Nawat (Nahuat, hispanisiert Náhuat) oder Pipil (Pipil-Sprache) ist die Sprache der Pipil, eine uto-aztekische Sprache Zentral-Amerikas, die dem Nahuatl nahesteht. Die akut bedrohte Sprache wird nur noch von wenigen (nach unterschiedlichen Angaben etwa 100 bis zu 2000) älteren Menschen in El Salvador gesprochen, insbesondere im Departement Sonsonate. Früher war die Sprache auch in Honduras und Guatemala verbreitet.

Nawat wird an einigen wenigen Schulen als Zweitsprache gelehrt, denn sämtliche Kinder wachsen ansonsten nur noch mit Spanisch auf.

Sprachliche Merkmale Die Pipil-Sprache hat einige Merkmale des Proto-Uto-Aztekischen bewahrt, die sich beim Nahuatl (Nawatl) Zentralmexikos verändert haben. Bei letzterem entwickelte sich im Gegensatz zur Sprache der Pipil aus /t/, dem ein /a/ folgte, das Phonem /tl/ []. Ähnlich wie bei einigen Varianten des Nahuatl bzw. Nahuat in Mexiko tritt dagegen bei der Pipil-Sprache anstelle des „modernen“ /tl/ weiterhin der Laut [t] auf. So wird auch die Selbstbezeichnung Nawat sowohl für das Pipil als auch für phonetisch nahestehende Mundarten in Mexiko verwendet.Siehe hierzu auch Which is the correct form: Nahua, Nahuatl, Nahuat, or Nahual? SIL Mexico Der Laut [t] steht außerdem dort, wo im klassischen Nahuatl ein Saltillo (stimmloser glottaler Plosiv) steht, was laut Lyle Campbell ebenfalls als ursprüngliches Merkmal des Nawat anzunehmen ist. Der aztekische Vokal /o/ wird im Nawat als [u] realisiert.

Die Absolutiv-Endung -tli des Nahuatl fehlt im Nawat (tan statt tlantli, „Zahn“). Des Weiteren steht statt Doppel-l ein einfaches l (ähnlich so auch in vielen mexikanischen Nahuatl-Varianten), am Wortende -l statt des aus -l und -tli entstandenen -lli (tunal statt tonalli, „Tag“). Dieser Verlust der Endungen ist eine Neuerung bzw. Vereinfachung des Nawat.

Im Unterschied zum Nahuatl von Zentralmexiko gibt es in Pipil keine Vorsilbe o- zur Bildung von Vergangenheitsformen. Zur Bildung von Pluralformen des Substantivs werden allgemein Silben verdoppelt (Reduplikation), während dieses Phänomen im mexikanischen Nahuatl nur in begrenztem Maße auftritt. Des Weiteren gibt es im Pipil keine Postpositionen; einige erstarrte Formen weisen jedoch darauf hin, dass es sie früher gab, z. B. apan („Fluss“ < „in/auf dem Wasser“), kujtan („unbebautes Land, Wald“ < „unter Bäumen“).

Klassifikation und Bezeichnung Sprecher von Nawat und Nahuatl können sich bis zu einem gewissen Grad gegenseitig verstehen. Beide Sprachen gehören zu einem Zweig („General Aztec“) der uto-aztekischen Sprachen, doch sind sie bereits deutlich über ein Jahrtausend voneinander getrennt. Während gerade mexikanische Autoren gern die Bezeichnung „Nahuatl“ verwenden, um die Zusammengehörigkeit mit der bei ihnen heimischen Nahuatl-Sprache zu betonen,Siehe hierzu auch im Folgenden zitierte Zeitungsartikel. weisen Linguisten und Pipil-Aktivisten in El Salvador dies zurück, betonen die Eigenständigkeit der Sprache und bestehen auf der Bezeichnung „Nawat“ oder „Náhuat“ ohne „tl“.Alan R. King: Jorge E. Lemus: El pueblo pipil y su lengua. 2004

Es gibt eine Reihe von Nahua-Varianten in Mexiko, die statt „tl“ ein „t“ aufweisen, dabei jedoch eine unterschiedliche Entwicklung durchgemacht haben. Eng verwandt mit der Pipil-Sprache von El Salvador (viel näher als mit dem Zentral-Nahuatl) sind nur die Nawat-Mundarten des Isthmus von Tehuantepec (Pajapan, Mecayapan, Tatahuicapan und Zaragoza im Bundesstaat Veracruz und das Nawat von Cupilco in Tabasco), die deshalb auch als Pipil del Golfo bezeichnet werden.Valentín Peralta Ramírez: El Nawat de la costa del Golfo. Algunas semejanzas y diferencias estructurales con el náhuatl central (PDF; 324 kB) nach 2005

Geschichte Zur Zeit der Eroberung durch die Spanier war Nawat eine der wichtigsten Sprachen im Gebiet des heutigen El Salvador. Daneben wurde es auch in Gegenden gesprochen, die heute zu Honduras und Guatemala gehören. Das Gebiet der Pipil umfasste den Westen El Salvadors sowie angrenzende Gebiete Guatemalas und Honduras.

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts gab es ländliche Regionen in El Salvador, in denen das Nawat dominierte, insbesondere im Departement Sonsonate.

La Matanza, „das Massaker“ nach der Niederwerfung des Volksaufstands unter Agustín Farabundo Martí durch General Maximiliano Hernández Martínez 1932, gilt als das Ende der Pipil El Salvadors. So heißt es, Menschen seien einfach auf Grund des Unterscheidungsmerkmals getötet worden, dass sie Nawat (Pipil) sprachen oder „indianische“ Kleidung trugen.Hugh Byrne: El Salvador’s Civil War: A Study of Revolution. Boulder, Colorado, Lynne Rienner Publishers, 1996 Etwa 30.000 Menschen, mehrheitlich unbewaffnete indigene Bauern, wurden dabei niedergemacht. Unter General Hernández erlassene Gesetze machten den Gebrauch indigener Sprachen offiziell strafbar.

Heute werden über 200.000 Menschen als Nachkommen der Pipil-Zivilisation in El Salvador und Honduras eingestuft. Von diesen sprechen aber nur noch eine Handvoll deren Sprache, nachdem in den 1930er Jahren sämtliche indigenen Sprachen El Salvadors unterdrückt und verfolgt wurden.

Dokumentation Die Verwandtschaft des Nawat mit dem Nahuatl Mexikos ist seit der Conquista bekannt, als tlaxcaltekische Bundesgenossen der Spanier die indigene Bevölkerung des heutigen westlichen El Salvador verstehen konnten. 1930, kurz vor der Matanza, zeichnete der deutsche Anthropologe Leonhard Schultze während eines drei Monate langen Aufenthalts in der Region von Izalco Mythen der Pipil auf. Erst 1935, nach dem Genozid an den Pipil, erschienen die Mythen bei Gustav Fischer in Jena.Leonhard Schultze: Indiana II – Mythen in Muttersprache der Pipil von Izalco in El Salvador. Geschichte der Marburger Völkerkunde (Ethnologie). Gustav Fischer, Jena 1935.

Eine systematische Dokumentation der Sprache begann erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein großes Hindernis bildeten hierbei die Schwierigkeiten, überhaupt Sprecher zu finden, da angesichts der extremen Verfolgung nach der Matanza kaum jemand bereit war, sich zu seiner Muttersprache Nawat zu bekennen. Erste Arbeiten wurden 1953 von Juan G. Todd (Pipil in Nahuizalco), 1960 von Próspero Arauz (Izalco) und 1969 von Pedro Geoffroy Rivas (Cuscatlán) veröffentlicht. Aufbauend auf diesen Publikationen erstellte Lyle Campbell 1985 eine umfassende Arbeit über die Sprache, so dass diese nunmehr durch Erzählungen aus den genannten Orten, Vokabular und Grammatiken dokumentiert ist. Bemühungen um eine umfassende Dokumentation der Sprache werden in der Gegenwart verstärkt fortgesetzt.

Heutige Situation Bei der letzten Volkszählung in El Salvador 2007 bezeichneten sich 11.488 Personen als „Indigene“, überwiegend in historischen Pipil-Gebieten. Es gaben aber nur 97 Menschen Pipil bzw. Nawat als Muttersprache an, davon 62 im Departement Sonsonate, 22 in San Salvador und 13 in anderen Landesteilen. Der Nawat-Lehrer Genaro Ramírez Vázquez (1933–2017)Genaro Ramírez Vázquez (1933–2017). Tushik.org, 26. Juli 2017. zählte zur selben Zeit 133 Sprecher allein in Santo Domingo de Guzmán (Witzapan), wo er unterrichtete. Der Linguist Jorge Lemus von der Universität Don Bosco in San Salvador spricht 2010 von landesweit etwa 200 Sprechern, von denen über 80 % Einwohner von Santo Domingo de Guzmán seien. Die längere Erhaltung des Nawat erklärt er mit der Isolierung von Santo Domingo, das erst seit wenigen Jahren Verkehrsanschluss über eine befestigte Straße hat. In: La Prensa gráfica, 7. November 2010; Jorge Lemus im Interview Im Jahre 2004 gab Lemus aber unter Berufung auf Genaro Ramírez an, dass von ungefähr 200 Sprechern im ganzen Land nur noch etwa 10 % perfekte Sprachkenntnisse hätten. Als jüngster Nawat-Sprecher auf voll muttersprachlichem Niveau gilt Carlos Cortez aus Santo Domingo de Guzmán (* 1985), der das Nawat als Jugendlicher aus eigenen Willen von seiner Großmutter lernte und jetzt in Nawat-Projekten eine wichtige Rolle spielt.Roberto Valencia: ¡'Náhuat', levántate y anda! In: El Mundo, 23. April 2010 Eine kleine Anzahl von Muttersprachlern gibt es auch in Cuisnahuat, Caluco, Izalco und Nahuizalco (alle in Sonsonate) sowie in Tacuba (Ahuachapán). Es gibt keine einsprachigen Nawat-Sprecher mehr, sämtliche Sprecher beherrschen Spanisch in vollem Umfang. Im Alltag ist die Sprache praktisch nicht mehr zu hören, da sie seit der Matanza nicht mehr an die nächsten Generationen weitergegeben wird. Fast alle Muttersprachler gehören der ältesten Generation an und haben kaum Gelegenheiten, ihre Muttersprache zu verwenden. Die anderen Sprachen El Salvadors (die Maya-Sprachen Pocomam und Chortí – die allerdings noch in Guatemala gesprochen werden –, Kakawira/Cacaopera und als letzte Potón/Lenca) gelten als ausgestorben: Mit dem Aussterben des Nawat wäre so El Salvador das zweite Land auf dem amerikanischen Festland nach Uruguay, in dem keine indigenen Sprachen mehr gesprochen würden.German Rivas: In: La Prensa gráfica, 27. Dezember 2010

Projekte zur Erhaltung und Revitalisierung Obwohl die Verfassung der Republik El Salvador von 1983 in Artikel 62 die indigenen Sprachen als „Kulturerbe“ anerkennt und ihre Erhaltung als Staatsziel formuliert, gibt es bisher kein Regierungsprogramm zum Erhalt der indigenen Sprachen wie etwa interkulturelle zweisprachige Erziehung. Seit den 1990er Jahren gibt es allerdings von einigen indigenen Gemeinden und Organisationen geführte Projekte zur Revitalisierung von Nawat in El Salvador.

Im Departement Sonsonate wurde 1996 in drei indigen geprägten Gemeinden ein Unterrichtsprojekt begonnen, für das unter anderen die indigene Organisation Asociación Coordinadora de Comunidades Indígenas de El Salvador (ACCIES) und die Universität Don Bosco in San Salvador Lehrmaterial erstellt haben. Das Amt für indigene Angelegenheiten (Secretaría de Asuntos Indígenas, CONCULTURA) nannte 1996 die Zahl von 100 Nawat-Muttersprachlern, davon 35 in Santo Domingo de Guzmán und 15 in Cuisnahuat. Diese Sprecher der ältesten Generation – neben einigen wenigen jungen Sprechern, welche die Sprache fließend beherrschen – erteilen Kindern Unterricht auf der Grundlage von Programmen, die gemeinsam mit jungen Indigenen erstellt werden. In drei Gemeinden im Departement Sonsonate – Cuisnahuat, San Ramón (municipio San Antonio del Monte) und La Ceiba (municipio Santa Catarina Masahuat) –, welche gegenüber ACCIES Interesse an Nawat-Unterricht äußerten, wird nun an drei Tagen zwei Stunden vormittags und zwei nachmittags Nawat unterrichtet. In San Ramón und La Ceiba, wo es keine Muttersprachler mehr gibt, unterrichtet ein Muttersprachler aus Cuisnahuat. 1998 gründeten die Träger des Projekts das Comité de Rescate y Fortalicimiento Educativo Bilingüe Nahuat.Porfirio Flores: ACCIES Sonsonate, S. 12.