Die Berliner Philharmonie (kurz Philharmonie; seit der Saison 2019/20 auch Philharmonie Berlin) in der Herbert-von-Karajan-Straße 1 im Berliner Ortsteil Tiergarten ist die Heimstätte der Berliner Philharmoniker. Sie zählt mit dem Konzerthaus Berlin am Gendarmenmarkt zu den wichtigsten Konzertsälen Berlins. Von 1993 bis 1996 war die Berliner Philharmonie auf der Tentativliste der UNESCO als Kandidat für die Erhebung zum Weltkulturerbe platziert.

Geschichte

Vorgeschichte

mini|Kurt Singer dirigiert in der Berliner Philharmonie, Bernburger Straße, eine Probe mit dem Orchester des Kulturbundes Deutscher Juden für die Aufführungen von Judas Maccabaeus am 7. und 8. Mai 1934 mini|hochkant|10+5-Pfennig-Zuschlagmarke der Bundespost Berlin (1950) für den Wiederaufbau der Berliner Philharmonie

Die ersten Konzerte der im Frühjahr 1882 gegründeten Berliner Philharmoniker fanden im Charlottenburger Gartenlokal Flora statt. berliner-philharmoniker.de

Die Alte Philharmonie an der Bernburger Straße 22a/23 in Kreuzberg war die erste feste Heimstatt des Orchesters. Sie war 1876 von Gustav Knoblauch als Rollschuh­bahn für Ludovico Sacerdoti erbaut worden. Ab Sommer 1882 wurde sie als Spielstätte genutzt. Gedenktafeln in Berlin. 1888 wurde das Gebäude von Baurat Franz Heinrich Schwechten zu einem bestuhlten Konzertsaal ohne Tische umgebaut und in Philharmonie umbenannt. Der rechteckige Saal, dem „allerdings mit Stuck und Vergoldung etwas aufgeholfen war“,Adolf Arndt: Zur Eröffnung der neuen Philharmonie (= Anmerkungen zur Zeit. Ausgabe 9). Gebr. Mann, 1964, S. 10 (). wurde wegen seiner hervorragenden Akustik gerühmt.Helmut Börsch-Supan: Die Chronik Berlins. 2. Auflage. Chronik-Verlag, Dortmund 1991, ISBN 3-88379-082-6, S. 519 ().

Um 1898 wurden zusätzliche Räumlichkeiten benötigt. Die Eigentümer des Gebäudes, Ludovico Sacerdoti und Sally Landeker, ließen durch Ludwig Heim im dahinterliegenden Hofbereich den Oberlichtsaal und auf einem angrenzenden Grundstück (Köthener Straße 32) den Beethoven-Saal (eröffnet Januar 1899) errichten, um Ausweichflächen zu haben.Peer Zietz, Uwe H. Rüdenburg: Franz Heinrich Schwechten: Ein Architekt zwischen Historismus und Moderne. Edition Axel Menges, 1999, ISBN 3-930698-72-2, S. 50 ()

Im Zweiten Weltkrieg wurde dieser Gebäudekomplex am 30. Januar 1944 bei einem alliierten Luftangriff zerstört. In den Nachkriegsjahren nutzten die Berliner Philharmoniker zunächst verschiedene Ausweichquartiere: Konzerte fanden zumeist im Titania-Palast in Steglitz statt, für Schallplattenaufnahmen wurde oft die Jesus-Christus-Kirche in Dahlem genutzt.

Die Landespostdirektion Berlin brachte 1950 eine Zuschlagmarke heraus, mit der für den Wiederaufbau der Berliner Philharmonie geworben wurde. Jede verkaufte Briefmarke erbrachte eine Spende von fünf Pfennig für diesen Zweck.

Ausschreibung und Standortwahl Die Ausschreibung für einen Neubau der Berliner Philharmonie fand 1956 durch das Land Berlin statt, 14 Architekten wurden zur Teilnahme aufgefordert. Ursprünglicher Standort sollte zunächst ein Grundstück an der Bundesallee sein, das an das Joachimsthalsche Gymnasium grenzte.

Im Januar 1957 wurde der Entwurf von Hans Scharoun mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Allerdings fiel die Entscheidung nach 16-stündiger Beratung mit neun gegen vier Stimmen – und damit fehlte die erforderliche Drei-Viertel-Mehrheit.Wolfgang Stresemann: Philharmonie und Philharmoniker. Stapp-Verlag, Berlin 1977, S. 11. Damit drohte sich für Scharoun ein Trauma zu wiederholen, das er beim Neubau des Staatstheaters Kassel erlebt hatte: Er hatte dort zwar den ersten Preis erhalten, sein Plan wurde jedoch (nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Baugrund) nicht umgesetzt, stattdessen wurden andere Architekten mit der Fertigstellung beauftragt. Erst nach Interventionen des Chefdirigenten Herbert von Karajan und einem Appell des Jurymitglieds Hans Heinz Stuckenschmidt in der Welt wurde Scharoun verbindlich mit der Ausarbeitung beauftragt.

In der öffentlichen Diskussion wurde der anvisierte Standort kritisiert, weil dieser zu weit entfernt von der alten Philharmonie liege. Der Baubeginn verzögerte sich dadurch erneut. Im Jahr 1959 entschied das Berliner Abgeordnetenhaus, den Neubau am heutigen Standort zu errichten.

Die Wahl des neuen Standorts war auch ein Zeichen gegen die Gigantomanie des Nationalsozialismus: An dieser Position war von Albert Speer im Rahmen der Umgestaltung Berlins zur „Welthauptstadt Germania“ eine riesige Soldatenhalle als Ehrenmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten geplant gewesen. Unmittelbar neben dem Grundstück stand zudem das Verwaltungsgebäude der nationalsozialistischen Aktion T4. Das Gebäude wurde 1944 durch alliierte Bombentreffer schwer beschädigt und später abgerissen. Heute ist an der Stelle neben der Philharmonie eine Gedenkstätte errichtet, deren Erweiterung im September 2014 eingeweiht wurde.

Bau und Eröffnung Die neue Philharmonie entstand schließlich nach Entwürfen von Hans Scharoun als erster Bau des in der Nachkriegszeit geplanten Kulturforums. Sie wurde in einer Bauzeit von 37 Monaten erbaut (Grundsteinlegung: 15. September 1960, Richtfest: 1. Dezember 1961, Eröffnung: 15. Oktober 1963). Die Baukosten betrugen ca. 17 Millionen DM (kaufkraftbereinigt heute rund  Millionen Euro).Liselotte und Armin Orgel-Köhne: Berlin Philharmonie. Lettner-Verlag, Berlin 1964, o. S.

Die Einweihung war ursprünglich erst für das Frühjahr 1964 geplant, wurde aber (gegen die Bedenken des Baustabes) vorverlegt, um den im Herbst beginnenden Turnus der regulären Spielzeit zu ermöglichen.Wolfgang Stresemann: Philharmonie und Philharmoniker. Stapp-Verlag, Berlin 1977, S. 29. Die Rede zur Eröffnung der neuen Philharmonie hielt der Architekturkritiker Adolf Arndt. Das Eröffnungskonzert (Beethovens Sinfonie Nr. 9) bildete den Abschluss der Berliner Festwochen 1963.

„Goldene“ Fassadenverkleidung mini|hochkant|„Goldene“ Fassadenverkleidung des Kammermusiksaals

Scharoun hatte eine Fassadenverkleidung geplant, jedoch wurde diese aus Kostengründen zunächst nicht umgesetzt, stattdessen erhielt die Betonfassade lediglich einen provisorischen ockerfarbenen Anstrich. Die Farbe Ocker wurde als Referenz auf den traditionellen Farbton märkischer Schlösser und Herrenhäuser gewählt.Stiftung Berliner Philharmoniker (Hrsg.): 50 Jahre Berliner Philharmonie: Eine Zeitreise. Stiftung Berliner Philharmoniker, Berlin 2013, S. 134. Nachdem nur wenige Jahre später Feuchtigkeitsschäden an der Umschalung der Philharmonie entstanden waren, wurde das Thema der Verkleidung wieder aufgegriffen.

Erst in den Jahren 1979–1981, nach der Fertigstellung der gegenüberliegenden Staatsbibliothek, ließ der Senat von Berlin eloxierte Aluminiumplatten mit goldfarbener Oberfläche nachträglich anbringen. Dabei wurde ein Detail realisiert, auf das bei der goldenen Verkleidung des Hochmagazins der Staatsbibliothek aus Kostengründen verzichtet wurde: Die einzelnen goldeloxierten Aluminiumplatten wurden mit transluziden Polyesterhauben versehen. Bei der Staatsbibliothek hatte sich Scharoun dadurch einen subtilen Lichteffekt in Zusammenhang mit der darunterliegenden Pyramidenstruktur der Aluplatten versprochen.Edgar Wisniewski: Hans Scharouns letztes Werk für Berlin. In: Liselotte Orgel-Köhne: Staatsbibliothek Berlin. arani-Verlag, Berlin 1980, ISBN 3-7605-8546-9, S. 21. Die goldene Außenhaut der Philharmonie wirkt allerdings im Vergleich mit dem Kammermusiksaal stumpf und schmutzig. Dies liegt daran, dass beim Kammermusiksaal keine transluziden Abdeckungen angebracht wurden.

Die goldfarbenen Platten entsprechen nicht zweifelsfrei der Planung von Scharoun: Dieser hatte quadratische „Farbtafeln“ mit einem dreidimensionalen Muster vorgesehen. Die an der Südseite des Schornsteins angebrachten weißen Platten entsprechen dieser ursprünglich geplanten Verkleidung, wie man sie auch noch auf späten Bauzeichnungen erkennen kann.Wilfried Wang, Daniel E. Sylvester (Hrsg.): O’Neil Ford Monograph 5: Philharmonie – Hans Scharoun. Wasmuth. Tübingen 2013, S. 99. In der späteren Bauphase waren die Prototypen zusätzlich noch mit roséfarbenen und grauen Flächen ausgestattet.Stiftung Berliner Philharmoniker (Hrsg.): 50 Jahre Berliner Philharmonie: Eine Zeitreise. Stiftung Berliner Philharmoniker, Berlin 2013, S. 135.

Auf der Westseite der Philharmonie um das Nottreppenhaus kann man alle drei Typen der Außenverkleidung sehen: am Schornstein die weißen Kunststoffplatten, die ungefähr der ursprünglichen Planung entsprechen; links davon die mit Polyesterplatten abgedeckten goldeloxierten Aluminiumplatten und rechts davon (am Treppenhaus selbst) die goldeloxierten Platten ohne Abdeckung.

Ergänzung des Kammermusiksaals mini|Kammermusiksaal mini|Holzmodell von Philharmonie (links) und Kammermusiksaal (rechts)

Zwischen 1984 und 1987 entstand neben der Philharmonie der Kammermusiksaal nach Plänen von Edgar Wisniewski auf der Basis der ursprünglichen Planung Hans Scharouns. Die Baukosten betrugen rund 123 Millionen DM, fünfmal so viel wie ursprünglich geplant. Die beiden Gebäude sind miteinander verbunden.

Wisniewski hatte frühzeitig auf die Realisierung des Kammermusiksaals gedrängt. Nach seiner Vorstellung hätte es den Saal schon in den 1960er Jahren geben sollen. In den 1970er Jahren organisierte er zahlreiche Benefizkonzerte und sammelte Spenden, unterstützt von der Gesellschaft der Freunde der Philharmonie. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Richard von Weizsäcker, machte allerdings erst 1983/1984 den Weg frei, als die 750-Jahr-Feier Berlins (1987) geplant wurde. Die Eröffnung fand am 28. Oktober 1987 statt. Beim Eröffnungskonzert trat Anne Sophie Mutter auf, der 79-jährige Herbert von Karajan dirigierte vom Cembalo aus, Bundeskanzler Helmut Kohl war unter den Gästen.

Im Kammermusiksaal musizieren die Kammermusik-Ensembles der Berliner Philharmoniker (beispielsweise die 12 Cellisten und das Philharmonische Bläserquintett Berlin, insgesamt gibt es mehr als 30), aber auch andere Ensembles und Künstler.

Renovierung der Saaldecke Am 28. Juni 1988 löste sich vor Beginn einer Generalprobe ein 1 m² großes Stück Putz von der Decke im Konzertsaal. Niemand wurde verletzt.Wilfried Wang, Daniel E. Sylvester (Hrsg.): O’Neil Ford Monograph 5: Philharmonie – Hans Scharoun. Wasmuth, Tübingen 2013, S. 106. Nach diesem Vorfall wurde unter der Decke zunächst ein Netz zum Schutz von Publikum und Musikern angebracht. Anfang 1991 wurde die Philharmonie dann für über ein Jahr geschlossen und die Decke komplett renoviert. Die vorher als freischwingende Rabitzdecke ausgeführte Konstruktion wurde durch eine Betondecke ersetzt. Im April 1992 erfolgte die Wiedereröffnung des renovierten Saals unter Claudio Abbado.

Feuer Am 20. Mai 2008 brach, verursacht durch Schweißarbeiten unterhalb des Metalldaches im Bereich des Großen Saales, ein Feuer aus. Zu diesem Zeitpunkt fand im Foyer gerade das dienstags übliche Lunchkonzert statt, dessen Besucher Zeugen der Rauchentwicklung wurden und das deshalb abgebrochen wurde. Die Feuerwehr war sehr schnell am Brandort und verhinderte größere Schäden. Nach Reparaturen konnten ab 2. Juni 2008 wieder Konzerte stattfinden. Die Leitung der Philharmoniker veranstaltete später ein Dankeskonzert für die Feuerwehrleute. In: Berliner Morgenpost, 15. Oktober 2013.

Sanierung Ab 2032 soll die Berliner Philharmonie für mindestens acht Jahre generalsaniert werden. Die Kosten werden auf 799 Millionen Euro geschätzt. Als Ausweichspielstätte sind zwei umgestaltete Hangars im ehemaligen Flughafen Tempelhof im Gespräch.

Architektur

Lage mini|Philharmonie (rechts) und Kammermusiksaal (links) von oben mini|Der neugestaltete Hintereingang am Übergang zwischen Philharmonie und Kammermusiksaal 2013