Das französische Kernkraftwerk Cattenom liegt bei der Gemeinde Cattenom an der Mosel, in der Region Lothringen, etwa acht Kilometer nördlich der Stadt Thionville.
Allgemeines Das Kernkraftwerk besteht aus vier Druckwasserreaktoren mit je einer Leistung von 1300 MW Netto und war damit 2012 das drittstärkste Kernkraftwerk Frankreichs. Seine vier Kühltürme und deren Wasserdampffahnen prägen das Landschaftsbild. Betreiber ist wie bei allen französischen kommerziellen Reaktoren EDF. Die Anlage liegt zwölf Kilometer von der deutschen und neun von der luxemburgischen Grenze entfernt. Das Kraftwerk umfasst ein Gebiet von etwa 415 Hektar und liegt ca. 20 Meter oberhalb der Mosel.
Neben dem Kraftwerk befindet sich ein Stausee (Lac du Mirgenbach/Mirgenbacher See, ca. 7,2 Millionen m³ Wasser), aus dem Kühlwasser entnommen wird. Im Kraftwerk sind etwa 1150 Personen beschäftigt; im Rahmen von geplanten Abschaltungen und Revisionen steigt diese Zahl durch Fremdfirmen auf ca. 2000.
Im Jahr 2007 war der Standort Cattenom mit 37 TWh Strom der größte Produzent in Frankreich. Dies entsprach ungefähr 8 % der Stromproduktion des Landes. Im Jahre 1995 wurde mit 38,8 TWh ein Produktionsrekord erzielt.
Im Jahre 2005 wurde Cattenom nach ISO 14001 – Umweltmanagement, im Jahre 2007 nach ISO 9001 – Qualitätsmanagement und 2008 nach OHSAS 18001 – Arbeitsschutzmanagement zertifiziert.
Alle 19 französischen Kernkraftwerke sind unzureichend gegen Naturkatastrophen geschützt.Bernd Wientjes: Vernichtender Mängelbericht für Cattenom. Trierischer Volksfreund, 28. November 2011 Der Einschätzung der gemeinsamen Beobachter von Luxemburg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland zufolge förderte der Stresstest beim Atomkraftwerk Cattenom erhebliche Mängel zutage.Frankreich: AKW Cattenom mangelhaft – und der Stresstest auch. Focus Online, 28. November 2011. Laut dem Bericht, den die Atomaufsichtsbehörde Autorité de sûreté nucléaire am 3. Januar 2012 der französischen Regierung vorlegte, braucht keine Installation sofort stillgelegt zu werden.Le Monde: L’ASN demande de renforcer la sûreté du parc nucléaire français. 3. Januar 2012
Cattenom liegt 33 km nördlich von Metz, 48 km südwestlich von Trier, 46 km SSO von Luxemburg (Stadt) und 58 km WNW von Saarbrückenalle Kilometerangaben Luftlinie. In der Hauptwindrichtung (West) liegen auch deutsche Großstädte wie Frankfurt a. M., Mainz, Wiesbaden, Kaiserslautern, Darmstadt, Mannheim, Heidelberg und Karlsruhe.
Geschichte mini|links|Demonstration gegen das Kernkraftwerk Cattenom in Saarbrücken (April 1980) mini|Blick über das abendliche Thionville auf die Dampfwolke des Kernkraftwerks Cattenom Der Bau des ersten Reaktorblockes wurde am 29. Oktober 1979 begonnen, dieser ging am 13. November 1986 in Betrieb. Nach dem Beginn der Islamischen Revolution im Iran stieg der Ölpreis stark an (zweite Ölpreiskrise 1979).siehe auch diese Grafik. Der Kurs des US-Dollar stieg nach dem Amtsantritt der Regierung Reagan im Januar 1981, weil diese eine Hochzinspolitik praktizierte. Beides ließ den Ölpreis zum Beispiel in Französischen Francs und DM steigen. Dies war ein starker Anreiz, den Ölverbrauch zu senken bzw. durch andere Energiequellen zu substituieren.
1980 wurde mit dem Bau von Reaktorblock 2 begonnen, 1982 mit Block 3 und 1983 mit Block 4. Sie wurden am 17. September 1987, am 6. Juli 1990 und am 27. Mai 1991 in Betrieb genommen.Power Reactor Information System der IAEA: „France (French Republic): Nuclear Power Reactors“ (englisch) Seit Beginn der Planungen bis Mitte der 1990er Jahre gab es im französischen, luxemburgischen, deutschen und insbesondere im saarländischen Umland des grenznahen Kernkraftwerks Widerstand gegen dieses.
Die saarländische Landtagsabgeordnete Helma Kuhn-Theis legte 2011 nach dem Beginn der Nuklearkatastrophe von Fukushima einen Resolutionsentwurf zu Cattenom vor, forderte darin einen den europäischen Normen entsprechenden Stresstest, einen Ausstieg aus der Atomenergie und keine Verlängerung der Laufzeit von Cattenom. Darüber kam es im Interregionalen Parlamentarierrat zu einem Eklat, wobei Jean-Pierre Masseret, Präsident des Regionalrates in Metz, wütend den Plenarsaal verließ.Helmut Wyrwich: Tageblatt, 2. Dezember 2011.
Die französische Regierung kündigte 2020 eine Verlängerung für alle in Betrieb befindlichen Kernreaktoren von 40 auf 50 Jahre Laufzeit an. Die französische Atomaufsichtsbehörde ASN genehmigte dies 2021 unter Auflagen.https://www.tagesschau.de/ausland/europa/laufzeitverlaengerung-frankreich-101.html (toter Link)
Die Blöcke Cattenom 1, 3 und 4 wurden 2022 zur Untersuchung auf Korrosionsschäden vorübergehend stillgelegt (siehe Kernenergie in Frankreich#Ausfälle 2021/2022). Nach der Revision ging Block 3 im September 2025 als letzter wieder ans Netz. Seitdem arbeitet das Kraftwerk wieder mit allen vier Einheiten.
Leistung Die elektrische Nettoleistung der vier Reaktorblöcke liegt bei jeweils 1300 Megawatt (MW), die Bruttoleistung bei 1362 MW. Die gesamte installierte Bruttoleistung des Kernkraftwerks liegt bei 5448 MW, womit es das drittgrößte in Frankreich und das siebtgrößte der Welt ist. Durchschnittlich werden pro Jahr 35.200 GWh in das Netz eingespeist, das entspricht etwa 8 % des unter der EDF erzeugten Stroms in Frankreich.
Sicherheit Verwendeter Brennstoff 2010 oder früher erteilte die französische Atomaufsichtsbehörde ASN der EDF die Zustimmung, ihre 1300-MW-Atomreaktoren mit einer neuen Generation Brennstäbe (HTC – Haut Taux de Combustion) auszustatten und ein neues Brennelement-Managementprogramm unter dem Namen Galice (Gestion avec Augmentation Limitée de l’Irradiation pour les Combustibles en Exploitation, deutsch: Reaktorführung mit beschränkt erhöhter Bestrahlung des eingesetzten Brennstoffs) anzuwenden. Diese Erlaubnis betraf auch Cattenom, wo das neue Verfahren eingeführt werden sollte. Die neuartigen Brennstäbe enthalten einen höheren Anteil an spaltbarem Uran-235. Sie sollen zudem länger im Reaktorkern eingesetzt werden, um die Phasen des Reaktorstillstands wegen Brennelementwechsels zu verkürzen.
Erdbeben mini|Das Kernkraftwerk mit seinem Kühlwasserstausee Das Kernkraftwerk Cattenom wird als ein Sicherheitsrisiko wegen mangelnder Erdbebensicherheit der technischen Installationen angesehen, da sicherheitsrelevante Ventile nach einem Erdbeben nicht mehr funktionieren würden.Energie-Chronik Presseberichten zufolge stuft Betreiber EDF Cattenom als erdbebensicher bis Stärke 5,4 ein.Inspektoren sagen mangelhaft, Betreiber alles bestens. Trierischer Volksfreund vom 22. September 2011.
Notkühlung In über 100 km Entfernung befindet sich auf der Westseite der Vogesen in Lothringen der Speichersee Lac de Pierre-Percée (auch Lac du Vieux Pré oder Lac de la Plaine). In Notfällen soll dieses Reservoir als Wasserlieferant über den Meurthe-Nebenfluss Plaine und den Mosel-Nebenfluss Meurthe dienen, um in der Mosel einen für die Kühlung ausreichenden Flusspegel aufrechtzuerhalten. Auch diese Talsperre unterliegt mit ihrer Staumauer den örtlich vorhandenen Erdbebenrisiken.
Störungen und meldepflichtige Ereignisse Am 17. Februar 2002 öffnete sich in Block 1 unvorhergesehen ein Ventil in einer Anschlussleitung an den Reaktorkühlkreislauf. Es habe eine „erhebliche Freisetzung“ von leicht kontaminiertem Primärkühlwasser ins Containment gegeben, schreibt die Behörde ASN., 17. Februar 2002. Um das Ventil zu schließen, musste sich ein Team in Schutzmontur ins Containment begeben (Einstufung INES 1).
Am 16. Mai 2004 musste Block 2 heruntergefahren werden, weil es in einem Kabelraum zu einem Brand gekommen war, der durch die herbeigerufene Feuerwehr nach 2,5 Stunden gelöscht werden konnte. Incendie dans un local électrique ASN, Stand 16. Juli 2007 (französisch)
Im Dezember 2004 wurde entdeckt, dass über 30 Schläuche von Feuerlöschern der Anlage angeritzt worden waren. Die zuständige Gendarmerie in Thionville nahm Ermittlungen wegen Sabotage auf, die Feuerlöscher wurden ausgetauscht.Cattenom: Sabotage-Klage gegen Unbekannt. wort.lu, Stand 16. Juli 2007
Am 16. Mai 2005 wurde im Reaktorblock Cattenom-2 durch ein qualitativ minderwertiges Kabel ein Brand ausgelöst, der das Sicherheitssystem beschädigte. Die Kosten dieses Ereignisses werden auf 14 Millionen Dollar geschätzt. Kosten gescheiterter AKW-Projekte – Milliardeninvestitionen ohne Ertrag, tagesschau.de – HINTERGRUND, 22. Oktober 2015, Abruf 28. Februar 2019
Im Jahr 2009 gab es insgesamt 36 meldepflichtige Ereignisse der Stufe INES 0 (Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse) und neun Ereignisse der Stufe INES 1. Bis Juni 2010 gab es bisher 16 meldepflichtige Ereignisse der Stufe INES 0 und zwei meldepflichtige Ereignisse der Stufe INES 1.
Am 18. Januar 2012 kam es zu einem weiteren Störfall, den die Aufsichtsbehörde ASN mit Stufe INES 2 angab. Durch ein fehlendes Bauteil wurde der Rückfluss in den Kühlleitungen des Lagerbeckens der Brennelemente der Blöcke 2 und 3 nicht verhindert. So hätte das Lagerbecken unkontrolliert leer werden können.
Am 28. Februar 2013 ereignete sich im Block 4 ein schwerer Arbeitsunfall. Bei Materialprüfungsarbeiten brach ein Gerüst mit drei Arbeitern einer Fremdfirma zusammen. Zwei von ihnen starben noch an der Unfallstelle, einer wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Der Reaktorblock war zu dem Zeitpunkt wegen seiner Zehn-Jahres-Revision abgeschaltet. Für den Reaktor bestand jedoch als direkte Folge des Unfalls keine Gefahr.
Am 7. Juni 2013 geriet ein Transformator in der Anlage in Brand. Block 1 des AKW wurde automatisch abgeschaltet. Verletzt wurde niemand.
Am 11. Juni 2013 trat im Block 3 ein Defekt an einem weiteren Transformator auf.lessentiel.lu
Am 17. Juni 2013 wurde ein Konfigurationsfehler in der Ventilsteuerung festgestellt. Der Fehler wurde behoben und mit INES 1 bewertet.lessentiel.lu
Am 23. oder 24. Juli 2013 sind durch ein Leck in einem Tank 58.000 Liter Salzsäure in die Mosel und in den Boden gelaufen. Die französische Atomaufsichtsbehörde ASN teilte das erst drei Wochen später, am 17. August 2013, auf ihrer Internetseite mit.saarbruecker-zeitung.de
Am 7. Mai 2014 wurden im Rahmen von Kontrollen am Ausgang der Nuklearzone Kontaminationsspuren bei zehn Mitarbeitern externer Unternehmen festgestellt, welche im Rahmen der planmäßigen Abschaltung des Reaktorblocks 2 auf einer dortigen Baustelle im Einsatz waren.Französisches AKW: Zehn Arbeiter in Cattenom verstrahlt. Spiegel Online, 10. Mai 2014
Am 19. Dezember 2014 sorgte ein Defekt in der Stromversorgung für einen Störfall, der der Atomaufsicht ASN gemeldet wurde. Dieser Fehler wurde bei allen Reaktoren der Cattenombaureihe entdeckt.
Am 28. Mai 2015 blockierte ein Ventil der Sekundärkühlung von Reaktorblock 1 in geöffneter Position und entließ Dampf in die Umwelt. Der Wasserstand in einem angeschlossenen Dampferzeuger fiel; zur Abwendung einer Leistungsexkursion kam es zu einer automatischen Notabschaltung des Reaktorblocks. Laut INA sei der Dampferzeuger möglicherweise beschädigt worden; bei einer weitergehenden Beschädigung sei das Entweichen von Radioaktivität in die Umwelt möglich, dies sei jedoch nicht eingetreten. Die INA stufte das Ereignis in die INES-Kategorie 1 ein.Inadvertent opening of a steam valve on Cattenom NPP reactor 1, Autorité de sûreté nucléaire (ASN), 12. Juni 2015 Deutsche Politiker sprachen von einem „äußerst besorgniserregenden“ Ereignis., swr.de, 12. Juni 2015