mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 Die beiden Wanderer ist ein Märchen (ATU 613). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ab der 5. Auflage von 1843 an der Stelle 107 (KHM 107). Zudem ist es auch in der SchweizOtto Sutermeister: Der Wanderbursche auf der Tanne. In: Kinder- und Hausmärchen aus der Schweiz. H.R. Sauerländer, Aarau 1869, S. 84–87; . sowie im isländischen,Reimund Kvideland, Hallfreður Örn Eiríksson (Hrsg.): Norwegische und Isländische Volksmärchen. Akademie-Verlag, Berlin 1988, S. 422–441, 492–493.Adeline Rittershaus: Vom Manne, der die Vogelsprache verstand. In: Die neuisländischen Volksmärchen. Ein Beitrag zur vergleichenden Märchenforschung. Max Niemeyer, Halle 1902, S. 252–254; . irischen,Käthe Müller-Lisowski (Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Irische Volksmärchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1962, S. 100–104, 347. italienischen,Christian Schneller: Der Blinde. In: Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Ein Beitrag zur deutschen Sagenkunde. Wagner, Innsbruck 1867, S. 17–20; . und maltesischenFelix Karlinger (Hrsg. und Übers.): Die Märchen der Weltliteratur – Märchen griechischer Inseln und Märchen aus Malta. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1979, S. 207–212, 287–288. Sprachraum bekannt.
Inhalt Ein leichtherziger Schneider und ein griesgrämiger Schuster wandern zusammen. Der Schneider verdient mehr Geld, weil die Leute ihn mögen, und teilt gerne mit dem neidischen Schuster. Durch den Wald zur Königsstadt führen ein Weg von zwei Tagen und einer von sieben. Weil sie nicht wissen, welcher der richtige ist, kauft der Schuster sich für sieben Tage Brot, der Schneider aber nur für zwei. Als sie am dritten Tag noch nicht ankommen und der Schneider am fünften vor Hunger nicht mehr weiter kann, gibt ihm der Schuster ein Stück Brot, sticht ihm aber dafür ein Auge aus. Dies wiederholt sich am siebten Tag. Nach dem Wald lässt der Schuster den blinden Schneider unter einem Galgen liegen. In der Dämmerung spricht ein Gehängter mit einer Krähe auf dem Kopf zum anderen, dass wieder sehen kann, wer sich mit dem Tau wäscht. So geht es dem Schneider in Erfüllung. Er dankt Gott. Unterwegs begegnet er einem braunen Fohlen, das er reiten will, einem Storch, jungen Enten und einem Bienenstock mit Honig, die er essen will, lässt sich aber immer von den Tieren zur Gnade bewegen. In der Stadt ist er bald für seine Fähigkeiten berühmt und wird Hofschneider. Sein ehemaliger Kamerad, der Hofschuster, will ihn unschädlich machen. Er erzählt dem König einmal, der Schneider habe sich vermessen, die vermisste Krone wiederzubeschaffen, dann, das Schloss in Wachs abzubilden, im Schlosshof Wasser sprudeln zu lassen und dem König einen Sohn besorgen zu können. Der König droht dem Schneider mit Verbannung, Kerker und Tod, wenn er es nicht tue, doch ihm helfen die Enten, die Bienen, das Pferd und der Storch. Zu seiner Hochzeit mit der ältesten Königstochter muss ihm der Schuster Schuhe machen und die Stadt verlassen. Er wirft sich vor Wut und Erschöpfung unter dem Galgen hin. Die Krähen hacken ihm die Augen aus, und er rennt in den Wald.
Sprache mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 Die Erzählung verwendet zur treffenden Charakterisierung der Personen viele Redensarten, von denen einige auch heute in Gebrauch sind: „Springinsfeld“; „Lass dir darüber keine grauen Haare wachsen“. Auch die rührselige Schilderung mit vielen christlichen Bezügen unterscheidet sich vom schlichteren Erzählstil früherer Ausgaben. Der zentrale Konflikt wird schon im Einleitungssatz ausgedrückt: „Berg und Tal begegnen sich nicht, wohl aber die Menschenkinder, zumal gute und böse.“Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 239–240. Der Satz steht schon im Barockroman Der abenteuerliche Simplicissimus, den die Brüder Grimm geschätzt haben dürften: Simplicissimus trifft seinen Kamerad, den Schreiber wieder, der ihn einst aus Neid beim König anschwärzte.Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Abenteuerlicher Simplicius Simpliciccimus. Goldmann, München, S. 289.
Herkunft mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 Grimms Anmerkung notiert: „Nach einer Erzählung aus dem Holsteinischen“ (vom Studenten Mein aus Kiel), die „besser und vollständiger“ sei als Die Krähen in früheren Auflagen (das kürzer, im Galgenmotiv ähnlich ist). Sie vergleichen Paulis Schimpf und Ernst, wo ein am Baum gefesselter Diener von Geistern erlauscht, dass ein Kraut sehend macht, und eine Prinzessin heilt, während seinem Herrn dann die Augen ausgestochen werden, sowie die „Braunschweiger Sammlung“ (Feen-Mährchen, Braunschweig 1801, Nr. 7), Helwigs jüdische Legenden Nr. 23, der Rat der Vögel an Sigurd (Fáfnismál „und Anmerk. zu Str. 32“), zum heilenden Tau den Speichel, womit Gott heilt oder unschuldiges Kinder- oder Jungfrauenblut (Altdeutsche Wälder 2, 208 und Der arme Heinrich S. 175 ff.), „Braunschweiger Sammlung“ S. 168–180, Aurbachers Büchlein für die Jugend S. 252–263, Pröhles Märchen für die Jugend Nr. 1, dänisch bei Molbech Nr. 6, norwegisch bei Asbjörnsen Bd. 2, böhmisch bei Gerle Bd. 1, Nr. 7 St. Walpurgis Nachttraum oder die drei Gesellen, ungarisch bei Gaal Nr. 8 „die dankbaren Thiere“, Mailath Nr. 8 „die Brüder“, Stier S. 65 „die drei Thiere“, serbisch bei Wuk Nr. 16. Der persische Dichter Nisami erzählt (in Hammers Geschichte der schönen Redekünste Indiens, Wien 1818, S. 116 f.) von Chair, der von Scheer verräterisch beraubt, geblendet und misshandelt, von einem kurdischen Mädchen geheilt wird, die Sultanstochter heilt und schließlich Scheer wiederbegegnet, den dann ein Kurde tötet.
Lothar Bluhm vermutet, dass der Text auf Die wahrsagenden Vögel aus der Sammlung Feen-Mährchen von 1801 zurückgehen könnte, bei Grimm nur anonymisierend als Braunschweiger Sammlung genannt, und möglicherweise indirekt auf Johannes Paulis Schwanksammlung Schimpf und Ernst von 1522. In dem reichhaltigen Sprachschatz sei Grimms Student Mein möglicherweise bereits durch Grimms Märchen beeinflusst.Lothar Bluhm: Die Erzählung von den beiden Wanderern (KHM 107). Möglichkeiten und Grenzen der Grimm-Philologie. In: Helga Bleckwenn (Hrsg.): Märchenfiguren in der Literatur des Nord- und Ostseeraumes. Baltmannsweiler 2011, ISBN 978-3-8340-0898-5, S. 21–24, 26–27.
Laut Hans-Jörg Uther liegt das Märchen in unzähligen Varianten vor, auf einem altägyptischen Papyrus als Rechtsstreit, in buddhistischen Schriften des 8. Jahrhunderts als Erzählung der Brüder Gut-Tat und Schlecht-Tat, im Mittelalter als Wettstreit zwischen Wahrheit und Falschheit oder um die rechte Religion. Die Blendung ist im Mittelalter meist Preis der verlorenen Wette, so in Pelbart von Temeswars Exempelsammlung Sermones Pomerii de tempore, in neuzeitlichen Fassungen pure Bosheit.Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 239–242. Vgl. Das verrathene Geheimnis in Johann Wilhelm Wolfs Deutsche Märchen und Sagen, Das weiße Hemd, das schwere Schwert und der goldene Ring in Deutsche Hausmärchen, Bechsteins Schneider Hänschen und die wissenden Tiere, ferner zu den Aufgaben Grimms Die Bienenkönigin oder Basiles Der Drache.
Varianten Johannes Paulis Version aus der Schwanksammlung Schimpf und Ernst erzählt von einem Herrn, der die Ansicht vertritt, dass Falschheit und Untreue die Welt regieren, während dessen Diener an die Redlichkeit glaubt. Sie gehen eine Wette ein, wobei die Ansicht des Herrn von mehreren Leuten bestätigt wird, sodass sich der Diener, als Wettverlierer, die Augen ausstechen lassen muss. Die Nacht unter einem Baum verbringend, belauscht der Erblindete dann drei Teufel, die sich von dem dort wachsenden Kraut erzählen, das Blindheit heilt. Sodann heilt er sich selbst sowie auch die blinde Tochter eines vornehmen Herrn, die er aus Dank zur Frau bekommt. Als sein ehemaliger Herr davon erfährt, sucht er selbst den Baum auf, wo ihn die Teufel jedoch blenden.Adeline Rittershaus: Diggur und Ódiggur. In: Die neuisländischen Volksmärchen. Ein Beitrag zur vergleichenden Märchenforschung, Max Niemeyer, Halle 1902, S. 254–258; . In Otto Sutermeisters Der Wanderbursche auf der Tanne kommen zwei Wanderburschen direkt zu der Tanne, bei der sich die Hexen treffen. Nur einer der beiden ist dabei wach, sodass nur er mitbekommt, wie sich die Hexen darüber unterhalten, dass sie die Königstochter krank gezaubert haben und welches Heilmittel es gibt. Zwar erzählt er es seinem Kameraden, doch dieser glaubt ihm nicht, also heilt er allein die Königstochter, was ihm ein leichtes Leben einbringt. Später hört der Kamerad davon und kehrt zur Tanne zurück, wo die Hexen ihn jedoch zerreißen. Ähnlicher Stoff ist in Sutermeisters Die zwei Brüder und die vier Riesen zu lesen.
In Heinrich Pröhles Dank ist der Welt Lohn streiten sich zwei Brüder ob Dank oder Undank der Welt Lohn ist, wobei der jüngere, redliche von seinem Bruder geblendet wird und des Nachts auf einen Baum steigt, von wo aus er Bär, Löwe und Fuchs belauschen kann. Mit dem Gehörten gelingt es ihm wieder sehend zu werden, einen Reichen zu heilen und den Königsbrunnen wieder zum Fließen zu bringen, woraufhin er die Krone und das Reich bekommt. Sein älterer Bruder will es ihm gleichtun, wird von den Tieren aber zerrissen.Heinrich Pröhle: Dank ist der Welt Lohn. In: Märchen für die Jugend. Buchhandlung des Waisenhauses, Halle 1854, S. 1–8; . Christian Schnellers italienische Version Der Blinde enthält einen von geburt an Blinden, der, nachdem er die Hexen belauscht, wieder sehend wird, die Königstochter heilt und heiratet sowie das Wasser von sieben Brunnen wieder zum Fließen bringt. Ähnliche Märchen finden sich auch in Schnellers Die zwei ReiterChristian Schneller: Die zwei Reiter. In: Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Ein Beitrag zur deutschen Sagenkunde. Wagner, Innsbruck 1867, S. 12–14; . und Die kranke Prinzessin.Christian Schneller: Die kranke Prinzessin. In: Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Ein Beitrag zur deutschen Sagenkunde. Wagner, Innsbruck 1867, S. 14–17; .
Das Märchen Der Blinde von Ignaz und Josef Zingerle handelt von einem blinden aber reichen Herrn, der von zwei Kameraden in den Wald geführt und überfallen wird, woraufhin er die Nacht auf einem Baum verbringt, von wo aus er drei Würmer belauschen kann. Durch das Gehörte erlangt er mittels Tau sein Augenlicht wieder, heilt er das Vieh eines Bauern mit bestimmten Wasser und beendet er den Wassermangel einer Stadt. Reich belohnt erzählt er den zwei Kameraden davon, die daraufhin den Baum aufsuchen, doch anstatt Wertvolles zu erfahren, durch die Würmer ums Leben kommen.Ignaz Vinzenz Zingerle, Josef Zingerle: Der Blinde. In: Kinder- und Hausmärchen aus Süddeutschland. (Regensburg 1854) Nachdruck München: Borowsky, 1980, S. 257–262; . In Paidrig O’Laoghaires irischer Version Die drei Raben, die aus Munster stammt, sind es zwei Burschen, die über ihren Kameraden herfallen, um ihn auszurauben und ihn an einen Baum binden sowie die Augen ausstechen. Dieser bekommt dann dank der Unterhaltung von drei Raben sein Augenlicht zurück, schafft es danach die Tochter des Königs mit einem Kraut zu heilen und behebt zudem den Wassermangel im Königreich, wofür er aus Dank die Königstochter zur Frau bekommt. Später begegnet er wieder den zwei Burschen, denen er alles erzählt, woraufhin sich diese ebenfalls an den Baum binden, jedoch von den drei Raben die Augen ausgehackt bekommen.