mini|150px|Henry More, Kupferstich (1650) Henry More (latinisiert Henricus Morus; * 12. Oktober 1614 in Grantham, Lincolnshire; † 1. September 1687 in Cambridge) war ein englischer Philosoph und Dichter. Er war Fellow am angesehenen Christ’s College der Universität Cambridge und gehörte zur Gruppe der Cambridger Platoniker („Cambridger Schule“).

Leben Henry More wurde im Oktober 1614 geboren. Er war das jüngste der zahlreichen Kinder von Alexander More, eines einflussreichen, begüterten Bürgers von Grantham, der dort mehrmals zum Bürgermeister gewählt wurde. Nach dem Besuch der Grammar School in Grantham erhielt Henry eine dreijährige Ausbildung am Eton College. In Eton geriet er in Konflikt mit dem calvinistischen Glauben seiner Eltern. Nicht akzeptabel fand er insbesondere die Lehre von der „doppelten Prädestination“ (Vorherbestimmung der nicht Auserwählten zur Hölle schon vor ihrer Geburt).Wilhelm Oberdieck: Henry More und die Frage nach Gott im siebzehnten Jahrhundert, Göttingen 1985, S. 17–19; Robert Crocker: Henry More, 1614–1687. A Biography of the Cambridge Platonist, Dordrecht 2003, S. 1 f. Im Anschluss an die Ausbildung in Eton begann er sein Hochschulstudium in Cambridge; am 31. Dezember 1631 wurde er dort in das Christ’s College aufgenommen, eines der angesehensten Colleges der Universität. Dieses College blieb von da an bis zu seinem Tod die Stätte seines Wirkens. Er verbrachte dort als Student und anschließend als Fellow insgesamt 56 Jahre. In seinem Studium spielte, wie damals noch üblich, der im Spätmittelalter ausgebildete scholastische Aristotelismus eine zentrale Rolle, und er erlernte die damit verbundene Disputierkunst.Wilhelm Oberdieck: Henry More und die Frage nach Gott im siebzehnten Jahrhundert, Göttingen 1985, S. 9–11. Neben den Werken des Aristoteles studierte er die Lehren der Humanisten Girolamo Cardano und Julius Caesar Scaliger, die ihn jedoch enttäuschten; er fand sie teils unzutreffend oder zweifelhaft, teils trivial.

1635 wurde er Bachelor of Arts. In den folgenden Jahren wandte er sich dem Platonismus, insbesondere dem Neuplatonismus zu; er las die Enneaden des antiken Neuplatonikers Plotin und die Theologia Platonica des Humanisten Marsilio Ficino, des berühmtesten Neuplatonikers der Renaissance. 1639 erlangte er den Grad eines Master of Arts. 1641 wurde er in Christ’s College zum Fellow (Mitglied des Lehrkörpers) gewählt.Stefan Weyer: Die Cambridge Platonists, Frankfurt a. M. 1993, S. 94 und Anm. 384. In diesem College wurde nur Philosophie (auch Naturphilosophie, was Naturwissenschaft einschloss) und Theologie unterrichtet, und die Fellows waren zur Ehelosigkeit verpflichtet. More konnte sich dort hauptsächlich seiner schriftstellerischen Tätigkeit widmen. Ein enges freundschaftliches Verhältnis hatte er zu Lady Anne Conway, die seine begeisterte Schülerin war. Er besuchte sie oft in Ragley Hall (Warwickshire).

Um die Mitte des 17. Jahrhunderts war More der prominenteste Platoniker Englands. Verstärkung erhielt der Platonismus in Christ’s College durch Ralph Cudworth, der dort 1654 die Funktion des Masters (Oberhauptes) übernahm, und durch Mores Schüler George Rust. Die Cambridger Platoniker betonten die Vereinbarkeit von Vernunft und Religion und waren in konfessionellen Fragen liberal. Daher erregten sie in streng dogmatisch denkenden Kreisen Ärgernis. In den heftigen, auch politisch und militärisch ausgetragenen religiösen Konflikten seiner Epoche ergriff More nicht offen Partei, obwohl er überzeugter Anglikaner und Gegner des Calvinismus war und seine Sympathie auf der Seite der Royalisten lag.

Nach einem friedlichen, relativ ereignisarmen Leben starb er am 1. September 1687 und wurde in der Kapelle von Christ’s College beigesetzt, wo sein Grab noch heute zu sehen ist.

mini|Das Titelblatt des zweiten Bandes der 1679 in London veröffentlichten Ausgabe von Mores philosophischen Werken Werke und Lehre

More hat ein umfangreiches philosophisches, theologisches und dichterisches Werk hinterlassen, das teils in englischer, teils in lateinischer Sprache verfasst ist. Mit den lateinischen Schriften sowie lateinischen Übersetzungen der ursprünglich englisch veröffentlichten Werke wendet er sich an ein internationales gelehrtes Publikum. Sein Hauptanliegen ist die Darlegung und Begründung seines christlichen Platonismus, insbesondere der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, und die (oft polemische) Verteidigung seiner Überzeugungen gegen die Befürworter mechanistischer, materialistischer und atheistischer Weltanschauungen.

Frühe philosophische Gedichte 1640 entstand sein erstes Werk, das umfangreiche Gedicht Psychozoia, or The Life of the Soul, in dem er seine neuplatonische Seelenlehre darlegt, wobei er auch persönliche spirituelle Erfahrung verarbeitet. Zusammen mit drei weiteren Gedichten, die ebenfalls vom Wesen der Seele handeln, veröffentlichte er es 1642 unter dem Titel Psychodia Platonica, or a Platonicall Song of the Soul; eine zweite, erweiterte Auflage der Gedichtsammlung erscheint 1647 unter dem Titel Philosophicall poems. In seiner philosophischen Dichtung geht More besonders auf die Unsterblichkeit ein, die er konsequent als eine individuelle auffasst. Für ihn ist das Hauptmerkmal der Seele ihre einheitliche, unteilbare und unzerstörbare Individualität; den Gedanken einer Auflösung der individuellen Existenz durch Aufgehen in etwas Größerem, Allgemeinerem lehnt er ab. Von der Präexistenz der Seele vor der Entstehung des Körpers ist er überzeugt.Wilhelm Oberdieck: Henry More und die Frage nach Gott im siebzehnten Jahrhundert, Göttingen 1985, S. 98. Die Psychodia Platonica ist erheblich von der Theologia Platonica Marsilio Ficinos beeinflusst.Craig A. Staudenbaur: Galileo, Ficino, and Henry More’s Psychathanasia. In: Journal of the History of Ideas 29, 1968, S. 565–578; Alexander Jacob: Henry More’s Psychodia Platonica and its relationship to Marsilio Ficino’s Theologia Platonica. In: Journal of the History of Ideas 46, 1985, S. 503–522.

Auseinandersetzung mit dem Cartesianismus Ab den späten vierziger Jahren setzte sich More intensiv mit dem Cartesianismus (der Philosophie von René Descartes) auseinander. Zunächst begrüßt er den neuen Ansatz, da ihm Descartes’ dualistische Trennung von materieller und immaterieller Realität gefällt. 1648–49 führt er einen Briefwechsel mit Descartes, in dem er auch auf seine Meinungsverschiedenheiten mit dem französischen Denker eingeht. Im Unterschied zu Descartes beschränkt er die Eigenschaft der räumlichen Ausdehnung nicht auf die Materie, sondern weist sie auch dem Geist zu, den er als eine eigene Dimension auffasst.Wilhelm Oberdieck: Henry More und die Frage nach Gott im siebzehnten Jahrhundert, Göttingen 1985, S. 77–79; Jasper Reid: Henry More on Material and Spiritual Extension. In: Dialogue 42, 2003, S. 531–558. Den Raum betrachtete er als absolut, homogen, immateriell und unendlich; indem er ihm als göttlich geltende Eigenschaften zuschreibt, rückt er ihn in die Nähe der Gottheit. Das ganze Universum ist für ihn von Gott erfüllt; insofern kommt auch Gott Ausdehnung zu.Zu Mores Raumbegriff siehe Mirko Sladek: Fragmente der hermetischen Philosophie in der Naturphilosophie der Neuzeit, Frankfurt a. M. 1984, S. 117–124; Serge Hutin: Henry More, Hildesheim 1966, S. 98–103, 116–126; Jasper W. Reid: The Evolution of Henry More's Theory of Divine Absolute Space. In: Journal of the History of Philosophy 45, 2007, S. 79–102. Er akzeptiert auch nicht Descartes’ Ansicht, dass die Tiere seelenlose Maschinen seien.Serge Hutin: Henry More, Hildesheim 1966, S. 98. Erst um 1665 wendet er sich klar vom Cartesianismus ab, vor allem da ihm missfällt, dass auf dem Boden des cartesianischen Denkens auch atheistische Systeme entstehen.Alexander Jacob (Hrsg.): Henry More. The Immortality of the Soul, Dordrecht 1987, S. VII; Robert Crocker: Henry More, 1614–1687. A Biography of the Cambridge Platonist, Dordrecht 2003, S. 147.

1671 erläuterte er in seinem Enchiridion metaphysicum („Handbuch der Metaphysik“) seinen antimechanistischen Standpunkt und seine inzwischen radikal gewordene Abwendung vom Cartesianismus.

Abgrenzung von der Schwärmerei Im Jahr 1650 geriet More in einen Konflikt mit einem anderen, mehr an Magie und Theurgie interessierten Platoniker, Thomas Vaughan, dem er eine Verdrehung des Platonismus vorwirft. Er greift Vaughan in einer Abhandlung an, die eine Kontroverse auslöst. Als Anhänger eines rationalistisch orientierten Platonismus bekämpfte More die Neigung zu „Phantasterei und Enthusiasmus“, die er dem Gegner unterstellte. 1656 veröffentlichte er seine einschlägigen Schriften in einem Band mit dem Titel Enthusiasmus triumphatus. Sein Kampf gegen „Enthusiasmus“ (Schwärmerei) richtete sich auch gegen die mystische Begeisterung des ParacelsismusAllison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 237. und christliche Bewegungen wie die Familisten und das Quäkertum, da er meint, in deren Einstellung äußere sich eine Missachtung der Vernunft, die letztlich zum Atheismus führe. Andererseits berichtet More aber auch mit Begeisterung von eigenen intensiven spirituellen Erfahrungen und bemüht sich um Ausgewogenheit in seinem Urteil über die Quäker.Serge Hutin: Henry More, Hildesheim 1966, S. 49–55; Frederic B. Burnham: The More-Vaughan Controversy: The Revolt against Philosophical Enthusiasm. In: Journal of the History of Ideas 35, 1974, S. 33–49. Zum suspekten Bereich der Schwärmerei zählt er auch Ideen Jakob Böhmes, dem er in seiner Schrift Philosophiae Teutonicae Censura (1670) Irrationalismus vorwirft; andererseits verteidigte er Böhme gegen Angriffe von dessen kirchlichen Gegnern.

Kampf gegen den Dogmatismus An einer anderen Front musste sich More wegen seiner Forderung nach rationaler Nachvollziehbarkeit der Glaubensinhalte und seiner Ablehnung des religiösen Dogmatismus gegen den Vorwurf der Häresie zur Wehr setzen. Die Meinung, dass innerhalb des Christentums ein breites Spektrum religiöser Ansichten hinzunehmen sei und dass diesbezüglich Gewissensfreiheit herrschen solle, teilte er mit den anderen Cambridger Platonikern. Sie wurden daher von ihren streng konfessionell orientierten Gegnern als Latitude men („Latitudinarier“, Befürworter der Breite) verspottet. More erläutert seinen Standpunkt in der Abhandlung An Explanation of the Grand Mystery of Godliness (1660) und in seiner Verteidigungsschrift The Apology of Dr. Henry More (1664). Darauf antwortete Joseph Beaumont, der Master des Peterhouse der Cambridger Universität, 1665 in einer Gegenschrift.

Mores Ablehnung aller Formen von Dogmatismus äußert sich auch in seinen Streitschriften gegen den Katholizismus (A Modest Enquiry into the Mystery of Iniquity, 1664; An Antidote against Idolatry, 1672–1673). Er hielt den Katholizismus für abergläubisch, intolerant und – wegen der Heiligen- und Reliquienverehrung – für götzendienerisch.

Seine Alternative zu dogmatischen Weltanschauungen präsentiert More in seinen 1668 erschienenen Divine Dialogues. Es handelt sich um fünf Dialoge über unterschiedliche, vorwiegend theologische Fragen. Darin versucht er, seine religiöse Gesamtdeutung der Wirklichkeit als stimmig zu erweisen. Die Divine Dialogues waren für ein breiteres philosophisch interessiertes Publikum bestimmt.

Kampf gegen den Atheismus