Die Gazelle-Halbinsel ist der nordöstliche Teil der zum Bismarck-Archipel im Pazifik gehörenden Insel Neubritannien (kolonialdeutsch Neupommern) in Papua-Neuguinea. Die Halbinsel ist Teil der Provinz East New Britain. Ihren Namen erhielt sie nach dem deutschen Kriegsschiff Gazelle, das auf einer Expedition im August 1875 die Blanchebucht im Nordosten besuchte und den Naturhafen vermaß.Hydrographisches Amt des Reichs-Marine-Amts (Hrsg.): Die Forschungsreise S. M. S. „Gazelle“ in den Jahren 1874 bis 1876: unter Kommando des Kapitän See Freiherrn von Schleinitz. Band 1: Erster Theil: Der Reisebericht. Mittler, Berlin, 1889, S. 239 ff. Siehe auch: [Bartholomäus] von Werner: Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee. Brockhaus, Leipzig 1889, S. 391. Bereits 1872 hatte sich die englische HMS Blanche in der Bucht aufgehalten, nach der diese benannt wurde (Blanche Bay, später eingedeutscht zu Blanche Bai oder Blanchebucht). Der Simpsonhafen im hinteren Teil erhielt seinen Namen nach dem Kommandanten des Schiffes, Kapitän Cortland Simpson (Simpson Harbour).Richard Parkinson: Dreißig Jahre in der Südsee: Land und Leute, Sitten und Gebräuche im Bismarckarchipel und auf den deutschen Salomoninseln. Strecker & Schröder, Stuttgart 1907, S. 850. Auf Grund günstiger ökologisch-geologischer Bedingungen gehört die Gazelle-Halbinsel zu den sehr alten Besiedlungsgebieten des Bismarck-Archipels.

Geographie mini|links|Einer der sogenannten Bienenkörbe in der Blanchebucht (Aquarell um 1890 von Joachim Graf Pfeil)

Topologie und Geologie Die Gazelle-Halbinsel beginnt im Südwesten an der Landenge von Neubritannien, welche ihrerseits von der Offenen Bai (Open Bay) und der Großen Bai (Wide Bay) begrenzt wird. Der östlichste Landzipfel der Halbinsel ist das Kap Gazelle, das in den St.-Georgs-Kanal (Saint George’s Channel) hineinragt. Das Gebiet ist größtenteils gebirgig mit Erhebungen meist bei 1000 Metern und darüber. Im Zentrum der Halbinsel befindet sich der Mount Sinewit mit 2063 Metern ü. M.Der Mount Sinewit auf peakery.com Den Hauptteil der Landfläche bilden die Bainingberge,Karl Sapper, Krauß: In: Heinrich Schnee (Hrsg.): Deutsches Kolonial-Lexikon, Quelle und Meyer, Leipzig 1920, Band 1, S. 117 f. die nach der in ihnen lebenden Volksgruppe der Baining benannt sind. Sie beginnen im Nordwesten in geringer Entfernung von der Küste und erstrecken sich über das grüne Landesinnere bis zur Südostküste nahe der Großen Bai (Wide Bay). Ihnen vorgelagert sind im Norden und Westen fruchtbare und wasserreiche Ebenen, die von eingewanderten Europäern im 19. Jahrhundert zur Anlage von Plantagen verwendet wurden.

Die Region ist vulkanisch aktiv. Ihre Kraterlandschaft liegt auf einer Landzunge (auch Krater-Halbinsel genannt), welche die Blanchebucht (Blanche Bay) im nördlichen Teil umschließt. Wichtigste Krater sind die Mutter (Mount Kombiu, 685 m. ü. M.), Nordtochter (Mount Tovanumbatir, 539 m. ü. M.) und Südtochter (Mount Turanguna, 494 m. ü. M.). Der heute bekannteste Vulkan ist der Tavurvur (früher Ghaie). Er entstand bei einem Ausbruch der Mutter im Februar 1878.Arthur Wichmann: Nova Guinea: Vol. II. Entdeckungsgeschichte von Neu-Guinea 1828–1885. Buchhandlung und Druckerei E. J. Brill, Leiden 1910, S. 250.

Die Blanchebucht ist eine große Caldera mit zahlreichen Eruptionsstellen und Fumarolen. An ihrer Westseite befindet sich der Vulkan Raluan. Hier entstand beim Ausbruch der Mutter im Februar 1878 zunächst eine Insel (Vulkan-Insel oder Volcanic Island), die bei einem späteren Ausbruch des Tavurvur (1937) gehoben, selber vulkanisch aktiv und durch eine Landzunge mit dem Festland verbunden wurde.Arthur Wichmann: Nova Guinea: Vol. II. Entdeckungsgeschichte von Neu-Guinea 1828–1885. Buchhandlung und Druckerei E. J. Brill, Leiden 1910, S. 250 und Pacific Islands Monthly, Juni 1937, S. 9 f. Auch die Hafeninsel Matupi soll laut mündlicher Überlieferung der Tolai durch vulkanische Aktivität entstanden sein.George Brown: Pioneer-Missionary and Explorer: a narrative of forty-eight years’ residence and travel in Samoa, New Britain, New Ireland, New Guinea, and the Solomon Islands. Hodder & Stoughton, London 1908, S. 93. Westlich von ihr befinden sich die „Bienenkörbe“ (Beehives oder Dawapia Rocks), zwei kegelförmige Felseninseln aus Tuffgestein.

Im Seegebiet nördlich der Kraterhalbinsel liegt eine große unterseeische Caldera. Diese „Tavui-Caldera“ besitzt eine Ausdehnung von etwa 10 auf 12 Kilometer. Sie wurde 1985 bei ozeanographischen Vermessungsarbeiten entdeckt. Ihre letzte vulkanische Aktivität datiert etwa 5000 Jahre zurück.

Geschichte Europäische Entdeckung und frühe Handelsbeziehungen mini|hochkant=2.5|Frühe Karte der Gazelle-Halbinsel nach Vermessungen der SMS Gazelle und den Kapitänen H. Brück, E. Hernsheim und J.T. Blohm (Friederichsen, Hamburg, 1879)

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Gazelle-Halbinsel in Europa noch unbekannt. Erst ab den 1830er Jahren fuhren gelegentlich Walfangschiffe aus den Vereinigten Staaten und Hawaii die nordöstlichen Küsten an. Gegen europäische Halbwaren tauschten sie frischen Proviant. Der Handel mit den Insulanern fand zumeist auf den Schiffen statt und verlief überwiegend friedlich.Laut noch erhaltenen Logbüchern US-amerikanischer Walfänger endeten nur etwas mehr als 1 Prozent aller dokumentierten Kontakte in Gewalt. Vgl. Alastair C. Gray: Trading Contacts in the Bismarck Archipelago during the Whaling Era, 1799–1884. In: Journal of Pacific History, Jahrgang 34, 1999, S. 23–43.

In der Blanchebucht im Norden der Halbinsel landete im April 1873 Kapitän Georg Christoph Levison zwei Engländer, die für die Hamburger Firma J.C. Godeffroy & Sohn als erste stationäre Händler tätig werden sollten.Richard Parkinson: Im Bismarck-Archipel: Erlebnisse und Beobachtungen auf der Insel Neu-Pommern (Neu-Britannien). Brockhaus, Leipzig 1887, S. 850. Wegen Ausfälligkeiten konnten die Männer sich aber nicht halten und mussten nach dreimonatigem Aufenthalt auf die benachbarten Duke-of-York-Inseln fliehen. Hier wurden sie von einem Handelsschoner abgegriffen.William T. Wawn: The South Sea Islanders and the Queensland Labour Trade: Edited, with an Introduction by Peter Corris. In: Pacific History Series, Nummer 5. Australian National University Press, Canberra 1973, S. xxvi; Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld. Biographie in 2 Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012, Band 1, S. 135 f.; Eduard Hernsheim: Lebenserinnerungen (unveröffentlicht) Staatsarchiv Hamburg, Familienarchiv Hernsheim, S. 43.

In der zweiten Jahreshälfte 1875 gründete der englische Reverend George Brown für die Wesleyanische Mission (Australien) eine Station auf der Insel Amakada (Duke-of-York-Insel). Von dort leitete er die Missionierung der Gazelle-Halbinsel ein.Einen umfassenden Bericht dieser Missionierung gibt die Autobiographie von George Brown: Pioneer-Missionary and Explorer: a narrative of forty-eight years’ residence and travel in Samoa, New Britain, New Ireland, New Guinea, and the Solomon Islands. Hodder & Stoughton, London 1908. Etwa zur selben Zeit errichtete der deutsche Handelskapitän Eduard Hernsheim im Norden der Duke-of-York-Insel eine Niederlassung. Über seinen Agenten J. T. Blohm eröffnete er an den Nordstränden der Gazelle-Halbinsel und in der Blanchebucht ein ambulantes Tauschgeschäft (Schildkrötenpanzer gegen Glasperlen und Baumwollzeuge). Für das Handelshaus Capelle & Co (Marshallinseln) gründete der schottische Kapitän Edward Milne zur Jahreswende 1875/76 im Dorf Nodup (Bezirk Beridni) eine erste permanente Station.Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld. Biographie in 2 Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012, Band 1, S. 144–146.

Kapitän Levison kehrte im folgenden Juli auf die Insel Mioko (Duke-of-York-Inseln) zurück und brachte nun einige europäische Händler von Samoa, mit denen er das Geschäft für Godeffroy & Sohn im „großen Stil“ eröffnete.G. Brown: Journal 1874–1876. (unveröffentlicht) Mitchell Library, Sydney CY 2759, 11. Juli 1876. Auf einer Fahrt gegen Ende des Monats entdeckte Levison im Bezirk Kabaira (Gazelle-Halbinsel) eine Bucht mit Ankergrund, die er zu Ehren seines Vorgesetzten Theodor Weber „Weberhafen“ (heute: Ataliklikun Bay) nannte.Arthur Wichmann: Nova Guinea: Vol. II. Entdeckungsgeschichte von Neu-Guinea 1828–1885. E. J. Brill, Leiden 1910, S. 226. Hier errichteten Godeffroy & Sohn eine Faktorei, die bis zum Konkurs der Firma (1879/80) das Zentrum ihrer Aktivitäten im Inselgebiet bildete.

Die inzwischen gegründete Firma Hernsheim & Co verlegte im Juli 1879 ihren Hauptsitz von Duke-of-York auf die Hafeninsel Matupi (Blanchebucht). Eine im Norden schon bestehende Niederlassung erweiterte man zur Faktorei. In den folgenden Jahren entstand am Ostrand Matupis eine zweite Faktorei für Hernsheim & Co, die ab April 1883 auch zeitweilig das Kaiserlich-deutsche Konsulat beheimatete.Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld. Biographie in 2 Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012, Band 1, S. 285, und Band 2, S. 418–420 und 100 (passim).

Anfang der 1880er Jahre verfügten Hernsheim & Co in der Blanchebucht und dem Bezirk Birara über insgesamt sieben Handelsstationen mit europäischen Leitern.Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld. Biographie in 2 Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012, Band 2, Tabelle S. 579–585. Die Geschäfte der Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft (Nachfolgeunternehmen von Godeffroy & Sohn) konzentrierten sich mit insgesamt fünf Stationen auf die Nordstrände und den Weberhafen der Gazelle-Halbinsel.

Erster Plantagenbau

Unterstützt durch den Tropenpflanzer Richard Parkinson begann der Australier James Farrell ab November 1882 mit dem ersten systematischen Plantagenbau.Zu den Reisedaten Parkinsons siehe ders.: Im Bismarck-Archipel: Erlebnisse und Beobachtungen auf der Insel Neu-Pommern (Neu-Britannien). Brockhaus, Leipzig 1887, S. 8. Anfängliche Versuche einer intensiven Bewirtschaftung mit Baumwolle und Kaffee im Bezirk Birara schlugen fehl.E. Hernsheim: Tagebücher. (unveröffentlicht) Staatsarchiv Hamburg, Familienarchiv Hernsheim, 22. April 1883 und 12. Juni 1884. Wegen fragwürdiger Landnahmen im Hinterland von Ralum sowie illegaler Einführung von Plantagenarbeitern geriet Farrell bei englischen und deutschen Behörden in die Kritik.Vgl. die Berichte des Kaiserlichen Kommissars Gustav v. Oertzen aus den Jahren 1885 und 1886 in den Akten Die Niederlassungen im Kaiser-Wilhelms-Land (Neu-Guinea), sowie im Bismarck- (Neu-Britannia-) Archipel. Mai 1885–Januar 1886, RKA 2803–2806, unveröffentlicht, Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde. Infolge seines Todes (März 1888) meldete seine Firma Konkurs an. Nach vergeblicher Suche nach einem Käufer entschied sich Farrells Witwe Emma Forsayth zur Weiterführung unter ihrem ehemaligen Namen, E.E. Forsayth & Co., mit neuem Hauptsitz in Guanantambu (bei Herbertshöhe, heute Kokopo).Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld. Biographie in 2 Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012, Band 2, S. 260. Trotz einer aggressiven Expansionspolitik schrieb der Plantagenbau-Zweig der Gesellschaft aber noch 1909 Verluste.Peter Sack: German New Guinea: a reluctant plantation colony? In: Journal de la Société des océanistes, Nr. 82–83, Band 42 (1986), S. 109–127, hier: S. 119. Unter anderem deshalb wurde die E.E. Forsayth & Co. an die Hamburgische Südsee-Aktiengesellschaft (HASAG) unter Heinrich Rudolph Wahlen verkauft.