mini|Das DIW Berlin in der Anton-Wilhelm-Amo-Straße 58 in Berlin-Mitte
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) e. V. mit Sitz in Berlin ist das größte deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut. Es wurde 1925 von Ernst Wagemann als Institut für Konjunkturforschung (IfK) gegründet und erhielt einige Jahre später seinen heutigen Namen. Aktueller Präsident ist Marcel Fratzscher.
Das Institut betreibt theoretische und angewandte Forschung auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaft sowie ökonomische Politikberatung. Es ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft und wird in diesem Rahmen mehrheitlich durch Bund und Länder finanziert – eine weitere Einnahmequelle sind Projektförderung sowie Auftragsforschung. 2013 arbeiteten 334 Mitarbeiter, davon 139 Wissenschaftler, am Institut.
Das DIW Berlin vertritt vorwiegend neukeynesianische Positionen und zählt laut IDEAS/RePEc zu den Top-10 % der ökonomischen Forschungseinrichtungen weltweit.
Geschichte Ernst Wagemann (1884–1956), seit 1919 Ökonomieprofessor und von 1923 bis 1933 Präsident des Statistischen Reichsamtes, gründete im Juli 1925 das Institut für Konjunkturforschung und wurde dessen erster Präsident. Im Rahmen der Vierteljahresschrift für Wirtschaftsforschung veröffentlichte Arthur Hanau 1928 seine Dissertation Die Prognose der Schweinepreise und wurde Leiter der Agrarmarktforschung in Deutschland. Sein Konzept des Schweinezyklus ist bis heute eine beliebte Methode, um Studenten der Wirtschaftswissenschaft den Zusammenhang zwischen Angebot und Nachfrage zu erklären.
Im März 1933, einige Wochen nach der Machtergreifung des NS-Regimes, verlor Wagemann auf Veranlassung von Alfred Hugenberg zunächst alle Posten. Wagemann trat in die NSDAP ein, wurde nach einer Audienz bei Rudolf Heß wieder Direktor des Instituts und blieb es bis 1945. Ende 1943 wurde das Institut für Konjunkturforschung, inzwischen umbenannt in Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), teilweise nach Feldberg in Mecklenburg-Vorpommern verlegt.
Ferdinand Friedensburg war von 1945 bis 1968 Präsident des DIW. Nach dem Krieg lag der Schwerpunkt der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung zunächst auf ökonomischen Fragestellungen der Stadt Berlin.
Der erste Wochenbericht der Nachkriegszeit erschien 1950 mit einem ausführlichen Bericht über die Wirtschaftslage Deutschlands Ende 1945. Das DIW bezog 1956 seinen Neubau in der Königin-Luise-Straße. Erstmals 1960 erschien die Grundlinien der Wirtschaftsentwicklung, Prognosen über aktuelle und zukünftige Entwicklungen in Deutschland, der EU und der Weltwirtschaft.
Klaus Dieter Arndt wurde 1968 Präsident des DIW. 1972 wurden die Abteilungen für Verkehr, für öffentliche Finanzen, und für Finanz- und Kapitalmärkte neu gegründet. 1975 wurde Karl Koenig Präsident des DIW.
Das DIW veröffentlichte 1979 den Wochenbericht Eine mittelfristige Strategie zur Wiedergewinnung der Vollbeschäftigung und schlug Strategien zur Wiederherstellung der Vollbeschäftigung in Deutschland vor. Unter Berücksichtigung dieses Gutachtens leitete die Bundesregierung ein Zukunftsinvestitionsprogramm 1977 bis 1980 ab, eines der ganz wenigen Programme, nach dem die Arbeitslosenquote in Deutschland zurückging. Hans-Jürgen Krupp wurde 1979 Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) wurde 1983 Teil des DIW. Der Schwerpunkt der Serviceeinrichtung SOEP lag auf Grundlagenforschung und wissenschaftlichen Dienstleistungen. Das Sozio-oekonomische Panel befragte regelmäßig 10.000 Privathaushalte in einer repräsentativen Längsschnittstudie. Die gewonnenen Daten wurden innerhalb und außerhalb des DIW ausgewertet, die Ergebnisse dienten dann der Analyse der Einkommens- und Erwerbspersonenentwicklung in Deutschland.
Das DIW lehnte 1990 eine Währungsunion mit der damaligen DDR ab. Im Falle einer Währungsunion wäre die einzige Möglichkeit für die DDR, ihre Produktivitätsunterschiede auszugleichen, eine deutliche Absenkung des Lohnniveaus. Eine Vereinheitlichung der Lohnniveaus würde somit zu Massenentlassungen und enormen Betriebsschließungen führen – die DDR-Bürger würden Sozialhilfeempfänger der Bundesrepublik Deutschland.
Das DIW analysierte 1994 im Auftrag von Greenpeace die ökonomischen Folgen einer ökologischen Steuerreform. Das Modell der Ökosteuer, kurz für Ökologische Besteuerung, wurde in den Folgejahren in Deutschland durch drei Gesetze erlassen.
Im Jahr 2000 wurde Klaus Zimmermann Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Seitdem gibt es sieben Forschungsabteilungen. Schwerpunkte der Wirtschaftsforschung liegen nun auf Informationsgesellschaft und Wettbewerb, öffentliche Ökonomie und Innovation. Darüber hinaus strebt das Institut an, seine Zahl internationaler Kooperationen und seine Beteiligung an Forschungsnetzwerken weltweit auszubauen.
Das DIW Berlin veröffentlichte mit seiner ersten Konjunkturprognose 2003 (Konjunkturbarometer) einen aktuellen Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland. Mit der Gründung des DIW Graduiertenzentrums im Jahr 2006 widmete sich das Institut der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.
2007 zog das DIW Berlin von Berlin-Dahlem in die Anton-Wilhelm-Amo-Straße in Berlin-Mitte. Seit 2013 leitet Marcel Fratzscher als Präsident das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung.
Institutsleiter Seit der Gründung führten folgende Ökonomen das Institut: NameZeitraumFunktion Ernst Wagemann 1925 bis 1945 Direktor Ferdinand Friedensburg 1945 bis 1968 Präsident Klaus Dieter Arndt 1968 bis 1974 Präsident Karl König 1975 bis 1979 Präsident Hans-Jürgen Krupp 1979 bis 1988 Präsident Lutz Hoffmann 1988 bis 1999 Präsident Klaus F. Zimmermann 2000 bis 2011 Präsident Gert G. Wagner 2011 bis 2013 Vorstandsvorsitzender Marcel Fratzscher seit 2013 Präsident
Institutssitz 1945 Berlin-Dahlem, Cecilienallee 6 (heute Pacelliallee) In: DIW. 1956 Berlin-Steglitz, Königin-Luise-Straße 5 In: DIW. Seit 2007 Berlin-Mitte, Anton-Wilhelm-Amo-Straße 58 In: DIW.
Forschung
Schwerpunkte Die Forschungsarbeit des DIW ist laut dessen Organigramm in folgende Abteilungen und Bereiche sowie Forschungsgruppen gegliedert: Abteilung Makroökonomie Bereich Prognose und Konjunkturpolitik Abteilung Kriminalität, Arbeit und Ungleichheit Abteilung Unternehmen und Märkte Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt Bereich Ressourcen- und Umweltmärkte Bereich Transformation der Energiewirtschaft Abteilung Klimapolitik Abteilung Staat Forschungsgruppe Gender Economics (siehe unten) Forschungsgruppe Entrepreneurship Sozio-oekonomisches Panel (SOEP, siehe unten) Bereich Surveymethodik und -management Bereich Data-Operation und Forschungsdatenzentrum Bereich Angewandte Panelanalysen Bereich Wissenstransfer Forschungsgruppe Lebensverlauf und Ungleichheit
Die forschungsbasierte Infrastruktureinheit Längsschnittstudie „Sozio-oekonomisches Panel“ (SOEP, siehe auch Sozio-oekonomisches Panel) ist eine seit 1984 laufende jährliche Wiederholungsbefragung von Deutschen, Ausländern und Zuwanderern in den alten und neuen Bundesländern. Im Erhebungsjahr 2025 umfasste die Stichprobe knapp 15.000 Haushalte mit rund 30.000 Personen. Inhaltliche Themenschwerpunkte des SOEP sind die Haushaltszusammensetzung, Erwerbs- und Familienbiographien, Einkommensverläufe, Gesundheit und Lebenszufriedenheit.
2010 wurden unter Leitung von Elke Holst Gender Studies begonnen. Mit der Übernahme der Leitung der Forschungsgruppe im Juni 2019 durch Katharina Wrohlich wurde die Forschungsgruppe in Gender Economics umbenannt. Ziel der Forschungen ist es, den Gender-Einfluss in allen Wirtschaftsbereichen und die gleichstellungspolitischen Auswirkungen von Steuer-, Sozial- und Familienpolitik zu untersuchen.
Die Konjunkturprognosen des DIW und das DIW-Konjunkturbarometer waren bis 2007 an der Gemeinschaftsdiagnose der sechs führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute beteiligt. Am 3. Juli 2007 gab das Bundeswirtschaftsministerium bekannt, das DIW für die nächsten drei Jahre nicht an den Gemeinschaftsdiagnosen zur Konjunkturentwicklung zu beteiligen. In: ftd.de. „Die Konjunkturprognose ist nicht die Königsdisziplin der Ökonomie“ relativierte DIW-Präsident Zimmermann daraufhin und verwies auf die internationale Beratungskompetenz des Instituts.Forschungsbasierte Politikberatung – was sonst? (PDF; 187 kB) In: DIW-Wochenbericht, Nr. 15/2010 vom 14. April 2010. 2013 ist das DIW Berlin wieder in den Kreis der Wirtschaftsforschungsinstitute aufgenommen worden, die zusammen die Gemeinschaftsdiagnose erstellen. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Pressemitteilung, 7. Juni 2013.
Indikatoren und Daten Das DIW-Konjunkturbarometer ist ein monatlicher Indikator der aktuellen Konjunktur-Entwicklung in Deutschland, ein Schätzwert, der anhand von Indikatoren wie Produktion und Umsatz in wichtigen Bereichen der Wirtschaft erhoben wird. Zusätzlich wird versucht, in quartalsweise veröffentlichten Grundlinien der wirtschaftlichen Entwicklung die konjunkturelle Lage vorherzusagen.
Energiebilanzen für die Bundesrepublik Deutschland werden zusammen mit EEFA GmbH & Co. KG (EEFA steht für Energy Environment Forecast Analysis) veröffentlicht. Sie bieten eine Übersicht der deutschen Energiewirtschaft und geben Auskunft über den Verbrauch von Energieträgern in den einzelnen Sektoren sowie ihren Weg von der Erzeugung bis zur Verwendung.
Die Bauvolumensrechnung zeigt die gesamte inländische Bauleistung des Bauhaupt- und Ausbaugewerbes, des verarbeitenden Gewerbes, darunter Metallbau, Fertigbauten, elektrotechnische Anlagen und Einrichtungen, außerdem der Baunebenleistungen (Planer, Architekten etc.) sowie Eigenleistungen der Investoren und Beiträge der Schattenwirtschaft. Das Bauvolumen wird nach Bauarten differenziert ausgewiesen: Wohnungsbau, Hoch- und Tiefbau im Unternehmensbereich sowie öffentlicher Hochbau, Straßenbau und sonstiger Tiefbau. Die Daten entstehen im Auftrag des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung; die Finanzierung erfolgt im Rahmen der Forschungsinitiative „Zukunft Bau“ des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung.
Die Berechnung verkehrsstatistischer Daten werden als Verkehr in Zahlen im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung veröffentlicht.
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung von rund 11.000 Privathaushalten in Deutschland und wird von Infas erhoben.
Von 2006 bis 2010 wurde außerdem in Zusammenarbeit mit der Bundesvereinigung Logistik ein BVL/DIW Logistik-Indikator erhoben. Der Indikator beruhte auf einer quartalsweisen Expertenbefragung der 200 größten deutschen Unternehmen, darunter Logistikdienstleister sowie Anwender aus Industrie und Handel zur Lage der Logistikwirtschaft. Seit dem Wechsel von Stefan Kooths an das Institut für Weltwirtschaft in Kiel wird der Indikator dort berechnet.
Publikationen Der Wochenbericht erscheint seit 1928 und bietet wöchentlich komprimierte Informationen und Kommentare zu aktuellen wirtschaftspolitischen Fragen. Einzelne Beiträge erscheinen im DIW Economic Bulletin in englischer Übersetzung.
Die Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung präsentieren aktuelle wirtschaftspolitische Themen und wirtschaftswissenschaftliche Kontroversen. Sie erscheinen seit 1926 im Verlag Duncker & Humblot.
Im DIW Roundup stellen Wissenschaftler des Instituts den Stand der Diskussionen auf ihren jeweiligen Arbeitsgebieten dar und ordnen Erkenntnisse der aktuellen Forschung ein. Die Publikation erscheint nur online.
Die Diskussionspapiere präsentieren aktuelle Forschungsergebnisse, die kurz vor ihrer Veröffentlichung stehen.
Die Reihe DIW Berlin: Politikberatung kompakt berichtet über abgeschlossene Forschungsprojekte, aufbereitet für den praktischen wirtschaftspolitischen Gebrauch.