Die Bezeichnung Teersee (engl. acid tar lagoons oder tar ponds) beschreibt künstliche Deponien für flüssige industrielle Abfallprodukte, die überwiegend aus der Teerherstellung stammen. Davon abzugrenzen sind natürliche, geogene Asphaltseen, mit denen sie umgangssprachlich oft fälschlich gleichgesetzt werden. Von solchen ungesicherten Altlasten gehen große Gefahren für Grundwasser, Boden und Luft aus. Verursacht werden diese vor allem durch Benzol und giftige Kohlenwasserstoffe. Die Sanierung dieser Flächen ist technisch aufwendig, langwierig und mit sehr hohen Kosten verbunden.
Länderbeispiele mini|Wasserprobenentnahme an einem kontaminierten See (2024)
Teerseen kommen in nahezu allen Industrieländern vor, insbesondere in Regionen, die durch eine intensive Verarbeitung von Kohle oder Erdöl geprägt sind. Sie entstehen primär durch Schadstoffeinleitungen der Schwerindustrie, illegale Abfallentsorgung oder Unfälle bei der Verarbeitung von Teer und anderen kohlenstoffhaltigen Rückständen.
In den betroffenen Gewässern sammelt sich ein tödlicher Cocktail aus Schwermetallen, polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) und chemischen Lösungsmitteln an, der den Untergrund durchdringt und das lokale Ökosystem vollständig kollabieren lässt.
Da diese Schadstoffe biologisch kaum abbaubar sind, reichern sie sich in der Nahrungskette an und kontaminieren über das Grundwasser langfristig die Trinkwasserressourcen umliegender Gemeinden, was zu schweren chronischen Erkrankungen bei Menschen und Tieren führt. Weil diese Areale nur unter großem finanziellem und technologischem Aufwand saniert werden können, zieht sich die Wiederherstellung meist über Jahrzehnte hin. Viele dieser Gewässer bleiben daher globale ökologische Herausforderungen.
Deutschland mini|Teersee bei Espenhain nach Beginn der Sanierung im Jahr 2002. Die Hauptarbeiten konnten hier nach langjährigen Vorbereitungen erst im März 2026 beginnen. Da ein Aushub extreme Gerüche und Gifte freisetzen würde, bleibt die Teermasse komplett im Boden. Stattdessen wird sie dauerhaft mit einer meterdicken Schicht versiegelt, die stinkende Ausdünstungen stoppen sowie den Brandschutz und die Trittsicherheit gewährleisten soll.Sanierungsbeginn des Teerschlammbeckens im ehemaligen Braunkohleveredlungswerk Espenhain LMBV, abgerufen am 31. August 2026.
Einer der bekanntesten Teerseen im Ruhrgebiet ist der Teersee Meiderich. Er stellt eine erhebliche mit organischen und anorganischen Schadstoffen belastete Altlast auf dem ehemaligen Betriebsgelände der Schachtanlage Thyssen IV/VIII in Duisburg-Meiderich dar. Der See steht im Zusammenhang mit der Ablagerung teerhaltiger Stoffe aus der Kohle- und Kokereiwirtschaft. Eine zentrale Bedeutung für die regionale Teerwirtschaft hatte die 1905 gegründete Gesellschaft für Teerverwertung (GfT), die 1906 in Meiderich eine großtechnische Steinkohlenteerdestillation in Betrieb nahm und Kokereirückstände verschiedener rheinisch-westfälischer Montanunternehmen verarbeitete.
Bis in die 1970er Jahre wurden auf dem Gelände teerhaltige Produktionsrückstände abgelagert. Unter anderem kippten Tanklastwagen dort Benzol, Cyanide, Quecksilber, Schwermetalle und schwefelhaltige Harze ab. Im Jahr 2001 begann schließlich die Altlastensicherung, welche den Bau einer Dichtwand in teilweise bis zu 35 Metern Tiefe sowie eine Oberflächenabdichtung umfasste. Dabei zielte die Sanierung nicht auf eine vollständige Entfernung der Schadstoffe ab. Vielmehr ging es um deren dauerhafte Sicherung, um eine weitere Ausbreitung insbesondere in das Grundwasser zu verhindern. Seit 2007 ist das Areal des ehemaligen Sees Bestandteil des Landschaftsparks Duisburg-Nord. Die dauerhafte Überwachung der Anlagen des Sicherungsbauwerks verursacht sogenannte Ewigkeitskosten., Ratsinformationssystem Duisburg, 24. Februar 2004, abgerufen am 14. Juli 2013., WAZ, 3. August 2007.
Im Lausitzer und Mitteldeutschen Braunkohlerevier wurden ebenfalls, und hier insbesondere nach 1945, hochgiftige Industrieabfälle in Restlöcher entsorgt. Der Abfall bestand überwiegend aus Rückständen von Braunkohlenteer, Phenolen, Bleicherde. Der Aufwand und die Kosten der Sanierung variieren je nach Standort und Maßnahme erheblich. Entscheidend sind dabei Größe und Tiefe des Teersees, Menge und Art der Schadstoffe, Entsorgungsweg sowie die Frage, ob der Teer vollständig entfernt oder vor Ort gesichert wird.Altlasten Umweltbundesamt, abgerufen am 28. August 2026.
So kostete die Sanierung von sieben Teerseen mit rund 75.000 Tonnen Teer und Abfällen der ehemaligen Großgaserei Magdeburg in Rothensee bis 2009 etwa 14 Millionen Euro. In dieser Summe sind jedoch nicht die Aufwendungen für die Grundwassersicherung enthalten, die bis zum Jahr 2024 andauerte und ein jährliches Monitoring erfordert.ÖGP Magdeburg-Rothensee Landesportal Sachsen-Anhalt, abgerufen am 28. August 2026.
Für die Sanierung des Teersees „Neue Sorge“ in Rositz (Thüringen) fielen allein bis 2012 insgesamt 80 Millionen Euro an.Teersee Rositz Landratsamt Altenburger Land, abgerufen am 28. August 2026. Neben der DEA Deutsche Erdöl AG, die ab 1935 das Restloch des ehemaligen Braunkohlentagebaus „Neue Sorge“ als offene Betriebsdeponie für ungefilterte Produktionsabfälle nutzte, trug die DDR-Mangelwirtschaft bzw. das spätere VEB Teerverarbeitungswerk Rositz die Hauptverantwortung für die Umweltzerstörung. Faktisch wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die Einleitung hochgiftiger Teer- und Ölrückständen massiv verschärft und bis 1990 fortgesetzt.Ökologisches Großprojekt Rositz Thüringer Umweltministerium, abgerufen am 28. August 2026. 1997 begann die Sanierung des Teersees. 343.000 Kubikmeter Produktrückstände konnten bis Ende 2007 entfernt werden. Anschließend erfolgte bis 2012 die Verfüllung des Restloches mit 266.580 Tonnen Bodenmaterial, inklusive Bepflanzung der Fläche mit Gräsern und Sträuchern.Ökologisches Großprojekt Rositz und Schnittstellenprojekt Schelditz Freistaat Thüringen, abgerufen am 1. September 2026. Obwohl damit die eigentliche Sanierung abgeschlossen wurde, bleibt das Gelände eine der komplexesten Altlasten Thüringens, die eine dauerhafte Kontrolle erfordert. Für die permanente Überwachung des regionalen Grundwassers ist der Betrieb von rund 93 Grundwasser- und 15 Oberflächenwassermessstellen erforderlich. Der Bereich des ehemaligen Teersees ist striktes Sperrgebiet. Es besteht unverändert Lebensgefahr. Aufgrund der unberechenbaren Tiefenstruktur des Untergrunds besteht ein dauerhaftes Einbruch- und Versinkungsrisiko.Lebensmüde: Unbekannte auf einstigem Teersee Rositz unterwegs Ostthüringer Zeitung vom 20. März 2024, abgerufen am 1. September 2026.
In der Lausitz kostete die Entschlammung und anschließende Entsorgung von rund 50.000 m² Teerlagerstätten bei Zerre und Terpe aufgerundet 21 Millionen Euro.Auf Stelzen im Teersee. Umweltsanierung in der Lausitz Deutsches Institut für Urbanistik, abgerufen am 28. August 2026. Verursacher der Umweltverschmutzung waren die Betreiber des Gaskombinats Schwarze Pumpe, die den Teersee von 1957 bis 1987 für die Entsorgung von Abfallstoffen aus der Braunkohlevergasung nutzten. Die dabei entstandenen giftigen Nebenprodukte wie phenolhaltige Teerölfeststoffe und Kohletrübe (dickflüssiges Gemisch aus Wasser, Kohlenstaub und feinen Kohlepartikeln) wurden ungesichert in eine ehemalige Kiesgrube und eine Halde geleitet.Torsten Meyer: Schwarze Pumpe, das industrielle Erbe und die ökoindustrielle Zukunft der Niederlausitz. In: Günter Bayerl (Hrsg.): Braunkohleveredelung im Niederlausitzer Revier. 50 Jahre Schwarze Pumpe. Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt, Bd. 34. Waxmann 2009, S. 271–326. Rund 380.000 Tonnen der Rückstände in Zerre und Terpe wurden ab dem Jahr 2000 aufwendig mit Schwimmbaggern und Dickstoffpumpen entfernt. Die ehemaligen Teerseen sind heute trockengelegt, eingezäunt und mit Gräsern bewachsen. Das Gelände unterliegt einem strikten Betretungsverbot. Auch hier bleibt eine kontinuierliche Überwachung der Bodenstruktur und des Grundwassers zwingend erforderlich.„... dass Gras drüber wachse – Ein Generationenprojekt der LMBV“ LMBV, 1. September 2029.
Ähnliche sanierungsrelevante Altlasten weisen unter anderem Teerseen im heutigen Sachsen-Anhalt in Krumpa (Mineralölwerk Lützkendorf), zwischen Deuben und Trebnitz (Industriekraftwerk Deuben) sowie in Sachsen im Bereich des ehemaligen Braunkohlen-Veredlungswerkes Espenhain auf. Ministerin gibt Startschuss in Magdeburg Rothensee. In: Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt Sachsen-Anhalt, Pressemitteilung Nr.: 123/02, Magdeburg, den 27. Juni 2002..
Österreich In Österreich schlug bei den Teerteichen in Trieben im steirischen Paltental die Sanierung von rund 20.000 Tonnen Giftmüll allein bis zum Jahr 2025 mit 7,7 Millionen Euro zu Buche. Verursacher waren die Inhaber der Veitscher Magnesitwerke, die dort bis 1961 Abfälle in zwei Gruben am Fuß einer Abraumhalde entsorgten.Umweltinvestitionen des Bundes – Klima- und Umweltschutzmaßnahmen 2021 (S. 39) Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie, abgerufen am 28. August 2026.
Großbritannien mini|Llwyneinion acid tar lagoon (2021)
Auch das Vereinigte Königreich kämpft mit einer großen Anzahl sogenannter Acid Tar Lagoons. Eine der bekanntesten Altlasten des Landes befindet sich im rund elf Kilometer von Wrexham entfernten Llwyneinion (Wales). In den 1960er und 70er Jahren wurden hier unzählige Tonnen giftiger Chemie- und Raffinerieabfälle in eine Grube gekippt. Der jahrzehntealte, pechschwarze Sumpf ist extrem sauer (pH-Wert von 1 bis 2) und enthält krebserregende Kohlenwasserstoffe. Die Sanierung ist aufgrund der chemischen Zusammensetzung kompliziert und sehr teuer.Nichol Douglas: Geo-engineering problems at Llwyneinion hazardous waste site near Rhosllanerchrugog, North Wales. In: Geotechnical & Geological Engineering, Volume 24, pages 809–818 (2006).
Das heute von Wald umgebene Gelände wurde bislang nicht saniert und gilt als die problematischste und gefährlichste Altlastenfläche in Nordwales. Weil der Zugang gesperrt ist, kam die walisische Umweltbehörde 2007 zu dem Ergebnis, dass von dem Gelände kein erhebliches Risiko für die menschliche Gesundheit ausgeht.Price of £40m to clean Llwyneinion „acid tar lagoon“ BBC News vom 23. März 2011, abgerufen am 28. August 2026. Aufgrund der hoch veranschlagten Sanierungskosten wurde bis 2026 noch keiner der vorgelegten Dekontaminierungspläne umgesetzt.Wrexham Council responds to recent media coverage on Llwyneinion and the adjacent Monsanto waste tip Wrexham Council News vom 14. August 2026, abgerufen am 28. August 2026.
Ein weiteres Beispiel ist der Hoole Bank Tar Lagoon nordöstlich von Chester. In diese ehemalige Tongrube gelangten bis 1967 mehr als 62.000 Tonnen flüssiger Säureteer aus der Benzolraffination.Nichol Douglas: Geo-engineering problems at Hoole Bank acid tar lagoon, Cheshire, UK. In: Land Contamination & Reclamation, Volume 8 (3), pages 167–173 (2000). Der Standort wurde bereits 2006 offiziell als „contaminated land“ eingestuft und 2007 als „special site“ (dt.: „besonders überwachungsbedürftiger Altlastenstandort“) ausgewiesen. Im Mai 2026 entnahmen die zuständigen Behörden erneut Proben aus dem Teersee, konkrete Sanierungsmaßnahmen blieben jedoch weiterhin aus.Hoole Bank tar lagoon Lubricants UK Ltd., abgerufen am 28. August 2026.