,5 42,2 Handel/Verkehr 9,4 11,0 12,9 Häusliche Dienste 5,0 4,3 3,3 Öffentl. Dienst/freie Berufe 4,6 5,1 5,2 Berufslose/Rentner 4,7 6,1 8,1Quelle: Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch, Bd. 2, S. 66
Noch zu Beginn des Kaiserreichs bildete die Landwirtschaft den stärksten wirtschaftlichen Sektor im Deutschen Reich. 1873 hatte der Anteil des primären Sektors am Nettoinlandsprodukt bei 37,9 % und der der Industrie bei 31,7 % gelegen. 1889 war der Gleichstand erreicht; 1895 kam die Landwirtschaft nur noch auf 32 %, der sekundäre Sektor aber auf 36 %. Diese Veränderung spiegelte sich auch in der Entwicklung der Beschäftigungsverhältnisse wider. Lag die Relation der landwirtschaftlich Berufstätigen gegenüber denen in Industrie, Verkehr und Dienstleistungssektor 1871 noch bei 8,5 Millionen zu 5,3 Millionen, betrug das Verhältnis 1880 9,6 zu 7,5 Millionen und 1890 9,6 zu 10 Millionen. Im Jahr 1910 zählte man 10,5 Millionen Beschäftigte in der Landwirtschaft, hingegen in Industrie, Verkehr und Dienstleistungsberufen 13 Millionen Arbeitnehmer. Die Zahl der landwirtschaftlich Beschäftigten war damit zwar leicht gestiegen, blieb aber deutlich hinter der Entwicklung der übrigen Sektoren zurück. Bemerkenswert ist auch die Verdoppelung der Gruppe der Beruflosen, Pensionäre und Rentner in dieser Periode, die in erster Linie auf die Sozialpolitik seit BismarckHans-Ulrich Wehler: Das Deutsche Kaiserreich. Göttingen, 1988, S. 47–49. sowie auf die gestiegene Lebenserwartung zurückging.
Innerhalb der Landwirtschaft ergaben sich Strukturveränderungen. So bildete sich insbesondere in Pommern eine Schicht bürgerlicher Gutsbesitzer heraus, die Güter aus adeligem Besitz erworben hatten und diese im bürgerlichen Milieu weiterverkauften. Auch in den Erbteilungsgebieten im Westen nahm im Kaiserreich der Handel mit landwirtschaftlichen Flächen stark zu. Dort war häufig die Aufgabe der oft kleinen Betriebe und die Abwanderung der ehemaligen Bauern in die Industrie der Hintergrund. Zudem entstand in der Nähe der Zentren von Industrie und Bergbau eine Nachfrage nach Gärten und kleinen Flächen für den landwirtschaftlichen Nebenerwerb. Um 1900 herum stiegen die Preise für Agrarland deutlich. Gründe sind die deutliche Ertragssteigerung unter anderem durch Kunstdünger, der bessere Marktzugang über leistungsfähige Verkehrswege und die Zollgesetzgebung von 1902. Im Deutschen Reich begann sich die Agrarpolitik zudem auf den Erhalt und die Förderung bäuerlicher Familienbetriebe auszurichten.Philipp Halm: Rechtsökonomie und Bodenmarkt. Nomos, 2022. S. 71–73.
Industrie und Bergbau mini|Verteilung der gewerblichen Wirtschaft um 1890 mini|BASF Werk Ludwigshafen, 1881 mini|Mitteldeutsche Textilindustrie: Gebäude in Zeitz von 1908
Während des Kaiserreichs kam es zu einer erheblichen Verschiebung der industriellen Leitbranchen. Diese waren bislang vor allem die Textilindustrie, die Eisenindustrie, der Bergbau und der Eisenbahnbau. Innerhalb der Textilindustrie verloren ehemals wichtige Teilbereiche wie die Leinenherstellung rapide an Bedeutung. Daneben büßten auch der gesamte Wirtschaftssektor der Textilherstellung und der Eisenbahnbau relativ betrachtet ihre Leitstellung ein. Flossen im Eisenbahnbau bis 1879 noch 25 Prozent der Nettoinvestitionen in diesen Bereich, so waren es zwischen 1885 und 1889 nur noch knapp sechs Prozent.
Auch wenn andere Branchen relativ gesehen stärker wuchsen, war die Hochindustrialisierung in starkem Maße von der Montanindustrie geprägt. Allein zwischen 1907 und 1913 wuchs die Steinkohleförderung von 143 auf 191 Millionen Tonnen (also um ein Drittel) an. Insgesamt verzehnfachte sich im Ruhrgebiet zwischen 1875 und 1913 die Förderung. Die Zahl der Beschäftigten stieg von 1870 bis 1913 von etwas mehr als 50.000 auf über 440.000 Mann und gleichzeitig wuchs die durchschnittliche Belegschaftsstärke je Zeche von etwa 400 auf über 2500 Bergleute an. Damit baute diese Region ihre Führungsrolle vor Oberschlesien und dem Saarland aus. Trotz dieses Aufschwungs war die technologische Innovation in diesem Bereich relativ gering und die Produktivität pro Bergmann war – im Gegensatz etwa zum Erzbergbau 1913 – kaum höher als zu Beginn der 1880er Jahre. Daher blieben die Zechen angewiesen auf die anhaltende Zuwanderung von Arbeitskräften, insbesondere der als Ruhrpolen bezeichneten Arbeiter polnischer Herkunft. Der Steinkohlebergbau war vor dem Ersten Weltkrieg die größte Zusammenballung ungelernter Arbeitskräfte. Das größte Bergwerksunternehmen war die Gelsenkirchener Bergwerks-AG (GBAG) mit zahlreichen Zechen. Ähnlich gegliederte privatrechtliche Bergbaukonzerne waren die Harpener Bergbau AG, die Hibernia AG oder der Mülheimer Bergwerks-Verein. Im Saarland wurde der Bergbau zu einem beträchtlichen Teil vom preußischen Staat selbst betrieben, während es in Oberschlesien neben staatlichen Zechen auch solche gab, die von einigen der großen ostelbischen Grundbesitzer gegründet worden waren. Eine der größten war die Vereinigte Königs- und Laurahütte in Oberschlesien, mit 21.000 Beschäftigten ein bedeutendes deutsches Unternehmen.
mini|Mechanische Werkstatt bei Krupp mit Riemenantrieben (Trans-missionen) der Maschinen, um 1900
Ein wesentliches Kennzeichen der Entwicklung war die enge Verbindung von Bergbau und Rohstoffverarbeitung. Es entstanden große, vertikal integrierte Montankonzerne wie Thyssen, Krupp, Phoenix, Hoesch, die Gutehoffnungshütte, der Bochumer Verein oder die Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten-AG, die sämtliche Wertschöpfungsstufen der Montanindustrie abdeckten.