Die Jahre von 830 bis 842 sind durch eine Reihe innerdynastischer Kämpfe der Karolinger gekennzeichnet. Zweimal, während der loyalen Palastrevolution 831 und der großen Empörung 833, wurde Kaiser Ludwig der Fromme von seinen Söhnen Lothar I., Pippin von Aquitanien und Ludwig dem Deutschen gestürzt. Zweimal konnte er sich jedoch behaupten und wurde wieder eingesetzt. Sein Tod eröffnete das Ringen der drei verbliebenen Söhne, Lothars I., Ludwig des Deutschen und Karl des Kahlen, um den Anteil am Frankenreich: Reichseinheit gegen Erbteilung. Diese Jahre kennzeichnen den Anfang vom Ende des vereinten Karolingerreiches und gleichzeitig, noch viel mehr als etwa die Zeit Karls des Großen, das Entstehen des mittelalterlichen Europa.

mini|Ludwig der Fromme, Sohn Karls des Großen, war durch sein Wechseln zwischen der Reicheinheitsidee und der Erbteilung nach fränkischer Sitte mitverantwortlich für die inneren Wirren der 830er und frühen 840er Jahre. Bild: Biblioteca Apostolica Vaticana, Codex Vat. Reg. lat. 124, folio 4 verso.

Die Ordinatio imperii von 817

Aufgeschreckt durch einen Unfall am Gründonnerstag 817, erließ der fränkische Kaiser Ludwig der Fromme auf dem Reichstag zu Aachen im Juli 817, bei dem die wichtigsten weltlichen Großen des Frankenreiches versammelt waren, die Ordinatio imperii. Hiermit sollte das zentrale Verfassungsproblem des karolingischen Reiches, der Widerstreit zwischen universalem, unteilbarem Kaisertum und dem traditionellen, fränkischen Erbrecht aller legitimen Königssöhne, aufgegriffen und gelöst werden. Reich und Kirche sollten durch die Ordinatio imperii, „deren leitende Gedanken aus kirchlichen Kreisen stammten“, fortan eine unteilbare Einheit bilden, die nicht zugunsten der Nachkommen des Herrschers aufgegeben werden sollte. Ludwig der Fromme, der sich von Anfang an nicht mehr nur als rex Francorum, sondern als imperator augustus verstand, ging, anders als Karl der Große in seiner Divisio regnorum (Nachfolgeregelung) von 806, vom Vorrang der Kaiserwürde aus. Diese sprach er alleine seinem ältesten Sohn Lothar I. zu. Nach Akklamation der fränkischen Großen wurde Lothar I. von Ludwig dem Frommen zum Mitregenten erhoben. Die jüngeren Söhne, Ludwig und Pippin, die Bayern bzw. Aquitanien als Unterkönigreiche erhielten, wurden ihrem älteren Bruder untergeordnet. Die Einheit des nach römischer und kirchlicher Tradition unteilbaren Imperiums sollte somit Lothar aufrechterhalten, weitere Teilungen sollten für die Zukunft verhindert werden.

Die Ausstattung Karls des Kahlen 829 Ludwig, dessen erste, aus einem maasländischen Geschlecht stammende Gemahlin Irmingard von Hespengau 818 gestorben war, hatte sich 819 mit der Welfin Judith vermählt. Das Bemühen der neuen Kaiserin, ihrem 823 geborenen Sohn Karl, für den sie Lothar I. als Taufpaten gewann, einen Teil an der Reichsherrschaft zu sichern, entsprach den überkommenen fränkischen Rechtsvorstellungen, lief aber der Ordinatio imperii von 817 zuwider. Auf einer Reichsversammlung in Worms im August 829 lancierte Ludwig der Fromme dann entgegen der Ordinatio Imperii den Plan, zugunsten Karls eine Neuaufteilung des Reiches vorzunehmen. Da Karls neu geschaffener Machtbereich Alemannien (Schwaben) ein ducatus (Herzogtum) und kein regnum sein sollte und somit auch keine Erhebung zum König erfolgte, war die Ordinatio Imperii formal nicht außer Kraft gesetzt, doch wurde ihre wesentliche Intention, eine weitere Aufsplitterung der Macht dadurch zu verhindern, dass nur ein Prinz erbte, faktisch außer Kraft gesetzt. Der älteste Kaisersohn und Mitregent, Lothar I., war durch diese Entscheidung unmittelbar betroffen, denn seinem Herrschaftsbereich war der Anteil Karls entnommen worden. Dagegen opponierte er und es kam zum Bruch mit dem Vater: Lothar wurde nach Italien verwiesen und als Mitregent abgesetzt.

Die „loyale Revolution“ von 830 und die Regni divisio von 831

Neben Lothar, der nun seine Aussicht auf künftige Gesamtherrschaft schwinden sah, und den jüngeren Brüdern Pippin und Ludwig, die ebenso weitere Schritte zugunsten des kleinen Karl befürchten mussten, widersetzte sich auch die kirchliche Reformpartei der Neuaufteilung. So ging der Staatsstreich von 830, eingeleitet von einer Gehorsamsaufkündigung durch das Heer, nicht etwa von den über die Neuregelung wenig erfreuten älteren Brüdern Karls, sondern von an der Wahrung der Reichseinheit interessierten Männern wie dem Abt von Corbie, Wala, dem Altkanzler Helisachar und dem Erzkapellan Hilduin aus. Die loyale Palastrebellion, der sich bald auch die drei älteren Brüder Karls, Pippin, Ludwig und als letzter Lothar, anschlossen, wobei der älteste Kaisersohn die Führung des Aufstands übernahm, vermochte es auf der Reichsversammlung von Compiègne Ende April oder Anfang Mai 830 den alten Rechtszustand zu sanktionieren: Die Beschlüsse der Wormser Reichsversammlung wurden aufgehoben, Lothar übernahm die Regierung im Namen seines Vaters, Judith und ihre Brüder wurden in aquitanische Klöster geschickt. Der junge Karl sollte auf ein geistliches Leben als Mönch vorbereitet werden und somit aus dem politischen Leben ausscheiden.

Ludwig dem Frommen gelang es jedoch schon einige Monate später, Ludwig den Deutschen und Pippin von Aquitanien durch Angebote von Gebietsvergrößerungen auf seine Seite zu ziehen. Auf der Reichsversammlung von Nimwegen im Oktober 830 musste Lothar die Oberherrschaft des Vaters wieder anerkennen und auf dem Hoftag zu Aachen im Februar 831 ließ Ludwig der Fromme die Anführer der Rebellion festsetzen und verurteilen. Lothar verlor erneut die Teilhabe an der Gesamtherrschaft und wurde nach Italien abgeschoben. In einer neuen Erbfolgeregelung, der undatiert überlieferten Regni divisio, wurde Ludwigs des Frommen Versprechen an die beiden jüngeren Söhne Ludwig und Pippin eingelöst: Unter Ausklammerung des Lothar verbliebenen Italien wurde das Reich neu aufgeteilt. Pippins aquitanisches Unterkönigreich wurde nach Norden um das Land zwischen Seine und Loire und achtundzwanzig Gaue nördlich der Seine ausgedehnt. Ludwig bekam die rechtsrheinischen Gebiete außer Alemannien, die nördliche Francia, die Gaue von Boulogne und Thérouanne, das Artois und Vermandois. Karls alemannisch-elsässisches Erbteil wurde um den wichtigen altkarolingischen Moselraum sowie das Rhône-Gebiet erweitert. Auch wenn sie nur eine Anwartschaft für die Zukunft darstellte, denn Ludwig der Fromme behielt sich für die Zeit seines Lebens die unbeschränkte kaiserliche Hegemonialstellung vor, beweist diese erneute Aufteilung des Reiches „unmißverständlich, daß Ludwig in der gegebenen Situation selbst das System der Ordinatio von 817 aufgegeben hatte.“

Die „große Empörung“ von 833

mini|Karl der Kahle, Illustration aus einer Handschrift, die für ihn selbst zwischen 842 und 869 von Liuthard in goldener Unzialschrift verfasst worden ist. Wegen Karl dem Kahlen, dem einzigen Sohn aus der zweiten Ehe Ludwigs des Frommen mit der Welfin Judith, wurde die Ordinatio imperii fallen gelassen.

Doch auch der Aachener Teilungsplan von Januar 831 und die Rückkehr „zu den Grundsätzen der Reichsteilung von 806 […] konnten die tieferen Ursachen der Krise nicht beseitigen“. Schon 833 kam es zur zweiten Empörung der Söhne gegen den Vater: Die gemeinsamen Interessen und die Furcht vor weiteren Benachteiligungen zugunsten Karls des Kahlen hatten Lothar, Pippin und Ludwig zum erneuten Bündnis gegen den Vater im innerdynastischen Machtkampf zusammengeführt. Bewaffnete Auseinandersetzungen wurden diesmal von beiden Parteien in Kauf genommen und so trafen sich Ende Juni 833 auf dem Rotfeld bei Colmar die Heere Ludwigs und seiner drei Söhne. Zu einem Kampf kam es jedoch nicht, denn während der Kaiser mit Papst Gregor IV., der sich bereitgefunden hatte, Lothar zu begleiten und für die Geltung der Ordinatio imperii seine Autorität einzusetzen, über einen Ausgleich verhandelte, wussten die Söhne Ludwigs seine Anhänger auf ihre Seite zu ziehen. Von den eigenen Truppen verlassen, musste Ludwig der Fromme sich seinen Söhnen ergeben, wurde gefangen genommen und als Herrscher abgesetzt. Der Sturz Ludwigs sollte diesmal auch kirchlich sanktioniert werden und so erklärten die Bischöfe, allen voran die Erzbischöfe Agobard und Ebo, auf einer Reichsversammlung in Compiègne im Oktober 833, dass Ludwig sein Amt durch schlechtes Regieren verwirkt habe, und mahnten ihn, Kirchenbuße auf sich zu nehmen. Die Herrschaft ging formlos an Lothar über, der den kaiserlichen Urkundentitel des Vaters fortan führte. Lothar konnte wahrscheinlich seinen Brüdern ein Treueversprechen abnehmen, musste ihnen aber große, bis in den Seine- und Maasraum reichende Länder zur selbständigen Herrschaft überlassen.

Die Situation im Frankenreich änderte sich jedoch rasch wieder. Lothar agierte zu ungeschickt und wollte gegenüber seinen jüngeren Brüdern eine Vorherrschaft durchsetzen, zudem stieß sein harter Umgang mit Ludwig dem Frommen sowohl beim Volk und den Großen des Frankenreiches als auch bei Pippin und Ludwig dem Deutschen auf Widerstand, sodass noch vor dem Ende des Jahres 833 das Bündnis der Brüder auseinanderbrach. Schon Anfang 834 sah sich Lothar der offenen Feindschaft Ludwig des Deutschen, bald auch Pippins von Aquitanien gegenüber. Sie versammelten im Februar 834 ihre Heere und zogen, Pippin vom Westen, Ludwig vom Osten, gegen Lothar, der zu der Zeit in Paris Hof hielt. Nachdem Lothar sich vor dieser nahenden Übermacht Ende Februar 834 nach Burgund zurückgezogen hatte, wurde Ludwig der Fromme am 1. März 834 in St. Denis aus der Kirchenbuße entlassen und wieder als Kaiser anerkannt. Lothar wich einer Schlacht aus, auch wenn seine Anhänger einen Sieg an der Bretonengrenze erfochten und er selbst Chalon einnahm. Im Spätsommer 834 konnte Ludwig der Fromme bei Blois die Unterwerfung Lothars entgegennehmen. Er beließ ihm Italien, gebot ihm aber, dieses Land nicht eigenmächtig zu verlassen.

Letzte Nachfolgeregelungen Ludwigs des Frommen