mini|Heinz Keßler (1988) Heinz Keßler (* 26. Januar 1920 in Lauban; † 2. Mai 2017 in Berlin) war ein deutscher Armeegeneral und Politiker der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Er war Mitglied des Politbüros des ZK der SED, Mitglied des Ministerrats der DDR, Minister für Nationale Verteidigung und Abgeordneter der Volkskammer der DDR. Er gehörte dem SED-Zentralkomitee und dem Nationalen Verteidigungsrat der DDR an. In den Mauerschützenprozessen wurde er zu einer siebeneinhalbjährigen Freiheitsstrafe wegen Totschlags verurteilt.
Leben mini|Heinz Keßler bei einem Truppenbesuch, 1968 Heinz Keßler wurde als Sohn einer Arbeiterfamilie in Lauban in Schlesien geboren. Seine Eltern zogen 1923 nach Chemnitz um. Sie waren Kommunisten und wurden in der Zeit des Nationalsozialismus mehrmals in Konzentrationslagern inhaftiert. Er besuchte die Volksschule und wurde Mitglied des Jung-Spartakus-Bundes. Von 1934 bis April 1937 erlernte er den Beruf eines Maschinenschlossers und arbeitete bis 1940 in diesem Beruf.Matthias Uhl: Heinz Keßler – Honeckers politischer General. In: Hans Ehlert, Armin Wagner (Hrsg.): Genosse General! Die Militärelite der DDR in biografischen Skizzen. Ch. Links, Berlin 2003, ISBN 3-86153-312-X, S. 421–454, hier S. 422 f.; Gottfried Hamacher u. a.: Gegen Hitler. Deutsche in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung »Freies Deutschland«. Kurzbiografien. (= Rosa-Luxemburg-Stiftung. Manuskripte.) Band 53. Dietz, Berlin 2005, ISBN 3-320-02941-X, S. 99 f. (PDF; 894 kB).
Militärische Laufbahn Am 15. November 1940 wurde Keßler in die Wehrmacht einberufen und als MG-Schütze ausgebildet. Im Frühjahr 1941 kam er mit der 134. Infanterie-Division zunächst ins Generalgouvernement nach Petrikau. Nach einer weiteren Ausbildung ging er im Juni 1941 mit der Division in ihre Ausgangsstellung für das Unternehmen Barbarossa bei Białystok in Stellung.
Drei Wochen nach Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion lief er am 15. Juli 1941 zur Roten Armee über und kam zunächst in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Infolge seines Übertritts wurde er vom Reichskriegsgericht als Fahnenflüchtling zum Tode verurteiltSie waren Täter. In: Die Zeit. 29. Juli 1994. und seine Mutter, Hedwig Keßler, von 1941 bis 1945 im KZ Ravensbrück inhaftiert.
Er kam zunächst in das Lager 27 in Krasnogorsk bei Moskau, dann mit dem Überläufer Franz Gold nach Spasso-Sawodsk bei Karaganda in Kasachstan. Dort lernte er Heinz Hoffmann kennen. Mit Gold und Hoffmann erhielt er eine fünfmonatige Ausbildung an der neugeschaffenen Antifa-Schule in Gorki. Zusammen mit Gold wurde er im Kriegsgefangenenlager 27 eingesetzt und dann Mitarbeiter der 7. Verwaltung der Politischen Hauptverwaltung der Roten Armee. Im Dezember 1942 kam es zu seinem ersten Fronteinsatz in der Schlacht von Welikije Luki. Gold und Keßler wurden nach weiteren Fronteinsätzen zur Mitbegründung des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) nach Krasnogorsk beordert. Gemeinsam mit den übrigen Mitgründern des NKFD unterschrieb Keßler das Manifest vom 12. Juli 1943. Dort engagierte er sich als einer der wichtigsten Jugendfunktionäre sowie als Frontbeauftragter an der Brjansker Front.Hans Ehlert und Armin Wagner: Die Militärelite der DDR in lebensgeschichtlicher Perspektive. In: Hans Ehlert, Armin Wagner (Hrsg.): „Genosse General! Die Militärelite der DDR in biografischen Skizzen“. Ch. Links, Berlin 2003, ISBN 3-86153-312-X, S. 7. In dieser Funktion rief er deutsche Soldaten zum Überlaufen auf.
mini|Heinz Keßler (rechts) und Erich Honecker (2. von rechts), 5. August 1947
Rückkehr nach Deutschland Im Mai 1945 kehrte er als Angehöriger der Roten Armee ins eroberte Berlin zurück, wo er nach langer Zeit seine Mutter wiedertraf.Heinz Keßler: „Einer der schönsten Tage meines Lebens“: Heinz Keßler erinnert sich an das Wiedersehen mit seiner Mutter im Juni 1945. Verband Deutscher in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung Freies Deutschland e. V. Abgerufen am 10. August 2011. 1945 war Keßler Mitglied des Zentralen Antifaschistischen Jugendausschusses und 1946 eines der Gründungsmitglieder der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Er trat der KPD bei, die sich 1946 mit der SPD zur SED vereinigte. Im gleichen Jahr wurde er Mitglied des Parteivorstandes der SED, ab 1950 Zentralkomitees (ZK) der SED. Von 1948 bis 1950 war er Sekretär des Zentralrats der FDJ. In dieser Zeit nahm er auch an Agitationseinsätzen in der Bundesrepublik teil („Ich habe versucht, die Jugendverbände zu agitieren und dafür zu gewinnen, mit uns gegen die Pariser Verträge aufzutreten“).
Eintritt in die Bewaffneten Organe der DDR Am 1. November 1950 trat Keßler in die Bewaffneten Organe der DDR ein. Hier war er bis 1952 im Rang eines Generalinspekteurs Leiter der Volkspolizei-Luft (VP-Luft, Tarnbezeichnung Verwaltung der Aeroklubs). Infolge erster struktureller Veränderungen wurde sein Dienstposten von 1952 bis 1953 in Stellvertreter des Ministers des Inneren und Chef der VP-Luft geändert. Sein Dienstgrad lautete ab 1. Oktober 1952 Generalmajor.Die Generale und Admirale der NVA. Militärgeschichte der DDR: Ein biographisches Handbuch, S. 122. Hrsg. v. Militärgeschichtlichen Forschungsamt von Rüdiger Wenzke, Klaus Froh. Weitere Strukturreformen führten bis 1955 zur erneuten Namensänderung, nunmehr Chef der VP-Luft, der Vorgängerorganisation der NVA-Luftstreitkräfte.Die Generale und Admirale der NVA. Militärgeschichte der DDR: Ein biographisches Handbuch, S. 122. Hrsg. v. Militärgeschichtlichen Forschungsamt von Rüdiger Wenzke, Klaus Froh.
Von Dezember 1955 bis Herbst 1956 absolvierte Keßler die Generalstabsausbildung an der Generalstabsakademie der UdSSR „Kliment Woroschilow“ in Moskau. In dieser Zeit stand Generalmajor Heinz-Bernhard Zorn, ein ehemaliger Luftwaffenmajor i. G. der Wehrmacht, interimsweise an der Spitze der NVA-Luftstreitkräfte.
General der NVA und Verteidigungsminister Beförderungen 1. November 1950 Generalinspekteur 1. Oktober 1952 Generalmajor, Ernennung 1. Oktober 1959 Generalleutnant 1. März 1966 Generaloberst 3. Dezember 1985 Armeegeneral mini|Keßler mit Walter Ulbricht im Jahre 1966 mini|Die Generäle Stechbarth (links) und Keßler (rechts) nehmen 1988 in ihren Luxuslimousinen GAZ-13 Tschaika die Parade der NVA zum 39. Jahrestag der DDR ab. Bei Gründung der NVA am 1. März 1956 wurde Keßler zum Stellvertreter des Ministers für Nationale Verteidigung berufen. Ab 1. September 1956 übernahm er wieder den Oberbefehl über die Luftstreitkräfte der Nationalen Volksarmee. Nach der Zusammenlegung der Luftstreitkräfte und der Luftverteidigung am 1. Juni 1957 zum Kommando Luftstreitkräfte/Luftverteidigung (Kdo. LSK/LV) wurde Keßler Stellvertreter des Ministers und Chef der LSK/LV. Generalmajor Zorn, sein bewährter Stellvertreter und Chef des Stabes aus den Zeiten der KVP-Luft, sollte ihm wieder als zweiter Mann zur Seite stehen, wurde aber zur Militärakademie „Friedrich Engels“ nach Dresden abverfügt. Am 1. Oktober 1959 wurde Keßler zum Generalleutnant befördert; am 1. März 1966 zum Generaloberst.Die Generale und Admirale der NVA. Militärgeschichte der DDR: Ein biographisches Handbuch, S. 122. Hrsg. v. Militärgeschichtlichen Forschungsamt von Rüdiger Wenzke, Klaus Froh.
Von März 1967 bis 1978 war Heinz Keßler Stellvertreter des Ministers und Chef des Hauptstabes im damaligen Ministerium für Nationale Verteidigung in Strausberg. Danach war er Mitglied des Militärrates des Vereinten Oberkommandos des Warschauer Pakts mit Sitz in Moskau. Von 1979 bis 1985 war er Stellvertreter des Ministers für Nationale Verteidigung und Chef der Politischen Hauptverwaltung (PHV).
Am 3. Dezember 1985 übernahm Keßler vom verstorbenen Heinz Hoffmann das Amt des Verteidigungsministers. 1986 wurde er Mitglied des Politbüros des ZK der SED. Im Oktober 1989 galt Keßler bei der Funktionärsgruppe um Egon Krenz, die die Absetzung Erich Honeckers vorbereitete, als größter „Risikoposten“.Hans-Hermann Hertle, Gerd-Rüdiger Stephan: Die letzten Tage des Zentralkomitees der SED. Einführung und historischer Überblick. In: dies. (Hrsg.): Das Ende der SED. Die letzten Tage des Zentralkomitees. 4. Auflage. Berlin 1999, S. 57. Er befand sich in Nicaragua, als Honecker am 17. Oktober von einer Mehrheit des Politbüros zum Rückzug gezwungen wurde. Keßler erklärte seitdem wiederholt, dass er dem „nie zugestimmt“ hätte.Heinz Keßler: Die letzten Tage der SED und der Deutschen Demokratischen Republik (Abschrift eines Interviews mit Heinz Keßler). In: Erich Buchholz (u. a.): Unter Feuer. Die Konterrevolution in der DDR. Hannover 2009, S. 101. Direkt vom Flughafen kommend, nahm er am Folgetag an der Plenartagung des Zentralkomitees teil, auf der Honecker „aus gesundheitlichen Gründen“ um die Entbindung von allen Funktionen bat. Der konsternierte Keßler stimmte dem zu, einen improvisierten Redebeitrag brach er nach mehrfachen störenden Zwischenrufen – unter anderem von Günter Schabowski, Harry Tisch und Kurt Hager – ab.Siehe Stephan Hertle: Ende der SED, S. 127–130. Nach Keßlers später geäußerter Auffassung hatte sich in der SED-Führung zu diesem Zeitpunkt eine Fraktion gebildet: „Sie hat sich zusammengesetzt aus Leichtgläubigen, dazu zähle ich Krenz, weil der offensichtlich wirklich glaubte, dass Perestroika und Glasnost ein Weg sei, und anderen, die nie Kommunisten waren, die nie richtig verbunden waren mit unserer Sache, dazu zähle ich Schabowski, Schürer, Tisch und noch zwei, drei andere.“Siehe Keßler: Die letzten Tage, S. 106.
Rücktritt, Entlassung und Parteiausschluss Am 7. November 1989 trat Keßler als Verteidigungsminister zusammen mit den anderen Mitgliedern der Regierung Stoph zurück. Er leitete aber zunächst geschäftsführend das Ministerium weiter und wollte das Amt auch in der neuen Regierung ausüben, worauf er dann am 17. November allerdings verzichtete und am 15. Dezember auf eigenen Wunsch aus der NVA entlassen wurde.Matthias Uhl: Heinz Keßler – Honeckers politischer General. In: Hans Ehlert, Armin Wagner (Hrsg.): Genosse General! Die Militärelite der DDR in biografischen Skizzen. Ch. Links, Berlin 2003, ISBN 3-86153-312-X, S. 421–454, hier S. 444.
Am 20. Januar 1990 wurde Keßler mit der Begründung, eine „antisowjetische Haltung“ zu vertreten, aus der SED-PDS ausgeschlossen.Ausschluss. Das Politbüro vor dem Parteigericht. Die Sitzung dauerte vom Mittag des 20. Januar bis weit nach Mitternacht, wobei laut Tonbandprotokoll die Vernehmung von Keßler vor Mitternacht stattfand. Erst zu Beginn der Vernehmung von Krenz wird erwähnt, dass inzwischen der 21. Januar eingetreten sei. Gemeint war jedoch, dass er gegen das Reformprogramm Gorbatschows war.Lena Marg: Krenz, Schabowski und die anderen: Heinz Keßler: Der Mann, der den Schießbefehl leugnete. In: Focus. 17. April 2012. Bei diesem Ausschlussverfahren gegen Keßler gab es drei Stimmenthaltungen. Unmittelbar nachdem Keßler den Raum verlassen hatte, erkundigte sich der Vorsitzende der Schiedskommission Günther Wieland verunsichert bei diesen drei Mitgliedern über den Grund für ihr Abstimmungsverhalten. Deren Vermutung, Keßler könne einer der Initiatoren der Absetzung Erich Honeckers gewesen sein, unterbrach Wieland mit der Aussage: „Genossen, darf ich euch eins sagen: es gab viele Leute im […] Zentralkomitee die außerordentlich glücklich waren, dass gerade dieser Mann zu dieser Zeit weit, weit weg war. Denn als Mielke schon lange auf der Seite von Krenz stand war das noch der engste Freund von Honecker.“