Das Delir oder Delirium (Plural: Delirien bzw. Deliria; veraltet Irresein; , zu delirare ‚aus der Furche geraten‘, ‚von der geraden Linie abweichen‘, ‚verrückt sein‘, von lira ‚Furche im Ackerbeet‘Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 126 (Delirium).) ist ein akuter Verwirrtheitszustand aerztezeitung.at. und bezeichnet ein ätiologisch unspezifisches hirnorganisches Psychosyndrom, das einen lebensbedrohlichen Zustand darstellen kann.Tilman Wetterling: Psychiatrische Notfälle. In: Jörg Braun, Roland Preuss (Hrsg.): Klinikleitfaden Intensivmedizin. 9. Auflage. Elsevier, München 2016, ISBN 978-3-437-23763-8, S. 357–369, hier: S. 358–360 (Delir). Beim Delir handelt es sich gemäß Schüttler um eine akute, körperlich begründbare Psychose.Reinhold Schüttler (Hrsg.): Psychiatrische Vorlesungen. Ein Lern- und Lesebuch. W. Zuckschwerdt, München u. a. 1987, ISBN 3-88603-233-7, S. 27.

Synonyme und ähnliche Syndrome Delirantes Syndrom, plötzliche bzw. akute Verwirrtheit,Akute Verwirrtheit im Alter. organisches Psychosyndrom, akuter exogener Reaktionstypus (Karl Bonhoeffer 1914), Durchgangssyndrom (Wieck 1961; als Synonym veraltetNorbert Zoremba, Mark Coburn: Delir im Krankenhaus. In: Deutsches Ärzteblatt. 116, 2019, S. 101–106.).

Geschichte Zu Beginn des 18. Jahrhunderts bezeichnete Georg Ernst Stahl mit Delirien die eigentlichen („idiopathischen“) Geisteskrankheiten und mit „sympathetischen Delirien“ solche, die in Begleitung anderer körperlicher Krankheiten auftreten. Er unterteilte zudem in libidinöse (zum Beispiel Hypersexualität, Nymphomanie und Hysterie), melancholische und fieberhafte Delirien.Werner Leibbrand, Annemarie Wettley: Der Wahnsinn. Geschichte der abendländischen Psychopathologie. Karl Alber Verlag, Freiburg im Breisgau/München 1961, S. 323–328.

Klassifikation ICD-10 Die Kriterien in der ICD-10 für das Vorliegen eines Deliriums lauten:WHO: The ICD-10 Classification of Mental and Behavioral Disorder. Diagnostic criteria for research. 1990. Störung des Bewusstseins und der Aufmerksamkeit Wahrnehmungsstörung (Gedächtnis, Orientierung) Psychomotorische Störungen Schlafstörungen Akuter Beginn und fluktuierender Verlauf Nachweis einer organischen Grundlage

ICD-11 In der seit 2022 gültigen ICD-11 wird der Delir den Neurokognitive Störungen zugeordnet. Folgende Mindestkriterien müssen erfüllt sein:

Eine Störung der Aufmerksamkeit, Orientierung und des Bewusstseins, die sich innerhalb kurzer Zeit (z. B. innerhalb von Stunden oder Tagen) entwickelt und sich typischerweise als erhebliche Verwirrung oder allgemeine neurokognitive Beeinträchtigung mit vorübergehenden Symptomen äußert, die je nach zugrunde liegender Ursache oder Ätiologie schwanken können. Die Störung stellt eine Abweichung von der Grundfunktionsfähigkeit der betroffenen Person dar. Ein Delir kann durch die direkten physiologischen Auswirkungen einer medizinischen Erkrankung verursacht werden, durch die direkten physiologischen Auswirkungen einer Substanz oder eines Medikaments, einschließlich Entzugserscheinungen, oder durch mehrere oder unbekannte ätiologische Faktoren. Die Symptome lassen sich nicht besser durch eine bereits bestehende oder sich entwickelnde neurokognitive Störung (z. B. amnestische Störung, leichte neurokognitive Störung oder Demenz) oder durch eine andere psychische Störung (z. B. Schizophrenie oder sonstige primäre psychotische Störung, eine Stimmungsstörung, posttraumatische Belastungsstörung, dissoziative Störung) erklären. Die Symptome lassen sich nicht besser durch ein typisches Syndrom einer Substanzintoxikation oder eines Substanzentzugs für eine Substanz oder ein Medikament erklären, von deren Vorhandensein bekannt ist, obwohl ein Delirium als Komplikation von Intoxikations- oder Entzugszuständen auftreten kann.

DSM-5 Im 2013 veröffentlichten DSM-5 sind folgende Kriterien enthalten:

Störung der Aufmerksamkeit und des Bewusstseins Das Störungsbild entwickelt sich innerhalb eines kurzen Zeitraums, wobei der ursprüngliche Zustand verändert ist und der Schweregrad im Tagesverlauf fluktuiert. Kognitive Funktionen sind zusätzlich beeinträchtigt. Störungsbilder können nicht besser durch eine andere, vorbestehende, gesicherte oder sich entwickelnde neurokognitive Störung (Demenz) erklärt werden, auch nicht im Kontext von stark reduzierter Wachheit oder Koma. Es gibt einen Zusammenhang zu einem medizinischen Krankheitsfaktor, einer Substanzintoxikation, einem Substanzentzug oder zu einer Exposition gegenüber einem Toxin.

Symptome Ein Delir beginnt meist akut innerhalb von Stunden bis Tagen und ist durch Störungen von Kognition und Bewusstsein gekennzeichnet. Typisch sind eine gestörte Aufmerksamkeit, Desorientierung, Gedächtnis- und Auffassungsstörungen sowie veränderte Wahrnehmungen wie Realitätsverkennungen oder Halluzinationen. Häufig treten auch inhaltliche Denkstörungen mit paranoiden Zügen auf. Psychomotorisch zeigt sich entweder Unruhe oder Antriebsarmut, oft auch ein Wechsel beider Zustände. Begleitend können gesteigerte Schreckhaftigkeit und eine tageszeitliche Schwankung der Symptome auftreten, wobei insbesondere nachts eine Akzentuierung beobachtet wird, ohne dass sich jedoch eine eindeutige tageszeitliche Präferenz feststellen lässt.

Anhand der Symptomatik wird klinisch zwischen zwei Prägnanztypen unterschieden, dem hyperaktiven und hypoaktiven Delir. Letzteres ist aufgrund der weniger kennzeichnenden Symptomatik schwieriger zu diagnostizieren und zugleich auch mit einer höheren Mortalität assoziiert. Es bestehen Mischformen mit Anteilen von beiden Typen.

Testverfahren alt=Als Hilfestellung zur schnellen Diagnose eines Delirs auf der Intensivstation|mini|386x386px|Flowchart CAM-ICU

Es gibt folgende validierte Testverfahren zur Detektion eines Delirs: CAM-ICU ICDSC Nu-DESC 3D-CAM CAM-S Die Confusion Assessment Method for the ICU (CAM-ICU) wurde speziell für die Anwendung auf einer Intensivstation entwickelt. Anhand von Testfragen wird das Vorliegen von Aufmerksamkeits-, Bewusstseins- und Denkstörung untersucht. Der CAM-ICU gilt als der zuverlässigste Score, um ein Delir beim Intensivpatienten zu entdecken. Er hat eine Sensitivität von 0,79 und eine Spezifität von 0,97. Beim Intensive Care Delirium Screening Checklist werden Bewusstseinslage, Aufmerksamkeit, Orientierung, Halluzination, Agitation, Sprache, Schlaf und Symptomatik untersucht. Für jedes vorhandene Symptom gibt es einen Punkt. Die Nursing Delirium Screening Scale (Nu-DESC) untersucht Orientierung, Verhalten, Kommunikation, Halluzination und psychomotorische Retardierung. Je nach Ausprägung gibt es 0 bis 2 Punkte. Das Verfahren kann auch von ausgebildeten Pflegekräften eingesetzt werden. Das 3-Minute Diagnostic Interview for CAM-defined delirium (3D-CAM) ist auf eine rasche Einschätzung eines deliranten Zustandes ausgelegt. Anhand von Testfragen werden Aufmerksamkeits-, Bewusstseins- und Denkstörung ermittelt. Bei der Confusion Assessment Method – Severity (CAM-S) wird der Schweregrad eines Delirs durch Erfassung des Verlaufs, der Aufmerksamkeit, des Denkens, der Bewusstseinslage, der Orientierung, des Gedächtnisses, der psychomotorischen Agitation, von Retardierung und Schlaf bestimmt. Den einzelnen Kategorien werden Punktwerte von 0-2 zugeordnet und anschließend die Summe gebildet.

Ätiologie Prädisponierende Faktoren Zu den prädisponierenden Faktoren eines Delirs zählen Hirnerkrankungen wie Demenz, Schlaganfall oder Morbus Parkinson, höheres Lebensalter, sensorische Einschränkungen (z. B. Seh- oder Hörstörungen), Alkoholintoxikation sowie multiple Begleiterkrankungen.

Ursachen Delirien können durch eine Vielzahl organischer und nicht-organischer Faktoren ausgelöst werden. Zu den wichtigsten Ursachen zählen: Medikamente und Rauschdrogen: Anticholinergika, Benzodiazepine, Opioide, Antihistaminika, trizyklische Antidepressiva, Kortikosteroide, Herz-Kreislauf-Medikamente sowie zahlreiche weitere Substanzen und Intoxikationen. Infektionen: Pneumonie, Harnwegsinfekte, Sepsis oder systemische Virusinfektionen. Postoperative Zustände: Nach Narkose oder größeren chirurgischen Eingriffen, begünstigt durch Schmerzen und Analgetika. Entzugssyndrome: Besonders nach Alkohol-, Benzodiazepin-, Barbiturat- oder Opioidentzug. Veränderung der Umgebung: Akute Hospitalisierung, längere Aufenthalte auf Intensivstation, sensorische Deprivation. Stoffwechsel- und Elektrolytstörungen: Hypo- oder Hyperglykämie, Hypoxie, Azidose/Alkalose, Nieren- oder Leberversagen, Vitaminmangel (z. B. Thiamin, Vitamin B12). Kardiovaskuläre Ursachen: Herzinsuffizienz, Herzrhythmusstörungen. Neurologische Ursachen: Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Meningitis, Enzephalitis, Epilepsie, Hirntumoren. Weitere Auslöser: Fieber, Schmerzen, Schlafentzug, Unterernährung, Verbrennungen, Hitzschlag, Intoxikation.

Die häufigste Ursache des Deliriums bei Alkoholismus ist der Alkoholentzug. Man spricht dann von einem Alkoholentzugsdelir: Delirium tremens.

Komplikationen Das Delir ist die häufigste akute Hirnfunktionsstörung während einer Intensivbehandlung. Die Trübung des Bewusstseins stellt eine wichtige Komplikation dar und kann von Somnolenz über Sopor bis hin zum Koma reichen. Der Verlauf der Bewusstseinsstörung ist beim Delir kaum vorherzusagen. Somit ist jedes delirante Syndrom ein psychiatrischer Notfall, der nur in einer Klinik behandelt werden kann, da im schlimmsten Fall Herzversagen, Atemstillstand oder Stoffwechselstörungen drohen. Patienten, die auf einer Intensivstation ein Delir entwickeln, haben ein höheres Sterberisiko, werden länger beatmet und haben ein höheres Risiko einer langfristigen kognitiven Verschlechterung als Intensivpatienten ohne Delir.

Nach den Ergebnissen verschiedener Studien entwickeln 30 – 80 % aller Intensiv-Patienten ein Delir,J.I. Salluh u. a. (2015): Outcome of delirium in critically ill patients: systematic review and meta-analysis, BMJ (Clinical Research Edition), Vol. 350, S. h2538. PMID 26041151. bei chirurgischen Patienten sind es je nach Eingriff zwischen 5,1 % und 52,2 %.Norbert Zoremba, Mark Coburn: Acute confusional states in hospital. In: Deutsches Aerzteblatt Online. 2019, doi:10.3238/arztebl.2019.0101. Diese Patienten haben im Vergleich zu anderen Patienten der Intensivstation eine höhere Sterberate während ihres Aufenthalts dort, benötigen einen im Durchschnitt längeren Aufenthalt und haben häufiger kognitive Beeinträchtigungen nach der Entlassung.

Ohne Behandlung des Delirs beträgt die Sterblichkeitsrate bei einer Person, die an einem Delir leidet, ungefähr 30 %, während sie bei einer Behandlung auf etwa 1–2 % sinkt.

Behandlung Ein Delir kann zu einem lebensbedrohlichen, akuten medizinischen Notfall werden. So sind Delirien bei älteren dementen Patienten häufig. Hier sind Exsikkose, Infektionen (Pneumonie, Harnwegsinfekte) und Elektrolytentgleisungen häufige Ursachen. Die Behebung der Ursache (Antibiotikatherapie, Flüssigkeitssubstitution etc.) sowie symptomatische Behandlung mit zentralen Antisympathikotonika wie Clonidin oder Dexmedetomidin, sowie Neuroleptika und Benzodiazepinen können Besserung bringen.

Da das Delir im Rahmen unterschiedlichster Störungen auftreten kann, sind weitere Diagnostik und ursächliche Therapie essentiell. Die Behandlung muss direkt nach Diagnosestellung eines deliranten Syndroms, auch ohne die genaue Ätiologie des Deliriums zu kennen, eingeleitet werden.