Eine Mary Sue ist eine idealisierte und vermeintlich perfekte Kunstfigur. Diese Figur wird oft als Wunschvorstellung des Autors wahrgenommen.Miriam Segall: Career Building Through Fan Fiction Writing: New Work Based on Favorite Fiction. Rosen Publishing Group 2008, ISBN 1-4042-1356-2, Seite 26. Üblicherweise kann sie Aufgaben erheblich leichter bewältigen als vergleichbare Figuren mit ähnlicher Ausbildung und Erfahrung. Eine Mary Sue ist üblicherweise allen Protagonisten und Antagonisten überlegen und verfügt über keinerlei körperliche oder geistige Schwächen sowie charakterliche Unzulänglichkeiten. Manchmal werden vermeintliche Schwächen künstlich hinzugefügt, die allerdings nur dazu dienen, die Mary Sue dem Publikum noch weiter anzubiedern, zum Beispiel das stete Einschreiten beim Ausmachen von Ungerechtigkeit, starkes Mitgefühl oder fein dosierte Tollpatschigkeit, deren Auswirkungen aber immer zu glücklichen Wendungen in der Handlung führen. Die Bezeichnung wird oft für beide Geschlechter benutzt, zeitgleich existieren aber auch die männlichen Varianten Marty Stu und Gary Stu.

Ursprung Der Begriff Mary Sue stammt aus der Kurzgeschichte A Trekkie’s Tale von Paula Smith, einer Parodie auf Star-Trek-Fan-Fiction-Geschichten. Sie erschien 1973 in dem Star-Trek-Fanzine Menagerie, das von Smith selbst sowie Sharon Ferraro herausgegeben wurde. Darin ist die Halbvulkanierin Lieutenant Mary Sue den Serienhelden Kirk, Spock und Dr. McCoy in jeder Hinsicht überlegen. Sie rettet allen dreien das Leben und stirbt schließlich unter tragischen Umständen. Die Figur Mary Sue bezog sich laut Herausgeberinnen auf ein Erzählmuster, das häufig in den eingereichten Geschichten vorkam:

Heutzutage ist der Begriff fest verknüpft mit der Unterstellung einer geschönten Selbstprojektion des Autors. Ein negativer Beigeschmack entsteht hierbei dadurch, dass die Kunstfiguren als schlecht entwickelte Figuren (zu perfekt, um real und interessant zu wirken) wahrgenommen werden.Thomas Milhorn: Writing Genre Fiction: A Guide to the Craft. Lightning Source Incorporated, 2006, Seite 55. ISBN 1-58112-918-1

Merkmale Eine Mary Sue bedient zu meist eine Reihe von charaktertypischen Klischees:

Überlegenes Wissen, Fertigkeiten, Resilienz Zentrierung der Handlung auf die Mary Sue, ohne sie kann der Plot nicht vorangetrieben werden. Bsp.: Sie findet den alles entscheidenden Hinweis, sie hat den Schlachtplan für den verwegenen Angriff auf die Festung des Antagonisten, den sie persönlich anführt, da niemand sonst in der Lage ist Konsequenzlose Duldung von unmöglichem, arroganten Verhalten, es sei denn, es dient dem Vorantreiben der Handlung. Eine Mary Sue begeht keine Fehler. Sollte dennoch ein Fehler unterlaufen, so führt dies dennoch zu einem guten Ausgang für Mary Sue. Anpassung der Lore an die Mary Sue, damit diese noch überlegener werden kann: z. B. das Erlangen neuer magischer Fähigkeiten, die z. B. in Prequels vor der Einführung von Mary Sue nie bekannt waren. Vereinnahmung, Herabsetzung oder Zerstörung bestehender, von Fans oft geliebten, Protagonisten, zum Zwecke der eigenen Charakterdarstellung. Bsp. Die, vormals, unerschrockene Heldenfigur wirkt zaudernd und wird von der Mary Sue aufs neue inspiriert und schließt sich ihr nicht nur an, sondern ordnet sich ihr unter Belehrung von erfahrenen Charakteren durch Mary Sue. Bsp. Ein Lehrmeister, der durch Mary Sue wiederholt verbessert und in jeder Hinsicht übertroffen wird Der Mary Sue fehlen jegliche negative Charaktereigenschaften oder überhaupt charakterliche Fehler. Falls doch ein Fehlzug in der Persönlichkeit auftritt, so handelt es sich um liebenswerte Eigenschaften, wie „zu nett“, „zu ehrlich“, „immer hilfsbereit“ usw. Keine charakterlichen Entwicklungen, da die Mary Sue bereits über sämtliches Wissen und Fähigkeiten verfügt, um die Handlung abzuschließen.

Die Mary Sue hat nicht alle Punkte gleichsam oder gleich viel zu erfüllen, um so genannt zu werden.

Kritik Die Autorin Camille Bacon-Smith befürchtete 1991, dass die Angst davor, eine Mary Sue zu erzeugen, viele der meist weiblichen Verfasser von Fan-Fiction einengen oder sogar abschrecken könnte.Camille Bacon-Smith Enterprising Women: Television Fandom and the Creation of Popular Myth. University of Pennsylvania Press, 1992

Aus den Reihen von Fans und zeitweise auch Aktivisten wird oftmals entgegnet, dass die Erklärung eines Charakters zur Mary Sue ausschließlich aus sexistischen, rassistischen oder klassistischen Motiven von, meistens männlichen, Fans oder Gatekeepern stamme.

Weblinks Eintrag für Mary Sue bei Know Your Meme

Urbandictionary-Eintrag zu Mary Sue (englisch)

Einzelnachweise

Kategorie:Literarische Figur