mini|hochkant=1.8|Zeitgenössische Darstellung des Eisenbahnunfalls von Versailles 1842 von A. Provost mini|Entlaufener Zug der Saltsjöbanan rammt 2013 ein Wohnhaus (beschneit) mini|Entgleisung des Schnellzugs Wellington–Auckland auf der North Island Main Trunk Railway bei Taringamotu, nachdem starker Regen den Bahndamm aufgeweicht hatte
Ein Eisenbahnunfall (auch Eisenbahnunglück) ist ein Unfall, der in ursächlichem Zusammenhang mit dem Betrieb einer Eisenbahn und dessen typischen Gefahren steht.
Definition Die Definition des Eisenbahnunfalls ist bei einzelnen Bahnen oder Institutionen leichten Abweichungen unterworfen. Die deutsche Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung (BEU) definiert: Ein Unfall ist ein unerwünschtes oder unbeabsichtigtes plötzliches Ereignis oder eine besondere Verkettung derartiger Ereignisse, die schädliche Folgen haben.Vgl.: Homepage der Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes. Die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST) definiert Unfälle als Ereignisse, die tödliche oder schwere Verletzung einer Person, einen Sachschaden über 100.000 Franken oder die Freisetzung bestimmter Mengen von Gefahrgut zur Folge haben. Die Deutsche Bundesbahn unterschied zwischen „Bahnbetriebsunfall“ und „Arbeitsunfall“, wobei der Bahnbetriebsunfall definiert war als Unfall bei bewegten Eisenbahnfahrzeugen außerhalb der Ausbesserungswerke und das Zerknallen von Kesseln aller Art an bewegten oder stillstehenden Eisenbahnfahrzeugen.Rockelmann, S. 11. Alle anderen Unfälle galten als „Arbeitsunfälle“.Rockelmann, S. 11.
Geschichte mini|Unfall bei Pawtucket, Rhode Island, 1853 – ältestes bekanntes Foto eines Eisenbahnunfalls
Unfallgeschehen Bereits seit der Frühzeit der Eisenbahn sind Unfälle bekannt. Die älteste Aufzeichnung darüber stammt aus dem 17. Jahrhundert aus einem britischen Bergwerk.Zwei Jungen starben im April und Juli 1650 in Whickham, County Durham, nachdem sie von Hunten einer Grubenbahn überfahren wurden. Es handelt sich um die ältesten bekannten Eisenbahnunfälle, bei denen Menschen ums Leben kamen. (David Wragg: Signal Failure: Politics & Britain’s Railways. Stroud 2004, ISBN 978-0-7509-3293-6, S. 46). Die Fahrzeuge wurden damals mit Muskelkraft auf hölzernen Schienen bewegt. Allerdings ist die Quellenlage sehr unterschiedlich. Aus der Frühzeit der Eisenbahn ist sie sehr lückenhaft. Nur in Großbritannien, wo bereits 1840 eine staatliche Eisenbahnaufsicht eingerichtet wurde, stellen deren Berichte zu Unfällen einen relativ geschlossenen Block von Quellen dar.Püschel, S. 6.
Mit Nutzung der Dampfmaschine als Energieerzeugung für den Fahrbetrieb der Eisenbahn, mit der Erfindung der Dampflokomotive, kamen zum einen die Unfälle auf, die speziell mit Dampfmaschinen in Zusammenhang stehen, wie KesselzerknallAm 31. Juli 1815 explodierte in Philadelphia, County Durham, der Kessel der experimentellen Dampflokomotive Mechanical Traveller und riss 16 (nach anderer Quelle 13) umstehende Zuschauer in den Tod. Dieser Unfall ist die älteste bekannte Kesselexplosion einer Lokomotive und bis heute diejenige mit der höchsten Zahl von Toten überhaupt. Bis zum Eisenbahnunfall von Versailles 1842 war das auch der folgenreichste Eisenbahnunfall. oder Brände,Vgl.: Eisenbahnunfall von Versailles. zum anderen die, die mit der großen Masse, der Geschwindigkeit und der geringen Reibung des Rad-Schiene-Systems und den damit relativ langen Bremswegen eines Zuges in Zusammenhang stehen.Ein Güterzug und ein Personenzug stießen bei Suffolk, Virginia, am 11. August 1837 auf einer eingleisigen Strecke, auf der auf Sicht gefahren wurde, frontal zusammen. Drei Tote und Dutzende Verletzte waren die Folge. (Southworth Allen Howland: Steamboat disasters and Railroad accidents in the United States: to which is appended accounts of recent shipwrecks, fires at sea, thrilling incidents, etc. Worcester, Massachusetts 1840, S. 286 f.) Das war zugleich der erste Frontalzusammenstoß zweier Züge mit Todesopfern in der Eisenbahngeschichte. Eine dritte Quelle von Unfällen sind die bahnfremden Eingriffe in den Eisenbahnverkehr, vor allem durch querenden anderen Verkehr (BahnübergängeVgl. etwa: schr: Häufung von Bahnübergangs-Unfällen. In: Eisenbahn-Revue International 12/2015, S. 629.), Selbstmörder und Attentäter.
Berühmt geworden ist die Definition des Reichsgerichts aus dem Jahre 1879 für eine Eisenbahn und einen Eisenbahnunfall:
Etwa um die gleiche Zeit begann auch die systematische Erfassung von Unfällen und deren Erforschung. Führend in den frühen Jahren war hier der österreichische Ingenieur Ludwig Ritter von Stockert, nach Abschaffung des Adelsprädikats in Österreich 1919 „nur“ noch Ludwig Stockert.
Mit dem technischen Fortschritt kamen auch die daraus jeweils erwachsenden Unfallquellen hinzu, andere entfielen (etwa die Gefahren der GasbeleuchtungAm 8. November 1900 fuhr zwischen Mühlheim am Main und Offenbach am Main ein Personenzug auf einen Durchgangszug auf. Das Gas eines geplatzten Behälters der Gasbeleuchtung in einem der Wagen des Durchgangszugs strömte aus und entzündete sich an dem Feuer der aufgefahrenen Dampflokomotive. Die beiden letzten Wagen des Durchgangszugs fingen Feuer und brannten aus. Zwölf Tote und vier Verletzte waren die Folge.). Im Rahmen der Elektrifizierung kam es – bis heute – zu Unfällen mit Bahnstrom.Der erste derartige Unfall ereignete sich am 22. Dezember 1901 in Liverpool, als der Elektromotor eines Triebwagens, der durch den Tunnel zu dem unterirdischen Bahnhof Liverpool-Dingle fuhr, in Brand geriet. Dabei starben sechs Menschen, zahlreiche weitere wurden verletzt.
Ein weiterer sehr schwerer Unfall dieser Art ereignete sich am 10. August 1903 auf der Pariser Métrolinie 2 in Paris. 84 Menschen starben. Die Zahl der tödlichen Unfälle durch Kontakte mit der Oberleitung ist auch heute recht erheblich.In Deutschland wird darüber offenbar keine Gesamtstatistik geführt, wie eine Nachfrage bei der Bundespolizei ergab.
Dank moderner Zugbeeinflussungssysteme hat sich das Risiko von Eisenbahnunfällen verringert. Durch die Ergänzung der Punktförmigen Zugbeeinflussung durch zusätzliche 500-Hz-Magnete ging in Deutschland und Österreich die Zahl der durch Signalmissachtung verursachten Kollisionen drastisch zurück. Ähnliche Erfolge erzielten in der Schweiz das System ZUB 121 und in Frankreich KVB.
Von der indischen Eisenbahn wurde bekannt, dass dort allein 2014 mehr als 27.000 Menschen bei Eisenbahnunfällen starben. Etwa die Hälfte davon waren Personen, die aus oder von einem Zug fielen oder auf den Gleisen liefen und überfahren wurden.. In: Hindustan Times v. 3. August 2015.
Psychische Auswirkungen
Die psychischen Auswirkungen schwerer Eisenbahnunfälle auf die Unfallopfer sind oft einschneidend. Historisch waren das die ersten Großunfälle der Industrialisierung, die auch eine breite Allgemeinheit betrafen. Eisenbahnunfälle waren daher einer der Ausgangspunkte für die Traumaforschung. Das Unfallopfer erlebte sich als dem Geschehen gegenüber völlig hilf- und schutzlos, ohne jede Chance einer sinnvollen Reaktion darauf, ausgeliefert. Im Gegensatz zu Naturkatastrophen war ein Eisenbahnunfall in der Regel Folge fehlerhaften menschlichen Handelns. Das Erklärungsmuster, dass das schon immer so gewesen war und dagegen nichts unternommen werden konnte, versagte hier.Sabine Bode: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. 13. Auflage 2014, ISBN 978-3-608-94797-7, S. 193.
Psychische Schäden waren in ihren Folgen in weit geringerem Maß beherrschbar als körperliche Schäden: So befand sich Charles Dickens am 9. Juni 1865 auf der Rückreise von Paris, als der aus Folkestone kommende Zug nach London auf der Brücke über den Beult, ein Nebenfluss des Medway, entgleiste und die Brücke zum Einsturz brachte, weil auf der South Eastern Main Line im Zuge einer Baustelle Gleise entfernt worden waren, ohne die Baustelle ausreichend zu sichern. Der Schriftsteller wurde bei diesem Eisenbahnunfall von Staplehurst körperlich nicht verletzt. An der Unfallstelle leistete er zunächst anderen Reisenden Hilfe. Bei dem Unfall starben aber 10 Reisende, 40 weitere wurden verletzt. Charles Dickens war durch den Unfall psychisch traumatisiert. Er hatte seitdem große Probleme, mit dem Zug zu reisen, und versuchte, das möglichst zu vermeiden.
Andere Reisende, die lebend aus Unfällen herauskamen, waren psychisch weit stärker traumatisiert, bis hin zur Arbeitsunfähigkeit.Beispiel anlässlich der Eisenbahnunfalls von Newark: Appelby: The Railway Accident At Newark. In: British Medical Journal, Bd. 2, v. 2. Juli 1870, S. 15. So kam es zu ersten Schadenersatzprozessen – entsprechend der dort technisch fortgeschrittenen Entwicklung zuerst in Großbritannien –, bei denen auch diesbezüglich medizinische Gutachten als Beweismittel eingesetzt wurden. Entsprechend dem damals vorherrschenden mechanistischen Weltbild musste es eine materielle Ursache für diese psychischen Schäden geben. Der britische Mediziner John Eric Erichsen entwickelte die These von der „Railway Spine“ („Eisenbahn-Rückgrat“), nach der das Nervensystem der Wirbelsäule bei den psychisch traumatisierten Opfern durch die mechanischen Kräfte des Unfallgeschehens beschädigt worden sei (ohne dass das allerdings physisch nachweisbar war). Andere Wissenschaftler gingen von einer entsprechenden Schädigung des Gehirns aus. In Deutschland, das damals der technischen Entwicklung hinterher hinkte, vertrat einige Zeit später etwa Hermann Oppenheim entsprechende Thesen. Diese mechanistische Sicht der Trauma-Entstehung war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein vorherrschend.Wolfgang Schivelbusch: Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert. Frankfurt 1989, ISBN 3-596-24414-5, S. 132.
Selbst bei Angehörigen der Opfer von Eisenbahnunfällen wurden solche Traumata beobachtet: 1850 wurde Maria Fischer, 22 Jahre alt, mit psychosomatischen Störungen in das Hospital zum heiligen Geist in Frankfurt am Main aufgenommen. Nachdem ihr Bruder und einzig lebender Verwandter bei einem Eisenbahnunfall ums Leben gekommen war, setzte bei ihr die Menstruation aus und die Beinmuskulatur war gelähmt.Theodor Clemens: Mittheilungen aus dem Hospital zum Heiligen Geist in Frankfurt a. M. Paraplegia hysterica (Eine von Genitalienreizung ausgehende Reflexneurose). In: Die Klinik 2 (1850), S. 545 f.
Unfalluntersuchung In Deutschland war nach der Bahnreform zunächst das Eisenbahn-Bundesamt für die Untersuchung von Eisenbahnunfällen zuständig, danach von 2007 bis 2016 die Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes und seit 2017 die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung.
In Österreich wirkt seit 29. April 2004 die Sicherheitsuntersuchungsstelle des Bundes (SUB) als Untersuchungsstelle von Eisenbahnunfällen.
In der Schweiz nahm die Unfalluntersuchungsstelle Bahnen und Schiffe zum 1. Oktober 2000 ihre Arbeit auf. Am 1. November 2011 wurde sie zusammen mit dem Büro für Flugunfalluntersuchungen (BFU) zur Schweizerischen Unfalluntersuchungsstelle (SUST) zusammengeführt.
Weitere Unfalluntersuchungsstellen sind in der Liste europäischer nationaler Eisenbahnbehörden genannt.
Systematik mini|Von einem Tornado umgeworfener Zug, USA, 1890er Jahre
Generell lassen sich die Ursachen für Eisenbahnunfälle wie folgt einteilen:
Technisches Versagen, z. B. des Unterbaus (z. B. Einsturz von Bauwerken)Beim teilweisen Einsturz eines Tunnels am 16. Juni 1972 bei Vierzy, Frankreich, den gerade zwei Dieseltriebwagen durchfuhren, starben 108 Menschen und 87 weitere wurden verletzt. Oberbaus (z. B. Schienenbruch)Durch einen Schienenbruch entgleiste auf einer zweigleisigen Strecke am 26. November 1998 zunächst ein Teil des Golden Temple Express zwischen den Bahnhöfen Khanna, Punjab, Indien, und Chawapail. In die entgleisten Fahrzeuge fuhr nur Minuten später der in der Gegenrichtung verkehrende Jammu Tawi-Sealdah Express hinein. Weit mehr als 200 Menschen starben.