mini|Video: Die ersten Zahlungsmittel Gruppe5, 2020 (0:45 Minuten)

Primitivgeld oder traditionelles oder vormünzliches Zahlungsmittel bezeichnet Zahlungsmittel, die nicht als Münzen geformt werden („vormünzlich“) und neben ihrem Tauschwert oft einen (symbolischen) Gebrauchswert haben, sich also wie andere Waren konsumieren lassen.Museum der Belgischen Nationalbank: Vormünzliche Zahlungsmittel. In: nbbmuseum.be. 2020, abgerufen am 13. November 2020. Solche ursprüngliche Formen des Geldes und Vorläufer des Münzgeldes gingen der Entwicklung der modernen Geldformen voraus, wurden in allen Regionen der Erde verwendet und dienen vereinzelt auch heute noch als Geldersatz; in wenigen Fällen gelten sie als offizielle Komplementärwährung.

Weil die Bezeichnung Primitivgeld eine abwertende Nebenbedeutung enthält (vergleiche Primitivität), werden oft andere Bezeichnungen bevorzugt, etwa WarengeldDeutsche Bundesbank: Geld und Geldpolitik. Frankfurt am Main 2019, S. 11–12 (Schülerbuch für die Sekundarstufe II; Downloadseite). oder genauere Bezeichnungen wie Muschelgeld. Eine Publikation der Staatlichen Münzsammlung München verwendet die Bezeichnung Primärgeld als ein Synonym für vormünzliche Zahlungsmittel.Günter Kuhn, Bernhard Rabus: Geld ist, was gilt. Primärgeld: Vormünzliche Zahlungsmittel aus aller Welt. Staatliche Münzsammlung, München 2009, ISBN 3-922840-24-8, S. 1. Eine Ausstellung im Völkerkundemuseum der Universität Zürich im Jahr 2000 wählte die Bezeichnung exotische Währungen.Völkerkundemuseum der Universität Zürich: Exotische Währungen. In: musethno.uzh.ch. 2000, abgerufen am 13. November 2020 (Ausstellung 16. Januar bis 12. November 2000; ).Franz Schneider: Kunstmarkt: Exotische Währungen im Völkerkundemuseum – Ungewöhnliche Zahlungsmittel. In: Finanz und Wirtschaft. 19. Juli 2000, abgerufen am 13. November 2020.

Ein wesentliches Merkmal von traditionellen Zahlungsmitteln ist, dass sie grundsätzlich von jeder Person selber hergestellt und in Umlauf gebracht werden können, ohne eine zentrale Ausgabe- oder Kontrollstelle. Entscheidend für den Wert eines solchen Primitivgeldes ist allein seine Verfügbarkeit und die zu seiner Gewinnung und Herstellung benötigte Arbeitszeit; beispielsweise sind Muschelschalen und besonders schöne Schneckengehäuse nur in Meeresnähe verfügbar, oder bei der Salzgewinnung ist der Arbeitsaufwand sehr groß.

Funktionsweise Bis Mitte des 20. Jahrhunderts ging man noch oft davon aus, dass Tauschhandel die Herkunft des Geldes sei und Geld den Handel erleichtern sollte. Aktuell ist es durch die archäologische und sprachlichen Beweise der wissenschaftliche Konsens, dass Primitivgeld vor allem durch eine Reihe von anderen Verwendungen als Wertmaßstab entstanden ist: der Tradition des Brautgeldes zu Hochzeiten, der Verwendung als Blutgeld und Tribut zur Streitschlichtung und weitere religiöse und politische Zwecke. Später wurde Primitivgeld mitunter auch zum Handel genutzt.Glyn Davies, Duncan Connors: History of Money, University of Wales Press 2016, ISBN 978-0-7083-2379-3, S. 24–26David Graeber: Debt: The first 5,000 Years. Melville House, New York 2011, ISBN 978-1-933633-86-2. S. 60.

Primitivgeld entsteht, wenn Waren nicht zum direkten Konsum gehandelt werden, sondern als Zwischenträger für andere Zwecke genutzt wird. Sind diese Waren nicht vorhanden, behält er einstweilen den Wert in Form des Primitivgeldes. Der Besitzer des Geldes interessiert sich primär nicht für dessen Gebrauchseigenschaften, sondern benutzt es vorrangig, um Wert zu speichern (Wertaufbewahrungsmittel). Im Gegensatz zur Handelsware, das nur für Händler und Konsumenten dieser speziellen Ware interessant ist, wird Primitivgeld aber von allen Teilnehmern der Gesellschaft als Wertspeicher akzeptiert. Theoretisch kann jede Ware aus allen Lebensbereichen als Primitivgeld benutzt werden. Bevorzugt wurden aber Waren mit einem hohen Tauschwert pro Masseanteil, leichter Teilbarkeit (Rechenbarkeit) und einem möglichst weithin begehrten Gebrauchswert (etwa Zigarettenwährung). Dies macht es möglich, das Primitivgeld in Handelsvorgängen einerseits universell einzusetzen, zu teilen und zu verrechnen, beugt andererseits aber einem Wertverfall vor, weil der Besitzer das Geld selbst auch konsumieren kann, sofern er keinen Handelspartner findet. Dadurch scheidet ein Teil des umlaufenden Geldes aus, das durch neu produziertes Geld ersetzt wird. Bei bestimmen Primitivgeldern ging der Gebrauchswert aber verloren und das Geld wurde aus Tradition oder allgemeiner Knappheit als echtes Geld weiter verwendet.

Manche Waren sind aufgrund ihrer Eigenschaften relativ schlecht zum Primitivgeld geeignet. Ob zum Beispiel Vieh oder Lebensmittel – wie dies einige Quellen angeben – als Primitivgeld angesehen werden kann, ist fraglich. Ein Stück Vieh muss vom Besitzer nach dem Erwerb unterhalten werden, erfordert also einen Aufwand, der bei der Veräußerung aber nicht eingefordert werden kann, weil der neue Besitzer nur das Vieh, nicht aber dessen Nahrungsverbrauch in der Vergangenheit erwirbt. Vieh verliert an Wert, je länger es ein Besitzer unterhalten muss. Das Gleiche gilt für verderbliche Lebensmittel, die nicht ohne Wertminderung aufbewahrt werden können. Grenzwertig sind auch das „Salzbarrengeld aus Äthiopien“, das noch eine echte Ware ist, die Samengelder der Mayas (wie Kakao, Bohnen) oder das afrikanische Achatschneckengeld,Volker: In: Steinkunst.com. Eigene Webseite, 2003, abgerufen am 13. November 2020 (englisch, bezogen auf Idar-Oberstein). das bereits den Übergang zu einem echten, symbolisierten Geld aufweist.

Beispiele für Primitivgelder Mineralgelder (Salzgeld) Salzgeld, auch Amole genannt, wurde viele Jahrhunderte lang in Äthiopien und Eritrea als Zahlungsmittel genutzt. Salz wurde schon früh als Währungseinheit gebraucht. So erhielten etwa die römischen Legionäre zu ihrem Lohn, der in Münzen ausgezahlt wurde, Salz (salarium – Salär). In Äthiopien und Eritrea wurde Salz in Barren mit einer Größe von 26–30 cm × 5 cm × 4 cm und einem Gewicht zwischen 650 und 950 Gramm ausgegeben. Umwickelt wurden diese Barren mit Naturfasern, um ein Zerbrechen zu verhindern. Die Barren waren gelblich-grau, da sie aus ungereinigten Salzblöcken aus den Salzvorkommen der Danakilsenke im Nordosten Äthiopiens gewonnen wurden. Die Gewinnung der großen Salzblöcke fand nur während der Trockenzeit (September bis Mai) statt, da das Salz durch den Regen aufgelöst werden konnte. Im Hochland Äthiopiens wurden die Barren in ihre spätere Form geschnitten.

Der Wert der Salzbarren richtete sich nach der Entfernung von den Salzbruchstellen. Je weiter man sich von diesen entfernte, desto höher wurde der Wert der Barren (siehe auch Transportkosten).

Im 19. Jahrhundert zog der Maria-Theresien-Taler als Handelsmünze auch in Äthiopien ein und der Amolikurs richtete sich nach Angebot und Nachfrage. Um 1880 erhielt man für die Talermünze zwischen 8 und 100 Amoli.

Kakaogeld Recht genau ist die Wertigkeit und die Geschichte des aztekischen Kakaogeldes dokumentiert. Zum Beispiel zahlte man dort um 1200 für einen Kürbis ganze vier Kakaobohnen und ein Sklave kostete 100 Kakaobohnen. Lebensmittel kosteten damals zwischen 10 und 20 Kakaobohnen. Auch über die Vermögenswerte gibt es Dokumente. So geben Quellen an, dass der Aztekenherrscher Moctezuma II. (Montezuma) eine Milliarde Bohnen besaß, ca. 1250 Tonnen, die durch die Steuereinnahmen anfielen und sich nicht mehr veräußern ließen, da sonst der Wert der Bohnen stark gefallen wäre. Auch eine Verkonsumierung in gemahlener Form durch die Bevölkerung wäre nicht möglich gewesen, da sich der hohe Tauschwert der Bohnen auch damit begründete, dass sie die einzige Möglichkeit waren, an das begehrte Getränk zu kommen. Das Bunkern von Kakao wurde vermutlich auch deshalb der Vernichtung vorgezogen, weil man mit dem Besitz großer Geldmengen einen hohen Status demonstrieren konnte.

Kakao hat bei den Ureinwohnern Mittelamerikas als Zahlungsmittel eine ebenso lange Tradition wie als Getränk. Vor den Azteken zahlten auch die Mayas bis etwa 600 nach Christus in Bohnen. Die ungefähr mandelgroßen Kakaobohnen sind leicht, handlich sowie gut haltbar und haben damit viel mit Münzen gemeinsam. Außerdem ließen sich mit den immer fast gleich großen Bohnen – wie auch mit Münzen – Einheiten festlegen, nach denen der Wert der Waren berechnet werden konnte: Ein „xiquipilli“ entsprach bei den Azteken zum Beispiel einer Menge von 8.000 Kakaobohnen.

Ungewöhnlich ist, dass die Bohnen genauso gerne gefälscht wurden wie Münzen. Fälscher ließen Bohnen in Wasser aufquellen oder gaben ihnen eine künstlich aschgraue oder fahlrote Farbe – die Farbtöne der edelsten Sorten.

Es gab sogar eine durch die Inflation bekannte Entwertung der Bohnenwährung, die bei Überproduktion eintreten kann. Aus einer Preisliste des Jahres 1545 geht hervor, dass zum Beispiel eine große Tomate ungefähr dem Wert einer Kakaobohne entsprach. Mit 100 Bohnen bekam man jetzt keinen Sklaven mehr – wie zur Zeit der Azteken –, sondern nur noch einen Hasen oder ein Waldkaninchen. Hierbei zeigt sich eine Schwachstelle des Primitivgeldes, denn es kann von vielen Produzenten hergestellt und in Umlauf gebracht werden. Sobald die Produktion effektiver wird und damit die notwendige Arbeitszeit zu seiner Herstellung sinkt, wird es noch lukrativer, mehr Geld herzustellen. Das Überangebot führt zu Inflation und zu weiteren Bemühungen, die Produktion effizienter zu machen.

Mit dem Eintreffen der Europäer stabilisierte sich die Währung, da große Mengen an Bohnen nach Europa exportiert wurden. Insbesondere die von regionalen Herrschern zur Stützung der Währung angelegten Bunker wurden geräumt und zusätzliche Produktionskapazitäten geschaffen. Der Konquistador und Entdecker Hernán Cortés ließ gleich nach seiner Ankunft in Mexiko 1519 eine Kakao-Plantage anlegen, um Geld zu züchten. Durch den hohen Bedarf der Kolonialherren und den ständigen Abzug von Bohnen behielt der Kakao während der Kolonialzeit seinen Wert als Währung und war als Kleingeld in loser Form von großer Bedeutung. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die losen Bohnen als Zahlungsmittel gebraucht, vor allem in den unabhängigen zentralamerikanischen Staaten, insbesondere in Nicaragua. Mitte des 19. Jahrhunderts lösten dann allmählich die aus den Vereinigten Staaten eingeführten Münzen die Kakaobohnen als Kleingeld ab.

Teegeld (Teeziegelgeld) Zu den „Naturgeldern“ zählt auch das sogenannte Teegeld. Dies waren mehr oder weniger pulverisierte Teeblätter, die zu Barren (sogenannten Teeziegeln) gepresst wurden. Deshalb werden diese Barren auch „Teeziegelgeld“ genannt. Dieses Zahlungsmittel war teilweise bis ins 20. Jahrhundert in Südchina, Tibet, Birma, der Mongolei und in Südsibirien im Umlauf und galt auch als Wertobjekt. Zuletzt wurde nach 1949 das Genussmittel in China unter den kommunistischen Machthabern als Geld genutzt. Zur Herstellung der etwa 1 bis 2 kg schweren Teeziegel wurden Teeblätter getrocknet, zerkleinert und gesiebt, über Wasserdampf getränkt und in Formen gepresst (auch unter Zuhilfenahme von Bindemitteln). Die Teeziegel waren mit bestimmten Prägemustern an der Oberfläche versehen, die sich auf Gewicht, Qualität oder Wert bezogen.

Fälschungen des Teegelds waren durchaus keine Einzelfälle. Um das Teegeld farblich etwas „aufzuwerten“, fügte man ihm bei der Herstellung etwas Ruß bei. Es kam auch vor, dass das Innere der Teeziegel aus den wertlosen Zweigen und Stielen der Teeblätter bestand. Diese Fälschungen wurden insoweit akzeptiert, wie der Tee nicht zum Eigengebrauch benötigt wurde. Stellte man fest, einen minderwertigen Block zu besitzen, war er gegen eine andere Ware eintauschbar. Dieser Mechanismus führt auch heute noch dazu, dass sich Falschgeld in der Bevölkerung hält, weil jeder Besitzer einer falschen Note diese nicht aussortiert, sondern wieder veräußert, um den Wert nicht zu verlieren.

Muschelgeld