mini|200px|Karte Armeniens unter Tigranes II. und Teile des Parthischen Reiches mit Dura Europos
Dura Europos, auch Dura-Europos (, arabisch Qal'at es-Salihiye), war eine griechisch-hellenistische Stadt im heutigen Syrien. Sie war in der Zeit des dort nach dem Tod von Alexander dem Großen entstandenen östlichen Diadochenreiches – nach seinem ersten König Seleukos I. (358–281 v. Chr., König ab 306 v. Chr.) Seleukidenreich genannt – gegründet worden. Dura Europos lag am mittleren Euphrat, kurz vor der heutigen syrisch-irakischen Grenze.
Ob es eine indigene Vorgängersiedlung gab, ist bislang nicht geklärt. Dura Europos bekam eine stark befestigte Zitadelle, wurde zu einem größeren Ort in griechischem Baustil erweitert und entwickelte sich – vor allem in der späteren parthischen Zeit – zum administrativen und wirtschaftlichen Zentrum der Region. Die ältere Auffassung, dass es eine wichtige Handelsstadt auf dem Weg von Palmyra zum Euphrat und damit an der Seidenstraße war, wird dagegen nicht durch die schriftlichen Quellen gestützt. Die Stadt gehörte spätestens seit den Kaisern der severischen Dynastie als Grenzfestung zum Römischen Reich, wurde 256/257 von den Sassaniden erobert und zerstört und wohl 273 für immer verlassen.
Die Ruinen blieben deshalb gut erhalten; das trockene Wüstenklima bewahrte auch viele organische Materialien. Der im 20. Jahrhundert zu ungefähr 40 % von Archäologen ergrabene Ort wird aus diesem Grund oft als das „Pompeji des Ostens“ oder „Pompeji der Wüste“ bezeichnet.Ancient History, Modern Destruction: Assessing the Status of Syria’s Tentative World Heritage Sites Using High-Resolution Satellite Imagery, aaas.org, American Association of the Advancement of Science (AAAS). Geospatial Technologies Project, (November oder Dezember) 2014, abgerufen am 23. August 2015. – Das späteste genutzte Satellitenbild stammt vom 11. November 2014. Englisch. Zu den herausragenden Funden gehören die Hauskirche von Dura Europos, die bisher älteste als solche fassbare Kirche überhaupt, und die mit figürlichen Szenen ausgemalte Synagoge von Dura Europos.
2013 wurde die archäologische Stätte von Kämpfern der Terrormiliz IS geplündert; das Ausmaß der Zerstörungen ist derzeit (Juni 2019) noch unbekannt.
Lage mini|hochkant|Dura Europos in römischer Zeit (Stadtplan)
Die Stadt wurde auf einem flachen Plateau an einem Steilufer des Euphrattales errichtet, so dass Dura Europos etwas oberhalb des Flusses lag. Im Norden und Süden gab es tiefe Schluchten, die der Stadt auf dem Plateau natürliche Grenzen und Schutz boten. Nur zum Westen hin öffnete sich die Stadt zur Wüste. Innerhalb des Stadtgebietes gab es einige Schluchten und Wadis. Diese trennten das eigentliche Stadtgebiet von der Zitadelle und der Akropolis. Zu den Schluchten hin fiel das Plateau etwas ab. Die Straßen wurden hier teilweise durch Stufen weitergeführt. Die ganze Stadt war von einer Mauer umgeben, die an der Westseite besonders ausgebaut war, während die anderen Seiten durch die Schluchten und das Ufer leichter zu verteidigen waren. Als vor dem letzten Angriff der Sassaniden die Stadtmauer verstärkt wurde, geschah dies folgerichtig hauptsächlich an der Westseite.
Während das Euphrattal fruchtbar ist und viel Ackerland bietet, lag die eigentliche Stadt in der Wüste.
Geschichte mini|Reste der Zitadelle Dura, Duru, Dur, Der oder Dor ist ein häufiger Ortsname in der babylonischen und assyrischen Welt und mag auf eine vorhellenistische Siedlung hinweisen. Es gibt einige spätbabylonische Siegelfunde und eine Keilschrifttafel aus der Stadt, die sich verbaut in der Mauer des Tempels des Atargatis fand und einen Ort Da-wa-ra nennt.Baird: Dura-Europos, S. 18 Architektonische Zeugnisse aus vorhellenistischer Zeit fehlen jedoch bisher. Die ersten Siedler in hellenistischer Zeit waren wahrscheinlich altgediente makedonische Veteranen, die Kleruchoi, die hier ein Stück Land zum Dank für ihre Dienste erhalten hatten. Als eigentlicher Gründer wird bei Isidoros von CharaxParthische Stationen ein gewisser Nikanor genannt. Zwei bedeutende Personen mit diesem Namen sind aus der Zeit um 300 v. Chr., als die Stadt gegründet wurde, bekannt. Ein gewisser Nikanor ist als Satrap von Kappadokien bezeugt, er wurde 311 v. Chr. in einer Schlacht von König Seleukos I. besiegt. Ein anderer Nikanor war Neffe von Seleukos I. und war Statthalter von Mesopotamien. Er gründete die Stadt Antiochia in Arabien. Vielleicht handelt es sich bei Nikanor auch um Seleukos I. Nikator, demnach ist die Referenz bei Isidoros von Charax von Nikanor zu Nikator zu verbessern. In der Tat gibt es in der Stadt ein Relief, das Seleukos I. als Stadtgründer zeigt.Paul J. Kosmin, in: Brody, Hoffman (Hrsg.): Dura Europos. S. 95–97.
Die Gründung bekam zunächst den Namen Europos, wohl nach dem Heimatort von Seleukos I. Die zunächst kleine Stadt erhielt eine stark befestigte Zitadelle. Unter Antiochos I. wurden hier sogar für kurze Zeit Münzen geprägt.Paul J. Kosmin, in: Brody, Hoffman (Hrsg.): Dura Europos. S. 101. Später wurde der Ort erheblich erweitert und erhielt nach dem altbewährten Schema des griechischen Baumeisters Hippodamos ein rechtwinkliges Straßennetz mit 37 × 70 m großen Häuserblöcken. Obwohl sie gut befestigt war, konnten die Parther die Stadt um 114 v. Chr. erobern. In parthischer Zeit erhielt sie erneut den eventuell alten Namen Dura. Die Namensverbindung Dura Europos ist dagegen modern und in den antiken Quellen nicht belegt. Die Stadt wurde auch Sitz einer Militäreinheit. Obwohl die Stadt nun parthisch war, lebten griechische Traditionen weiter. Vor allem die Oberschicht war zunächst weiterhin hellenistisch, und sogar der Kult seleukidischer Könige wurde weitergeführt.
mini|Stadttor
Die Stadt erlebte vor allem im ersten und zweiten nachchristlichen Jahrhundert ihre Blütezeit. Das ganze Stadtgebiet innerhalb der Mauern wurde nun vollkommen besiedelt. Dura Europos verlor den militärischen Charakter. Die reichen Bürger errichteten oder erweiterten die zahlreichen Tempel und schmückten sie mit Statuen und Malereien aus. Diese Tempelbauten belegen einen ansehnlichen Wohlstand der Bewohner. Die Bevölkerung bestand dabei aus einer Mischung, die sich aus einer kleinen griechischen Oberschicht, die im Laufe der Zeit parthische Sitten annahm, aus einer syrischen Bevölkerungsmehrheit und zahlreichen anderen ethnischen und sprachlichen Gruppen, darunter zahlreiche Juden, zusammensetzte. Wirtschaftlich war die Stadt eng mit dem römischen Reich verbunden. Vor allem römische Münzen dominierten gegenüber parthischen Prägungen. Kulturell war die Stadt jedoch eher parthisch geprägt.
mini|Ruinen des Praetoriums
Als Grenzstadt zwischen Rom und den Parthern wechselte sie im Laufe der Römisch-Persischen Kriege wiederholt den Besitzer und war von großer administrativer und ökonomischer Bedeutung für die Region. Um 115 wurde sie von Trajan erobert, fiel aber kurze Zeit darauf, offenbar noch vor dem Tod des Kaisers, wieder an die Parther, um dann kurz nach 165 wieder an die Römer zu gelangen, die den Ort zunächst aber wohl nur indirekt kontrollierten. Dura wurde dann um 200 unter Kaiser Septimius Severus in die neue Provinz Mesopotamia bzw. Syria Koile eingegliedert. Unter den Römern wurde im Norden der Stadt ein Militärlager eingerichtet, zu dem ein Praetorium gehörte. Hier waren die Cohors XX Palmyrenorum stationiert und die Cohors II Ulpia equitata stationiert. Seit etwa 210 waren auch vereinzelte Abteilungen der Legio IIII Scythica und der Legio XVI Flavia Firma in der Stadt anwesend.James: The Roman Military Base at Dura-Europos, Syria, 241–250 Zu diesem Zweck wurden große Teile der Wohnstadt umgebaut und von einer Mauer umgeben. In der römischen Zeit erlebte der Ort wirtschaftlich offenbar eine gewisse Stagnation. Es wurden keine neuen, großen Tempel errichtet, während die meisten Neubauten militärischen Charakter hatten. Darunter befanden sich allerdings ein kleines Amphitheater und mehrere Thermen, die zum Teil mit Mosaiken dekoriert waren und aus gebrannten Ziegel errichtet wurden. Beides ist sonst nicht in der Stadt bezeugt.
Vielleicht um das Jahr 253Diese erste sassanidische Eroberung ist umstritten; vgl. den Eintrag in der Encyclopædia Iranica. wurde die Stadt kurz von den Sassaniden erobert, fiel dann aber wieder an die Römer. Die Stadt erhielt zu einem unbekannten Zeitpunkt vor 254 n. Chr. den Status einer Kolonie (colonia). Dieser Titel ist in einer Inschrift aus diesem Jahr bezeugt.Baird: The Inner Lives of Ancient Houses, S. 23 Wahrscheinlich verließ in dieser Zeit die Zivilbevölkerung den Ort. Um 256/7 n. Chr. wurde die Stadt dann aber endgültig von den persischen Sassaniden erobert (zu den Hintergründen vgl. Eroberung von Dura Europos, Römisch-Persische Kriege). Diese hatten das Erbe der Parther angetreten. Die Kämpfe lassen sich archäologisch gut nachvollziehen, da unter anderem die persischen Angriffstunnel und die römischen Gegengräben erhalten sind. Der Zeitpunkt der Eroberung wird aus Münzfunden erschlossen. Aus der Stadt stammt keine Prägung aus den Jahren nach 257 n. Chr.Baird: The Inner Lives of Ancient Houses, S. 26 In literarischen Quellen wird das Ereignis nicht genannt. Im Jahr 273 wurde Dura endgültig verlassen, anscheinend weil der Euphrat seinen Lauf geändert hatte.
In parthischer Zeit wurde Dura Europos von einem Strategos, dem die zivile und militärische Verwaltung unterstand, verwaltet. Es handelt sich zwar um ein griechisches Amt, es ist jedoch noch nicht für die seleukidische Periode bezeugt. Das Amt des Strategos’ scheint über lange Zeit in der Hand einer Familie gelegen zu haben. Die bezeugten Amtsinhaber sind Seleukos (ca. 33/32 v. Chr.), Seleukos, Sohn des Lysias (ca. 51/52 n. Chr.), Seleukos, Sohn des Lysanias (ca. 135/136 n. Chr.), Lysisas (gestorben im Jahr 159 n. Chr.) und Lysias, der Nachfolger des Letzteren.Sommer: Roms orientalische Steppengrenze. S. 298. Um 121 n. Chr. amtierte ein gewisser Manesos, der nicht aus der Familie des Seleukos stammte und vielleicht von der parthischen Zentralverwaltung eingesetzt wurde, nachdem die Stadt und ganz Mesopotamien von den Römern erobert worden waren. Um 135/136 n. Chr. sind wieder Mitglieder der Seleukosfamilie im Amt belegt.Sommer: Roms orientalische Steppengrenze. S. 299–300. Das Amt wurde auch unter römischer Herrschaft weitergeführt. Drei Amtsinhaber sind bezeugt: Seleukos (169/170 n. Chr.), Heliodoros (ca. 180 n. Chr.) und Septimius Lusias (ca. 200 n. Chr.).Sommer: Roms orientalische Steppengrenze. S. 306. Im 3. Jahrhundert ist in der Stadt eine Bule, eine Stadtversammlung, bezeugt.Baird: Dura-Europos, 30
In römischer Zeit hatte nach Ansicht vieler Forscher der Dux Ripae seinen Sitz in Dura Europos.Die Existenz eines solchen Amtes wurde jüngst allerdings vehement bestritten; vgl. Peter Edwell: Between Rome and Persia. London 2008, S. 128 ff. Ihm unterstand wohl die Verteidigung der Grenze zu Syrien, aber auch die Verwaltung der Stadt in römischer Zeit, da für diese Periode sonst keine Beamten belegt sind, die dieser Aufgabe entsprochen haben könnten.
Bewohner, Sprachen und Texte Eine große Zahl an Sprachen ist in den Inschriften und Texten aus der Stadt bezeugt. Das lässt vermuten, dass die Bewohner der Stadt aus unterschiedlichen Regionen stammen. Allerdings kann man nicht einfach aufgrund von im Schriftverkehr verwendeter Sprachen auf ethnische Zugehörigkeiten schließen. Folgende Sprachen sind in der Stadt bisher belegt: Griechisch, Latein, Hebräisch, verschiedene aramäische Dialekte (Palmyrisch, Hatranisch, Syrisch, Jüdisch-Mittelaramäisch), Safaitisch, Parthisch und Mittelpersisch.