Die Deutschen in Chile (auch Deutsch-Chilenen oder Chile-Deutsche, spanisch chileno-alemanes) beziehungsweise die Nachfahren insbesondere deutscher, aber auch österreichischer und Schweizer Einwanderer spielen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart eine erkennbare Rolle im wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Leben des Landes, besonders im sogenannten Kleinen Süden.

Auch wenn rein zahlenmäßig die Zuwanderung weit geringer war als beispielsweise nach Argentinien oder Brasilien, tritt der kulturelle und wirtschaftliche Einfluss in Chile viel deutlicher zu Tage. Etwa 500.000Alemanes en Chile: entre el pasado colono y el presente empresarial, Deutsche Welle vom 31. März 2011, abgerufen am 17. Dezember 2011. Chilenen stammen von Deutschen ab, für rund 40.000 auf bpb.de, abgerufen am 20. August 2014. ist die deutsche Sprache auch heute noch die Muttersprache.Oliver Zöllner: Generating Samples of Diasporic Minority Populations: A Chilean Example. In: Targeting International Audiences: Current and Future Approaches to International Broadcasting Research (CIBAR Proceedings, Vol. 3; englisch) Ihr Hauptsiedlungsgebiet sind die heutigen Regionen Araucanía, Los Ríos und Los Lagos im Kleinen Süden von Chile.

Die Bedeutung der deutschen Einwanderung für Chile ist umstritten. Einigen Autoren zufolge haben die Deutsch-Chilenen eine relevante Rolle bei der Herausbildung der chilenischen Nation gespielt, andere sind hingegen der Auffassung, die deutschen Einwanderer hätten sich nie in die chilenische Gesellschaft integriert und sich bis heute kulturell abgegrenzt.Kerstin Hein: Hybride Identitäten. Bastelbiographien im Spannungsverhältnis zwischen Lateinamerika und Europa. transcript Verlag, 2006, S. 130.

„Deutsch-Chilenen“ und „Chile-Deutsche“ Das Kriterium für die Zugehörigkeit zu den Deutsch-Chilenen oder Chile-Deutschen ist keines der Staatsangehörigkeit, sondern ein rein sprachliches. Die deutschen Vorfahren kamen aus den verschiedensten Regionen des deutschen Sprachraums in Mitteleuropa. Daher werden unter anderem auch die Nachfahren von Österreichern und Deutschschweizern zu dieser Minderheit gezählt.Christine Singer: Zur Sonderstellung der deutschen Minderheit in Chile. Deutsche Auswanderer zwischen Mythos und Realität. Magisterarbeit im Fach Geschichte an der Universität Konstanz, Konstanz 1998, S. 23.

Mit den Bezeichnungen „Chile-Deutsche“ und „Deutsch-Chilenen“ sind in der Regel verschiedene Gruppen gemeint, die sich durch den Grad ihrer Integration voneinander unterscheiden. Die Bezeichnung „Chile-Deutsche“ wird zumeist für Auslandsdeutsche verwendet, die selbst nach Chile auswanderten und im Regelfall noch ihre alte Staatsangehörigkeit besitzen. „Deutsch-Chilenen“ sind hingegen Chilenen deutscher Herkunft, die die chilenische Staatsbürgerschaft – teilweise zusätzlich zur deutschen oder österreichischen – besitzen und deren Vorfahren seit mehreren Generationen in Chile leben. Viele von ihnen haben Deutsch nur als Fremdsprache erlernt.Kurt Schobert: Soziale und kulturelle Integration am Beispiel der deutschen Einwanderung und Deutsch-Chilenen in Süd-Chile. Würzburg, Universität, Diss., 1983, S. 191 f.

Geschichte

mini|hochkant=0.5|Chile zur Zeit Valdivias Deutsche in der spanischen Kolonie des 16. Jahrhunderts Die erste historische Erwähnung eines Deutschen in Chile führt in die Gründungszeit der Kolonie zurück, als der aus Nürnberg stammende Konquistador Bartolomé Flores, der ursprünglich „Blum“ oder „Blümlein“ geheißen haben dürfte, 1541 als Begleiter Pedro de Valdivias an der Gründung der Hauptstadt Santiago teilnahm und es dort als Encomendero zu großem Reichtum brachte.Gerd Wunder: Bartolomé Flores, ein früher Nürnberger Amerikafahrer. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, Bd. 48 (1958), S. 115–124. Er nahm die Tochter eines mächtigen örtlichen Kaziken zur Frau und regierte deren Ländereien. Zu seinen Besitzungen gehörten die Weinberge am Meer, auf denen später die Stadt Viña del Mar entstand.Carlos Válenzuela Solís de Ovando: Mujeres de Chile. Andújar, Santiago de Chile 1995, S. 21. Seine Tochter heiratete den ebenfalls aus Deutschland stammenden Pedro Lisperguer, geboren als Peter Birling in Worms, ein früherer Page am Hof Karls V., der 1557 mit den spanischen Verstärkungen unter García Hurtado de Mendoza nach Chile gekommen war und 1572 Bürgermeister von Santiago wurde. Beide waren möglicherweise Nachfahren jüdischer Konvertiten, die zu dieser Zeit häufig in den Kolonien vor der in Spanien zunehmenden Verfolgung Schutz suchten, da es hier bis 1570 noch keine organisierte Inquisition gab.Beatriz Lorenzo Gómez de la Serna: La emigración española a Chile. Las dos Orillas, Santiago de Chile 2008, S. 23. Einige Autoren geben auch für einen weiteren Begleiter Valdivias, Juan Bohón, Hauptmann und Gründer von La Serena, eine deutsche Herkunft an, da sein Name ursprünglich Flämisch („Boon“) gelautet haben soll.Estuardo Núñez: Tradiciones hispanoamericanas. Biblioteca Ayacucho, Caracas 1979, ISBN 84-660-0029-1, S. 156.

Grundsätzlich war während der spanischen Kolonialzeit Ausländern die Einreise in das zum Vizekönigreich Peru gehörende Generalkapitanat Chile verwehrt, sodass bis ins 19. Jahrhundert bis auf Sonderfälle keine Reisen oder Auswanderungen nach Chile aus deutschsprachigen Ländern möglich waren.

Öffnung des Landes nach der Unabhängigkeit 1818 mini|links|Die Bucht von Valparaíso 1830 Mit der Unabhängigkeit von Spanien 1818 fanden europäische Kaufleute und Handelsreisende in zunehmendem Maß ihren Weg nach Chile. Zentrum der deutschen Kaufleute war Valparaíso. Dort entstand 1838 mit dem Deutschen Verein zu Valparaíso auch die erste von Deutschen gegründete Institution des Landes.

Chile beanspruchte schon damals ein Gebiet bis zum Kap Hoorn. Das tatsächlich beherrschte Territorium endete im Süden aber schon am Río Bío Bío. Südlich davon lag das Land der Araukaner oder Mapuche, das schon die Spanier nicht dauerhaft hatten erobern können. Weiter südlich bestanden als Exklaven des chilenischen Territoriums nur noch die Stadt Valdivia und die Insel Chiloé.

Um zu verhindern, dass europäische Mächte wie Frankreich oder Großbritannien das von Chile beanspruchte und nahezu unbesiedelte Land für sich in Besitz nehmen konnten, plante die chilenische Regierung die Ansiedlung von Kolonisten südlich des Herrschaftsbereichs der Mapuche in den späteren Provinzen Valdivia und Llanquihue. Das am 18. November 1845 erlassene Gesetz zur Steuerung der Einwanderung (Ley de inmigración selectiva) erlaubte die Einwanderung und Besiedlung an den nördlichen und südlichen Grenzen des damaligen Chile, nördlich von Copiapó und südlich des Río Bío Bío. Als Einwanderer waren katholische Europäer mittlerer und höherer Bildung vorgesehen.

Noch bevor die chilenische Regierung 1848 erste konkrete Schritte zur Kolonisation einleitete, gelang es Bernhard Eunom Philippi in Zusammenarbeit mit seinem Bruder, dem Biologen Rudolph Amandus Philippi, in eigener Initiative, neun hessische Handwerkerfamilien für die Auswanderung nach Chile zu gewinnen. Im Jahre 1845 hatte er die Hacienda Bellavista bei La Unión in der Provinz Valdivia gekauft. Dorthin brachte er deutsche Siedler, die sein Bruder in Hessen angeworben hatte. Auf der Brigg Catalina, die dem preußischen Konsul in Valparaíso Ferdinand Flindt gehörte, kamen im August 1846 die Schmiede Aubel und Ruch, der Zimmermann Bachmann, der Mühlenbauer Ihde, der Schreiner Holstein, der Branntweinbrenner Bachmann, der Schuhmacher Henkel, der Gärtner Jäger und der Schäfer Krämer mit ihren Familien in Südchile an.Rudolph Amandus Philippi: Die Provinz Valdivia und die Deutschen Ansiedlungen daselbst und im Territorium von Llanquihue. In: August Heinrich Petermann (Hrsg.): Mittheilungen aus Justus Perthes’ Geographischer Anstalt über wichtige neue Erforschungen auf dem Gesammtgebiete der Geographie (Petermanns Geographische Mitteilungen). Justus Perthes, Gotha 1860, S. 125. Alle Einwanderer kamen aus der Stadt Rotenburg an der Fulda oder dem Amt Rotenburg und wurden über den mit Philippi befreundeten Landbaumeister Althaus angeworben.Angela Pooch: Von Rotenburg nach Chile – der Anfang. (= Rund um den Alheimer. Band 25). Geschichtsverein Rotenburg an der Fulda, 2004.

Anfang 1846 begleitete Bernhard Philippi den damaligen Intendanten von Valparaíso, Salvador Sanfuentes, bei der Erkundung der Provinz Valdivia. Im folgenden Jahr wurde Sanfuentes Justiz- und Kultusminister in Santiago. Auf Grundlage der durch die gemeinsame Reise gewonnenen Erkenntnisse und beeinflusst von den Ideen Philippis präsentierte Sanfuentes der Regierung ein Kolonisierungsprojekt für den Kleinen Süden. Philippi nahm an den Regierungsberatungen teil, und seine Berichte hatten entscheidenden Einfluss auf die Regierungsbeschlüsse. Im Juni 1847 machte Präsident Manuel Bulnes Prieto Philippi zu seinem Berater.Barros Arana: Un decenio de la historia de Chile. Band 2, Santiago de Chile 1906, S. 180.

Offiziell geförderte Einwanderung in den Kleinen Süden ab 1848 mini|Landschaft in der Provinz Llanquihue zur Zeit der Kolonisation. Zeichnung von Vicente Pérez Rosales mini|Haus eines chilenischen Arbeiters auf dem Land eines deutschen Einwanderers (1921)

Mit der gescheiterten Deutschen Revolution von 1848/49 sah Philippi dann die Chance gekommen, deutsche Auswanderer als Kolonisten für Chile zu gewinnen und seine Kolonisierungsideen für Südchile umzusetzen. Er wurde im August 1848 zum Kolonisationsbeauftragten ernannt und nach Deutschland entsandt, um Kolonisten anzuwerben, die rund um den Llanquihue-See angesiedelt werden sollten.

Philippis Auftrag lautete, 150 bis 200 katholische Bauern- oder Handwerkerfamilien, zudem zwei katholische Priester, zwei Lehrer und einen Arzt auszusuchen. Die Kolonisten sollten die chilenische Staatsbürgerschaft annehmen und auf ihre aktuelle Staatsbürgerschaft verzichten. Im Namen der chilenischen Regierung bot er den Auswanderern die Bezahlung der Überfahrt an. Jeder Familienvater sollte 10 bis 15 Cuadras (das entspricht etwa 15 bis 23 Hektar) Land erhalten sowie Steuerfreiheit für zwölf Jahre. Die katholischen Priester sollten acht Jahre lang durch die Regierung entlohnt werden. Wer auf eigene Kosten nach Chile kommen wollte, konnte in Versteigerungen Land von der Regierung erwerben und sechs Jahre Steuerfreiheit erhalten.Barros Arana: Un decenio de la historia de Chile. Band 2. Santiago de Chile 1906, S. 23, 180, 526f.

In Deutschland angekommen, begann Philippi, Zeitungsartikel zu veröffentlichen und die Vorteile Chiles anzupreisen. Allerdings stellten sich die katholischen Bischöfe gegen ihn und rieten ihren Gläubigen von einer Auswanderung ab.Barros Arana: Un decenio de la historia de Chile. Band 2. Santiago de Chile 1906, S. 528. So gelang es Philippi zunächst lediglich in Kassel, einige katholische Händler und Handwerker anzuwerben, die den Revolutionswirren und staatlichen Repressionen in Deutschland entfliehen wollten und in der Lage waren, auf eigene Kosten nach Chile zu reisen. Es waren 34 Personen, die im Januar 1850 in Valdivia ankamen.