Der im Verlagswesen gebräuchliche Begriff Selbstkostenverlag (in Österreich und der Schweiz: Selbstzahlerverlag; auch BezahlverlagUrsula Rautenberg: Reclams Sachlexikon des Buches: von der Handschrift zum E-Book. 3, vollst. überarb. und aktualisierte Aufl., Reclam, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-15-011022-5, Stw. Bezahlverlag; ) bezeichnet einen Verlag, der für Herstellung und Veröffentlichung eines Buches von Dritten oder den Autoren selbst einen so genannten „Druckkostenzuschuss“ erhebt, der neben allen Kosten für die Erstellung auch die Kalkulation einer Gewinnspanne umfasst.Eduard Schönstedt: Der Buchverlag. Stuttgart 1991, S. 60–62.; Jong-Rak Shin: Selbstverlag im literarischen Leben des Exils in den Jahren 1933–1945. Dissertation. 2007, S. 21 u. 22, Fußnote 44. (PDF-Datei, 793 kB); des Weiteren wird Schönstedt und der von ihm gebrauchte Begriff Selbstkostenverlag mehrfach zitiert und erläutert in: Verena Huber: Zur Typologisierung der aktuellen deutschen Verlagslandschaft. (.pdf) In: Ursula Rautenberg, Axel Kuhn (Hrsg.): Alles Buch – Studien der Erlanger Buchwissenschaft XLVI. Buchwissenschaft / Universität Erlangen-Nürnberg, 2012, ISBN 978-3-940338-27-3. Damit ist der Selbstkostenverlag ein Unternehmen (oder auch Teil eines Unternehmens), das nach Schließen eines Werkvertrags umfängliche Dienstleistungen für die Selbstpublikation von Büchern und E-Books anbietet, jedoch keinen Verlagsvertrag im eigentlichen Sinne schließt, wie zum Beispiel in Deutschland nach Verlagsgesetz. Für das OLG München 2009 ist der kritische Begriff Pseudoverlag zulässig sowie für das OLG Köln die Meinungsäußerung, hierbei „handele es sich nicht um Verlage im eigentlichen Sinn“.Siehe auch das Urteil AZ: 28 O 334/07 des Landgerichtes Köln vom 14. Mai 2008 in der Rechtsprechungsdatenbank NRW.
Zum Begriff In zwei wissenschaftlichen Arbeiten von 2007 und 2012, darunter eine Dissertation, wird Eduard Schönstedt aus seinem als Standardwerk angesehenen Buch Der Buchverlag (1991) zitiert, der den so genannten Zuschussverlag untergliedert in „Selbstkosten-, Herstellkosten- und Druckkostenverlage“.
Den bislang frühesten Beleg für einen mehrfachen Gebrauch des Begriffs findet sich in dem Selbstkostendichtung überschriebenen Beitrag von Hans Natonek in dem Sammelband „25. Jahrgang, Zweites Halbjahr 1929“ der Weltbühne.Siehe auch Gebrauch des Begriffs „Selbstkostenverlag“ in: Hans Natonek: Selbstkostendichtung. In: Die Weltbühne. 25. Jahrgang, Zweites Halbjahr 1929, S. 171, 172 Er bespricht darin „rührend schmale Bändchen“, die im Xenien Verlag in Leipzig erschienen sind, dem „größten Selbstkostenverlag Deutschlands“. Und in einem Brief von Ernst Rowohlt an Alfred Richard Meyer heißt es: „Mit welchem Stolz zeigtest Du mir zum Beispiel einmal eines der ersten Bücher des von uns so geliebten Heinrich Mann, das gegen Bezahlung der Herstellungskosten durch den Autor in einem sogenannten Selbstkostenverlag erschienen war.“Stimmen über Alfred Richard Meyer, online auf der Webseite zu „Munkepunke“ alias Alfred Richard Meyer im zweiten Abschnitt mit der Überschrift Ernst Rowohlt schreibt zu Munkepunkes 70. Geburtstag 1952 folgendes: unter munkepunke.de
Seit den 1980ern nutzen in Deutschland Selbstkostenverlage für ihre Selbstbezeichnungen eine Begriffsverbindung mit „Verlag“ wie in „Druckkostenzuschussverlag“, „Privatverlag“ oder „Dienstleisterverlag“.Duden: Herkunft des Verbs „verlegen“, online abrufbar unter duden.de In: Aktionsbündnis für faire Verlage.
Im deutschsprachigen Raum werden derartige Unternehmen zuweilen auch als Bezahlverlag bezeichnet.boersenblatt.net Verwendung des Begriffs „Bezahlverlag“ im Glossar des BörsenblattsVerwendung des Begriffs „Bezahlverlag“ in Peter Lückemeier: Krimiautorin Nele Neuhaus – Wurst und Mord und Totschlag. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. online, 5. September 2011.Verwendung des Begriffs „Bezahlverlag“ in Carsten Holm: Bezahl-Verlage: Die schönsten Seiten des Schwachsinns. auf: Spiegel Online. Kultur, 27. August 2009. Dieser Begriff korrespondiert mit Bezeichnungen dafür in anderen Sprachen wie das französische Édition à compte d'auteur und das italienische Editoria a pagamento. Im Englischen hingegen wird mit dem Begriff „Vanity press“ für derartige Unternehmen auf die Autoren (Vanity = Eitelkeit) abgehoben, die den Druck ihrer Werke selbst bezahlen.vanity publishing, siehe woerterbuch.reverso.net des Autorenhaus Verlags: „Vanity Press: Unternehmen, die sich vom Autor (Vanity = Eitelkeit) den Druck seines Werks bezahlen lassen. ^Pseudoverlag“, online abrufbar unter autoren-magazin.de
Aber daneben findet der Begriff „Selbstkostenverlag“ auch noch in jüngerer Zeit Anwendung, z. B. wenn sich eine Self-Publishing-Plattformen wie Lulu.com, online auf der Website von Lulu.com generell mit ihrem Geschäftsmodell als Dienstleister zur Erstellung von Selbstpublikationen von Selbstkostenverlagen abgrenzt. Des Weiteren wurde er u. a. noch genutzt in Artikeln der Zeit (1983)Düsseldorfer Autorinnen – Lore Schaumann; siehe „Pressestimmen“ und hier den 3. Artikel Raimund Hoghe: Eine neutrale Instanz für Selbstverleger: Literaturbüro Düsseldorf. In: Die Zeit. 27. Mai 1983. oder des Tagesspiegels (2012).Erhard Schütz: Erinnerungsliteratur: Die Sirenen von Köln. online In: Der Tagesspiegel. 30. Juli 2012.
Der Selbstkostenverlag unterscheidet sich laut Eduard Schönstedt von anderen Geschäftsmodellen eines Zuschussverlags, die entweder als „Druckkostenverlag“ lediglich eine anteilige oder komplette Übernahme der Kosten für den Druck oder als „Herstellkostenverlag“ eine Übernahme sämtlicher, auch über die für den Druck hinausgehenden Kosten für den Hersteller erheben.
Da in der Praxis die Begriffe Zuschussverlag wie auch Druckkostenverlag, Herstellkostenverlag und Selbstkostenverlag nicht als Selbstbezeichnungen aufscheinen, sondern diese Unternehmen allesamt – in Teilen zu Unrecht – als Verlag auftreten, ist eine eindeutige Zuordnung erschwert. In einem Zeit-Artikel von 1975 berichtet Armin Ayren, wie er mehrere Angebote für generell nur schwer verkäufliche Lyrik-Bände angefordert hatte und anschließend lediglich auf ein einziges verweisen konnte, das den Kriterien eines Druckkostenverlags entsprochen hätte.Armin Ayren: Das Geschäft mit den Dichtern. In: Die Zeit. Nr. 48/1975, 21. November 1975, abgerufen am 3. Februar 2013.
Buchverlage im „traditionellen“ Sinne bzw. Publikumsverlage definieren sich gerade dadurch, dass sie das gesamte unternehmerische Risiko übernehmen und demzufolge von ihren Autoren auch keinerlei Druckkostenzuschuss einfordern. Selbstkostenverlage insbesondere im Verhältnis zu den Autoren dennoch als Verlag einzuordnen setzte voraus, dass sie mit den Autoren einen Verlagsvertrag (z. B. in Deutschland nach Verlagsgesetz) schlössen und ihnen für die eingeforderten „Zuschüsse“ z. B. einen vergleichsweise höheren Gewinnanteil an verkauften Exemplaren einräumen sowie auf eigenes Risiko die Kosten für Lektorat, Lagerhaltung (sofern fixe Auflagen z. B. im Offsetdruck hergestellt wurden), Vertrieb und Werbung übernähmen. Doch ohne diese Merkmale ist auch laut OLG Köln die Meinungsäußerung zulässig, hier „handele es sich nicht um Verlage im eigentlichen Sinn“.Siehe dazu Absatz 4 des Urteils vom Landgericht Köln in der Rechtsprechungsdatenbank NRW: LG Köln, AZ: 28 O 334/07, 14. Mai 2008
Geschichte Auch wenn Selbstkostenverlage bereits für das Jahr 1929 belegt sind, lassen sich deren Anfänge zeitlich nicht exakt bestimmen. Sie sind jedoch nicht mit den weit zurückliegenderen und auch der Definition nach abzugrenzenden Anfängen der Verlage ineinszusetzen.Siehe hierzu Stephan Füssel: Schiller und seine Verleger. Insel Verlag, Frankfurt am Main / Leipzig 2005, ISBN 3-458-17243-2. Der 1975 von Armin Ayren veröffentlichte Artikel Das Geschäft mit den Dichtern in der Zeit weist diesem Geschäftsmodell noch keinen gesonderten Begriff wie „Selbstkostenverlag“ zu, sondern spricht auch hier noch von „Verlagen“. Er bezieht sich dabei u. a. auf den deutsch-österreichischen J. G. Bläschke Verlag, der in seinen Anfängen wie ein regulärer Publikumsverlag Werke von möglichst zugkräftigen Autoren auf eigene Kosten verlegt hatte.Hans-Jürgen Heise: Nobelpreis und Novizen. Ein Verleger als Mäzen: Nachwuchsautoren haben bei Bläschke eine Chance. In: Die Zeit. Nr. 14/1980, 28. März 1980, abgerufen am 3. Februar 2013. Ab den 1970ern erweiterte dieser Verlag jedoch sein Geschäft um die Annahme von Werken unbekannter Autoren, denen er als „Zuschussverlag“ für das Verlegen ihrer Werke erst nur einen „Druckkostenzuschuß“, alsbald jedoch bis zu seinem Konkurs 1985 als „Selbstzahlerverlag“ (so bezeichnet von Günter Navky, 2005) sämtliche Herstellungskosten und auch noch darüber hinausgehende Honorare für Leistungen wie Beratung und Lektorat etc. abverlangt hatte.Siehe Anmerkungen zum J. G. Bläschke Verlag In: Günter Navky: Aspekte des Nationalsozialismus in Gedichtbänden des Jahres 1980. Röhrig Universitätsverlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-86110-373-7, S. 58–60. ()
In Deutschland markierte ab dem 28. Februar 1983 der Frieling-Verlag mit dem Slogan „Verlag sucht Autoren“Siehe Webseite des Frieling-Verlag Berlin: und der Selbstbezeichnung „Privatverlag“ den Beginn eines neuen Aufschwungs für die Selbstkostenverlage.
Durch die Einführung des im Gegensatz zur bisher üblichen Buchherstellung weit preisgünstiger zu kalkulierenden Book-on-Demand-Verfahrens hat der Markt für Selbstkostenverlage Ende der 1990er einen weiteren Aufschwung genommen, der im deutschen Sprachraum seit circa 2005 durch die sich immer mehr verbreitenden E-Book-Reader und die dafür noch kostengünstiger als die Book-on-Demand-Printmedien zu produzierenden E-Books neuerlichen Auftrieb erfahren hat. Insbesondere die dadurch entstandenen erweiterten Vertriebs- und Kommunikationsmöglichkeiten des Internets brachten einen generellen Wandel auf dem Buchmarkt.
Allgemeines Dienstleistungen Als Dienstleister zur Erstellung von Selbstpublikationen ist für Selbstkostenverlage die Qualität der von ihnen hergestellten und vertriebenen Texte per se irrelevant und damit kein Kriterium, einen Auftrag abzulehnen – somit kann im Prinzip jeder bei Selbstkostenverlagen ein Buch in Auftrag geben. (Einschränkungen gibt es lediglich insofern, als mit den Veröffentlichungen keine gesetzeswidrigen Tatbestände geschaffen werden dürfen wie z. B. eine Urheberrechtsverletzung oder Volksverhetzung.) Rein technisch übernehmen Selbstkostenverlage „aus einer Hand“ oder in Teilen die gleichen Aufgaben wie ein regulärer Verlag (→ siehe hierzu z. B.: Publikumsverlag), nur dass sie eben nicht in einen Autor investieren (verlegen = vorlegen),Seit Mitte des 17. Jahrhunderts wurde „verleger besonders für den gebräuchlich, der die kosten und den vertrieb von druckwerken übernimmt“. (Grimms Wörterbuch) sondern dem Autor jedwede Leistung – u. a. Beratung inkl. Korrekturen und Lektorat, Erstellen der Druckvorlage bis hin zur Herstellung, Marketing und Bewerbung des verkaufsfertigen Buches – mit mehr oder weniger großer Gewinnspanne für sich in Rechnung stellen. Was die Publikationsformen angeht, bieten Selbstkostenverlage einen Buchdruck im Book-on-Demand-Verfahren oder/und im Offset-Druck mit bestimmten Auflagengrößen oder/und als E-Book an. Ferner gibt es unterschiedliche sowie in sich variable Angebote für die Ausstattung eines Buches u. a. als Paperback oder/und als Hardcover sowie im Schwarz-Weiß- oder/und Farbdruck.
Kosten und Kostenvoranschläge → Siehe hierzu auch: Kalkulation im Artikel Selbstpublikation
Das Preis-Leistungs-Verhältnis der Selbstkostenverlage divergiert erheblich, wie auch die Art und Weise der Erhebung ihrer Honorarforderungen für weitergehende Dienstleistungen sehr vielfältig ist. Die Kostenvoranschläge der Selbstkostenverlage und deren jeweilige Aussagekraft unterliegen keinen einheitlichen Standards, was generell eine Vergleichbarkeit zwischen den Anbietern erschwert.