Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (KSD) ist ein erstmals 1942 veröffentlichtes Werk von Joseph Schumpeter und ist unter seinen Publikationen die erfolgreichste. Kernaussage von Schumpeter in KSD ist, dass der Kapitalismus trotz seiner Errungenschaften in einen Sozialismus münden wird. Zur Argumentation zieht Schumpeter neben ökonomischen Argumenten vor allem historische, sozialpsychologische und politische Überlegungen heran. Schumpeter würdigt in KSD zwar die historischen Erfolge des Kapitalismus. Dennoch werde der Kapitalismus eines Tages zugrunde gehen, und zwar nicht aufgrund wirtschaftlicher Fehlschläge und auch nicht infolge einer gewaltsamen Revolution, wie Karl Marx es angenommen hat, sondern paradoxerweise aufgrund seiner Erfolge, die die Bedingungen für sein Ende schaffen. Denn die von Schumpeter mit dem Begriff der schöpferischen Zerstörung beschriebenen Innovationen und Dynamiken revolutionieren ohne Unterlass die gesellschaftlichen Verhältnisse, torpedieren damit die einst zentrale Stellung und Funktion des Unternehmers, lassen soziale Bindungen erodieren, führen zur Trennung der Wirtschaftsstrukturen von den Interessen der Agierenden in den Großunternehmen sowie der Intellektuellenschicht und führen zur Auflösung der herkömmlichen Werteordnungen. Daher werde das kapitalistische System übergehen in einen Sozialismus, zu dem er im Zusammenhang zur Frage der Demokratie eine eigene Vorstellung von Konkurrenzdemokratie entwickelt.
Zur Entstehungsgeschichte „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ (KSD) entstand nach der Zeit einer schon 30-jährigen Schaffensperiode, so dass viele Erkenntnisse Schumpeters aus seinen Publikationen in KSD einflossen. Er selbst bezeichnet KSD als Ergebnis seiner „Bemühungen, die Summe einer beinahe vierzigjährigen Gedankenarbeit, Beobachtung und Forschung über das Thema des Sozialismus in eine lesbare Form zu gießen.“Schumpeter, Joseph A. (2020): Vorwort Schumpeters zur Ersten amerikanischen Auflage 1942. In: Schumpeter, Joseph A.: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. Mit einer Einführung von Heinz D. Kurz. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag, S. 537–539; darin S. 537. KSD sollte ursprünglich ein eher populäres Buch und ein schmaler Band werden. Es wuchs aber auf über 400 Seiten an und entstand in mehreren Phasen: Im Juni 1934 beschloss Schumpeter, sich mit Sozialismus zu beschäftigen. Kapitel 14 „Zersetzung“ (der kapitalistischen Gesellschaft) schrieb er 1935, Kapitel 19 „Übergang“ (vom Kapitalismus zum Sozialismus) schrieb er 1938.Kurz, Heinz D. (2020): Kapitalismus Sozialismus und Demokratie: Schumpeters Entwurf einer histoire raisonnée der Moderne. In: Wirtschaft und Gesellschaft, 46 (4), S. 559–608; darin S. 560. Der gesamte Teil 2 („Kann der Kapitalismus weiterleben?“) entstand aus einem Vortrag, den er am 18. Januar 1936 dazu hielt.Schumpeter, Joseph A. (2020): Vorwort Schumpeters zur Ersten amerikanischen Auflage 1942. In: Schumpeter, Joseph A.: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. Mit einer Einführung von Heinz D. Kurz. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag, S. 537–539; darin S. 539. Auch weitere Vorträge von Schumpeter stehen im Zusammenhang mit KSD.siehe: Hedcke, Ulrich (2020): Im Umfeld von Capitalism, Socialism & Democracy. Schumpeter-Archiv. URL: https://www.schumpeter.info/schriften/Edition%20Umfeld.pdf Den größten Teil schrieb er zwischen 1938 und 1941. Ab der zweiten englischen Ausgabe wurde das Kapitel „Die Folgen des Zweiten Weltkriegs“ (1946) angefügt. In der deutschsprachigen Ausgabe von 2020 befindet sich zudem das nicht ganz beendete verschriftlichte Redemanuskript „Der Marsch in den Sozialismus“, dessen Niederschrift Schumpeter im Januar 1950 fast beendet hatte.
Inhalt „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ ist ursprünglich ein englisch geschriebenes Buch mit fünf Teilen, von denen aber in der deutschen Fassung lange Zeit (ab der ersten deutschsprachigen Ausgabe 1946 bis zur neunten Ausgabe 2018) nur vier Teile publiziert wurden (siehe auch zur Publikationsgeschichte). Diese fünf Teile lauten in ihrer Vollständigkeitenthalten in: Schumpeter, Joseph A. (2020): Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. Hrsg. von Heinz. D. Kurz. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag Tübingen.:
Teil: Die marxsche Lehre Teil: Kann der Kapitalismus weiterleben? Teil: Kann der Sozialismus funktionieren? Teil: Sozialismus und Demokratie Teil: Eine historische Skizze der sozialistischen Parteien Bis zur deutschen Ausgabe 2020 fehlte in den Ausgaben also der fünfte Teil zur historischen Skizze der sozialistischen Parteien.
Zu Teil 1: Die marxsche Lehre Joseph A. Schumpeter beginnt seine Publikation, wie aus den Teilüberschriften ersichtlich, mit einer Analyse der Auffassungen, die er von Marx vertreten sieht. Dabei bezieht sich Schumpeter unübersehbar auf Karl Marx als Person und hier in den Rollen: 1. „Marx der Prophet“, 2. „Marx der Soziologe“, 3. „Marx der Nationalökonom“ und 4. „Marx der Lehrer“. Entsprechend ist auch der Teil 1 in diese gleichlautenden Kapitel untergliedert. Die personenbezogene Herangehensweise von Schumpeter findet sich insbesondere auch in seiner Geschichte der ökonomischen Analyse: Kritiken werden sehr leidenschaftlich vorgebracht und dabei direkt an die jeweiligen Personen adressiert.Holub, Hans Werner (2011): Joseph Alois Schumpeter (1883–1950). In: Holub, Hans Werner (Hg.): Eine Einführung in die Geschichte des ökonomischen Denkens, Band V. Wien: LIT-Verlag, S. 46–91; darin S. 80ff. Ebenso wird die Frage nach den Ursachen für den Erfolg dieser Personen gestellt.siehe dazu auch in: Beinsen, Lutz (1984): Schumpeter as an Historian of Economic Doctrine. In: Seidl, Christian (Hg.): Lectures on Schumpeterian Economics. Berlin/Heidelberg/New York/Tokio: Springer-Verlag, S. 173–186. Dies wird auch in dem Kapitel „Die marxsche Lehre“ deutlich, in der Schumpeter den Erfolg dieser Lehre hinterfragt.
Nachstehend werden die Kerninhalte zu Teil 1 sowie anschließend zu den weiteren Teilen so nah wie möglich am Text wiedergegeben und nur bei auffälligen Anlässen wie Analogien, Widersprüchlichkeiten u. ä. kurz kommentiert. Alle Zitationen mit Seitenangaben sind der Ausgabe von 2020Schumpeter, Joseph A. (2020): Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. Mit einer Einführung von Heinz D. Kurz. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag. entnommen.
„Marx der Prophet“ In „Marx der Prophet“ ist die Kernaussage von Schumpeter, dass sich der Erfolg des Marxismus vordergründig nur dadurch erklären lasse, dass dieser eine Religion sei. Folglich lasse sich auch der Erfolg von Marx nicht auf seine „rein wissenschaftliche Leistung“ (S. 5) begründen, sondern er sei ein „Prophet“ gewesen, der es verstand, „im Kleid des Analytikers zu predigen und mit einem Blick auf die Bedürfnisse des Herzens zu analysieren.“ (S. 7) Weiter behauptet Schumpeter: Indem Marx dabei „den Massen sein eigenes Schlagwort des ‚Klassenbewusstsein‘ unterschob, hat er ohne Zweifel die wahre Psychologie des Arbeiters verfälscht […].“ (S. 7) Zu diesem Resümee kommt Schumpeter, indem er die seiner Ansicht nach „wahre“ Psychologie des Arbeiters offenlegt. Zu dieser ist er überzeugt, dass sie „in dem Wunsche gipfelt, ein kleiner Bourgeois zu werden und in diesen Stand durch politische Gewalt zu gelangen.“ (S. 7)
Solch Ansicht gibt eher Aufschluss über das Menschenbild von Schumpeter als über die Psyche eines Arbeiters. Weitere ähnliche Ansichten dazu werden nachstehend nicht mehr kommentiert, aber als elitäres Denken Schumpeters in der Wissenschaft diskutiert.Zum elitären Denken Schumpeter's wird einerseits auf Friedrich von Wieser verwiesen, bei dem Schumpeter studierte und der in Wien zu Eliten und Massen lehrte, siehe in: Kurz, Heinz D. (2020): Kapitalismus Sozialismus und Demokratie: Schumpeters Entwurf einer histoire raisonnée der Moderne. In: Wirtschaft und Gesellschaft, 46 (4), S. 559–608; darin S. 564. Ebenso verwiesen wird auf die Herkunft von Schumpeter aus der alten Donau-Monarchie in Wien. Schumpeter selbst bezeichnete sich als „konservativ“ – siehe hier in: Swedberg, Richard (1994): Joseph A. Schumpeter. Eine Biographie. Stuttgart: Verlag Klett-Cotta; darin S. 200–202.
„Marx der Soziologe“ Um „Marx der Soziologe“ zu würdigen, heißt es von Schumpeter, müsse man sich „Marxens Philosophie […] am besten sogleich ein für allemal entledigen.“ (S. 9) Dann würden die „wissenschaftlichen Fähigkeiten“ von Marx freigelegt und man könne erkennen, dass dieser trotz seines Hegelianismus nicht „die positive Wissenschaft an die Metaphysik verraten“ habe. (S. 10) Ausgehend von dem zu jener Zeit üblichen dichotomen positiven versus normativen Denkens erklärte Schumpeter dabei Marx zum Positivisten, da das Argumentieren von Marx auf „sozialen Tatsachen“ beruhe. Da sich positives versus normatives Denken als Grundposition nach Schumpeter ausschließen und er sich versichern will, dass Karl Marx als Soziologe „Positivist“ war, behauptete er damit gleichzeitig, dass sich die marxsche Philosophie darin erschöpfen würde, nur „Hegelsche Ausdrucksweise zu gebrauchen.“ (S. 10)
„Marx der Nationalökonom“
Dem „Marx als Nationalökonom“ bescheinigt Schumpeter ähnlich wie dem „Marx als Soziologe“, ein „Genie“ zu sein, der „Originalität“ habe und dem es gelang, eine Theorie zu errichten, die „ihrer Natur und ihrer Absicht nach wahrhaft wissenschaftlich war, was auch immer ihre Mängel gewesen sein mögen.“ (S. 25) Diese Mängel werden dann von Schumpeter ausgehend von der Grenznutzenlehre, die er vertritt, behandelt. Von dieser kommend und mit der in ihr vertretenen Unterscheidung in drei „Reichtumsquellen“ (Kapital, Boden, Arbeit) kritisiert Schumpeter 1) die marxsche Arbeitswerttheorie, nach der der Wert einer Ware „proportional zu der in der Ware enthaltenen Arbeit ist“ (S. 29). Damit würden sowohl Kapital als auch Boden nicht berücksichtigt und dies hieße: „In den Bahnen der Arbeitswerttheorie zu argumentieren bedeutet deshalb, von einem ganz speziellen Falle ohne praktische Bedeutung aus argumentieren.“ (S. 29)
Deutlicher findet sich dieses Argument später von Horst C. Recktenwald im Vorwort zu Adam Smiths Reichtum der Nationen: „Unverständlich bleibt nur, wie man mit der Forderung nach praktischer Anwendung der Arbeitswerttheorie hochentwickelte Industrienationen auf die Stufe eines primitiven Jägervolkes zurückversetzen will, indem man den Wert einer Ware nur in dem Beitrag der Arbeit sieht und die beiden anderen Produktionsfaktoren unvergütet lässt.“in: Recktenwald, H. C. (1779/1978): Vorwort. In: Smith, Adam: Der Reichtum der Nationen. Deutscher Taschenbuch Verlag München, IX-LXXIX; darin S. LV. Aus der Sicht von drei „Reichtumsquellen“ (Kapital, Boden, Arbeit) scheint die Kritik von Schumpeter berechtigt. Allerdings ist eingesetztes Kapital nichts anderes als „vorgeleistete Arbeit“siehe hier z. B. in: Adolf Weber: Banken, Geld und Währung, in: Issing, Ottmar (1977): Adolf Weber zum hundertsten Geburtstag. Berlin: Duncker & Humblot, S. 159–256; darin: S. 183. und selbstverständlich sind eingesetzte Produktionsmittel in der marxschen Theorie Bestandteil der Reichtumsentstehung. Aber in diese vorgeleistete Arbeit wird genauso investiert wie in die geleistete Arbeit (was Schumpeter an anderer Stelle auch explizit selbst ausformuliert mit: Da das „Nicht-Lohn-Kapital auf das Produkt nicht mehr Wert überträgt, als es bei seiner Produktion verliert“ (S. 35)) und da also in dieses Kapital schon investiert wurde, bedeutet das also erstens nicht, dass mit einer Arbeitswerttheorie nur eine kapitallose Produktion behandelt werden kann, und zweitens wird in der Arbeitswerttheorie berücksichtigt, dass die Investitionen in das Kapital schon geleistet wurden, wodurch dieses als Verursachung von Mehrwert ausgeschlossen werden muss.