Wut (Alternativtitel: Can) ist ein deutscher Fernsehfilm von Drehbuchautor Max Eipp und Regisseur Züli Aladağ aus dem Jahr 2006, der sich mit interkultureller Kompetenz und Jugendkriminalität unter Türkischstämmigen in Deutschland auseinandersetzt.
Das mehrfach ausgezeichnete Drama verursachte unmittelbar vor der Erstausstrahlung im September 2006 eine Kontroverse über Gewalt in den Medien. Der vom Westdeutschen Rundfunk als Beitrag zur Integration gedachte Film sollte ursprünglich am 27. September 2006 (Mittwoch) zur Hauptsendezeit mit anschließender Diskussionssendung im Ersten gezeigt werden, wurde jedoch kurzfristig auf den 29. September (Freitag) in das Spätprogramm verschoben. Diese Programmänderung sorgte für Aufsehen in den deutschen Medien.
Handlung Das Filmdrama spielt in Berlin-Tempelhof und beschreibt die Eskalation eines Konflikts zwischen einer Familie des Bildungsbürgertums und einem türkischstämmigen Jugendlichen aus einfachen Verhältnissen. Daneben thematisiert der Film das Scheitern der Kommunikation sowohl innerhalb der deutschen als auch der türkischen Familie.
Der angehende Literaturprofessor Simon Laub und seine Frau Christa, Immobilienmaklerin, ermöglichen ihrem Sohn Felix ein Leben in Wohlstand und Bildung. So ist Felix ein begabter Cellospieler. Zum Bekanntenkreis des sensiblen und schöngeistig veranlagten Bürgersohns gehört Can, der Anführer einer Straßenbande, dem er regelmäßig Marihuana abkauft. Als Sohn eines Gemüsehändlers ist der junge Türke weniger gut gestellt und zeigt sich seinem wohlhabenden Freund gegenüber bisweilen neidisch und missgünstig. Als Cans Gang Felix seine neuen Markenturnschuhe „abzieht“ und der Junge barfuß nach Hause kommt, konstatiert Felix’ Vater ein Problem.
Simon Laub denkt nun, Can durch Zureden dazu bewegen zu können, seinen Sohn in Ruhe zu lassen. Durch ein Gespräch mit Cans Vater verspricht er sich, die Situation endgültig zu bereinigen. Felix ist gegen die Einmischung seines Vaters und behauptet, kein Problem mit Can zu haben. Can bringt schließlich auch wirklich die Schuhe zurück, trumpft dabei aber überheblich auf und lässt kein Bedauern erkennen. Felix’ Vater entgegnet: „Sagen wir, Sie hatten die Schuhe zum Putzen“.
Schritt für Schritt setzt sich nun eine Rache- und Gewaltspirale in Gang. Vater Laub fühlt sich durch die immer bedrohlicher werdenden Attacken Cans in die Enge getrieben. So platzt dieser in eine Vorlesung und stellt den Literaturdozenten bloß, indem er ihn und die Studenten anpöbelt und dabei auch die ihm bekannt gewordene Beziehung Laubs zu einer seiner Studentinnen öffentlich macht. Der angegriffene Laub ergreift immer drastischere Gegenmaßnahmen: So zeigt er Can wegen Körperverletzung und Drogenhandel bei der Polizei an, übt darüber hinaus aber auch Selbstjustiz und lässt ihn von seinem Freund Michael, dem Liebhaber seiner Frau, zusammenschlagen. Can wird nach der polizeilichen Hausdurchsuchung vom Vater verstoßen.
Der Konflikt mündet in eine Katastrophe, nachdem Can sein Leben zerstört sieht und mit einem Messer und einer Pistole bewaffnet ins Haus der Laubs einbricht. Er schlägt Felix’ Vater zusammen und knebelt die Mutter. Als Felix, von Can unbemerkt, ins Wohnzimmer tritt und seine Eltern wehrlos vorfindet, greift er die auf dem Küchentisch liegende Pistole und richtet sie gegen Can. Can entreißt sie ihm jedoch. Das Messer an Felix’ Kehle gesetzt, fordert er nun Vater Simon auf, entweder seine Frau oder sich selbst mit der Pistole zu erschießen. Simon richtet Cans Waffe gegen sich selbst und drückt zitternd ab, wobei er sich in Todesangst in die Hose macht. Die Waffe ist jedoch nicht geladen. Can lacht Felix’ Vater aus und verlässt, die Familie beschimpfend, das Wohnzimmer. Wutentbrannt folgt ihm Felix’ Vater. Er greift Can hinterrücks an und tötet ihn beim Kampf im hauseigenen Swimmingpool durch Genickbruch. Er weint hemmungslos, nachdem er die Leiche des Jugendlichen aus dem Wasser geborgen hat.
Informationen zum Film Gedreht wurde Wut im Herbst 2005 in Berlin.
Oktay Özdemir („Ich hätte auch gern den Felix gespielt“) spielt den Jugendlichen Can, der Familienvater und Professor Simon Laub wird von August Zirner dargestellt. Corinna Harfouch ist in der Rolle seiner Frau zu sehen, Robert Höller in der Rolle ihres gemeinsamen Sohns.
Der Produktionsfirma Colonia Media, die Wut für den WDR produzierte, stand – für späte Sendetermine unüblich – ein größeres Budget zur Verfügung, weil die Produktion ursprünglich für die Hauptsendezeit angesetzt war.
Das Drehbuch von Max Eipp galt schon vor seiner Verfilmung als heikler Stoff und wurde deshalb von Fernsehverantwortlichen mehrfach abgelehnt. Der ursprüngliche Schreibanlass war ein eigenes Erlebnis des Autors aus dem Bereich Jugendgewalt, welches er im Drehbuch dramatisch zuspitzt.
Bei dem Fernsehfilm handelt es sich um ein um Realitätsnähe bemühtes Filmdrama. Die Dramaturgie des Filmes folgt von Beginn an der erzählten Rache- bzw. Gewaltspirale und lässt dabei deutlich Anleihen an der Struktur und Rhetorik der Novelle Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist erkennen, die auch Gegenstand der Antrittsvorlesung Laubs ist. Vorherrschend ist ein episodenhafter Aufbau: Während eine Sequenz die Aktion zeigt, zeigt die nächste oft ohne Umschweife die Reaktion bzw. Gegenaktion, wodurch die Handlung ein großes Tempo erhält. Die Schauplätze sind dabei abwechselnd den entgegengesetzten Milieus der Protagonisten zuzuordnen. Was in den Zwischenzeiten geschieht, bleibt im Detail im Unklaren, lässt sich aber grob aus dem Gezeigten erschließen. So wird z. B., nachdem zu sehen war, wie Can in seiner Wohnung verhaftet wird, gezeigt, wie Cans Gang Felix auflauert. In der nächsten Einstellung finden Felix’ Eltern ihren Sohn bewusstlos und verletzt vor der Haustür. Völlig unklar bleibt dagegen durch die episodenhafte Erzählstruktur, ob Felix und Can in derselben Gegend wohnen, vielleicht sogar auf dieselbe Schule gehen, oder sie in völlig unterschiedlichen Stadtteilen aufwachsen und nur Felix’ Drogenkonsum die beiden immer wieder zusammenführt. Der Film zeigt zudem so gut wie keine Motive für die Handlungen, sondern vornehmlich die Handlungen selbst, und lässt dadurch viel Raum für eigene Interpretationen des Zuschauers.
Die Filmerzählung weist dabei durchweg eine Fokussierung auf die Hauptdarsteller auf: mit Felix, seinen Eltern (inklusive ihrer beiden Verhältnisse), Can und dessen Vater ist das Repertoire an nicht nur schemenhaft gezeichneten Figuren bereits komplett. Außer Cans Jugendbande erscheinen zum Beispiel keine weiteren Jugendlichen, z. B. Mitschüler oder Freunde von Felix, und selbst Cans Gangmitglieder, obwohl sie häufig zu sehen sind, werden in keiner Weise charakterisiert.
Äußerlich ist der Film an einer kommerziellen Spielfilmästhetik orientiert, benutzt teilweise verfremdende Effekte wie Slowmotion, lässt aber auch zeitweilig Einstellungen wie Dokumentaraufnahmen erscheinen. Neben der deutschen Sprache sind auch türkische Ausdrücke und Dialoge zu hören, die aber nur untertitelt werden, sofern es für das Verständnis der Handlung unbedingt notwendig ist. Die Sprache der jugendlichen Rollen spiegelt dabei den tatsächlichen Code unter Halbwüchsigen auf der Straße wider. Eine Besonderheit in dem auch ansonsten realistisch erzählten und chronologisch strikt auf das Ende zusteuernden Film, der auf motivklärende Stilmittel wie innerer Monolog oder Rückblende verzichtet, ist eine kurze Traumsequenz des Simon Laub.
Die knapp gehaltene musikalische Untermalung des Filmsoundtracks spiegelt wie die Dramaturgie den Gegensatz zwischen den beiden Familien wider: Sie reicht von türkischer Folklore über deutschsprachigen Hip-Hop deutsch-türkischer Rapper (der auch von Felix gehört wird) bis hin zu klassischer Musik von Schubert.
Filmkritik, Zuschauerquoten Wut wurde schon vor der Ausstrahlung von der Kritik hoch gelobt. So nannte z. B. Peter Luley von der Süddeutschen Zeitung Wut „den mit Abstand beste[n] Fernsehfilm der Saison“.Peter Luley: ARD verlegt Thriller. ‚Wut‘ aus dem Migrantenmilieu. In: Süddeutsche Zeitung, 27. September 2006 Selbst die Katholische Nachrichten-Agentur konstatierte, dass der als „hartes TV-Drama“ (TV Hören + Sehen) angekündigte Film „zu den herausragenden Fernsehereignissen des Jahres“ gezählt werden müsse. In: BILD, 26. September 2006
Der Film erreichte bei seiner Erstausstrahlung am 29. September 2006 2,97 Millionen Zuschauer bei einem Marktanteil von 12,5 Prozent. In der werberelevanten Zielgruppe sahen 0,97 Millionen zu (9,9 Prozent Marktanteil). Im Anschluss wurde die Sendung Tatort Schulweg – Hilflos gegen Jugendgewalt? gezeigt, in welcher Sandra Maischberger und Asli Sevindim mit weiteren Gästen diskutierten. Diese verfolgten 1,27 Millionen Zuschauer (10,8 Prozent Marktanteil), der Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen lag bei 7,6 Prozent.
Der WDR aber auch die Tagespresse nannten die Quoten angesichts der Thematik der Sendungen „hervorragend“. Das „rege Interesse“ an den Sendungen drückte sich auch in 1500 Zuschaueranrufen aus, die der WDR nach den Sendungen zu Wut entgegennahm.
Kontroverse Während das WDR-Presseheft zu Wut den Film in eine Reihe mit Meilensteinen der Fernsehgeschichte wie Das Millionenspiel oder Smog stellte, übten Jugendschützer wegen harter Gewaltszenen und gewalttätiger Sprache Kritik an der Produktion, die vorab innerhalb des Medienforums NRW zu sehen war.
WDR-Intendant Fritz Pleitgen gab schließlich die Verschiebung durch einen Beschluss der Intendanten der ARD bekannt, dem er als Vertreter des WDR nicht zugestimmt habe: „Man glaubt, dass dieser Film zu gewalttätig sei und nicht um 20:15 Uhr ausgestrahlt werden sollte – in einer Zeit, wo noch viele Jugendliche an den Fernsehschirmen sitzen könnten.“ Pleitgen jedoch hätte der ARD „ein bisschen mehr Courage zugetraut“. Der Film sei ein Film für Jugendliche und zeige die Realität, wie Jugendliche sie heutzutage erleben – nicht, wie ältere Erwachsene sie gern hätten. MDR-Intendant Udo Reiter behauptete hingegen später, die Entscheidung zur Verschiebung von Wut sei einstimmig gefallen: „Sich hinterher öffentlich davon zu distanzieren und sich von Journalistenkollegen als einzig Couragierten unter lauter Waschlappen feiern zu lassen, [sei] zumindest Geschmackssache“.
Andere Stimmen – auch zahlreiche Zuschauerstimmen in Internetforen – vermuten, die Gewaltdarstellungen seien gar nicht der Hauptgrund für die Verschiebung (das Drama erhielt schließlich auch eine Altersfreigabe der FSK „ab 12 Jahren“), sondern, dass der Film mit seinem Titelhelden Can einen kriminellen Migrantenjugendlichen und dessen Milieu realistisch darstelle und daher von gewissen Kreisen als ausländerfeindlich oder rassistisch eingestuft werden könnte. Drehbuchautor Max Eipp wurde dagegen in verschiedenen Printmedien zitiert, dass das im Film Dargestellte „nicht repräsentativ“ zu verstehen sei., 26. September 2006
„Es gibt Opfer und Täter in allen Ethnien, auch unter Türken. Man muss das erzählen dürfen, ohne sofort die Erklärung für die Sozialisierung einer Figur mitzuliefern“ warb in diesem Zusammenhang der kurdische Regisseur Züli Aladağ, selbst als Kind aus der Türkei nach Deutschland eingewandert, den Film verteidigend gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger für mehr Selbstverständlichkeit und Normalität in der Diskussion auch über negative Seiten der Migration. Man solle die Diskussion über den Umgang mit Fremdheit und damit verbundene Schwierigkeiten nicht nur den Rechten überlassen. Hierzu sei der Film ein Beitrag. Die Dinge beim Namen nennen zu können und den Unmut über bestimmte Zustände zu formulieren habe zudem laut Aladağ „für eine bestimmte Schicht der Deutschen etwas sehr Befreiendes.“Michael Aust: Wie tolerant bist du? In: Kölner Stadt-Anzeiger, 26. September 2006, Interview mit dem Regisseur Züli Aladağ