mini|Teil der noch vorhandenen Gräfte

Haus Heyde, auch Heide geschrieben, war ein Adelssitz im äußersten Norden des westfälischen Dorfes Uelzen, das seit dem 1. Januar 1968 Ortsteil von Unna ist. Heydes erste Erwähnung stammt vom Jahr 1343. Das Gut wurde 1966 abgebrochen.

Von den neun Adelsgeschlechtern, die im Besitz des Wasserschlosses waren, war die letzte und bekannteste die Familie von Bodelschwingh.

Die adligen Besitzer Hinsichtlich der frühen Geschichte von Haus Heyde besteht die Gefahr von Verwechselungen. Es gibt und gab im deutschen Sprachraum eine Fülle von Örtlichkeiten und Familiennamen mit Heide/Heiden in den verschiedenen Schreibweisen. So gab es allein in Nordrhein-Westfalen sechs unterschiedliche Adelsgeschlechter namens Heiden, jede mit eigenem Wappen, und darüber hinaus fünf Haus Heyde.

Opper Heide / von Hilbecke Von Haus Heyde bei Unna war der erste namentlich genannte Besitzer wahrscheinlich 1343 ein „Friderich opper Heide“ oder „van der Heide“, von dem nur bekannt ist, dass er in dem Jahr „Zeuge zu Unna“ war. Vielleicht war er ein Angehöriger der Familie von Hilbeck, die im nahe gelegenen (Werl-)Hilbeck ansässig war.

Sprenge Die ersten sicheren urkundlichen Nachweise über das Bestehen des Adelssitzes stammen von 1422 und 1479 in Bezug auf einen Ritter namens Henrike Sprenge „Herr zur Heyden und Borgmühlen“. Borgmühl ist ein 1,5 km südlich gelegenes, noch heute bestehendes landwirtschaftliches Gut in (Unna-)Mühlhausen. Die wohl schon Ende des 15. Jahrhunderts ausgestorbene Ritterfamilie Sprenge spielte damals eine bedeutende Rolle in der Lokalgeschichte. Die Unnaer Stadtkirche besitzt noch einen Abendmahlskelch, der ihr um 1400 von einem Menricus Sprenge geschenkt wurde. Ein Heinrich Sprenge war 1451 Ordensritter im Baltikum; ein Johann Sprenge machte 1467 der Kirche in (Unna-)Lünern eine Schenkung.

Von der Recke Ende des 15. Jahrhunderts ging Haus Heyde durch Heirat auf die weit verzweigte Familie von der Recke über, die auf dem nicht weit entfernten „Haus zur Heyde“ (inzwischen Haus Reck genannt) im heutigen Hamm-Lerche ansässig war und lange Zeit die Drosten von Unna und Kamen stellte. Wegen der örtlichen Nähe und der Namensähnlichkeit gibt es insoweit viele offene Fragen.

Von Torck Um 1500 kaufte Jasper Torck vom heute noch vorhandenen Haus Brügge in (Bönen-)Lenningsen, damals Drost von Unna und Kamen, das Haus Heyde bei Unna. Er vererbte es an seine Tochter Katrin, die mit Matthias (oder Thies) von Aldenbockum († 1506/07) verheiratet war. Matthias wurde sein Nachfolger als Drost von Unna und Kamen.

Von Aldenbockum Im 16. Jahrhundert waren dann drei Generationen derer von Aldenbockum Besitzer und Bewohner von Haus Heyde. Bei den drei Rittern – Thyes, Matthias und Johann – handelte es sich um angesehene, fromme und sozial eingestellte Männer. So machten 1586 die Brüder Johann und Diederich von Aldenbockum zusammen mit anderen Männern eine Schenkung für die Kamener Schule. Von dem dritten, „Johann vonn Altenbokum zuer Heidenn“ († vor 1593), ist noch das umfangreiche Testament erhalten, das er 1585 zusammen mit seiner Frau aus zweiter Ehe, Mette Bycker, verfasste. Darin setzen sie den Armen zu Unna eine jährliche Rente von fünf Malter Korn und der Schule in Hamm einmalig 60 Reichstaler aus.

Von Ascheberg Nahezu das gesamte 17. Jahrhundert hindurch saßen fünf Generationen der Familie von Ascheberg auf Haus Heyde. Heberich (Heilwig oder Sibrich), Tochter des Johann von Aldenbockum und seiner zweiten Frau Mette, die Haus Heyde erbte, hatte nämlich einen „Heidenreich von Ascheberg, Herrn zu Byinck“ geheiratet. Ihr Sohn, Aldenbockum von Ascheberg († 1624), schenkte 1620 der Unnaer Kirche einen vergoldeten Abendmahlskelch aus Silber. Sieben Grabsteine derer von Ascheberg sind dort heute noch zu sehen. Diese Familie war es, die Anfang des 17. Jahrhunderts das 1966 abgebrochene Herrenhaus errichtete. Sie verarmte infolge des Dreißigjährigen Krieges.

Von Palant Johan Diederich Heidenreich von Ascheberg zu Byinck und Heyde, der 1712 kinderlos starb, vermachte Haus Heyde dem Sohn seiner Schwester, Jan Steffen Heidenreich von Palant zu Schadeburg (* 1705). Dieser verkaufte es – offensichtlich ohne jemals darin gewohnt zu haben und wohl aus Geldmangel – 1743 an einen adeligen „Obristwachtmeister“ aus dem Sauerland in Diensten Friedrichs des Großen, nämlich an Christoph Friedrich Steffen von Plettenberg zu Lenhausen-Stockum (1698–1777).

Von Plettenberg Mit Christoph Friedrich Steffen von Plettenberg begann Heydes „große Zeit“. Er ist auch der erste Bewohner von Haus Heyde, dessen Bild überliefert ist. Er hatte am 9. März 1734 Charlotta Sibilla Hendrina von Edelkirchen von einem Haus HeideHaus Heide (Halver). GenWiki. Abgerufen am 6. März 2015. bei Halver im Sauerland geheiratet (was später im Bodelschwinghschen Stammbaum zu Verwechselungen führte). Da er der protestantischen Linie derer von Plettenberg angehörte, war er im katholischen Herzogtum Westfalen nicht landtagsfähig, konnte also auf diese Weise seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten und trat deshalb in preußische Dienste. Nach dem Brand des Stammsitzes seines Familienzweiges, des Unteren Hauses in Lenhausen 1732 verkaufte er im folgenden Jahr die Ruine und seinen gesamten Lenhauser Besitz an den der katholischen Linie Plettenberg-Lenhausen angehörenden Besitzer des heute noch bestehenden Oberen Hauses, den Reichsgrafen Friedrich Bernhard Wilhelm von Plettenberg.Volker Kennemann: Das „Untere Haus“ in Lenhausen. In: An Bigge, Lenne und Fretter, Heft 34, Finnentrop 2011, S. 59 ff. Mit dem Erlös und den Erlösen aus seiner Teilnahme am Ersten Schlesischen Krieg (1740–1742) finanzierte er den Kaufpreis von 40.722 Reichstalern für Haus Heyde.

Offenbar war Christoph Friedrich ein tüchtiger Offizier. Im Zweiten Schlesischen Krieg wurde er zum Oberstlieutenant befördert und erhielt eine der beiden höchsten preußischen Auszeichnungen, den Orden Pour le Mérite. Am Dritten Schlesischen Krieg, dem Siebenjährigen Krieg, nahm er als Generalmajor teil. In der Schlacht bei Prag am 6. Mai 1757, in der er zwei preußische Dragonerregimenter befehligte, wurde er so schwer verwundet, dass er nicht wieder felddienstfähig wurde. Im folgenden Jahr übertrug ihm Friedrich der Große die Besorgung der Remonten, der 3–4-jährigen Nachwuchspferde des preußischen Heeres. 1761 schied er mit 62 Jahren im Rang eines Generalleutnants krankheitshalber aus dem Militärdienst aus. Er lebte dann auf Haus Heyde und kaufte 1768 das benachbarte Gut Binkhoff hinzu. Wahrscheinlich war er es – vielleicht aber auch erst sein Sohn Henrich Ludwig (1744–1799) –, der Haus Heyde im Stil des Barock zu einer Dreiflügelanlage in U-Form umbaute und den Park anlegte, von dem noch eine Anzahl Bäume erhalten sind. Nach seinem Tod am 17. März 1777 wurde er im Chor der Unnaer Stadtkirche beigesetzt; sein Grabstein ist aber nicht mehr vorhanden.

Sein Sohn und Erbe, Henrich Ludwig von Plettenberg (1744–1799), der 1767 Sophie Charlotte von Plettenberg-Heeren vom benachbarten (heute noch bestehenden) Wasserschloss Haus Heeren heiratete, konnte 1785 das 6 km nördlich gelegene Gut Bögge im heutigen Bönen mit dem verbundenen Gut Nordhof für 40.950 Reichstaler ersteigern. Dadurch verdoppelte sich in etwa der Besitz derer von Plettenberg auf Heyde.

Von Bodelschwingh Henrich Ludwigs älteste Tochter Friederike von Plettenberg (1768–1850) – er hatte keine Söhne – heiratete 1785 Franz von Bodelschwingh-Velmede (1754–1827) im heutigen Bergkamen. Dadurch kam später Haus Heyde an die Familie von Bodelschwingh. Friederike und Franz wurden die Stammeltern einer weit verzweigten Familie mit bedeutenden Persönlichkeiten, durch die Haus Heyde auch überregional bekannt wurde. Vier Generationen derer von Bodelschwingh wohnten auf Haus Heyde, das „damals der eigentliche Mittelpunkt der Familie war“, bis die vierte Generation das Gut 1927 an die Stadt Kamen verkaufte. Die Familie hatte noch einen zweiten Wohnsitz im Zentrum von Hamm, vor allem um den Kindern eine gute Schulausbildung zu geben.

Da Friederikes Ehemann Franz Erbe der Güter Velmede und Töddinghausen im heutigen Bergkamen war, besaß das Ehepaar sechs Güter und war somit eines der wohlhabendsten im weiten Umkreis. Nach dem Tod ihres Mannes 1827 wohnte Friederike bis zu ihrem Tod 1850 auf Heyde. Obwohl klein und zart, war sie eine sehr willenskräftige Natur, die für ihre Enkel – und viele andere – „die höchste Respektsperson auf Erden“ war. Ihr Mann Franz dagegen galt als Gutsherr mit weichem Herz, der sehr nachsichtig gegen säumige Pächter war.

Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Sophie (1791–1855), später Erbin der Güter Bögge und Nordhof, heiratete 1815 Konstant Freiherr Quadt-Wykradt-Hüchtenbruck, einen preußischen General der Infanterie, Ernst (1794–1854), später Erbe der Güter Velmede und Töddinghausen, und Carl (1800–1873), später Erbe der Güter Heyde und Binkhoff. Beide Brüder, die zu den bedeutendsten Persönlichkeiten gehören, die die Kreise Hamm und Unna hervorgebracht haben, hatten hohe und höchste Ämter inne mit bemerkenswert ähnlichen Laufbahnen: Landrat, Regierungspräsident, Preußischer Finanzminister, Abgeordneter. Beide dankten als Minister ab – Ernst 1848 und Carl 1866 –, als die Regierungspolitik nicht mehr ihren Grundauffassungen entsprach.

Carl, der bis zu seiner Abdankung insgesamt elf Jahre preußischer Finanzminister war, war auch Commendator (= Vorsitzender) der westfälischen Johanniter und engagierte sich sozial sehr stark. 1827 heiratete er Elise von Bodelschwingh-Plettenberg (1806–1889) aus dem heutigen Dortmund-Bodelschwingh. Das fünfte ihrer elf Kinder, Ida (1835–1894), heiratete 1861 auf Haus Heyde ihren Vetter Friedrich von Bodelschwingh (1831–1910, Sohn von Carls Bruder Ernst). Später baute sie mit ihm die von Bodelschwinghschen Anstalten in Bielefeld-Bethel auf. Einer ihrer Söhne, Pastor „Fritz“ von Bodelschwingh (1877–1946), ab 1910 Leiter der Bodelschwinghschen Gesamtanstalten, gab in seinem Buch Aus einer hellen Kinderzeit, das in 14 Auflagen erschien, ein anschauliches Bild von den jährlichen Ferien der Enkel auf Heyde.

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts verkehrten prominente Leute auf Haus Heyde, die mit den von Bodelschwingh befreundet waren, so der Reichsfreiherr vom und zum Stein, der Reformer Preußens, Freiherr Ludwig von Vincke, der erste Oberpräsident der Provinz Westfalen, und der später berühmte Hofprediger König Friedrich Wilhelms III. Rulemann Eylert, der auf Heyde einige seiner Betrachtungen niederschrieb.

Nach Carls Tod erbte sein achtes Kind, der einzige überlebende Sohn Udo (1840–1921), den Familiensitz. Er war Berufsoffizier, der sich alljährlich nur einige Wochen auf Heyde aufhielt und schon mit 49 Jahren seine aktive Laufbahn beendete. Vermutlich hatte er Umgang mit der kaiserlichen Familie, denn auf seiner Grabplatte auf dem Familienfriedhof in Velmede heißt es: „Udo Freiherr von Bodelschwingh, Königlicher Oberst a. D., Ceremonienmeister und Kammerherr.“

Nach Udos Tod erbte Haus Heyde seine älteste Tochter Leopoldine (1875–1937), die mit dem Generalleutnant der Kavallerie Dietrich von Bodelschwingh (1862–1939) verheiratet war, einem Enkel von Ernst (1794–1854). Nach dem Ersten Weltkrieg quittierte Dietrich den Dienst, und die sechsköpfige Familie lebte für etwa vier Jahre – von 1919 bis 1923 – auf Haus Heyde. 1927 verkauften sie das Gut für 346.000 Reichsmark an die benachbarte Stadt Kamen, die an den Ländereien als Tauschland interessiert war.

Baugeschichte