mini|280px|Ehemaliges Warenzeichen von J. W. Spear & Söhne, verwendet von 1899 bis in die 1930er Jahre J. W. Spear & Söhne war ein Spielehersteller, der nach Anfängen in Fürth im Jahre 1879 von 1899 bis 1984 Produktionsstandorte in Nürnberg und von 1930 bis 1997 unter dem Namen „J. W. Spear & Sons“ in Enfield (Großbritannien) unterhielt. Sein Markenzeichen war zunächst eine liegende Lanze mit den Initialen J.W.S & S, später Spear-Spiel oder Spear-Spiele und SPEAR'S GAMES, wobei der Markenbestandteil „Spiele“ in verschiedenen Sprachen verwendet wurde.

Unternehmensgeschichte Gründungszeit Jacob Wolf Spear (1832–1893), geboren als Jacob Wolf Spier, der bei seiner vorübergehenden Auswanderung nach Amerika seinen Namen anglisierte, gründete 1879 in Fürth ein Import- und Exportgeschäft mit Kurzwaren, das als Ausgangspunkt der Spielefabrikation betrachtet werden kann. Nachdem J. W. Spears Söhne Raphael und Joseph 1884 und 1885 in das Unternehmen eingetreten waren, firmierte es unter dem Namen J. W. Spear & Söhne und erlangte so Weltgeltung. Zwar verließen die ältesten Söhne das Unternehmen wieder, dafür traten jedoch die jüngeren Söhne, Karl und Wilhelm, als Teilhaber in die Firma ein. Sie führten auch nach dem Freitod des Firmengründers am 3. September 1893 in seiner FabrikSo Helmut Schwarz: Die Spielmacher. J. W. Spear & Söhne – Geschichte einer Spielefabrik. Nürnberg 1997, S. 50, unter Bezug auf die Todesmeldung in der Tageszeitung „Fränkischer Kurier“ vom 3. September 1893 – gleichlautend auch die Traueranzeige der Familie Spear in demselben Blatt vom selben Tag – und die Danksagung ebenda vom 6. September 1893. Zwar berichtete das Prager Tagblatt bereits am 8. August 1893, S. 8 (ANNO Online), dass sich der „unter dem Verdachte der Brandstiftung vorige Woche verhaftete Fürther Großindustrielle Spear, der Senior der Firma Spear und Söhne, … i[m] Gefängniß (erhängte)“. Angesichts der anderslautenden Presseveröffentlichungen direkt am Ort des Geschehens dürfte es sich bei der Pressenotiz des Prager Tagblatts aber um eine Falschmeldung handeln. aufgrund von zwei folgenschweren Fabrikbränden und teilweise antisemitisch begründeten Anfeindungen zusammen mit seiner Witwe Sophie geb. Rindskopf das Unternehmen fort.

Aufbau des Nürnberger Standorts und Errichtung einer Niederlassung in England mini|150px|Belegschaft vor dem Fabriktor in der Höfener Straße um 1905 1898 verlegten die Inhaber den Sitz nach Nürnberg, wo im Mai 1899 in einem Fabrikneubau (Höfener Straße 91) die Produktion aufgenommen wurde und von wo aus die einfallsreich gestalteten und in hoher Qualität verarbeiteten Spiele ihren Siegeszug auf dem deutschen und internationalen Markt antraten. Nachdem bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine später wieder geschlossene Unternehmensniederlassung in London bestanden hatte, wurde 1930 erneut eine Tochtergesellschaft in Großbritannien, in Enfield, gegründet und nach seiner Emigration aus Deutschland vom Enkel des Gründers, Richard Spear (1897–1983), geführt. Dieser Schritt sicherte nach 1933 vielen Familienmitgliedern das persönliche Überleben und letztlich auch die unternehmerische Kontinuität des in den 1920er Jahren zum größten deutschen Spieleherstellers aufgestiegenen Unternehmens.

Messeteilnahme Das Unternehmen präsentierte seine Produkte auch regelmäßig auf einschlägigen Messen. In den Firmenkatalogen ist als ständiger Ausstellungs-Standort auf der damals bedeutendsten deutschen Mustermesse, der Leipziger Messe, der im Zweiten Weltkrieg zerstörte und nach 1945 wieder aufgebaute Zentralmessepalast angegeben. Aufgrund der Deutschen Teilung etablierte die in Nürnberg stark vertretene Spielwarenindustrie ab 1950 die Nürnberger Spielwarenmesse, an der sich auch die Firma J. W. Spear regelmäßig beteiligte. Die Leipziger Messe verlor dadurch an Bedeutung für das Unternehmen.

Zwangsverkauf des Unternehmens 1938 an Hanns Porst mini|links|175px|Gezogener Wechsel über 132,90 Belga aus dem gut laufenden Exportgeschäft vom 22. Januar 1938 mini|150px|rechts|NS-Marschkolonne mit Hakenkreuzfahnen vor dem Spear-Fabrikgebäude (ca. September 1938) mini|links|175px|Firmenfreistempel vom 26. November 1938 (aus dem Enteignungszeitraum)Der Drucksachenumschlag an den in Magdeburg-Gudenberg ansässigen Spielwarenhändler Curt Reinecke, der z. B. auch schon in der 1. Beilage zur „Magdeburger Volksstimme“ vom 23. Dezember 1928, S. 2 (Digitalisat der Friedrich-Ebert-Stiftung), inseriert hatte, enthielt Werbung für Spear’s Laubsägearbeiten und das Spiel „Kauf-Lauf“ sowie eine Händler-Bestellkarte für diese Spiele von 1938. mini|links|175px|Geschäftskarte mit Firmenfreistempel vom 14. September 1942 (die vollzogene Enteignung ist an der Firma ablesbar) mini|links|175px|Textseite der Karte: Aufgrund der kriegsbedingten Papiersparmaßnahmen mussten die Schreibmaterialien aus der Übergangszeit, in der Porst den eingeführten Firmennamen „Spear“ noch nutzte, überdruckt weiter verwendet werden und belegten so weiterhin augenfällig die erfolgte Arisierung.

Noch Anfang 1938 war J. W. Spear & Söhne mit seinen Spielen im Exportgeschäft tätig, wie ein Wechsel für eine Lieferung an einen Händler in Spa (Belgien) belegt. Nach der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde der in diesem Zusammenhang ins Konzentrationslager Dachau verbrachte jüdische Eigentümer des deutschen Unternehmenszweigs, Hermann Spear (Bruder Richard Spears), auf der Grundlage der Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben gezwungen, sein Unternehmen zu einem Bruchteil seines Marktwertes zu verkaufen („Arisierung“). Beteiligt an diesem Raubzug waren die Deutsche Arbeitsfront (DAF), Kreisverwaltung Nürnberg-Stadt, und als genehmigende Behörde die Regierung von Ober- und Mittelfranken. Brief der DAF vom 13. Dezember 1938 an Hanns Porst (online).

Der diese Situation ausnutzende Käufer war Hanns Porst, der seit 1919 in Nürnberg erfolgreich im Fotogeschäft (Photo Porst) tätig war. Er übernahm das Unternehmen mit Wirkung vom 13. Dezember 1938 zunächst nur provisorisch. Dies belegt der für den Spielzeughandel bestimmte Unternehmenskatalog 1939 (siehe Abb.), in dem er noch als „kommissarischer Leiter“ ausgewiesen ist. Im Klappentext dieses Katalogs stilisierte sich Porst dabei als tatkräftiger und redlicher Unternehmer, der schon sein Fotogeschäft allein durch seine eigene Arbeit vorangebracht hat. Skrupel, das Spearsche Unternehmen mit einem hervorragenden Ruf im In- und Ausland, das von der Eigentümerfamilie mit über Jahrzehnte reichendem unternehmerischen Engagement aufgebaut worden war, unter Ausnutzung der nationalsozialistischen Politik der Einschüchterung und des politischen Drucks auf jüdische Geschäftsleute zu übernehmen, hatte er keine. Bei diesem Verkauf erhielt die Familie Spear nicht einmal den vom „Arisierungs“-Gutachter festgesetzten minimalen Kaufpreis. Der noch zusammen mit seiner christlichen Ehefrau Else und ihren gebrechlichen Eltern in Nürnberg lebende Firmeninhaber wurde trotz seines 1942 erklärten Übertritts zum Christentum 1943 nach Auschwitz deportiert, wo er am 10. Juli 1943 ermordet wurde. Auch elf weitere Familienmitglieder wurden vom nationalsozialistischen Staat ermordet. SPEAR-SPIELE. Eine Familie schreibt Spielegeschichte. Online-Ausstellung, hrsg. Deutsches Spielearchiv in Spielzeug Museum der Stadt Nürnberg. gehostet auf dem Google Projekt Arts and Culture. Im „arisierten“ Unternehmen wurden – wie in vielen anderen deutschen Spieleverlagen in jener Zeit auch – kriegshetzerische Spiele, wie „Kurs Ost-Nordost“ (1939, Porst-Spiel 20651) sowie „U-Boote fahren gegen England“ (1940) und „Bomben auf England!“ (1940, Spear-Spiel 26681) entwickelt. Wohl 1939 wurde auch das Spiel „Kennst Du Nürnberg, die Stadt der Reichsparteitage“ (Spear-Spiel 20511) auf den Markt gebracht. Auf dessen Spielplan sind auch die neuen Bauten des Reichsparteitagsgeländes eingezeichnet. Bis auf die im Planzustand abgebildete, aber nie fertiggestellte Kongresshalle wurden die Bauten in der Spielanleitung jedoch nicht genannt.Mit diesem Spiel „sollte jeder Parteigenosse gern an die in Nürnberg, der Stadt der Reichsparteitage, verlebten erhebenden Stunden zurückdenken“, wie im Neuheitenkatalog der Firma für 1939/1940 ausgeführt war; zitiert nach: Helmut Schwarz, Marion Faber: Die Spielmacher. J. W. Spear & Söhne – Geschichte einer Spielefabrik. Nürnberg 1997, S. 87. Allerdings finden sich im Spiel selbst bis auf den Zusatz beim Spielenamen keine ausdrücklichen Bezüge zu den NSDAP-Reichsparteitagen und deren Bauten.Vergleiche die Abbildungen bei boardgamegeek. Das Spiel wird auch in der Ausstellung „SPEAR-SPIELE. Eine Familie schreibt Spielegeschichte“ im Deutschen Spielearchiv Nürnberg ausgestellt (Ausstellungsvitrine). Porst versuchte, ab Mai 1940 den mit dem jüdischen Firmengründer verbundenen Markennamen „Spear“, den er wegen seiner Bekanntheit zunächst weiter benutzte, in einen Werbespruch umzuwandeln: „Spiele, aber richtig!“, um die Herkunft des Unternehmens zu verschleiern. Die Spielanleitungen wurden nun sehr oft mit dem Schriftzug „Euer Onkel Hanns“ gezeichnet, um den spielenden Kindern den neuen Firmeninhaber als väterlichen Freund zu präsentieren. Später streifte er den traditionsreichen, aber jüdischen, Namen jedoch ab, nachdem er seine Schuldigkeit bei der Einführung des neuen Eigentümers im Geschäftsleben getan hatte, und firmierte nun als „Porst–Spiele–Fabrik“.

Rückgabe des Unternehmens nach dem Zweiten Weltkrieg und Börsengang Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es bis Mitte der 1950er Jahre, bis Porst das teilweise kriegszerstörte Unternehmen an die Witwe Hermann Spears und die Familie Spear zurückgab. Der Nürnberger Spielehersteller, der nun als Tochtergesellschaft des englischen Haupthauses fungierte, produzierte dann wieder auf beachtlichem Niveau, konnte jedoch die Marktbedeutung aus der Zeit vor 1933 nicht wieder erreichen. 1978 wurde die Firma in Spear-Spiele GmbH umgewandelt und schloss sich aufgrund wirtschaftlichen Drucks mit dem Spielehersteller L. Kleefeld & Co. zusammen. Die Produktion wurde am 31. Dezember 1984 am Nürnberger Standort eingestellt.

Das englische Unternehmen, das in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war, ging 1966 an die Börse, um das notwendige Kapital für die Erweiterung und Verbesserung der Produktions- und Absatzkapazitäten beschaffen zu können. 1970 erwarb Spear’s das englische Unternehmen G. J. Hayter & Co. aus Bournemouth, das die auf dem englischen Markt begehrten Laubsäge-Puzzles (Victory Jigsaw Puzzles) herstellte, und produzierte die aus Sperrholz mit der Hand gesägten Puzzles bis 1988.

1989 übernahm Spear den französischen Spieleverlag Habourdin.

Übernahme durch Mattel Schließlich wurde das Unternehmen selbst 1994 vom amerikanischen Unternehmen Mattel, dem weltgrößten Unternehmen der Spielwarenbranche, erworben, das den Mitbewerber Hasbro überboten hatte. Die Produktionsstätten in Enfield wurden geschlossen, das Warenzeichen SPEAR'S-GAMES wurde jedoch fortgeführt.

Allgemeine Unterhaltungsspiele, Bastelspiele und Quartette Vorbemerkungen Ausstattungsvarianten Die meisten Spiele wurden in unterschiedlichen Ausstattungsvarianten zu verschiedenen Preisen angeboten, so dass sie für breiteste Käuferschichten attraktiv und erschwinglich waren. Insbesondere durch die von den beiden Weltkriege gesetzten Zäsuren, kam es bei vielen Spielen zu überarbeiteten Gestaltungen der Spielpläne und der Deckelillustrationen, um dem geänderten Publikumsgeschmack Rechnung zu tragen. Fremdsprachige Varianten Für das bei Spear florierende Exportgeschäft wurden auch fremdsprachige Varianten der beliebtesten Spiele produziert (vor allem Englisch, Französisch, Niederländisch). Bei den Brettspielen mit deutschsprachiger Beschriftung zu einzelnen Spielfeldern (Ereignisfelder) wurde diese zumeist weggelassen. Die entsprechende Erläuterung wurde dann nur bei der zumeist in den Deckel des Kastens eingeklebten Spielanleitung gegeben.