Unter dem Begriff Deutsche Fußballverbände von 1890 bis 1933 lassen sich alle lokalen oder regionalen deutschen Fußballverbände zwischen der Gründung des ersten deutschen Fußballverbands 1890 in Berlin, dem Bund Deutscher Fußballspieler, und der Gleichschaltung des Sports und somit auch des Fußballs nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 zusammenfassen. Die Verbände bestanden dabei teilweise nur wenige Jahre und standen in den Anfangsjahren oft in Konkurrenz zueinander (innerhalb der gleichen Region oder hinsichtlich des Reglements). Mit der Gründung des Deutschen Fußball-Bundes im Jahr 1900 kam es im Lauf der darauf folgenden Jahre zu einheitlichen Strukturen, die Zahl der dem DFB angeschlossenen Verbände verringerte sich noch vor dem Ersten Weltkrieg auf sieben. Daneben richteten bis 1933 noch die Deutsche Turnerschaft, der ATSB und konfessionelle Verbände Fußballmeisterschaften aus.

Historischer Hintergrund Sport hatte im Deutschen Reich des 19. Jahrhunderts nur eine untergeordnete Bedeutung. Bereits Deutschlands „Fußball-Urvater“, der Braunschweiger Lehrer Konrad Koch, konstatierte Anfang der 1870er Jahre, dass Schüler oft reine Stubenhocker und auf Grund von zu wenig Betätigung an der frischen Luft oft blass und krank waren. Bei einem Aufenthalt in England lernte Koch das englische Schulsystem kennen, in dem Sport vor allem in den Eliteschulen zu den Schulfächern und zum Freizeitangebot gehörte. Dazu gehörte auch der Fußball, gespielt in zwei Versionen: Rugby Football (heute als Rugby bezeichnet) mit Aufnehmen des Balls und Association Football (heute nur Fußball) ohne Ballaufnahme. Koch führte daraufhin in Braunschweig zunächst Rugby und ab 1878 auch Fußball ein.

Rugby Football dominierte im Deutschen Reich von 1875 bis Mitte der 1880er Jahre. In Frankfurt am Main wurde ab 1875 Rugby gespielt, auch in Cannstatt, Wiesbaden, Homburg, Darmstadt, Neuenheim, Hannover und Bremen entstanden Rugby-Clubs. Von 1880 bis mindestens 1883 wurde eine deutsche Meisterschaft als „Champion der Fußball-Clubs Deutschlands“ ausgetragen. 1885 existierten in Frankfurt am Main und Umgebung bereits 14 Vereine. Am 5. Mai desselben Jahres gründete der aus Frankfurt stammende Opernsänger Georg Leux in Berlin mit dem BFC Frankfurt 1885 den ersten Fußballverein in der Reichshauptstadt. Ende der 1880er Jahre wurde dort nach Rugby auch Assoziationsfußball gespielt.

Wie in ganz Deutschland vollzog sich auch in Berlin die Entwicklung erst sehr schleppend. Im Winter 1881/1882 trugen, wie auch zum gleichen Zeitpunkt in Hamburg, in der Stadt anwesende Engländer das erste Assoziationsfußballspiel aus. 1883 spielten Engländer und Deutsche gelegentlich in Berlin (z. B. auf dem Tempelhofer Feld). Dennoch tat sich bis 1888 wenig, erst dann setzte eine rasante Entwicklung durch die Gründung einer Vielzahl von Fußballklubs ein.

Die Anfänge Am 15. April 1888 wurde mit dem BFC Germania 1888 der älteste heute noch bestehende deutsche Fußballverein gegründet. In dieser Zeit setzte in Berlin und direkter Umgebung eine Gründungswelle von Clubs ein, die im Deutschen Reich für Jahre unerreicht blieb. Bis zum Ersten Weltkrieg entstanden so über 600 Vereine. Vermutlich waren es sogar deutlich mehr, aber da nicht in Verbänden organisierte Clubs nur sehr selten oder nie genannt wurden, kann die genaue Zahl heute nicht mehr bestimmt werden. Durch interne Streitereien (wie in den anderen Verbänden auch) bestanden einige Clubs nur für kurze Zeit, lösten sich dann wieder auf, schlossen sich einem anderen Verein an oder wechselten gelegentlich auch die Sportart.

Berlin hielt auch den Rekord, was die Anzahl von Fußballverbänden anging. Dafür gab es eine Reihe von Ursachen: Neue Klubs fanden nicht immer sofort Aufnahme in den bestehenden Verbänden, wodurch dann in der Regel ein Spielverbot gegen den betreffenden Verein ausgesprochen wurde. Daneben wurden neue Verbände gegründet, da manche Vereine einer weniger strikten Vereinigung angehören wollten, in der nicht für jedes noch so kleine „Vergehen“ Geldstrafen verhängt wurden. Andere Vereine betrieben z. B. Leichtathletik oder Turnen als Hauptsportart, hatten nur nebenher eine Fußballabteilung und wollten unter sich bleiben. Teilweise lag die Gründung eines neuen Verbandes auch in Animositäten mit Verbandsvereinen oder Funktionären begründet. Die frühen Jahre verliefen teilweise sehr chaotisch, nicht nur in Berlin, aber dort war es besonders auffällig.

Nach Berlin folgte der Süden (Südwesten) 1893 mit der Süd-Westdeutschen Fußball-Union als eigenem Verband, die aber auf Grund interner Streitigkeiten und der geringen Anzahl von Klubs im Süden nur zwei Jahre lang existierte. Danach folgten u. a. 1894 in Hamburg/Altona der Hamburg-Altonaer Fußball-Bund, 1896 in Leipzig der Verband Leipziger Ballspiel-Vereine, 1897 in Karlsruhe der Verband Süddeutscher Fußball-Vereine und 1898 in Düsseldorf der Rheinische Spiel-Verband. Schließlich gründete sich im Jahre 1900 der Deutsche Fußball-Bund als Dachverband.

Die frühen Jahre Neben den wenigen Meisterschaften mit ein paar Begegnungen, die erst in Berlin und dann in Hamburg/Altona sowie Leipzig ausgetragen wurden, gab es zahllose sogenannte „Wettspiele“ und Gesellschaftsspiele. Wettspiele, wenngleich der Begriff aus Unkenntnis oft falsch gebraucht wurde, beruhten meist auf der Herausforderung eines anderen Vereins, um zu beweisen, wer die bessere Mannschaft war. Dabei ging es oft um „Diplome“ für den Sieger, gelegentlich auch um einen Pokal. Gegner wurden des Öfteren namentlich in Anzeigen aufgefordert, zu einem Wettspiel anzutreten und würde das nicht der Fall sein, erklärte man sich selbst zum Sieger.

Im Gegensatz zu England und Schottland, wo aus religiösen Gründen keine Sonntagsspiele stattfanden, wurde in Deutschland, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Sonntagnachmittag der generelle Fußball-Spieltag. Auch Vormittagsspiele fanden statt, später generell in Hamburg/Altona für die Reservemannschaften auf Grund der wenigen vorhandenen Plätze. Im November 1894 versuchte sich der Hamburger FC 1888 (fusionierte später mit anderen Vereinen zum Hamburger SV) mit zwei Spielen an einem Tag. Morgens um 9.30 Uhr trat man in Wandsbek gegen den Borgfelder FC 1894 an und um 15 Uhr trat der HFC auf der Altonaer Exercierweide dem Altonaer Cricket Club 1893 (wenig später Altonaer FC 1893) gegenüber.

Ursprünglich orientierte sich die Zählweise für ein Resultat noch an den Rugby-Ursprüngen. So verzeichnete ein Freundschaftsspiel des Hamburger FC 1888 gegen den Pöseldorfer Tennis Verein am 30. September 1894 einen Pausenstand von „3-0 Tore, acht Abstöße, zwei Corner = 24 Punkte“ für die Tennisspieler gegen „drei Abstöße des HFC = drei Punkte“. Das Endresultat brachte einen Sieg des Tennisvereins mit 61-6 Punkten und 8-0 Toren.

Lokale Rivalität begann früh und war oft schon in den Anfangsjahren von Missgunst und nicht selten auch reinem Hass begleitet. Aus Mangel an Reportern vor Ort mussten die Sportzeitungen zwangsläufig Spielberichte der Vereine abdrucken, teilweise von den Mannschaftskapitänen und daher sehr einseitig verfasst. Bei doppelter Berichterstattung beider betroffener Clubs wurde das deutlich, wie beispielsweise in diesem Fall:

Der Gegner sah das völlig anders:

Im Gegensatz zu den englischen Mannschaften, bei denen Fair Play, von Ausnahmen abgesehen, an der Tagesordnung war, erwiesen sich viele deutsche Mannschaften als schlechte Verlierer, und das nicht nur in Punktspielen. Einseitige Spielabbrüche waren keine Seltenheit, wenn man sich nicht auf der Siegerstraße befand. Sobald eine sehr hohe Niederlage drohte, nahm diese Tendenz der Unsportlichkeit noch zu. Auch verließen einzelne Spieler das Feld und ließen ihre Mannschaft im Stich, wenn ihnen der Spielverlauf nicht behagte. Oftmals fehlte auch der Respekt, Anweisungen des Mannschaftskapitäns zu befolgen. In den frühen Jahren gab es keine Trainer; der von der Mitgliederversammlung gewählte Kapitän leitete auch das Training, sofern der betreffende Verein überhaupt trainierte.

Organisation Die Verbände entstanden, um den Mitgliedsvereinen eine regelmäßige Spielmöglichkeit zu geben. Die Spielklassen waren oft klein, zwei bis acht Clubs in der Regel, nur in Ausnahmefällen mehr. Dennoch schleppte sich die Abwicklung der wenigen Punktspiele oft über Monate hin, gelegentlich bis tief in den Sommer hinein. Die Tatsache, dass Spieler in der Regel sehr jung waren und alle Funktionen in den Clubs und Verbänden selbst übernehmen mussten, daneben auch noch das Amt des Schiedsrichters erfüllten, das alles auf Kosten der eigenen freien Zeit und ohne viel Erfahrung, war eine Ursache der oft chaotischen Zustände in den Verbänden und Vereinen. Nebenbei mussten bei den geringen Mitgliederzahlen und ohne Spieleinnahmen auch alle Kosten durch monatliche Beiträge aus eigener Tasche bezahlt werden. Es gab in diesen Jahren kaum passive Mitglieder. Wie schon in den frühen Jahren in England stammten Spieler und Funktionäre in der Regel aus dem Mittelstand und akademischen Familien. Es bildeten sich auch eine Anzahl akademischer Vereine, als selbstständiger Club oder als Abteilung eines bestehenden Vereins. Mitglieder aus der Arbeiterschicht waren oft nicht erwünscht, daneben hätten Arbeiter auch meist nicht die Vereinsbeiträge und hohen Geldstrafen bezahlen können. Funktionäre kamen in den Anfangsjahren aus dem Bereich der aktiven Spieler, sowohl in den Vereinen als auch in den Verbänden. Dabei drängten sich oft auch ungeeignete Personen in den Vordergrund, um so an eine Machtposition zu gelangen und diese für ihre persönlichen Zwecke zu missbrauchen.

Durch die Wahl von meist konservativen Funktionären sahen die Verbände sich in der Regel als Selbstzweck und nicht als Interessenvertretung der Mitgliedsvereine. Das führte oft zu erheblichen Spannungen und Auseinandersetzungen. Nicht selten wurden auf Verbandstagen Misstrauensanträge gestellt und ganze Vorstände abgewählt. Angriffe auf Vorstände waren an der Tagesordnung, oft gab es harte Attacken von Seiten der Clubs. Diese endeten nicht selten mit Verweisen oder Geldstrafen für die Betroffenen. Gelegentlich gab es auch Ausschlüsse aus dem Verband. Da die Zahlen der Mitgliedsvereine und Mitglieder stetig stieg, vermehrten sich auch die Einnahmen der Verbände. Besonders unpopulär war die „Kopfsteuer“, bei der für jedes Mitglied ein gewisser Betrag an den Verband abgeführt werden musste. Eine weitere Einnahmequelle war die Pflichtabnahme der Verbandszeitungen, basierend auf einem Anteil der Mitglieder eines jeden Vereins. Daneben wurden die Clubs verpflichtet, einen bestimmten Anteil an Fußball-Jahrbüchern abzunehmen, später auch noch von Athletik-Jahrbüchern. Die Abnahme dieser sogenannten Pflichtexemplare wurde streng kontrolliert. Bestanden Zweifel, wurden die betreffenden Vereine aufgefordert, Postquittungen vorzulegen.

An einer weiteren Einnahmequelle der Verbände trugen die Vereine selbst die größte Schuld: Für eingereichte Proteste musste eine „Protestgebühr“ hinterlegt werden. Geschah dies nicht oder nicht rechtzeitig, wurde der Protest nicht verhandelt. Wurde dem Protest entsprochen, erhielt der betreffende Verein seine Protestgebühr zurück, ansonsten verfiel der Betrag an die Verbandskasse. Daneben entstand über die Jahre ein ganzer Katalog von Strafgebühren, von falscher Spielkleidung bis zu Platzverweisen. Die steigenden Einnahmen führten teilweise dazu, dass sich Funktionäre selbst aus der Kasse bedienten. Weiterhin verloren nicht wenige Funktionäre nach einiger Zeit das Interesse und ließen die Verbandsgeschäfte völlig schleifen. In diese Fällen wurden keine Spieler mehr registriert, keine Post beantwortet oder gemeldete Resultate nicht verarbeitet. Gelegentlich wurden nicht einmal die Unterlagen an einen Nachfolger übergeben, womit unter anderem auch die ein oder andere Tabelle nicht mehr errechnet werden konnte.