Bei seinem zweiten Besuch als Papst in Deutschland hielt Benedikt XVI. am 12. September 2006 vor Wissenschaftlern an der Universität Regensburg eine Vorlesung.Dazu Werner Thiede: Die gekreuzigte Vernunft. Der Regensburger Papst-Vortrag im Spiegel der Entgegnung Wolfgang Hubers. In: ders. (Hrsg.): Der Papst aus Bayern. Leipzig 2010, S. 131–150. Das als Papstzitat von Regensburg bekannt gewordene Diktum ist eine Äußerung in dieser Vorlesung.
Inhalt Der Papst zitierteSiehe Controverse VII 2c; bei Khoury S. 142/143; Förstel Band I, VII. Dialog 1.5, S. 240/241. eine Aussage zur Rolle der Gewalt im Islam, die der byzantinische Kaiser Manuel II. Palaiologos (1350–1425) während der Unterhaltung mit einem persischen Gelehrten machte:Vatikan: Ansprache von Papst Benedikt XVI. Glaube, Vernunft und Universität. Erinnerungen und Reflexionen. 12. September 2006; youtube: Glaube, Vernunft und Universität. Rede von Papst Benedikt XVI in Regensburg, 12. September 2006.
Reaktionen Erste Reaktionen Die Worte des Papstes wurden von einer Reihe von islamischen Religionsvertretern als „Hasspredigt“ charakterisiert und heftig kritisiert.Muslime empört über Benedikts Islam-Schelte. In: Spiegel Online. 14. September 2006; abgerufen am 19. Oktober 2017. Dagegen betonte Hürriyet-Kolumnist Mehmet Yilmaz, aus dem Redetext gehe klar hervor, „dass sich der Papst von den Zitaten aus dem Mittelalter distanziert habe“.Türkischer Kritiker hatte Rede nicht gelesen. In: Spiegel Online. 16. September 2006, abgerufen am 19. Oktober 2017.
Auf die Proteste aus der muslimischen Welt reagierte der Heilige Stuhl zunächst mit einer schriftlichen Klarstellung durch den Leiter des vatikanischen Presseamtes Federico Lombardi vom 14. September 2006. Er betonte, dem Papst sei es um eine entschiedene Zurückweisung religiös motivierter Gewalt gegangen, nicht darum, die Gefühle der Muslime zu verletzen. Zwei Tage später, am 16. September 2006, gab Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone eine schriftliche Stellungnahme zu dem Vorgang heraus und machte ebenfalls deutlich, dass der Papst sich von dem in seinem Vortrag verwendeten Zitat klar distanziert hatte. Er drückte darin das Bedauern des Heiligen Vaters aus, dass Abschnitte seiner Ansprache verletzend geklungen haben könnten und in einer Weise ausgelegt wurden, die den Absichten seiner Rede vollkommen zuwiderlaufe. Er habe in keiner Weise religiöse Empfindungen der Muslime verletzen wollen. Auf einem speziell einberufenen Empfang am 25. September 2006 teilte der Papst den Vatikanbotschaftern der meisten beim Heiligen Stuhl vertretenen muslimischen Länder seine Gedanken persönlich mit.Ks. Piotr Kaczmarek: Benedykta XVI zmaganie o dialog z islamem (The struggle of Pope Benedict XVI in dialogue with Islam). In: Studia Theologica Varsaviensia. 2/2012, S. 245–262 [1–18] (hier: S. 255 f., Anm. 37), .
Adel Theodor Khoury, der Herausgeber der Quellenedition, aus welcher der Papst das Zitat entnommen hatte, nahm Benedikt XVI. ebenfalls in Schutz, erklärte aber auch, dass man die Aussage hätte präzisieren können, um Missverständnisse zu vermeiden.„Das Zitat trifft nur auf eine Minderheit der Muslime zu.“. Interview mit Adel Theodor Khoury, in: FAZ 17. September 2006, abgerufen am 19. Oktober 2017. Der Philosoph Kurt Flasch warf dem Papst eine ungenaue Argumentation und die Verwendung eines falschen Kant-Zitats in seinem Vortrag vor.Kurt Flasch: Religion und Gewaltbereitschaft: Papst Benedikt hat in Regensburg nicht nur missverständlich zitiert – sondern schlichtweg falsch. Die Vernunft ist keine Jacke. In: Berliner Zeitung. 22. September 2006. Von protestantischer Seite verwies der Theologieprofessor Rolf Schieder darauf, dass der Papst nicht nur der islamischen, sondern vor allem auch der protestantischen Theologie mangelnde Vernunftbindung unterstellt habe.Rolf Schieder: Viel radikaler als den Islam griff Papst Benedikt die evangelische Kirche an. Wann protestieren die Protestanten?. In: Berliner Zeitung. 23. September 2006.
Stellungnahme des Vatikans In der im Namen des Papstes veröffentlichten Erklärung von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone heißt es unter anderem:Zitiert nach: Safaa M. Afifi El-Scheikh: Die westlichen Kirchen im Bild der zeitgenössischen ägyptischen und arabischen Religionsgelehrten. Ein Beitrag zum Dialog im Offenen Brief an Papst Benedikt XVI. (PDF; 1,7 MB) (Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin, 24. Juli 2012), S. 29.
Im Dezember 2006 erschien die offizielle und mit Fußnoten versehene Ausgabe der Regensburger Rede. Der umstrittene Absatz wurde wie folgt abgewandelt:
In den Fußnoten wird erneut betont, dass der Papst das Missverständnis bedauert und sich nie das Zitat zu eigen machen wollte, sondern lediglich auf den wesentlichen Zusammenhang zwischen Glaube und Vernunft hinführen wollte und Ehrfurcht gegenüber dem Koran empfindet.
Nach der Türkei-Reise des Papstes vom 28. November bis zum 1. Dezember, die er nur einen Monat nach dem Vorfall planmäßig antrat, bezeichnete Staatssekretär Tarcisio Bertone „den Fall Regensburg“ gegenüber Radio Vatikan jovial als „archäologisches Relikt“ (dem Sinne nach: „Schnee von gestern“). Der Papst habe mit seiner Reise bewiesen, dass er für einen echten Dialog mit dem Islam offen sei, so Bertone. Man habe jetzt das Gefühl, dass seit dem Missverständnis um die fehlinterpretierte Rede „schon ein Jahrtausend“ vergangen sei. Die Reise sei für das Kirchenoberhaupt sehr anstrengend gewesen, doch habe Papst Benedikt damit gezeigt, dass ihm das Gespräch mit den Muslimen viel bedeute. Meldung auf Radio Vatikan vom 30. Dezember 2006, abgerufen am 19. Oktober 2017. Die Türkei hatte unmittelbar vor der Reise bewusst darauf bestanden, an den Papst selbst eine offizielle Einladung in ihr Land auszusprechen. Ursprünglich war er nur vom ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel Bartholomäus I. eingeladen gewesen.
Weitere Reaktionen Auf der Internetseite des US-amerikanisch islamischen Magazins Islamica wurde am 14. Oktober 2006 ein offener Brief an den Papst veröffentlicht, der u. a. vom früheren marokkanischen Minister für religiöse Angelegenheiten, Abdelkébir Alaoui M'Daghri unterzeichnet wurde. In der Januar-Ausgabe 2007 des Magazins erschienen eine ausführliche Analyse und ein Kommentar der Rede.Abdal Hakim Murad: (PDF) Islamica Magazine, Januar 2007. Der Brief akzeptiert die Klarstellung des Papstes, kritisiert wurden allerdings auch Irrtümer im Verständnis des Korans und der islamischen Philosophie. Unterzeichnet wurde der Brief von 38 muslimischen Imamen und Großmuftis – u. a. die Großmuftis aus Ägypten, Russland, Bosnien, Kroatien und der Türkei,Muslimische Theologen und Grossmuftis akzeptieren Papst-Klarstellung. kath.net, 14. Oktober 2006. islam.de (PDF; 224 kB) islam.de; Deutsche Übersetzung des offenen Briefs allerdings ohne Vertreter der maßgeblichen Zentren islamischer Gelehrsamkeit Kairo, Medina und Mekka –, und die einen „ehrlichen Dialog“Jörg Lau: Wenn muslimische Gelehrte den Papst umarmen. Spektakuläres Dokument eines neuen Dialogs zwischen Muslimen und Christen – die Zeitschrift »Islamica« analysiert die Regensburger Rede von Benedikt XVI. In: Die Zeit. 2. Februar 2007. suchten.
Das spirituelle Oberhaupt der Ahmadiyya-Muslime, Khalifat ul-Masih V., hielt drei Freitagsansprachen als Antwort zu der Papstrede, die weltweit per Fernsehsender Muslim Television Ahmadiyya und Webstream ausgestrahlt wurden. 2007 veröffentlichte die Gemeinschaft im „Verlag der Islam“ ein über 300-seitiges Buch „Glaube und Vernunft aus islamischer Perspektive“, in dem die Thesen aus islamischer Sicht diskutiert werden.ahmadiyya.de (PDF; 1,9 MB)
Das geistliche Oberhaupt Irans, Ayatollah Ali Khamenei, bezeichnete die Papstrede als das „letzte Glied eines Komplotts für einen Kreuzzug“.Ahmadinedschad: „Wir respektieren den Papst.“ Zeit online, 19. September 2006; abgerufen am 23. November 2006. Dagegen zeigte sich der ehemalige iranische Staatspräsident Mohammed Khatami moderat und warnte vor einem übereilten Urteil. Khatami betonte, man solle erst den gesamten Text der Rede lesen, bevor man Aussagen über deren Inhalt machen könne. „Folgerungen“, wie sie „zur Zeit gezogen“ werden, kämen von „uninformierten und fanatischen Menschen“. Er selber habe den Papst als einen sehr gebildeten und geduldigen Mann kennen gelernt.radiovaticana.org Der iranische Präsident Mahmud Ahmadineschad war durch die Stellungnahme des Vatikans zufriedengestellt. In einem im italienischen Privatfernsehen TG5 ausgestrahlten Video der radikalislamistischen Organisation Al-Qaida wurde eine Morddrohung gegen Papst Benedikt XVI. ausgesprochen.El Kaida ruft zu Mord an Papst auf. verkehrsinfo.at, 17. September 2006. Dieser habe sich in eine Reihe mit George W. Bush und Tony Blair gestellt, heißt es in der Botschaft. Die Sicherheitsvorkehrungen für das Angelusgebet am 17. September 2006 wurden daraufhin verstärkt.
Vereinzelte reformorientierte Muslime im Westen, wie etwa der französisch-tunesische Schriftsteller Abdelwahab Meddeb, haben sich dagegen hinter den Papst gestellt: „Er darf keinesfalls den Disput abmildern und sich einschüchtern lassen. Er hat sich bereits zu sehr entschuldigt“.„Dem Islam ist die Gewalt in die Wiege gelegt“. In: Die Zeit, Nr. 39/2006; Interview mit Meddeb.
Am 13. Oktober 2007 veröffentlichten 138 muslimische Gelehrte einen 29-seitigen offenen Brief („Ein gemeinsames Wort zwischen Uns und Euch“)„A Common Word Between Us and You“ an die christlichen Religionsoberhäupter, in dem sie zum Dialog über Gemeinsamkeiten der beiden Religionen aufforderten. Die Initiative gilt als historisches Ereignis,Christian W. Troll: In: Die Zeit, Nr. 43/2007, S. 14.Ingo Koll: , Religions-Pädagogische Internetplattform der Evangelischen Kirche in Deutschland da sich erstmals muslimische Führer aus unterschiedlichen Richtungen und Ländern zusammengefunden haben, die die überwiegende Mehrheit islamischer Glaubensrichtungen vertreten. Papst Benedikt nahm das Angebot zum Dialog am 19. November an.Antwortschreiben des Papstes auf den Brief von muslimischen Religionsführern, 19. November 2007, vatican.va
Spekulationen über die Motive des Mordes an einer Ordensfrau Die 65-jährige italienische Nonne Schwester Leonella Sgorbati, Mitarbeiterin in einem SOS-Kinderdorf-Krankenhaus, wurde am 17. September 2006 in Mogadischu zusammen mit ihrem Leibwächter von unbekannten Tätern erschossen. Diese Tat bot Anlass für Spekulationen über die Motive. Yusuf Mohamed Siad, der Sicherheitsbeauftragte der die Kontrolle über Mogadischu innehabenden Union islamischer Gerichte, stellte die Tat im Zusammenhang mit der Papstrede – Zitat:Vielen Muslimen reicht Bedauern des Papstes nicht aus. Deutsche Welle, 18. September 2006. „Wir nehmen an, dass die Tat im Zusammenhang mit den Äußerungen des Papstes steht.“ Dagegen äußert sich Willy Huber, der Regionaldirektor SOS-Kinderdörfer: „Ein Ort wie Mogadischu ist unberechenbar, und es ist schwer zu sagen, was das Motiv ist.“ Leonella Sgorbati, die seit vier Jahren in dem österreichischen S.O.S.-Krankenhaus gearbeitet hatte, lebte seit rund 40 Jahren in Mogadischu und Nairobi. Basler Zeitung, 17. September 2006. Zwei Verdächtige wurden mittlerweile festgenommen.Spekulationen nach Mord an einer Nonne
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