mini|hochkant|Diether Dehm (2014) Jörg-Diether Wilhelm Dehm-Desoi (* 3. April 1950 in Frankfurt am Main) ist ein deutscher Musikproduzent, Liedermacher, Autor und Politiker (parteilos, zuvor Die Linke, PDS, SPD). Als Musiker verwendete er anfänglich den Künstlernamen Lerryn. Das von Dehm mitgetextete Lied 1000 und 1 Nacht (Zoom!) von Klaus Lage war 1984 insgesamt 22 Wochen in den deutschen Charts.
In den 1970er Jahren war er der westdeutsche Manager des 1976 aus der DDR ausgebürgerten, dort regimekritischen Liedermachers Wolf Biermann und spähte ihn gleichzeitig als Inoffizieller Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) aus.
Von 1999 bis 2003 war Dehm einer der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der PDS und von 2004 bis 2010 ihr Landesvorsitzender in Niedersachsen. Von 2010 bis 2016 war er Schatzmeister der Europäischen Linken. Dem Deutschen Bundestag gehörte er 1994 sowie von 2005 bis 2021 an.
Ausbildung und Beruf Diether Dehm wurde als Sohn des Schlossers und Fußballspielers Otto Dehm und dessen Frau Inge, einer kaufmännischen Angestellten, in Frankfurt am Main geboren.
Dehm besuchte die Frankfurter Helmholtzschule, studierte Sonder- und Heilpädagogik und absolvierte 1972 die Diplomprüfung; 1975 wurde er zum Dr. phil. promoviert. Er ist Geschäftsführer des Musikverlags Edition Musikant GmbH, Mitglied im Gesellschafterausschuss von Hitradio FFH, Autor und Unternehmer. Ab 2004 war Dehm Lehrbeauftragter an der Hochschule Fulda, wo er Kulturmanagement und Kreativschreiben unterrichtete. Dehm ist Mitglied im Deutschen Textdichter-Verband, dem Europaverband der Selbständigen Deutschland und war Mitglied des Parlamentarischen Beirats.
Musik- und Kulturprojekte In den späten 1960er Jahren begann Dehm, eigene (Protest-)Lieder zu schreiben und vorzutragen. Er war Preisträger bei den Internationalen Essener Songtagen für sein Lied Karriere. LPs mit Songs von ihm sind: Der Sänger mit den besseren Liedern; Goya malt Karl den IV. (1982 mit Albert Mangelsdorff, Manfred Schoof, Heiner Goebbels u. a.); Abweichend (mit bots 1984); Arbeiterlieder (mit Heiner Goebbels u. a.); Das weiche Wasser (1988 mit Willy Brandt, Heinz Rudolf Kunze, Götz George, Senta Berger u. a.).
Zeitweise verwendete Dehm den Künstlernamen Lerryn, über dessen Ursprung es verschiedene Versionen gibt. Laut Darstellung von taz (2012) und Spiegel (2010) ist „Lerryn“ ein Portmanteauwort aus zwei Spitznamen Dehms, nämlich „Lenin“ und „Larry“. Dehm selbst hingegen behauptete 2014 gegenüber dem Online-Musikmagazin Deutsche Mugge, er habe den Namen nach dem „schottischen Ort“ Lerryn ausgewählt, indem er blindlings auf eine Landkarte tippte. Lerryn liegt allerdings am Südwestzipfel Englands, rund 600 km südlich von Schottland. mini|Diether Dehm als Lerryn, 1976
Dehm rief 1971 in Frankfurt am Main die Veranstaltungsreihe Lieder im Park ins Leben, die später von zahlreichen bundesdeutschen Städten übernommen wurde. Dabei arbeitete er eng mit dem damaligen Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann zusammen, der einige von Dehms Kulturprojekten in seinen Büchern zur Nachahmung empfahl. 1974 war er eines von neun Mitgliedern des Koordinationsausschusses der AG Song – Arbeitsgemeinschaft der Liedermacherinnen und Liedermacher, in der zeitweise bis zu 1400 Liedermacher organisiert waren.
Dehm übersetzte einige Lieder der niederländischen Folkrock-Band Bots ins Deutsche, darunter die bekannt gewordenen Liedtitel Was wollen wir trinken 7 Tage lang, Das weiche Wasser bricht den Stein sowie Aufsteh’n. Ab 1980 betätigte er sich als Autor und Co-Autor diverser Musik-, Rock- und Kabarettkünstler wie Dieter Hildebrandt, Klaus Lage und Albert Mangelsdorff.
1983 gründete er sein eigenes Schallplattenlabel Musikant unter dem Dach der EMI Electrola. 1985 war er an der Bildung des Vereins Künstler in Aktion beteiligt; er wurde gemeinsam mit Klaus Lage, Udo Lindenberg, Heinz-Rudolf Kunze und Dietmar Schönherr Vorstandssprecher.
Er war Autor verschiedener Unterhaltungs- und Satiresendungen im Fernsehen (z. B. Hurra Deutschland oder Öko-SAT mit Stephan Wald, Ingolf Lück, Hans Werner Olm). Ab 1989 war er Manager und Medienberater von Katarina Witt, Klaus Lage, BAP,Das Profil ist runter bis auf die Felgen von Klaus-Peter Klingelschmitt, taz 19. Mai 1995Der Monopoli-Mann, von Kai Schöneberg taz 30. August 2005„Er wollte uns zur Politrockband umerziehen“, sagt der Musiker Wolfgang Niedecken von BAP, „das waren wir aber nicht.“ Musikproduzent und Politiker Dehm Ist er ein lustiger Clown – oder ein böser?, von Nicola Abé, Der Spiegel 25. Mai 2018 bots, Stoppok und Andreas Wecker. Ab 1990 arbeitete Dehm an Text und Musik des 1996 ausgestrahlten Fernsehfilms Die Eisprinzessin mit Katarina Witt in der Titelrolle. Im gleichen Jahr kam sein Musical Stars in Nordhausen zur Uraufführung.
Von Dehm wurden (meistens als Liedtexter) über 600 Lieder auf Tonträgern veröffentlicht, unter anderem mit und für Joe Cocker, Curtis Stigers, La Bouche, Christopher Cross, Ute Lemper, die Drum Performance Stomp und in Deutschland mit und für Klaus Lage, Anne Haigis, bots, Heinz Rudolf Kunze, Udo Lindenberg, Emma, Stoppok, Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner, Hans Werner Henze, Tony Carey, Zupfgeigenhansel, Gisela May, Sebastian Krumbiegel, Geier Sturzflug. Sein meistverkauftes Lied ist 1000 und 1 Nacht (Zoom!), das die Klaus-Lage-Band 1984 aufnahm. Es war 22 Wochen in den deutschen Charts und belegte Platz 7 in der Jahreswertung 1984. Unter den deutschsprachigen Liedern kam es sogar auf den 2. Platz. Bekannt wurde auch der ebenfalls von der Band gespielte Tatort-Song Faust auf Faust (Schimanski) (1985). Er verwendete dabei häufig Pseudonyme wie Dora Diese, N. Heirell und B. Lauerbock.
2000 entstand der Milchmädchenreport, der im Berliner Ensemble und im Staatstheater Kassel aufgeführt wurde. Seit Jahren arbeitet Dehm mit Künstlern wie Peter Sodann, Konstantin Wecker, Rolf Hochhuth oder der Thüringer Band Emma zusammen.
2006 erschien Dehms Album Adelante con Rosa, Brecht y Che, auf dem er unter anderem Texte von Pete Seeger, Rosa Luxemburg, Che Guevara und Bertolt Brecht verarbeitete. Auf der 2012 erschienenen CD Grosse Liebe.Reloaded des Bandprojektes Diadem interpretiert er eigene Lieder sowie Titel der Beatles.
Im April 2024 wurde ein von Dehm und Dieter Hallervorden verfasstes Gedicht „Gaza, Gaza“ über den Krieg in Israel und Gaza seit 2023 in Form eines dreiminütigen Videos veröffentlicht. Dehm und Hallervorden fordern darin eine Feuerpause, eine Freilassung aller Geiseln und bezeichnen Israels Krieg als Völkermord.
Politik SPD mini|hochkant|Diether Dehm auf dem SPD-Bundesparteitag in Münster 1988 Dehm wurde mit 16 Jahren Mitglied des SPD-nahen Kinder- und Jugendverbands Die Falken sowie der SPD, wo er zunächst in deren Jugendorganisation Jusos aktiv war.
Zur Bundestagswahl 1990 kandidierte er auf der Landesliste der Hessen-SPD, kam aber zunächst nur auf einen Nachrückerplatz. 1993 wurde er in den Magistrat der Stadt Frankfurt gewählt, dem er bis 1997 angehörte. Am 18. August 1994 rückte er dann für die Abgeordnete Barbara Weiler in den Deutschen Bundestag nach.
Von 1995 bis 1997 war er Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Selbständige in der SPD.Diether Dehm. Friedrich-Ebert-Stiftung, Archiv der sozialen Demokratie; abgerufen am 1. Februar 2015. 1997 wurde Dehm zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD-Unternehmer gewählt. Er unterstützte Kultur- und Zeitschriftenprojekte, unter anderem die Zeitschrift spw – Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft.
Anlässlich der Haltung der SPD zu den Jugoslawienkriegen geriet er zunehmend in Konflikt mit der Parteispitze und trat schließlich 1998 zusammen mit 24 weiteren Frankfurter Sozialdemokraten aus der Partei aus.
PDS Am Tag der Bundestagswahl 1998 trat er in die PDS ein und war von 1999 bis 2003 einer ihrer stellvertretenden Bundesvorsitzenden. Er wurde zweimal wiedergewählt. Seine Bundestagskandidatur als Spitzenkandidat der PDS Niedersachsen im September 2002 war erfolglos, da die PDS die Fünf-Prozent-Hürde verfehlte.
In der sogenannten Wachbuchaffäre um Dehm und den vorherigen PDS-Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch bestritt Dehm, einen Wachmann des Karl-Liebknecht-Hauses angewiesen zu haben, dafür Sorge zu tragen, dass Bartsch keinerlei Unterlagen aus der Parteizentrale mitnehme. Der Vorfall war 2003 Mitauslöser für den Rücktritt von Gabi Zimmer als PDS-Bundesvorsitzende. Beim dann im Juli folgenden außerordentlichen Parteitag scheiterte Dehm mit der Wiederwahl in den Bundesvorstand der PDS.
Im März 2003 unterlag Dehm bei der Wahl für das Oberbürgermeisteramt in der südbadischen Stadt Lörrach gegen Amtsinhaberin Gudrun Heute-Bluhm (CDU), erreichte aber mit 17,7 % das bis dahin beste Ergebnis der PDS bei einer Wahl im Westen der Bundesrepublik Deutschland. Die SPD hatte keinen eigenen Kandidaten aufgestellt.
Im Jahre 2004 wurde er Landesvorsitzender der PDS Niedersachsen und zog als Spitzenkandidat der Linkspartei.PDS zur Bundestagswahl 2005 in Niedersachsen erneut in den Deutschen Bundestag ein, dem er bis 2021 angehörte.
Von 2005 bis 2009 war Dehm Vorsitzender des der PDS bzw. Linkspartei nahestehenden Unternehmerverbandes OWUS.
Die Linke mini|Diether Dehm, 2019 Am 8. September 2007 wurde er beim Zusammengehen von PDS und WASG zur Linkspartei auf dem niedersächsischen Gründungsparteitag in Hannover zusammen mit Kreszentia Flauger in einer Doppelspitze zum Vorsitzenden im Landesverband der Linken gewählt. Bei der Landtagswahl in Niedersachsen 2008 erreichte dieser unter seinem Vorsitz 7,1 % der Stimmen. Im November 2008 wurde er mit 81 % zum Landesvorsitzenden wiedergewählt. 2010 trat er nicht wieder für diesen Posten an. Bei der Bundestagswahl 2009 zog Dehm erneut als Spitzenkandidat der niedersächsischen Linken in den Bundestag ein. Auf dem 2. Bundesparteitag im Mai 2010 in Rostock wurde er in den Parteivorstand gewählt, dem er bis 2014 angehörte.
Im Dezember 2010 wurde Dehm in Paris zum Schatzmeister der Europäischen Linken gewählt und erneut beim Kongress 2013 in Madrid mit dieser Aufgabe betraut. Zu seinem Aufgabenbereich gehört das Projekt „Europäisches Kulturnetzwerk“. S. 60; abgerufen am 14. Mai 2014. Diese Idee wurde gemeinsam in Gesprächen mit Gregor Gysi, Pierre Laurent, Mikis Theodorakis und dem Mailänder Bürgermeister Giuliano Pisapia entwickelt.
Dehm war europapolitischer Sprecher seiner Fraktion und Mitglied des Ausschusses für die Angelegenheiten der Europäischen Union und er war mittelstandspolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag. Weiterhin war er stellvertretender Vorsitzender des Unterausschusses „Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik“ und stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Kultur und Medien sowie des Ausschusses für Wirtschaft und Energie.
Dehm gab zu Beginn der 19. Legislaturperiode des Bundestages Beteiligungen an drei Unternehmen sowie Nebeneinkünfte der Stufe 4 (15.000 bis 30.000 EUR jährlich) an.
Für die Bundestagswahl 2021 wurde er nach erfolglosen Kandidaturen für aussichtsreiche Plätze nur auf Platz sechs der Landesliste der niedersächsischen Linken aufgestellt, der bei der Wahl letztlich nicht zog. Er schied deshalb mit Ablauf der alten Legislaturperiode aus dem Bundestag aus.Jonas Mueller-Töwe: Skandalabgeordneter Diether Dehm (Linke) nicht mehr im Bundestag: Linken-Politiker: Er bespitzelte Biermann und beschäftigte einen Ex-Terroristen. t-online.de, 1. Oktober 2021
Ein 2022 beantragtes Parteiausschlussverfahren gegen Dehm wegen parteischädigendem Verhalten„Parteischädigendes Verhalten“ Die Linke betreibt Ausschluss von Diether Dehm, Deutschlandfunk 14. November 2022 wurde im März 2023 von der niedersächsischen Landesschiedskommission zunächst abgelehnt. Eine Entscheidung der Bundesschiedskommission steht noch aus.Kein Parteiauschluss für Diether Dehm: Poltergeist darf weiter spuken, von Pascal Beucker, taz 10. März 2023