Die Siegener Zeitung ist die auflagenstärkste Tageszeitung im Kreis Siegen-Wittgenstein.
Geschichte 1810 beteiligte sich der 1803 von einem Hof bei dem oberbergischen Dorf Nümbrecht nach Siegen zugewanderte Jacob Heinrich Vorländer (1764–1825), Inhaber einer Weinwirtschaft und eines Wein- und Eisenhandels, an einer Siegener Buchdruckerei. 1813 ging sie in sein Alleineigentum über. Dort erschien neben anderen regionalen Schriften von Juli 1816 bis zum 26. Dezember 1817 das Siegenische Wochenblatt. Es sah sich in der Nachfolge der Dillenburgischen Intelligenz-Nachrichten. Weinhandel und Weinwirtschaft gab die Verlegerfamilie bald auf.Lothar Irle, Siegerländer Persönlichkeiten- und Geschlechter-Lexikon, Siegen 1974, S. 356; Alfred Lück, 150 Jahre Siegener Zeitung, in: Siegerland, 1966, S. 45–50.
Im Oktober 1822 erhielt der Verleger die Genehmigung zur Herausgabe eines „Intelligenz- und Wochenblatts“, und zwar entsprechend den damaligen obrigkeitsstaatlichen Bedingungen Er wurde zudem verpflichtet, ein Belegexemplar der Königlichen Regierung in Arnsberg zuzusenden. Außerdem musste er alle von dieser Regierung und vom Landrat „zugefertigten Bekanntmachungen von Polizei- und anderen öffentlichen Landes-Angelegenheiten“ unentgeltlich in das Blatt aufnehmen.Siegerländer Heimatkalender für 1998, S. 45 ff. Ab dem 10. Januar 1823 erschien das ursprünglich als Siegenisches wöchentliches Intelligenzblatt geplante, dann jedoch mit Erscheinen umbenannte Siegerländer Intelligenz-Blatt. mini|Vorläufer, 10. Januar 1823mini|Vorläufer, 1831–18341831 änderte man den Titel in Siegen’sches Intelligenz-Blatt, 1835 in Intelligenzblatt für die Kreise Siegen und Wittgenstein, im Februar 1843 in Intelligenzblatt für die Kreise Siegen, Wittgenstein und Altenkirchen, 1867 in Siegener Kreisblatt und schließlich seit 1873 in Siegener Zeitung.Alfred Lück, 150 Jahre Siegener Zeitung, in: Siegerland, 1966, S. 45–50, hier: 47.
Seit 1893 erschien die Zeitung täglich. Sie teilte sich den Markt mit einigen weiteren lokalen Zeitungen und hatte in dieser Phase keine herausgehobene Bedeutung. Anders als die christlich-sozialen Konkurrenten Das Volk und Siegerländer Volksfreund vertrat sie keine parteipolitische Linie, sondern einen konservativ-liberalen Kurs. Dafür steht ihre kritische Haltung gegenüber den antisemitischen Kampagnen der im Siegerland starken Christlich-Sozialen in den 1880er und 1890er Jahren.Lothar Irle, Siegerländer Persönlichkeiten- und Geschlechter-Lexikon, Siegen 1974, S. 356; Ulrich Friedrich Opfermann, „Mit Scheibenklirren und Johlen“. Juden und Volksgemeinschaft, Siegen 2009, S. 41f.
Eine betont politische Rolle gab sich die Siegener Zeitung in der Weimarer Republik. Ohne ein enges parteipolitisches Profil zu vertreten, sah sie sich doch als Teil und Sprachrohr des mehrheitlich antidemokratischen „vaterländischen Lagers“, dem auch die antisemitischen Parteien DNVP bzw. EVD und NSDAP angehörten. DNVP und EVD waren im Siegerland die organisatorischen Nachfolger der Christlich-Sozialen des Kaiserreichs und dominierten bis zur Ablösung durch die NS-Bewegung zu Beginn der 1930er Jahre in Politik und Gesellschaft.
Schon früh bot die Siegener Zeitung den Nationalsozialisten propagandistische Möglichkeiten. So berichtete sie nach dem missglückten Hitler-Ludendorff-Putsch – umfangreich Hitler-Ausführungen referierend und distanzlos-affirmativ – über den anschließenden Prozess. In der Verbotsphase der NSDAP veröffentlichte sie die Wahlwerbung ihrer Ersatzorganisationen und beteiligte sich 1924 durch eine umfangreiche Berichterstattung an der Mobilisierung und Werbung für einen sog. Deutschen Tag der Rechtsorganisationen, der vor allem von Mitgliedern der verbotenen NSDAP organisiert wurde und als republik- und verfassungsfeindlich zunächst vom preußischen Innenminister verboten worden war. Mit einer poetischen Widmung ihres Chefredakteurs begrüßte sie aus diesem Anlass den Putschanführer und Nationalsozialisten Ludendorff.Ulrich Friedrich Opfermann, „Mit Scheibenklirren und Johlen“. Juden und Volksgemeinschaft, Siegen 2009, S. 50f.mini|Aufmacher, 27. März 1933 Wiederholt drohte der Regierungspräsident dem Blatt, das unter laufender Beobachtung stand, Sanktionen wegen „antirepublikanischer“ Aktivitäten an.Siehe z. B. nach Polemik gegen den „Verfassungstag“ der verfassungstreuen Kräfte und für die an dessen Stelle von den Rechtskräften getragene „Reichsgründungsfeier“: Der Regierungspräsident gegen die antirepublikanische Schreibweise der „Siegener Zeitung“, in: Volkszeitung, 5. Juni 1926. Auf den Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 reagierte die Siegener Zeitung mit der Aufforderung, . Der Reichstag brennt!, in: Siegener Zeitung, 28. Februar 1933. Kurz nach der endgültigen Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und ihre deutschnationalen Verbündeten erklärte die Siegener Zeitung sich im Mai 1933 zum „Organ des nationalsozialistischen deutschen Staates und des unter Adolf Hitlers Führung erwachten Volkes“.Erklärung!, in: Siegener Zeitung, 27. Mai 1933. Es kam zu einem Konflikt mit der offiziellen Parteizeitung National-Zeitung, in dessen Ergebnis die Siegener Zeitung gezwungen war, einen Rückzieher zu machen. Die beiden waren die einzigen verbliebenen Siegerländer Tageszeitungen. 1943 schlossen sie sich in einem gemeinsam getragenen Verlag zusammen. Während der Titel National-Zeitung nun unterging, erschien die Siegener Zeitung ab 1. April 1943 unter Beteiligung der bisherigen Verlegerfamilie Vorländer in der Foerster & Vorländer KG weiter. Das Druckgeschäft verblieb bei der Vorländer KG.Ulrich Friedrich Opfermann, „Mit Scheibenklirren und Johlen“. Juden und Volksgemeinschaft, Siegen 2009, S. 56; Siegener Zeitung, 30. März 1943, 30. November 1956.
Mit dem Ende des Nationalsozialismus endete in der britischen Zone das Erscheinen der vorgeblich unpolitischen „Heimatzeitungen“, damit auch der Siegener Zeitung. Die Herausgabe einer Zeitung bedurfte einer Lizenz durch die Militärbehörden, die die vormaligen Verleger der Siegener Zeitung nicht erhielten, weil ihr Blatt „als zu reaktionär“ galt.Philippe Blanchet, Die CDU des Siegerlandes. Entstehung, Entwicklung, 1945–1949, Siegen 1979, S. 23. Auch im Siegerland lizenzierten die Militärbehörden mit der Westfälischen Rundschau (SPD), der Westfalenpost (CDU) und der Freiheit (KPD) auf einen antinazistischen Konsens verpflichtete Parteizeitungen. Sowohl verbale Vorstöße des Verlegers Johannes Rothmaler bei der Militärverwaltung mit weitgehenden Eingeständnissen – „Deutschland“ treffe eine „schwere Schuld“, „eine siegreiche Armee“ habe eine „Befreiung“ bewirkt – als auch der Versuch einer gemeinsamen Zeitung „für Religion und Sozialismus, für Heimat und Völkerversöhnung“ mit der SPD in der Herausgeberschaft des Sozialdemokraten Fritz Fries blieben erfolglos.
Ab 1. November 1949 durfte die Zeitung wieder erscheinen. Der neue Schriftleiter Siegfried Kappe-Hardenberg erklärte in einem programmatischen Leitartikel rückblickend die vorausgegangenen Jahrzehnte „in ihrem Auf und Nieder“. Ihm trete dabei „die Unbeständigkeit der Welt“ vor Augen. Die nationalsozialistische Herrschaft sah er „nicht allein [als] das Werk Hitlers“, sondern „im großen Maße“ als das seiner Gegner sowie als Ergebnis der „Haltung des Auslandes“. Die rechtskonservativen und deutschnationalen Unterstützer und Bündnispartner der NSDAP, zu denen auch die Zeitung gehört hatte, nannte er nicht.Siegfried Kappe-Hardenberg, Die deutsche Frage, in: Siegener Zeitung, 1. September 1949. Das Nichterscheinen der Zeitung wurde u. a. damit begründet, die potentiellen Leser seien vier Jahre lang Opfer jener „geistigen Taschenspieler unserer Zeit“ geworden, deren „Tricks“ nur von der „russischen Atombombe ablenken sollen“.Uli Opfermann, Organ der erwachenden Nation. Zur Biographie einer überparteilichen Heimatzeitung, Teil 6, in: Der Tipp. Regionalmagazin, 1988, H. 1, S. 16f.; SPD Unterbezirk Siegen-Wittgenstein (Hrsg.), 100 Jahre Sozialdemokratie, 1863–1963, Bezirksparteitag der SPD in Siegen am 8. und 9. Juni 1963, o. O. o. J. (1963), unpag.
Überlieferungsgeschichte Die Überlieferung zur Geschichte der Zeitung wie insgesamt zur Siegerländer Geschichte als „Heimatgeschichte“ liegt in hohem Maße bei der Zeitung selbst und bei dem herausgebenden Verlag, der einschlägige Artikel in Mehrfachverwertung separat in eigenständigen Publikationen weitere Male veröffentlicht. , so eine Bewertung der vom Verlag vertretenen Vergangenheitspolitik aus den ausgehenden 1980er Jahren, sei dabei durch die Jahrzehnte „dominierend geblieben“. Sie beheimate oft ausgesprochen rückwärtsgewandte Vertreter des Heimatmilieus, für die exemplarisch jemand wie Lothar Irle stehe. Widerlegt wurde diese Feststellung bislang nicht., in: Uli Opfermann, Organ der erwachenden Nation. Zur Biographie einer überparteilichen Heimatzeitung, Schlussteil, in: Der Tipp. Regionalmagazin, 1988, H. 3, S. 15
Die Zeitung ist weitgehend vollständig archiviert.Das Stadtarchiv Siegen verfügt über einen sehr umfangreichen Zeitungsbestand, zu dem eine fast vollständige Sammlung der Siegener Zeitung gehört. Gut archiviert sind zwei ebenfalls dem vormaligen „vaterländischen Lager“ zuzurechnende Blätter, Das Volk (christlich-sozialer Flügel der DNVP bzw. CSVD) und (Siegerländer) National-Zeitung (NSDAP). Da die Siegener Volkszeitung (SPD), das Sieg-Rheinische Volksblatt (Zentrum) und die Siegerländer Tagespost als ihre früheren Kontrahenten nur noch in wenigen Exemplaren vorhanden sind, ergibt sich, dass es nur eine eng begrenzte zeitgeschichtliche Gegenüberlieferung zur einseitig ausgerichteten Haus- und Heimatgeschichtsschreibung der Siegener Zeitung und des Verlags Vorländer gibt.Vgl. dazu die regelmäßig erschienenen Jubiläumsausgaben, so z. B. die 1998 zum 175. Jubiläum publizierte mit einer „Zeitdokumentation“.
Aktuelle Situation Die Zeitung nahm und nimmt seit ihrem Wiedererscheinen 1949 einen parteipolitisch ungebundenen Platz innerhalb des rechten, konservativen Meinungsspektrums ein und beschreibt sich wiederum als „Heimatzeitung“., in: Patrick Fick, Die Darstellung ethnischer Minderheiten in Lokalmedien [Siegener Zeitung, Westfälische Rundschau]. Gegenwärtige Zustände – Veränderungen im letzten Jahrzehnt, Lehrforschungsprojekt, o. O. [Siegen] 2006, S. 13, siehe: (PDF-Datei; 333 kB). Eine weit zurückgehende empirische Analyse aus den ausgehenden 1980er Jahre kommt für die jüngere Zeit zu dem Schluss, es entstehe , in: Uli Opfermann, Organ der erwachenden Nation. Zur Biographie einer überparteilichen Heimatzeitung, Teil 7, in: Der Tipp. Regionalmagazin, 1988, H. 2, S. 19. In den 1980er-Jahren war Heinz Adam (* 1918) Vertriebsleiter und Geschäftsführer der Siegener Zeitung.Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 4.
Bis zum September 2000 erschien die Siegener Zeitung als Mittagszeitung. Sie war eines der letzten deutschen Blätter dieses Typs.
Mittlerweile erscheint „dat Blättche“,Siehe in der Siegener Zeitung, 1. November 1949, S. 3, 4: Wilhelm Faust, Lewer Blädchesmah (darin: „Eh osem Blädche woar alles ... Heimatarwet on Hußmannskost“); Rudolf Jung, Ein treuer Freund und Begleiter (darin: „Jetzt ist sie wieder da, unsere liebe alte ‚Siegener Zeitung‘, das ‚Blättche‘.“); Wilhelm Schmidt, D’m Blaedche zom Näjjerschinn. wie es volkstümlich gern bezeichnet wurde, im 198. Jahrgang (2020), seit langem im Verlag Vorländer und Rothmaler GmbH & Co. KG. Verleger ist Wolfgang Rothmaler, Chefredakteur Markus Vogt.miniatur|Verlagsgebäude in Siegen
Verlagssitz mit zentraler Redaktion ist Siegen. Lokale Ausgaben erscheinen im Kreisgebiet für das Siegerland und mit lokalen Teilausgaben im Wittgensteiner Land sowie in den angrenzenden Kreisen Olpe und Altenkirchen. Redaktionsbüros werden in Bad Berleburg, Betzdorf, Kreuztal und Olpe unterhalten.