mini|Bantu-Bäuerinnen bei Kismaayo (Südsomalia, 1993) Die somalischen Bantu, auch Jarir, Jareer, (Wa)Gosha oder Muschunguli, sind ethnische Minderheiten gegenüber der überwiegenden Mehrheit der Somali im ostafrikanischen Somalia. Im engeren Sinn werden Nachkommen von Angehörigen diverser Bantu-Volksgruppen umfasst, die im 19. Jahrhundert im Rahmen des ostafrikanischen Sklavenhandels aus dem heutigen Tansania, Malawi, Mosambik und Kenia nach Somalia verkauft wurden. Diese ließen sich nach ihrer Flucht oder Freilassung größtenteils im Tal des Jubba im Süden des Landes nieder. Im weiteren Sinne werden auch andere Gruppen in Südsomalia dazugezählt, die von Bantu abstammen sollen, welche bereits vor dem Sklavenhandel dort gelebt haben.
Über ihre Bevölkerungszahl gibt es unterschiedliche Angaben, da einerseits Bevölkerungszahlen für Somalia allgemein unsicher sind und andererseits die Bezeichnung somalische Bantu unterschiedlich weit gefasst wird. Schätzungen bewegen sich im Bereich von Zehntausenden bis Hunderttausenden.Der Fischer Weltalmanach (2008) gibt die Zahl von 100.000 an. Menkhaus (2003) gibt eine Schätzung von 5 Prozent Bevölkerungsanteil an (online), was bei einer Gesamtbevölkerung von 7 Mio. etwa 350.000 wären. Eine andere Schätzung (zit. in The Somali Bantu: Their History and Culture, 2002) gibt 600.000 bei einer Gesamtbevölkerung von 7,5 Millionen in Somalia an. Orville Jenkins (Profile: The Gosha.) beziffert die Zahl der Bantu im unteren und mittleren Jubba-Tal auf 85.000. Schätzungen des UNHCR und von Bantu-Ältesten von 1993 zufolge lag die Zahl derjenigen Bantu im Jubba-Tal, die sich hauptsächlich über ihre Herkunftsvölker identifizieren, vor dem Krieg bei fast 100.000, wovon 20.000 die Bantusprache Zigula sprachen. Das CIA World Factbook nennt einen Bevölkerungsanteil von 15 Prozent für „Bantu und andere Nicht-Somali“.Zur Problematik bei Bevölkerungszahlen zu Somalia siehe auch Somalia#Bevölkerung.
Wegen der Abstammung von Sklaven, ihrer sesshaft-bäuerlichen Lebensweise und ihrer von der Bevölkerungsmehrheit abweichenden äußeren Merkmale werden die Bantu von Teilen der somalischen Gesellschaft diskriminiert. Im Bürgerkrieg in Somalia seit 1991 waren sie überproportional stark von Gewalttaten, Plünderungen und der dadurch ausgelösten Hungersnot betroffen. Ein Teil von ihnen ist daher in das benachbarte Kenia geflohen, von diesen sind seit 2003 über 12.000 als Flüchtlinge in die USA umgesiedelt worden.
Begriffe und Bezeichnungen „Bantu“ ist eine Bezeichnung aus der Sprachwissenschaft und umfasst über 400 Volksgruppen mit rund 200 Millionen Menschen in Zentral-, Ost- und Südafrika, die Bantusprachen sprechen.
Die somalischen Bantu stellen keine homogene Ethnie dar und betrachteten sich traditionell mehr als Angehörige der einzelnen Dorfgemeinschaften oder Großfamilien, in denen sie leben, ihrer jeweiligen Bantu-Herkunftsvölker und/oder der somalischen Clans, denen sie sich teilweise angeschlossen haben, denn als eine einheitliche Volksgruppe. Ältere Beschreibungen, in denen sie als „ein Stamm von entflohenen Sklaven“ beschrieben werdenBesteman: Unraveling Somalia, 1999: S. 121, 146f., entsprechen insofern nicht der Realität. Erst in jüngerer Zeit hat sich insbesondere unter denjenigen somalischen Bantu, die vor dem Bürgerkrieg in Somalia in kenianische Flüchtlingslager geflohen sind, ein Bewusstsein um eine gemeinsame Geschichte und Identität und die Selbstbezeichnung Bantu herausgebildet. Zuvor war den meisten der Begriff „Bantu“ unbekannt.Francesca Declich: Fostering Ethnic Reinvention. Gender Impact of Forced Migration on Bantu Somali Refugees in Kenya, in: Cahiers d'études africaines, 2000
Die Sammelbezeichnung Bantu für jene Minderheiten in Somalia wurde erstmals in der Kolonialzeit von manchen europäischen Anthropologen und Kolonialbeamten verwendet, neben lokalen Begriffen (Gosha oder italienisch Goscia, Muschunguli) und Fremdbezeichnungen wie negri oder liberti („Freigelassene“ bzw. „ehemalige Sklaven“). In neuerer Zeit hat sich somalische Bantu (englisch Somali Bantu) seit Anfang der 1990er-Jahre weitgehend im Sprachgebrauch westlicher Medien, internationaler Organisationen etc. durchgesetzt. In wissenschaftlichen Publikationen sind weiterhin differenziertere Bezeichnungen üblich, wie sie traditionell in Somalia von den „Bantu“ und von Somali verwendet wurden.
miniatur|Karte der Volksgruppen in Somalia 1977; ethnische Minderheiten in Rot.
Meist bezieht sich der Begriff somalische Bantu auf die Nachkommen von Bantu-Sklaven aus Tansania, Mosambik, Malawi und Kenia, die in den Süden Somalias verkauft wurden und die sich nach ihrer Flucht oder Freilassung hauptsächlich im Tal des Flusses Jubba ansiedelten. Dieser Artikel behandelt hauptsächlich die Geschichte und Gegenwart dieser Gruppe. Manchmal werden weitere Minderheitengruppen in die Bezeichnung mit einbezogen. Sie gelten als Nachkommen einer Bevölkerung, die bereits vor Beginn des Sklavenhandels in den Tälern von Jubba und Shabeelle und zwischen den Flüssen gelebt hat, bevor sie von den kuschitischsprachigen Somali und Oromo bis auf kleine Gebiete verdrängt wurde. Ob sie ursprünglich bantusprachig waren, ist ungeklärt (siehe auch Shungwaya). Zu diesen Gruppen zählen die Gabaweyn im oberen Jubba-Tal, die Shidle und Makanne im Shabeelle-Tal bei Jawhar bzw. bei Beledweyne und die Reer Shabelle und Rer Bare in Äthiopien. Sie betreiben mehrheitlich Ackerbau und sind als „Klienten“ mit benachbarten Somali-Clans verbunden. In englischsprachigen Publikationen werden sie daher auch als client-cultivator groups zusammengefasst.Besteman 1999: S. 52f.Ken Menkhaus: Bantu ethnic identities in Somalia, 2003 Ihnen schlossen sich im Laufe der Zeit auch ehemalige Sklaven an.Besteman 1999: S. 60f.Manche von ihnen lehnen die Bezeichnung „Bantu“ ab, da sie nie eine Bantusprache gesprochen hätten, zudem zögern sie, eine Identität anzunehmen, die mit der Abstammung von Sklaven zusammenhängt, während sie selbst beanspruchen, schon früher in Somalia gelebt zu haben. Etliche Somali-Clans zwischen den Flüssen und im Shabeelle-Tal beinhalten jeweils eine Untergruppe von „Bantu“ – oft sowohl Nachkommen von Sklaven als auch andere –, die durch formale Adoption (sheegad) als Teil des Clans aufgenommen wurden. Sie sind in unterschiedlichem Ausmaß in die Clans integriert und haben neben dieser Clanzugehörigkeit keine eigenständige Gruppenidentität.
(Wa)Gosha oder Reer Gosha bezeichnet die Bantu im unteren und mittleren Jubba-Tal (nördlich von Kismaayo etwa zwischen Jamaame und Bu’aale), die von ehemaligen Sklaven abstammen. Das Somali-Wort gosha steht als geographische Bezeichnung für jenen Abschnitt des Jubba-Tals, der bis zur Ankunft der Bantu dicht bewaldet und weitgehend unbewohnt geblieben war, da krankheitsübertragende Tsetsefliegen und Malaria es für die Hirten der Somali unattraktiv machten.Besteman 1999: S. 62, 71, sowie Besteman: The Invention of Gosha, in: The Invention of Somalia, 1995 („Gosha“ als geographische Bezeichnung) Das Präfix Wa- steht in verschiedenen Bantusprachen für „mehrere Personen“, reer ist ein Somali-Wort für „Leute aus“, „Nachkommen von“. Wagosha/Reer Gosha lässt sich somit mit „Leute aus dem Wald“ übersetzen, mit spezifischem Bezug auf jenes Waldgebiet. Reer Goleed hat dieselbe Bedeutung, kann sich aber auf jeglichen Wald beziehenBesteman 1999: S. 150 (Reer Goleed).
Diejenigen unter den Wagosha, die ihre Abstammung auf das Volk der Zigua oder Zigula in Tansania zurückführen und bis heute starke kulturelle Bindungen zu dieser früheren Heimat beibehalten haben, nennen sich auch Zigula. Die Shanbara identifizieren sich ebenfalls anhand ihrer Bantu-Herkunftsvölker, sprechen heute aber ausschließlich Somali. Die Zigula nennen all jene Gosha-Bewohner, die keine Bantusprachen mehr sprechen, auch Mahaway, was eine Verballhornung ihrer Aussprache des Somali darstellt. Die somalische Bezeichnung Muschunguli stammt wahrscheinlich von der Einzahlbezeichnung der Zigula, Muzigula. Sie bezeichnet streng genommen ausschließlich die Zigula, wurde und wird aber auch für sämtliche Gosha-Bewohner verwendet. In Somalia wird sie zum Teil abwertend gebraucht.
Den genannten Gruppen – Sklavennachfahren und weitere Gruppen unbekannter Herkunft in Südsomalia – ist gemeinsam, dass sie von der Somali-Mehrheit anhand körperlicher Merkmale als unterschiedlich betrachtet und mit der Bezeichnung Jarir versehen werden (ausgesprochen „Dscharir“, in englischsprachigen Publikationen meist Jareer geschrieben). Es handelt sich um ein Somali-Wort für „harthaarig“ oder „kraushaarig“, welches im Gegensatz zu Jileec oder Jileyc ([]) – „weichhaarig“ – (oder auch bilis, „Herr“ als Gegenteil von „Sklave“) für Nicht-Bantu bzw. Somali verwendet wird und nebst gekräuseltem Haar weitere Merkmale wie leicht dunklere Hautfarbe, bestimmte („weichere“) Gesichtszüge und Körperform impliziert.Besteman 1999: S. 116
Adoon und Habash sind abwertende Begriffe, die mit „Diener“ oder „Sklave“ übersetzt werden. Manche Somali nennen die Bantu auch nach dem italienischen Wort für „heute“ Ooji, was von der Unterstellung herrührt, die Bantu könnten nicht über das Heute hinaus denken.
Von den bisher genannten Gruppen zu unterscheiden – und meist nicht als „somalische Bantu“ betrachtet – sind Angehörige der Swahili-Gesellschaft. Diese spricht die Bantusprache Swahili, ist an der ostafrikanischen Küste von Südsomalia bis zum Norden Mosambiks ansässig und nahm selbst am Sklavenhandel teil. Zu dieser Gruppe gehören in Somalia die Bajuni in Kismaayo sowie die Bewohner der Stadt Baraawe.
Geschichte miniatur|Karte zur Geschichte der somalischen Bantu miniatur|Eine Sklavin in Mogadischu, 1882/1883
Sklavenhandel und Sklaverei in Südsomalia Im 19. Jahrhundert führten verschiedene miteinander verbundene Entwicklungen dazu, dass der ostafrikanische Sklavenhandel seinen Höhepunkt erreichte und der Import von Bantu-Sklaven in das heutige Somalia deutlich zunahm: Der Handel im Indischen Ozean – an dem die Städte an der Benadirküste in Südsomalia teilnahmen – wuchs, Sansibar stieg zum bedeutenden Handelszentrum auf, und die mit Sklaven betriebene Plantagenwirtschaft kam in der ostafrikanischen Küstenregion auf. Dies hing auch damit zusammen, dass die Nachfrage nach Sklaven in Amerika, die sich auf die Sklavenpreise in ganz Afrika auswirkte, seit Ende des 18. Jahrhunderts allmählich zurückging; die infolgedessen sinkenden Preise ermöglichten es Käufern innerhalb Afrikas und in der arabisch-islamischen Welt, mehr Sklaven zu kaufenPatrick Manning: Contours of Slavery and Social Change in Africa, in: The American Historical Review, 1983 (Preisentwicklung und Folgen). Daus, die Sklaven aus Ostafrika nach Arabien transportierten, legten nicht selten einen Zwischenhalt an der Benadirküste ein, wo Proviant besorgt und ein Teil der Sklaven bereits verkauft wurdeCassanelli: Social Construction on the Somali Frontier: Bantu Former Slave Communities, in: The African Frontier, 1987. Vor allem im Shabeelle-Tal im Hinterland der Benadirküste wurden Plantagen angelegt, die Getreideüberschüsse, Baumwolle und pflanzliche Färbemittel für den Export produzierten. Dabei waren verschiedene Somali-Clans mit Landbesitz im Shabeelle-Tal beteiligt. Der Arbeitskräftebedarf dieser Plantagen wurde mit importierten Sklaven gedeckt, zumal die meisten Somali traditionell als nomadische Viehzüchter leben und die Arbeit im Ackerbau gering schätzen.Besteman 1999: S. 50f.