Gomphotherium ist eine ausgestorbene Rüsseltiergattung aus der Familie der Gomphotheriidae, umgangssprachlich auch Gompgotherien genannt. Sie war im Miozän und Pliozän über große Teile Eurasiens und Nordamerikas verbreitet, hat ihren Ursprung aber im Oligozän in Afrika. Fossilreste dieses Rüsseltiers werden häufig gefunden, in der Regel handelt es sich aber um Einzelfunde. Bedeutend ist das nahezu vollständige Skelett von Gweng bei Mühldorf östlich von München, das eine Widerristhöhe von über 3 m aufweist. Die meisten Vertreter blieben aber deutlich darunter. Der insgesamt elefantenähnliche Körperbau zeigt Besonderheiten am Schädel, der deutlich flacher und länger war als bei den heutigen Rüsseltieren und vier Stoßzähne aufwies. Als ausgesprochener Pflanzenfresser ernährte sich das Tier überwiegend von gemischter Pflanzenkost. Forschungsgeschichtlich wurde Gomphotherium in der Regel zu den „Mastodonten“ gestellt, einer heute nicht mehr anerkannten Gruppe urtümlicher Rüsseltiere. In der heutigen Systematik der Rüsseltiere bildet es einen Teil der Familie der Gomphotheriidae, einer den modernen Elefanten zeitlich und entwicklungsgeschichtlich vorangehenden Gruppe. Insgesamt war Gomphotherium eine sehr arten- und formenreiche Gattung, die recht häufig auftrat. Aufgrund des meist nur bruchstückhaften Fundmaterials gibt es aber noch Abgrenzungsprobleme zwischen den einzelnen Arten.
Merkmale Größe Gomphotherium war ein großes Rüsseltier mit langgestrecktem, aber niedrigem Schädel, vier Stoßzähnen (je zwei im Ober- und im Unterkiefer) und einem allgemein elefantenähnlichen Körperbau. In seinen Ausmaßen erreichte es etwa die Größe heutiger Asiatischer Elefanten. Ein relativ vollständiges Skelett aus Gweng, östlich von München gelegen, das zu den größten bekannten dieser Gattung zählt, wird auf eine Schulterhöhe von 3,05 m und auf eine Kopf-Rumpf-Länge von rund 5 m rekonstruiert (jeweils ohne Weichteilgewebe). Das Gewicht dieses Rüsseltiervertreters wird mit etwa 3,9 bis 4,7 t angegeben.
Schädel- und Gebissmerkmale mini|Schädel von Gomphotherium Der Schädel von Gomphotherium war sehr groß, ist in der Regel aber meist nur fragmentiert überliefert. Charakteristisch war die gegenüber heutigen Elefanten längere Streckung, was weitgehend durch den niedrigeren und weniger domartig wirkenden Oberschädel hervorgerufen wurde. Die Knochen des Oberschädels besaßen luftgefüllte Kammern, die einerseits das Gewicht des gesamten Kopfes verringerten, andererseits auch durch die vergrößerte Oberfläche einer wesentlich kräftigeren Muskulatur als Ansatzstelle dienten. Dies war notwendig, um den enormen Kopf mit den vier Stoßzähnen zu stabilisieren. Das Hinterhauptsbein war kurz und stand senkrecht, in der Ansicht von hinten besaß es einen trapezförmigen Querschnitt und war bis zu 77 cm breit. Das Nasenbein saß relativ weit oben am Vorderschädel und besaß leicht erhöhte Knochenstellen am Nasenloch als Ansatzstellen des Rüssels. Die Zahnfächer der oberen Stoßzähne hatten abweichend von den heutigen Elefanten eine deutlich nach vorn gerichtete Position.
Der charakteristische und äußerst massive Unterkiefer erreichte eine Länge von bis zu 129 cm und war dadurch wesentlich langgestreckter als bei den heutigen Elefanten. Die Längsstreckung erfolgte hauptsächlich durch die Ausbildung der unteren Stoßzähne, deren Zahnfächer seitlich an der Symphyse ansetzten und weitgehend horizontal verliefen. Die Symphyse selbst war äußerst robust und bis zu 52 cm lang und reichte bis zum Beginn der hinteren Bezahnung. Der Unterkiefer insgesamt war schmal, die beiden Äste trafen in einem Winkel von 40° aufeinander. Die Höhe des Unterkieferkörpers betrug am vorderen Bereich des Molaren rund 21,5 cm. Hier klafften die beiden Äste etwa 10 cm auseinander; die größte Breite erreichte der Unterkiefer an den beiden quer stehenden Gelenkenden, die an den Innenkanten einen Abstand von 26, an den Außenkanten von 62 cm aufwiesen.
mini|Dritter Molar von Gomphotherium Wie die heutigen Elefanten verfügte Gomphotherium über einen horizontalen Zahnwechsel, der bewirkte, dass in der Regel nur jeweils ein funktionaler Backenzahn je Kieferbogen vorhanden war, insgesamt also vier. Dies setzt das Tier auch von den älteren großen Rüsseltiervertretern wie Deinotherium ab, die noch einen vertikalen, also den bei meisten heutigen Säugetieren stattfindenden Zahnwechsel aufwiesen und so alle Zähne zur gleichen Zeit in Funktion hatten. Beim horizontalen Zahnwechsel schob sich ein neuer Zahn erst heraus, wenn der voranliegende weitgehend abgekaut war. Die Zahnformel für ausgewachsene Individuen von Gomphotherium lautet einschließlich der Stoßzähne: . Prämolaren waren in der Phase des Milchgebisses ausgebildet und umfassten insgesamt drei je Kieferbogen (dP2-4). Zusätzlich bestanden je Kieferbogen noch zwei dauerhafte Prämolaren, die sich zeitlich vor (P3) und nach (P4) dem ersten Molaren hervorschoben. Gomphotherium konnte also nach dem Durchbruch des ersten Backenzahnes insgesamt sieben Mal die Zähne wechseln. In ihrer Morphologie näherten sich die Prämolaren schon stark den späteren dauerhaften Molaren an und waren niederkronig (brachyodont) sowie durch höckerige Zahnschmelzbuckel auf der Kauoberfläche charakterisiert (bunodont). Jeweils ein Paar dieser Höcker bildeten eine Leiste auf der Kaufläche. Die ersten beiden Molaren besaßen jeweils drei Leisten (trilophodont), während der letzte Molar vier oder fünf Leisten trug (vier im Oberkiefer, fünf im Unterkiefer). Die letzten beiden Milchprämolaren wiesen eine rechteckige Form und ebenfalls je drei Leisten auf, dagegen waren die beiden dauerhaften Prämolaren eher rundlich in ihrer Gestalt und verfügten nur über zwei Leisten. Die Größe der Backenzähne nahm kontinuierlich zu, während der letzte Prämolar etwa 4 cm lang war, konnte der letzte Molar bis zu 23 cm erreichen. Der bunodonte Aufbau der Backenzähne ist ein markanter Unterschied zu den heutigen Elefanten mit ihren typischen, durch Schmelzlamellen aufgebauten und dadurch eher flach wirkenden Zähnen. Andere, stammesgeschichtlich zumeist ältere Rüsseltiere wie etwa die Mammutidae und Deinotheriidae heben sich mit einem deutlich lophodonten bis zygodonten Bau der Backenzähne ab, das heißt, diese Tiere besaßen markant erhöhte Schmelzleisten, die den Zähnen einen dachartigen Aufbau verliehen.
Stoßzähne mini|Schädel von Gomphotherium mit den Stoßzähnen, nach einer Zeichnung von Charles William Andrews von 1908 Gomphotherium besaß insgesamt vier Stoßzähne, also einen je Kieferast. Diese waren wie bei allen Rüsseltieren hypertrophierte Schneidezähne, die keine Wurzel ausgebildet hatten und ein Leben lang wuchsen. Im Gegensatz zu den Stoßzähnen der heutigen Elefanten, die weitgehend nur aus Zahnbein bestehen, war bei Gomphotherium ein schmales Band aus Zahnschmelz von 1 bis 3 mm Dicke ausgebildet, welches an den seitlichen Rändern des gesamten Zahns verlief. Die oberen Stoßzähne wurden wie bei den heutigen Elefanten aus dem jeweils zweiten Schneidezahn (I2) gebildet und ragten in der Regel leicht gekrümmt nach unten. Der Querschnitt war an der Basis oval von etwa 13 mal 9 cm Größe, veränderte sich zu Spitze hin aber in eine runde Form, zudem verjüngten sich die Zähne kontinuierlich. Die Länge konnte bis zu 150 cm betragen. Die Unterkieferstoßzähne dagegen wurden aus dem ersten Schneidezahn (I1) geformt – lange Zeit hielt man analog zu den Stoßzähnen der oberen Zahnreihe ebenfalls den zweiten Schneidezahn als Ausgangszahn – und waren mit rund 46 cm Länge wesentlich kürzer und schlanker als die oberen. Auch die unteren hatten einen ovalen Querschnitt mit Durchmessern von 6,6 zu 4,8 cm an der Basis und verliefen mehr oder weniger gerade, sie verjüngten sich aber erst an der vordersten Spitze. Gelegentlich konnten sich die Enden der Unterkieferstoßzähne überlappen. Gewichtsberechnungen zufolge wurden die oberen Stoßzähne jeweils rund 12 kg schwer, die unteren brachten vermutlich nur ein Zwanzigstel davon auf die Waage.
Körperskelett Das Körperskelett ist weitgehend vollständig bekannt. Die Wirbelsäule setzte sich aus 7 Hals-, 20 Brust-, 4 Lenden-, 3 Kreuzbein- und 21 Schwanzwirbeln zusammen. Allein der erste Halswirbel, der Atlas war 48 cm breit und 22 cm hoch. Insgesamt zeigte die Wirbelsäule einen leicht gewölbten Verlauf, so dass die Rückenlinie von Gomphotherium wohl eher der des heutigen Asiatischen Elefanten entsprach; die größte Höhe des Tieres befand sich oberhalb der Vorderextremitäten. Die sehr hohen Dornfortsätze an den vorderen Brustwirbeln dienten als Ansatzstellen der kräftigen Nackenmuskulatur. Die Gliedmaßen standen senkrecht unter dem Körper und wirkten dadurch säulenartig. Die Gesamtlänge der vorderen Extremität betrug 219 cm, davon nahm der Oberarmknochen rund 100 cm ein, die Ulna 93 cm. Das Becken war wuchtig und maß in der Gesamtbreite über beide Schaufeln gemessen über 1,5 m. Den längsten Röhrenknochen stellte der Oberschenkelknochen mit 120 cm dar, das Schienbein erreichte 73 cm. Das Verhältnis der längeren Obergliedmaße zu den kürzeren Untergliedmaßen weist Gomphotherium als ein auf eine langsamere und schwerfälligere Fortbewegungsart angepasstes Tier aus, was typisch für die Rüsseltiere ist. Vorder- und Hinterfüße endeten in jeweils fünf Strahlen, die kurz und breit ausgebildet waren, der mittlere Metacarpus (Mc III) maß 22 cm, der mittlere Metatarsus (Mt III) 16 cm. Die gegenüber den Hinterfüßen größeren Vorderfüße zeigen an, dass die Hauptlast der Bewegung auf den vorderen Gliedmaßen lag. Wie bei den heutigen Elefanten waren an Vorder- und Hinterfuß ein „sechster Zeh“ ausgebildet, ein eigentlich aus Knorpel bestehendes Gebilde, welches die Füße beim Stand und Lauf unterstützte und der sich an bestimmten Gelenkflächen der Hand- und Fußwurzelknochen ermitteln ließ. Diese Knorpelbildung entstand evolutionär mit der extremen Größenzunahme der Rüsseltiere und ist seit etwa dem Ende des Oligozän vor 30 Millionen Jahren bei verschiedenen Rüsseltiervertretern nachweisbar.
Fossilfunde mini|Rekonstruktion des „Gomphotherium von Gweng“ in der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie in München. Dieses Exponat ist Fossil des Jahres 2013. mini|Unterkieferfund von Gomphotherium Fossilien von Gomphotherium sind aus weiten Teilen Afrikas, Eurasiens und Nordamerikas bekannt. Aus Mitteleuropa liegen einige der bedeutendsten Fossilien vor, die weitgehend dem Molassebecken des Voralpenlandes entstammen. Hervorzuheben ist ein nahezu vollständiges und mehr als 170 Einzelknochen umfassendes Skelett, das 1971 in einer 50 cm mächtigen, graufarbenen Sandschicht am Ufer des Inns nahe der Ortschaft Gweng südwestlich von Mühldorf gefunden wurde. Es ist etwa 10 Millionen Jahre alt, lag am Fundort aber nicht mehr vollständig im Skelettverband. Nach seinem Fundort wird das Tier als „Mühldorfer Urelefant“ bezeichnet. Das Originalskelett wird in der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie in München aufbewahrt, ein Abguss steht im Senckenbergmuseum. Bei dem Fund handelt es sich um ein männliches Individuum, das circa 50 Jahre alt war. Pathologisch-anatomische Veränderungen am rechten Hinterfuß deuten auf eine ernsthafte Verletzung des Tieres in seinen Jugendjahren hin. Das Fossil wurde systematisch in die Art Gomphotherium aff. steinheimense gestellt. Aufgrund der Größe des rekonstruierten Skelettes und des guten Erhaltungszustandes ist der Fund einer der wichtigsten überhaupt. Bedeutend sind auch die Funde von Sandelzhausen, 70 km nördlich von München. Hier wurden über 200 Skelettreste, überwiegend Zähne und Stoßzähne, aber auch einige postcraniale Elemente, gefunden, die aber weitgehend nicht mehr im Skelettverband lagen. Bei den meisten anderen Funden in Mitteleuropa handelt es sich häufig um Einzelstücke, wie aus der Umgebung von Ulm, wo mehrere Zahnfunde und Stoßzahnreste herstammen, aber auch ein Stoßzahn aus Mettmach im Innviertel am Rande des Kobernaußerwaldes.