Die Bezeichnung Braunschweiger Schule wird als Kennzeichnung für die Architekturlehre an der Technischen Hochschule Braunschweig in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg verwendet. Es handelt sich um eine epocheprägende Lehre an einer Architekturhochschule, die mit der Bezeichnung als SchuleKatja Bernhardt: „Schule“ – ein überholter Ordnungsbegriff mit Potenzial. In: Klaus Jan Philipp, Kerstin Renz (Hrsg.): Architekturschulen – Programm, Pragmatik, Propaganda. Wasmuth, Tübingen 2012, ISBN 978-3-8030-0750-6, S. 29–37. architekturgeschichtlich in einer Reihe steht mit der Hannoverschen Schule des späten 19. Jahrhunderts oder der Stuttgarter Schule des frühen 20. Jahrhunderts. Mit dieser Art von Positionierung durch „Triangulation“ erweist sich bereits „...jener seltsam diffuse Schulbegriff... als Konstruktion komplexer Begründungsmuster“Architekturschulen – Programm, Programmatik, Propaganda. Buchbesprechung von Gernot Weckherlin In: Bauwelt. 37, 2013, abgerufen am 13. Dezember 2022. mit deren Hilfe man immerhin – nach außen – die Charakteristika einer Ausbildungsinstitution in einer Zeit X sichtbar machen kann, die definitorisch nicht für einen eineindeutigen Schulbegriff ausreichen.
Erstmals publiziert wurde der Begriff Braunschweiger Schule 1961 von Ulrich Conrads, der als Chefredakteur der Bauwelt davon schrieb „daß ganz in der Stille so etwas wie eine ‚Braunschweiger Schule‘ Umriß gewinnt“, die „zwischen Bensberg und Kiel bescheidene und bescheidenste Bauten von ganz besonderer Qualität“Ulrich Conrads: Lehrstühle und Leerstühle. Eine Randnotiz zu den Bauten in diesem Heft und zu einigem anderen mehr. In: Bauwelt. 11/1961, S. 305. Ullstein, Berlin 1961. hervorbringt. mini|hochkant=1.8|Altes Hauptgebäude der Technischen Universität Braunschweig (2018)
Die Technische Hochschule Braunschweig
Die Technische Hochschule Braunschweig geht auf das 1745 in Braunschweig gegründete Collegium Carolinum zurück und wurde 1878 in Herzogliche Technische Hochschule Carolo-Wilhelmina umbenannt. Die dortige Architekturlehre besaß bereits seit dem späten 19. Jahrhundert durch Professoren wie Ludwig Winter, Constantin Uhde, Georg Lübke und Carl Mühlenpfordt überregionales Renommee. 1968 erhielt die Hochschule ihren heutigen Namen Technische Universität Carolo-Wilhelmina und feierte 2020 ihr 275-jähriges Bestehen.
Zeitliche und personelle Definition Bei „Braunschweiger Schule“ handelt es sich nicht um einen offiziellen Begriff, sondern um eine verbale Annäherung für die Wirkung der Braunschweiger Architekturlehre in der Nachkriegszeit. „Die erste schriftliche Quelle für den Begriff, sie stammt aus dem März 1954, hat Karin Wilhelm ausfindig gemacht in einem Brief der Fachschaft Architektur an Friedrich Wilhelm Kraemer“. Kraemer hatte einen Ruf an die TU Berlin erhalten und sollte zum Bleiben bewegt werden. Es habe sich unter seiner „Führung eine geistige Gemeinschaft gebildet, die unter dem Namen ,Braunschweiger Schule' in der deutschen Fachwelt zu einem festen Begriff geworden ist“. Damit war mehr die Haltung als ein Stil gemeint.
Zeitlich einzugrenzen ist sie etwa von 1946 bis in die frühen 1980er Jahre. Besonderes „Stilmerkmal“ ist die starke Verbindung von ihrem Wirkungszeitraum – der Nachkriegszeit – mit den Lehrinhalten als auch prägnanten Lehrerpersönlichkeiten, von denen keiner den Begriff 'Braunschweiger Schule' je verwendet hat. Personell prägend waren hauptsächlich die Professoren Friedrich Wilhelm Kraemer, Dieter Oesterlen und Walter Henn. Sie bildeten eine Art „Triumvirat der Architekturlehre“ in Braunschweig. Daneben gehörten auch Lehrer wie Johannes Göderitz, Konrad Hecht und Zdenko Strizic dazu.
Kraemer übernahm 1946 die Professur für Gebäudelehre und Entwerfen, den Haupt-Entwurfslehrstuhl (A) an der TH Braunschweig. Er gilt damit als Begründer der Braunschweiger Schule und setzte sich für die Berufung von Dieter Oesterlen ein, der 1952 einen zweiten Entwurfslehrstuhl (B) übernahm, sowie von Walter Henn, der 1953 aus Dresden als Professor für Baukonstruktion und Industriebau berufen wurde. Ein Absolvent dieser Schule, „die natürlich, wie fast jede andere Schule, keine solche sein wollte“, beschreibt das „Triumvirat“ so: „Konnte man... Oesterlen als den Poeten sehen und Kraemer als den (viel beschäftigten) Rationalisten, so war Walter Henn, der den Lehrstuhl für Industriebau innehatte, unbestreitbar der Konstrukteur“. In deren Bauten auf dem Campus "begegnete einem der Geist einer rationalen, poetisch-strengen Spätmoderne, die mit wunderbaren Details, großen Glasflächen und bestens proportionierten Baukörpern den Anspruch der „Schule“ bis in die Architektur„schule“ getragen haben".Braunschweiger Industriebau-Schule. Zum Tode von Walter Henn – mit Kommentar, Benedikt Hotze, BauNetz Meldung Online, 29. August 2006, abgerufen am 13. Dezember 2022.
Ihre größte Wirkung entfaltete die Schule in den 1950er und 1960er Jahren. Kristiana HartmannKristiana Hartmann – Biografie. Webseite ohne Datum, abgerufen am 11. Dezember 2022. von 1980 bis 2002, Professorin für Architektur- und Stadtbaugeschichte „hat dies rückblickend als einen ‚undogmatischen Funktionalismus‘ beschrieben, als besondere Ausprägung einer am International Style geschulten, reduzierten und sachlichen Ästhetik, mit der aber auch emotionale, soziale und humanitäre Motive verbunden wurden“.Braunschweiger Schule. In: „Findbuch“ GTAS, TU Braunschweig, abgerufen am 9. Dezember 2022.
Die Emeritierungen Kraemers 1974 und Oesterlens 1976 fallen zusammen mit der beginnenden Kritik an funktionalistischen Planungen und „Zweckbauten“, deren formale Armut und Unwirtlichkeit beklagt werden. Mit Henns Ausscheiden im Jahr 1982 zerfiel die stark personengebundene Braunschweiger Schule, wogegen sich ihr Ruf für die fundierte Architekturausbildung im Zusammenspiel von Gestaltung, Funktionalität und Konstruktion bis heute erhalten hat.Findbuch Braunschweiger Schule. BauNetz Woche#486, 6. April 2017, abgerufen am 13. Dezember 2022. Hinweis: Beim Anklicken der (Flughafen)-Grafik aktiviert man ein Download, und kann auf der (großen) Seite "Diese Woche" beim Anklicken auf die Zeile:6 Findbuch Braunschweiger Schule - Diplom- und Masterarbeiten Architektur 1945–2017 die 24 Seiten mit Text und Fotos zur Ausstellung öffnen.
Das Kollegium der Braunschweiger Schule mini|Luftbild der zerstörten Technischen Hochschule, "Trolley Mission", 392nd Bomb Group, USAAF (Mai 1945) Die frühen Nachkriegsjahre An der TH Braunschweig wurde schon am 12. November 1945, als erster deutscher Hochschule, der Lehrbetrieb wieder aufgenommen. Der Beginn der Braunschweiger Schule wurde durch den Eintritt von Friedrich Wilhelm Kraemer in das Kollegium markiert, den man im Januar 1946 als Professor für Gebäudelehre und Entwerfen berief. Weitgehend zeitgleich traten auch Johannes Göderitz als Honorarprofessor für Städtebau und Kurt Edzard als Professor für Modellieren und Aktzeichnen in die Lehre ein und 1948 folgte Robert Schniete als Professor für Hochbaustatik.
Neben Kraemer vertrat Julius Petersen als Professor für Baukonstruktion und Gebäudekunde die Entwurfslehre. Petersen, der sich vor allem im Bereich der Bauernhausforschung einen Namen gemacht hatte, war 1934 an die Braunschweiger Fakultät für Bauwesen berufen worden. Daneben waren auch die Architekten Herman Flesche, seit 1924 als Professor für Bau- und Kunstgeschichte in der Lehre tätig, und Daniel Thulesius, der bereits seit 1918 das Fach Architekturzeichnen und Raumkunst vertrat, wichtige Mitglieder der frühen Braunschweiger Schule. Vervollständigt wurde das Kollegium durch den Bauingenieur Theodor Kristen, der seit 1937 als Professor für Baustoffkunde und Stahlbetonbau an der Fakultät für Bauwesen lehrte.
Die Kernphase der Braunschweiger Schule
Mit den Berufungen des Hannoveraner Architekten Dieter Oesterlen 1952 als zweitem Entwurfsprofessor (Lehrstuhl B) sowie des Dresdner Architekten Walter Henn 1953 als Nachfolger von Petersen auf dem Lehrstuhl für Baukonstruktion und Industriebau setzte die Kernphase der Braunschweiger Schule ein, die sich in einer Zeit des Aufschwungs während des Wirtschaftswunders entfaltete. Kraemer war an beiden Berufungen maßgeblich beteiligt.
Das Kollegium, das bis dahin in Teilen noch mit Professoren besetzt war, die noch zur Zeit der Reformbestrebungen während der Weimarer Republik unter dem damaligen Dekan der Architekturabteilung Carl Mühlenpfordt oder den frühen Jahren des Dritten Reichs berufen worden waren, erneuerte sich ab Mitte der 1950er Jahre personell. 1956 übernahm Konrad Hecht den Lehrstuhl für Bau- und Kunstgeschichte als Nachfolger von Flesche. Mit Klaus Pieper als Professor für Hochbaustatik, Karl Kordina als Professor für Baustoffkunde und Heinz Röcke als Professor für Architekturzeichnen und Raumgestaltung traten 1959 drei neue Lehrkräfte in das Kollegium ein. 1961 folgt die Nachbesetzung von Edzards Lehrstuhl mit Jürgen Weber und 1962 wurde Göderitz’ bisherige Honorarprofessur mit der Nachbesetzung durch Herbert Jensen als ordentlicher Lehrstuhl für Städtebau, Wohnungswesen und Landesplanung an der Fakultät konsolidiert.
Aufgrund stark wachsender Studentenzahlen wurden in dieser Phase zudem drei neue Professuren eingerichtet. Der Braunschweiger Kirchenbaurat Friedrich Berndt wurde 1953 als Honorarprofessor für Baukonstruktion und Technischen Ausbau berufen, der an der Braunschweiger Schule vor allem aber das Entwurfsthema des Kirchenbaus prägte. Ein weiterer Lehrstuhl für Baukonstruktionslehre wurde 1959 mit Justus Herrenberger besetzt, der selber erst 1947 sein Diplom an der Braunschweiger Schule abgelegt hatte. 1962 folgte schließlich der kroatische Architekt Zdenko StrizicZdenko Strizic, Sammlung für Architektur und Ingenieurbau der TU Braunschweig (SAIB), abgerufen am 20. Dezember 2022., der zuvor als Bemis Visiting Professor of Architecture am MIT unterrichtet hatte, auf einen neu geschaffenen, dritten Entwurfslehrstuhl (C). Strizic war ein früher Mitarbeiter von Hans Poelzig und Preisträger des „1-b Awards“ beim internationalen Wettbewerb für das Charkiwer Theater.Ein Theater, das nie in Charkiw gebaut wurde – Wettbewerb für das Theater der musikalischen Massenaktion für 4000 Zuschauer, In: Webseite zur Erforschung des architektonischen Avantgarde-Erbes von Charkiw (1920er – 1930er Jahre), abgerufen am 11. Dezember 2022 (englisch).Zdenko Strižić — Projekt für das Theater in Charkiw (1930). In: Peristil: Scholarly Journal of Art History. Band 40 Nr. 1, 1997, abgerufen am 10. Dezember 2022 (englisch).
Die Jahre des Umbruchs
Das Kollegium der Braunschweiger Schule erlebte in dieser in den 1950er Jahren etablierten Besetzung eine weitgehende Kontinuität, die bis zu den Emeritierungen von Kraemer 1974 und Oesterlen 1976 andauerte. Doch schon zuvor, unter den Vorzeichen der gesellschaftlichen Umbrüche der späten 1960er Jahre, hatte die Spätphase dieser Architekturschule begonnen. Zu kleineren personellen Veränderungen kam es ab 1965, als Berthold Gockell die Nachfolge von Berndt als Professor für Technischen Ausbau antrat, und 1968, als Gallus RehmTUM Universitätsstiftung trauert um Ehrensenator Prof. Dr.-Ing. Drs. h.c. Gallus Rehm. Meldung der TUM Universitätsstiftung vom 4. September 2020, abgerufen am 12. Dezember 2022. den Lehrstuhl und das Institut für Baustoffkunde und Stahlbetonbau von Kordina übernahm, der auf den Lehrstuhl für Massivbau überwechselte. 1970 folgte dann Hansmartin Bruckmann als neuer Professor für Städtebau für den 1968 verstorbenen Jensen.