mini|Raoul Wallenberg
Raoul Gustaf Wallenberg [] (* 4. August 1912 in Kappsta auf Lidingö bei Stockholm; Lebensspuren bis Ende Juli 1947, formell festgelegtes Todesdatum 31. Juli 1952Sweden declares Raoul Wallenberg dead 71 years after disappearance. In: The Guardian, 31. Oktober 2016; abgerufen am 31. Oktober 2016.) war ein schwedischer Diplomat. Bekanntheit erlangte er durch seinen Einsatz zur Rettung ungarischer Juden während des Holocaust im Zweiten Weltkrieg und durch seine Festnahme und seinen Tod in sowjetischer Haft.
Leben
Herkunft und Familie Raoul Wallenberg wurde in der Villa Kappsta als Sohn des Marineoffiziers Raoul Oscar Wallenberg (1888–1912) und der Maria „Maj“ Sofia Wising (1891–1979) geboren. Seine Mutter hatte auch jüdische Vorfahren. Vater Raoul Oscar Wallenberg, der der bekannten Bankiers- und Unternehmerfamilie Wallenberg angehörte, starb drei Monate vor der Geburt seines Sohnes an Krebs. Wallenbergs Großvater väterlicherseits war ebenfalls Diplomat. Sechs Jahre nach dem Tod ihres ersten Ehemannes heiratete seine Mutter erneut. Fredrik von Dardel wurde Wallenbergs Stiefvater. Aus dieser Ehe ging seine Halbschwester Nina hervor, die den Juristen Gunnar Lagergren heiratete und deren Tochter später Kofi Annan heiratete.
Ausbildung und Beruf mini|Wallenberg als Jugendlicher 1931 ging Wallenberg in die USA, um Architektur zu studieren; er schloss das Studium 1935 mit einem Bachelor-Examen an der University of Michigan ab. Er lernte auch Russisch. Nach seiner Rückkehr nach Schweden arrangierte sein Großvater eine Anstellung in Kapstadt (Südafrika) für ihn, wo er für ein schwedisches Unternehmen arbeitete, das Baumaterial verkaufte. Im gleichen Jahr wechselte er zur Niederlassung einer niederländischen Bank in Haifa, wo er sich mit einem ungarischen Juden anfreundete. 1936 kehrte er nach Schweden zurück, um bei der Central European Trading Company zu arbeiten. Dieses Unternehmen gehörte Koloman Lauer, der nicht in die von Nazideutschland besetzten oder mit ihm kollaborierenden Teile Europas reisen konnte, weshalb Wallenberg sich anbot, an seiner Stelle zu reisen.
Holocaust links|mini|Schutzpass Raoul Wallenbergs für Josefa Frankel, 29. September 1944 mini|hochkant=0.9|Schutzbrief mit Wallenbergs Unterschrift vom 24. August 1944 mini|hochkant=0.9|Mahnmal für Raoul Wallenberg auf dem Gelände der Großen Synagoge in Budapest
Nach der deutschen Besetzung Ungarns wurden durch das Eichmann-Kommando (unterstützt von ungarischen Kräften) zwischen dem 27. April und 11. Juli 1944 um die 437.000 Juden aus der Provinz in Ghettos gesperrt und in Vernichtungslager deportiert.Bert-Oliver Manig: Carl Lutz: Diplomat und vergessener Judenretter, Website deutschlandfunk.de (30. März 2020, abgerufen am 27. April 2026) Durch den Einfluss seiner Familie war es Wallenberg möglich, am 9. Juli 1944 als Legationssekretär der schwedischen Gesandtschaft mit Unterstützung des US-amerikanischen War Refugee Board nach Budapest zurückzukehren, um mit Unterstützung der schwedischen Regierung Maßnahmen zur Rettung von Budapester Juden anzustreben. Seine Regierung hatte ihm eine von einem schwedischen Diplomaten in Ungarn erstellte Liste mit 650 bis 800 ungarischen Personen mit Beziehungen zu Schweden mitgegeben, deren Aufnahme Schweden garantierte.
Danach gab Wallenberg 4.500 sogenannte schwedische Schutzpässe aus. Diese Dokumente identifizierten die Inhaber als schwedische Staatsbürger, die ihre sichere Repatriierung erwarteten. Ähnliche Dokumente wurden auch von der Schweiz und dem Vatikan ausgestellt. Obwohl sie keine völkerrechtlich verbindliche Bedeutung hatten, wurden sie von ungarischen Behörden und deutschen Dienststellen anerkannt, wenn auch gelegentlich mit Bestechung nachgeholfen werden musste. Wallenberg organisierte gemeinsam mit dem Schweizer Gesandten Carl Lutz die Unterbringung seiner Schützlinge in 32 SchutzhäusernChristoph Gann: Raoul Wallenberg − Der verratene Retter. Er bewahrte Tausende ungarische Juden vor der Schoa. 1945 verschleppten ihn die Sowjets. Was geschah danach? Eine Spurensuche zum 100. Geburtstag, Website juedische-allgemeine.de (31. Juli 2012, abgerufen am 28. April 2026), wobei er Tarnungen wie „Schwedische Bibliothek“ oder „Schwedisches Forschungsinstitut“ verwendete und die Gebäude mit schwedischen Flaggen kennzeichnete. Die schwedischen Schutzhäuser bildeten unter anderen zusammen mit denen, die auf Betreiben des spanischen Botschafters Ángel Sanz Briz geschaffen worden waren, ein internationales Ghetto um die Große Synagoge in Budapest, in dem sich etwa 30.000 Menschen befanden. Wallenberg gelang es mit anderen Diplomaten auch dank amerikanischer Dollars, die große Zahl seiner Schützlinge zu versorgen. Er richtete in jedem Haus eine Krankenstation ein und bewahrte so viele vor dem Tod. Dagegen konnte Wallenberg den mehr als 80.000 Juden, die im Budapester Ghetto zusammengepfercht waren, nur durch Lieferung von Lebensmitteln helfen. Dieses Ghetto war auf Befehl des faschistischen ungarischen Ministerpräsidenten Ferenc Szálasi im November 1944 in Budapest errichtet worden.
Adolf Eichmann drohte, obwohl dazu weder in der Lage noch befugt, den „Judenhund Wallenberg“ erschießen zu lassen. Dies führte zu einem offiziellen Protest Schwedens. Internationaler Druck auf das ungarische Staatsoberhaupt, Reichsverweser Admiral Miklós Horthy, bewirkte die zeitweilige Unterbrechung der Deportationen. Doch im Oktober 1944 wurde Horthy durch einen von den Deutschen unterstützten Putsch der Pfeilkreuzler durch Ferenc Szálasi ersetzt, nachdem Horthy einen Waffenstillstand und Ungarns Neutralität gegenüber der Sowjetunion angekündigt hatte.
Als Eichmann im November 1944 wegen mangelnder Transportkapazitäten eine große Zahl von Juden auf Todesmärschen in Richtung deutsche Grenze treiben ließ, verteilte Wallenberg Essen und fragte nach Inhabern schwedischer Schutzpässe. Durch sein entschlossenes Auftreten und durch ein Abhaken auf imaginären Listen erweckte er gezielt den Eindruck, diese Menschen besäßen schwedische Schutzpässe, die ihnen daraufhin erst handschriftlich ohne Stempel, Bild oder Autorisierung ausgestellt wurden. Auf diese Weise gelang es Wallenberg, etwa 200 der Unglücklichen auf von ihm organisierten Lastwagen nach Budapest zurückzubringen; unter ihnen war auch die Mutter des späteren israelischen Politikers Josef Lapid.
In den letzten Wochen bis zur Befreiung Budapests durch die Rote Armee Mitte Januar 1945 ermordeten Pfeilkreuzler auf grausame Weise völlig willkürlich noch zwischen 10.000 und 20.000 Ghettobewohner. Die Pfeilkreuzler verschleppten immer wieder Juden aus dem Ghetto an die Donau, wo sie sich vor ihrer ErschießungSchuhe am Donauufer im bitterkalten Winter ausziehen mussten. Wallenberg gelang es durch sein entschiedenes Auftreten erneut, Menschen vor dem sicheren Tod zu retten, indem er behauptete, sie seien Inhaber schwedischer Schutzpässe, und erwirkte sogar die Rückgabe ihrer Kleidung. Er hatte sich dabei auch die Unterstützung einzelner ungarischer Polizisten gesichert, die gegen das terroristische Auftreten der Pfeilkreuzler eintraten.
Etwa 70.000 Juden überlebten im Budapester Ghetto. Kurz vor der Befreiung des Allgemeinen Ghettos soll dessen Vernichtung geplant gewesen sein, die schließlich noch verhindert wurde. Wallenberg soll dem deutschen General Gerhard Schmidhuber gedroht haben, ihn andernfalls als Kriegsverbrecher zur Rechenschaft ziehen zu lassen. Von den etwa 800.000 Juden, die im Zweiten Weltkrieg auf dem Gebiet Ungarns lebten, hatten nach der Befreiung durch die Rote Armee etwa 204.000 überlebt.
Sowjetische Haft links|mini|hochkant=1.1|Gedenktafel für Carl-Ivan Danielsson, Raoul Wallenberg und Per Anger am Standort der früheren schwedischen Botschaft in Budapest mini|hochkant=0.9|Wallenbergdenkmal in Tel Aviv
Am 12. Januar 1945 traf sich Wallenberg mit Karoly Szabo, Pal Szalai und Otto Fleischmann zum Abendessen; die drei Helfer waren die letzten unter seinen Freunden, die Wallenberg lebend sahen.Das Geheimnis meines Vaters: Retter in Gestapo-Kluft, unter: Spiegel online, einestages, 4. Mai 2013. Wallenberg wollte sich auch nach der Eroberung von Budapest durch die Rote Armee weiterhin für seine Schützlinge einsetzen und deshalb den sowjetischen Kommandanten treffen. Auf dem Weg nach Debrecen wurde Wallenberg jedoch nach Moskau verschleppt.
Zunächst bestätigte eine sowjetische Stelle gegenüber dem schwedischen Gesandten in Moskau, dass Wallenberg in Obhut der Roten Armee sei, was dieser sofort nach Stockholm und an die Familie Wallenberg weiterleitete. Ein Spion des NKWD in der schwedischen Gesandtschaft in Budapest, der russische Emigrant Michail Tolstoi, hatte durch seine Berichte den Eindruck erweckt, Wallenberg arbeite als amerikanischer Spion. Nach stalinistischer Lesart wurde jeder, der zufällig Kontakt zu einem Spion haben konnte, selbst als Spion angesehen. Dies traf naturgemäß auf einen Diplomaten erst recht zu, zumal Wallenberg an die amerikanischen Geldgeber seiner Rettungsaktion Berichte übermittelte. Die US-Regierung weigerte sich, zu bestätigen oder zu verneinen, dass Wallenberg ein Spion sei. Wallenbergs Halbbruder, der während des Krieges über gute Kontakte zur sowjetischen Botschaft in Stockholm verfügt hatte, scheiterte beim Versuch, sich für Raoul Wallenberg einzusetzen. Botschafterin Alexandra Kollontai hatte gute persönliche Beziehungen zu Stalin, war aber inzwischen nach Moskau zurückberufen worden.
Erst 1993 wurde der Haftbefehl bekannt. Kein Geringerer als Vize-Verteidigungsminister Bulganin hatte am 17. Januar 1945 angeordnet, dass Wallenberg nach Moskau zu bringen sei. Zusammen mit seinem Chauffeur Langfelder wurde Wallenberg in das NKWD-Gefängnis Lubjanka gebracht. Nach Aussagen von Mitgefangenen verdächtigte man Wallenberg der Spionage. Seine Herkunft aus einer schwedischen Familie der Bourgeoisie machte ihn bei Stalin und dem NKWD noch verdächtiger. Wallenberg wurde etwa zwei Jahre im Lefortowo-Gefängnis in Moskau gefangengehalten. Sein Zellennachbar war Willy Roedel. Bis Anfang 1947 ist bekannt, in welchen Zellen und Gefängnissen sich Wallenberg befand, wann und von wem er verhört wurde. Über die Zeit danach herrscht Unklarheit.
Lange Zeit leugnete die Sowjetunion, dass Wallenberg sich überhaupt in der Sowjetunion befunden hatte. Am 6. Februar 1957 behauptete die Sowjetunion nach internationalem Druck in einer Note von Außenminister Gromyko, Raoul Wallenberg sei am 17. Juli 1947 in seiner Zelle in der Lubjanka tot aufgefunden worden und vermutlich einem Herzinfarkt erlegen. Der Totenschein war vom Leiter des Krankenreviers in der Lubjanka, Smolzow, unterzeichnet und an den sowjetischen Staatssicherheitsminister Wiktor Abakumow gerichtet. Es gab keine Erklärung, weshalb Wallenbergs Tod nicht bereits früher bekanntgegeben worden war. An diesem Todestag hält auch Russland weiterhin fest, ohne dafür stichhaltige Beweise vorlegen zu können.
Die schwedische Ärztin Svartz erfuhr anlässlich eines Medizinerkongresses im Januar 1961 von einem sowjetischen Kollegen, A. L. Mjasnikow, Wallenberg befinde sich in einer Nervenheilanstalt. Mjasnikow leugnete später jedoch auf höchste Anweisung, derartige Äußerungen getätigt zu haben. Carl Gustaf Svingel, Unterhändler der SPD für den Agentenaustausch, versuchte 1965 über den sowjetischen Unterhändler Abrassimow, der um die Freilassung eines in Schweden inhaftierten sowjetischen Spions bemüht war, seinen Freund Raoul Wallenberg freizubekommen. Dabei wurde von sowjetischer Seite bestätigt, dass Raoul Wallenberg lebt. Schweden ging jedoch darauf nicht ein.
Die schwedische Regierung wurde für ihr Verhalten im Fall Wallenberg heftig kritisiert. Eine Reihe von Zeugen wollen Wallenberg noch 1981 in sibirischen oder russischen Lagern gesehen haben. Insassen des Gulag-Systems, die dank der Perestroika freikamen, behaupten, einen Ausländer, dessen Beschreibung auf Wallenberg passt, noch 1990 gesehen zu haben.