mini|Die Produktionshalle der Papierfabrik Rauch um 1905 Die Heilbronner Papierindustrie zählt zu den wichtigen Vorläufern der allgemeinen Industrialisierung in Württemberg. Ab den 1820er Jahren bestanden die Papierfabriken der Gebrüder Rauch und von Gustav Schaeuffelen auf der Bleichinsel und der Kraneninsel im Neckar in Heilbronn. Hinzu kamen Papierverarbeiter an anderen Stellen der Stadt. Außerdem gingen von dort auch Weiterentwicklungen der Herstellungstechnik aus. Heilbronn hatte im 19. Jahrhundert den Ruf einer „Papierstadt“. Während die Papierherstellung am Neckar ab den 1920er Jahren einging, haben sich die traditionsreichen Papierverarbeiter und -händler Berberich Papier, Mayer-Kuvert, Kilian-Verpackung und Baier & Schneider bis in die Gegenwart halten können.
Voraussetzungen Wasserkraft und Rohstoffe mini|Die Papiermühlen Rauch (links) und Schaeuffelen am Neckar um 1835 mini|Nützliche Mittheilungen für Papier-Fabrikanten (Chlorbleiche und Massenleimung), Heilbronn 1839 mini|Die Heilbronner Papierindustrie 1905 Für den Betrieb einer Papiermühle benötigt man neben dem Rohmaterial (Lumpen und Holz) ein größeres Fließgewässer, dessen Wasserkraft die Mühle treibt und das genug Wasser für den Herstellungsprozess liefert. Heilbronn war ursprünglich nur an einem Seitenarm des Neckars gelegen, doch mit dem Neckarprivileg von 1333 konnte die Stadt den Lauf des Fluesses beeinflussen und ihn längs der westlichen Stadtmauer mit Wehren anstauen. Auf der Bleichinsel im Neckar entstand im Lauf der Zeit ein umfangreiches Mühlenwesen. 1441 wurde eine Sägemühle errichtet, später folgten Ölmühlen und eine Eisenschmiede. Eine erste Papiermühle wird 1570 erwähnt, eine zweite, möglicherweise ein Neubau der ersten, im Jahr 1604. Diese Mühle wurde 1646 im Zuge des Ausbaus der Stadtbefestigung während des Dreißigjährigen Krieges abgebrochen. Die dritte Heilbronner Papiermühle wurde um 1709 am Bollwerksturm anstelle einer dem Bürgermeister Johann David Feyerabend gehörenden Walkmühle eingerichtet. Zwischen 1790 und 1810 wurden etwa 20 zusätzliche Mühlen errichtet, so dass es im Jahr 1807 in Heilbronn 27 Mühlen gab.
Die Unterbrechung der Neckarschifffahrt durch die Stauwehre machte die Stadt zum Umschlagplatz für alle auf dem Neckar geschifften Waren und damit zu einer Handelsstadt. Auch der Holzumschlag war groß, das neckarabwärts geflößte Holz konnte durch eine eigens geschaffene Floßgasse die Stauwehre passieren. Der 1821 fertiggestellte Wilhelmskanal machte den Neckar stromaufwärts weiter in Richtung Stuttgart durchgängig schiffbar. Um 1820 wurden jährlich bereits 25.000 Bretter und Bohlen allein aus Cannstatt nach Heilbronn versandt, 1841 betrug die Menge der abgefahrenen Holz- und Schnittwaren rund 300.000 Zentner, nicht eingerechnet die beachtliche Menge aus dem Schwarzwald herbeigeflößten Holzes.
Der Neckar als Handelsweg, Wasser- und Kraftquelle bot günstige Voraussetzungen zur industriellen Herstellung von Papier mit der um 1800 entwickelten Endlospapiermaschine, die in Heilbronn erstmals in den frühen 1820er Jahren zum Einsatz kam. Mehrere Heilbronner Papierhersteller und -verarbeiter erlangten überregionale Bedeutung, sowohl durch die Größe ihrer Betriebe, die Verbreitung ihrer Produkte als auch durch die Weiterentwicklung der Herstellungstechnik.
Arbeitskräfte Aus kleinen Mühlenbetrieben mit wenigen Beschäftigten wuchsen die beiden bedeutendsten Heilbronner Papierhersteller, die Gebrüder Rauch und Gustav Schaeuffelen, binnen zweier Unternehmergenerationen bis zum späten 19. Jahrhundert zu großen Fabriken mit zusammen etwa 700 Beschäftigten. Die für die Herstellung benötigten Lumpen trugen nochmals bis zu 800 Lumpensammler zusammen. Das Arbeitsplatzangebot in der Papierindustrie und der ihr nachfolgenden weiteren Industrien in Heilbronn zog viele Zuwanderer aus den Orten der näheren und ferneren Umgebung an. In der Zeit der frühen Industrialisierung von etwa 1820 bis 1850 wuchs die Bevölkerung von Heilbronn von etwa 8.000 auf 12.000 an, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts verdreifachte sie sich nochmals.
Zur Linderung der Wohnungsnot in der stark wachsenden Stadt entstand für Beschäftigte der Rauchschen Papierfabrik 1856 die erste Arbeiterwohnsiedlung der Stadt. Die heutige Stadtsiedlung, ein kommunaler Wohnungsbauträger, geht in ihren Ursprüngen auf diese Rauch’sche Siedlung zurück.
Heilbronner Papierfabrikanten Gebrüder von Rauch mini|hochkant|Adolf von Rauch (1815) mini|hochkant|Moriz von Rauch (1815) Das Unternehmen wurde als Tabak-, Öl- und Farbholzmühle mit angeschlossenem Handelsunternehmen im Jahr 1762 von Johann Benjamin Rauch (1703–1776) gegründet. Seine Enkel Adolf von Rauch (1798–1882) und Moriz von Rauch (1794–1849) nahmen auf der Bleichinsel ab 1822 mit der ersten englischen Endlospapiermaschine in Süddeutschland die Papierproduktion aus Lumpen auf. Um 1830/35 wurde die Rauch’sche Papierfabrik um eine zweite Papiermaschine erweitert. 1832 hatte das Unternehmen 110 Beschäftigte. Eine weitere Erweiterung der damals auch schon Walzwerke zum Glätten der Papiere umfassenden Anlagen erfolgte 1841/42. Zwischen 1880 und 1900 erreichte die Beschäftigtenzahl mit rund 300 Personen ihren Höhepunkt. 1923 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, 1924 kam es zu einer zeitweiligen Kooperation mit der benachbarten Firma von Gustav Schaeuffelen und der Papierfabrik der Gebrüder Laiblin in Pfullingen, wodurch die Fabriken mit insgesamt neun Papiermaschinen alle Sorten holzfreier und hadernhaltiger Papiere erzeugen konnten. Die Kooperation endete bereits 1926 mit der Liquidation der Firma Schaeuffelen. Danach war die Rauchsche Fabrik der einzige verbliebene Papierhersteller in Heilbronn.
1942 wurden die Produktionsanlagen stillgelegt, 1944 wurde die Fabrik beim Luftangriff auf Heilbronn völlig zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ die Stadt Heilbronn keine Industrieansiedlung am vorigen Standort der Rauchschen Fabrik mehr zu, stattdessen wurde dort später das städtische Hallenbad errichtet. Das Unternehmen Rauch beschränkte sich an einem neuen Standort als Gebrüder Rauch GmbH auf den Papiergroßhandel und wurde Teil der Papierunion. 1970 waren rund 60 Mitarbeiter damit beschäftigt, den 1500 südwestdeutsche Druckereien umfassenden Kundenstamm zu bedienen, 1988 erzielte das Unternehmen mit 90 Mitarbeitern einen Umsatz von 90 Mio. DM.
Gustav Schaeuffelen mini|hochkant|Gustav Schaeuffelen (1830) mini|Briefkopf Schaeuffelen mini|Papierfabrik Schaeuffelen 1890
Gustav Schaeuffelen (1798–1848) kam 1818 in den Mühlenbetrieb seines Stiefonkels Johann Valentin Ebbeke, der auf die dritte, 1709 erbaute Heilbronner Papiermühle zurückging. Nach Ebbekes Tod übernahm Schaeuffelen 1822 den Betrieb. In seiner nach einem Brand 1827 neu errichteten Papiermühle am Bollwerksturm führte er die chemische Bleichung von Lumpen ein, betrieb erstmals die Mühlräder mit Hilfe frostfreier artesischer Brunnen und nahm 1830 die erste in Deutschland und auf dem Kontinent entwickelte Endlospapiermaschine aus der Fertigung von Johann Jakob Widmann in Betrieb. Die maschinelle Herstellung war ungleich effizienter als das bisherige Papierschöpfen des Büttenpapiers von Hand in den Papiermühlen.
Von 20 Arbeitnehmern, die Schaeuffelen im Jahre 1832 eingestellt hatte, stieg die Zahl der Arbeitnehmer auf 400 (1897), später im Jahr 1923 auf 535 Personen an. Speziell im Segment von feinen Post- und Schreibpapieren sowie Sonderpapieren (z. B. die ab 1848 hergestellten Obligationenpapiere für die württembergische Staatsschuldverschreibung) zählte das nach dem Tod des Gründers 1848 zur Aktiengesellschaft umgeformte Unternehmen zu den bedeutendsten deutschen Herstellern. 1851 erhielt Schaeuffelen den ersten Preis für Briefpapier auf der Weltausstellung in London.
1849 regte das Unternehmen Schaeuffelen die Gasversorgung der Stadt aus Holzkohle an, ab 1852 lieferte Schaeuffelen Steinkohlengas für die Straßen- und Privatbeleuchtung. Die Fabrikanlagen wurden 1901/02 bedeutend erweitert.
Wie auch das benachbarte Unternehmen der Gebrüder Rauch hatte die Papierfabrik Schaeuffelen um die Wende zum 20. Jahrhundert einen Höhepunkt in ihrer Entwicklung erreicht und durchlief in den Notjahren nach dem Ersten Weltkrieg eine Krise. 1924 wurde der Kooperationsvertrag mit den Papierfabriken der Gebrüder Laiblin aus Pfullingen und der Gebrüder Rauch in Heilbronn geschlossen, der jedoch die Krise bei Schaueffelen nicht mehr abwenden konnte, so dass die Fabrik noch im selben Jahr stillgelegt wurde. 1925 meldete Schaeuffelen Konkurs an, 1926 wurde das Unternehmen liquidiert. Da sich kein Interessent für das 20.000 Quadratmeter große Fabrikanwesen finden ließ, erwarb die Stadt Heilbronn 1928 das Anwesen.
Heilbronner Papierverarbeiter
Tapetenfabrik Backhaus Für die Tapetenfabrikation waren durch die lokale Fertigung von endlosem Maschinenpapier gute Voraussetzungen gegeben. C. Müller gründete 1825 eine Tapetenfabrik, die um 1835 unter der Leitung von Backhaus bereits 20 Beschäftigte hatte. Proben ihrer Tapeten und Bordüren fanden bei der Industrie-Ausstellung 1836 Anerkennung bezüglich der Farben, des Designs und der Farbzusammenstellung sowie hinsichtlich ihrer Preiswürdigkeit.Vgl. Correspondenzblatt des Königlich Württembergischen Landwirthschaftlichen Vereins, N.F. X, 1836, Bd. 2, S. 153. Wilhelm Franz Exner führt das Unternehmen 1869 als Backhaus & Komp. auf.Vgl. Wilhelm Franz Exner: Die Tapeten- und Buntpapier-Industrie für Fabrikanten und Gewerbtreibende, sowie für technische Institute, Weimar 1869, S. 46. Der Konkurs der Backhaus’schen Tapetenfabrik (Anton Röser) wird 1882 vermeldet, die Löschung aus dem Handelsregister noch im selben Jahr.Vgl. Chemiker-Zeitung, Bd. 6, 1882, S. 176 bzw. ebd., S. 260.
Baier & Schneider mini|hochkant|Rechnung von Baier & Schneider von 1896 mit Bild des Fabrikgebäudes Julius Baier und Andreas Schneider erwarben 1877 das Unternehmen Gustav Ziegler, eine Papier-, Schreib- und Kurzwarenhandlung im Kirchhöfle bei der Nikolaikirche in Heilbronn. Nach Beginn der Herstellung eigener Papiere und der Erweiterung der Produktionsanlagen um eine Druckerei für die Herstellung von Geschäftsbüchern und ähnlichem wurde das Unternehmen Baier & Schneider unter dem Markennamen Brunnen erfolgreich. 1930 wechselte das Unternehmen an einen neuen Standort in der Wollhausstraße und hatte rund 500 Beschäftigte. Nach einem bescheidenen Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg konnte sich das Unternehmen wieder günstig entwickeln. Gegenwärtig werden rund 650 Personen beschäftigt, jährlich werden etwa 18.000 Tonnen Papier verarbeitet, die Produktpalette der Marke Brunnen umfasst etwa 7000 Artikel.
Landerer mini|Das Fabrikgebäude von Landerer 1903 mit Arbeitnehmern beim Feierabend